Wie ist so etwas möglich?

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Türke und Stachelschwein“.


Es ist „Lumpenparade” im Bataillon. Der Herr Major, der von Haus aus etwas träge ist und nicht gerne für sein Gehalt mehr thut, als er muß, hat es infolge eines höheren Fingerzeiges denn doch für notwendig erachtet, sich einmal die Lumpen seiner „Kerls” anzusehen.

Nach seiner Meinung ist solch' Appell höherer Unsinn, daß die fünften Röcke nichts taugen, weiß er ganz genau, davon braucht er sich nicht erst durch Augenschein zu überzeugen, daß ihm bei dem Appell von den Kompagniechefs blauer Dunst vorgemacht wird, weiß er auch, und ebenso, daß die Röcke vom Ansehen nicht besser werden. Also wozu?

Aber es wird höheren Orts „gewünscht” — folglich sieht er sich die Sachen an.

Die Kompagnien stehen in Korporalschaften auf ihren Appellplätzen, und der Herr Major geht die Front hinunter, gefolgt von seiner Suite.

Es ist interessant, zu beobachten, wie diese Suite wächst: bei der ersten Kompagnie besteht sie nur aus dem Adjutanten und dem Zahlmeister, bei der zweiten haben sich schon der „Häuptling” und die Lieutenants der ersten hinzugesellt, bei der dritten wandert auch schon der Hauptmann der zweiten mit, und bei der vierten folgt dem Herrn Major das ganze ihm unterstellte Offiziercorps.

Nicht jeder Mensch findet so schnell „Nachfolger”.

Der Herr Major ist die Front hinuntergegangen, ohne viel zu sagen, ihm „hängt die Sache zum Halse heraus”, und dieselben Redensarten immer wieder zu kauen, verspürt er keine Neigung.

Da macht der Herr Major plötzlich vor einem Mann der vierten Kompagnie halt, und mit ihm hält die ganze Suite.

Atemlose Stille — krampfhafte Spannung.

Was hält den Schritt des Gewaltige auf?

Immer noch tiefes Schweigen.

„Herr Hauptmann, wie ist so etwas möglich?”

Der Herr Major hat gesprochen.

Was ist los?

Neugierig reckt alles die Köpfe, einer sieht dem andern über die Schulter —, die älteren schieben die jüngeren mit einem „Erlauben Sie” beiseite. — Was ist los?

Besonders neugierig, dies zu erfahren, sind die drei übrigen „Häuptlinge” — sie haben schon die Notizbücher zur Hand genommen, um sich zu notieren, was den Gewaltigen irritiert, damit dieser spezielle Fall bei ihrer Kompagnie nicht vorkommt.

„Herr Hauptmann, wie ist so etwas nur möglich?”

Zum zweitenmal erschallt die Frage, und der Hauptmann der königlichen dritten öffnet den obersten Haken seines Kragens, um den Hals länger machen und so den Stein des Anstoßes entdecken zu können.

„Herr Hauptmann, ich frage Sie zum dritten und letztenmal: wie ist so etwas möglich?”

Einer schiebt und drängt den anderen, man tritt sich auf die Füße, ohne daran zu denken, für diesen unliebsamen „Auftritt” um Entschuldigung zu bitten; man fragt sich gegenseitig: „Was giebt's? Was ist los?”

Und plötzlich wissen sie es alle: der linke Flügelmann der dritten Korporalschaft hat den obersten Rockknopf offen!

Die Welt geht unter!

Wie ist so etwas möglich?

Das hätte der „Häuptling” doch sehen müssen!

Der Herr Major hat endlich den letzten Mann bewundert und ruft nun die Offiziere zusammen.

„Meine Herren, nur einige Worte! Was mir aufgefallen ist, habe ich an Ort und Stelle erwähnt und halte es für überflüssig, es jetzt noch einmal durchzusprechen. Sie, meine Herren Hauptleute, werden die Schäden, auf die ich Sie aufmerksam machte, abstellen.”

Stumme Verbeugung seitens der vier Häuptlinge.

„Nur eins möchte ich gerne wissen. Der eine Mann in Ihrer Kompagnie, Herr Hauptmann, hatte den obersten Rockknopf offen. Wie ist so etwas möglich? Ich muß Ihnen ganz ehrlich gestehen, Herr Hauptmann, daß mir so etwas völlig uverständlich ist! — Ich danke Ihnen sehr, meine Herren.”

Im Bewußtsein, seine Pflicht treu erfüllt zu haben, begiebt sich der Herr Major nach Hause, wo die treue Gattin und der Kaffee ihn erwarten. Für ihn ist der „Lumpenappell” vorbei.

Nicht so für die vierte Kompagnie.

Der Herr Major hat eine Frage aufgeworfen, die noch nicht beantwortet worden ist.

Und diese Frage lautet: „Wie ist so etwas möglich?”

Zunächst erkundigt sich der Häuptling: „Zu welcher Offiziersinspektion gehört der Mann?”

Der Herr Premier tritt vor. „Zu meiner, Herr Hauptmann.”

„Ich danke den anderen Herren sehr — Sie, Herr Lieutenant, möchte ich noch einen Augenblick sprechen. Nun sagen Sie mir nur, wie ist es möglich, daß der Mann den obersten Rockknopf offen hatte?”

Für eine Minute versinkt der Herr Premier in tiefes Nachdenken, dann spricht er gelassen das große Wort: „Er wird vergessen haben, ihn zuzuknöpfen.”

„Herr, wollen Sie mich uzen?!” braust der Kapitän auf. „Das kann ich mir allein sagen, daß der Mann es vergessen hat. Wie ist es aber möglich, daß er es vergessen kann?”

Wieder versinkt der Herr Premier in tiefes Nachdenken, dann sagt er: „Darauf vermag ich wirklich keine Antwort zu geben, Herr Hauptmann, vielleicht ist der Mnn von Haus aus sehr vergeßlich.”

Einen Augenblick ist der Häuptling starr — solche Frechheit ist ihm denn doch in seinem ganzen militärischen Leben — und er dient nun schon über zwanzig Jahre — noch nicht vorgekommen.

Nun aber legt der Vorgesetzte los:

„Herr Lieutenant, ich muß doch sehr bitten, derartige kindische und durchaus ungehörige Redensarten für sich zu behalten. Soll ich Ihnen sagen, wie es möglich ist, daß der Mann den obersten Rockknopf offen hatte?”

„Du weißt es?” denkt der Lieutenant im stillen. „Warum fragst du mich denn erst danach? Das ist doch völlig unnütze Zeitvergeudung. Da bin ich aber wirklich sehr neugierig.”

„Nun, soll ich es Ihnen vielleicht erst sagen, wie so etwas möglich ist?” fragt der Häuptling zum zweitenmale.

„Ich bitte gaz gehorsamst, Herr Hauptmann.”

„Nun denn: nur durch Ihre Schuld ist so etwas möglich.”

„Durch — mein—ne Sch—u—l—d?”

Der Herr Premier fällt vor Erstaunen beinahe aus seinen Stiefeln.

„Jawohl, Herr Lieutenant, nur durch Ihre Schuld, und außerdem bitte ich Sie, mich nicht zu unterbrechen, nicht zu sprechen, wenn Sie nicht gefragt sind! Ein so alter Offizier könnte das nachgerade wissen! Doch nicht davon wollte ich sprechen, das behalte ich mir für ein anderes Mal vor; für heute will ich Ihnen sagen, daß ich mit der Art und Weise, wie Sie Ihre Inspektion führen, in der letzten Zeit absolut nicht einverstanden bin, absolut nicht!”

Der Herr Premier macht vor lauter Erstaunen ein derartig dummes Gesicht, daß der Vorgesetzte für eine Sekunde unwillkürlich schweigt.

„Ich habe es Ihnen schon lange einmal sagen wollen, Herr Lieutenant, aber es bot sich mir keine Gelegenheit.”

Das Gesicht des Herrn Premier wird immer dümmer; es hat dem Hauptmann an „Gelegenheit” gefehlt, seinen Untergebenen zu reißen und doch hat er ihn reißen wollen?

Wie ist so etwas möglich?

„Sie kümmern sich nicht genug um Ihre Leute, Herr Lieutenant — das fühlen die Leute — sie merken, daß sie nicht genug unter Aufsicht sind — sie werden nachlässig und fangen an zu bummeln. Der heutige Fall beweist es eklatant. Hätten Sie sich um den Anzug der Leute gekümmert, so wäre so etwas gar nicht möglich gewesen.”

„Ich bitte sehr um Verzeihung — ich habe mich um den Anzug der Leute gekümmert.”

„Aber nicht gründlich genug.”

Dagegen läßt sich nichts einwenden — über das Wort „gründlich” kann man verschiedene Auffassung haben.

Der Herr Premier gleicht in seinem Innern einem feuerspeienden Krater.

Und der Häuptling fährt in seiner Strafrede fort und setzt seinem Untergebenen auseinander, was er unter „gründlich” verstehe; er wolle ja zwar nicht behaupten, daß seine Ansicht die allein richtige sei — aber maßgebend wäre sie wenigstens für seine Offiziere, „und ich muß doch sehr bitten, Herr Lieutenant, daß Sie, solange Sie bei meiner Kompagnie stehen, meine Ansicht zu der Ihrigen machen. Ich danke Ihnen sehr, Herr Lieutenant.”

Der „Häuptöing” geht und läßt seinen Lieutenant wie einen begossenen Pudel auf dem Kasernenhofe stehen.

Verwundert blickt der Untergebene seinem Vorgesetzten nach und seine Lippen flüstern: „Wie ist so etwas nur möglich?”

Tant de bruit pour une omelette — das alles, weil ein Kerl in seiner Schafsdämlichkeit vergessen hat, den obersten Rockknopf zuzumachen!

Und doch ist es so leicht, daß man es vegißt. Wenn der Soldat sich den Rock angezogen hat, schließt er zuerst den Rockkragen, indem er denselben nicht mit der bloßen la main, sondern mit den „Rockschlippen” anfaßt. Dann macht er zuerst den untersten Knopf zu, dann den zweituntersten und so weiter. Sieben Knöpfe muß er zumachen — aber es giebt so viele Menschen auf der Welt, die nicht bis drei zählen können, wie soll man da von einem Soldaten, der nach Meinung seiner Vorgesetzten doch meistens „ein Rindvieh mit Eichenlaub und Schwertern” ist, verlangen, daß er mit tötlicher Sicherheit bis sieben zählen kann? Und „sieben” ist dazu noch eine „böse” Zahl! — —

Der Herr Premier geht endlich auch nach Haus. Er gehört zu den glücklichen Naturen, die der Ansicht sind, der Mensch im allgemeinen und der Soldat im besonderen habe zwei Ohren, damit zum anderen hinausginge, was in das eine hineingeht. Für ihn ist der Dienst in dem Augenblick vorüber, in dem er dem Kasernenhof den Rücken dreht — im Dienst „Soldat”, außer Dienst „Mensch”, das ist sein Grundsatz.

Wie sind die Menschen zu beklagen, die den Dienst „mit nach Haus nehmen”, die in ihren vier Wänden nichts anderes sprechen und denken, als nur Kommiß, Kommiß, Kommiß!

Solche Leute nennt man „Kommißhengste”, und ein solcher ist der Hauptmann der Königlichen Vierten.

Am nächsten Morgen steht die Kompagnie auf dem Kasernenhof zum Exerzieren bereit. Der Feldwebel, der meist mit Unrecht den Beinamen: „die Mutter der Kompagnie” führt, läßt mit Sektionen abschwenken und flucht wie ein Berserker, weil bei dieser Gelegenheit die Leute sich verlaufen, oder, wie es beim Kommiß heißt, „weil die Schafe ihren Stall nicht finden können.”

Manche sagen auch: „Da rennt solch' ein Esel wieder ein Loch in die Natur!”

Nun erscheint der Herr Hauptmann auf der Bildfläche. Der Feldwebel läßt „einschwenken”, der Herr Premier kommandiert „Stillgestanden — richt euch!” und geht dann dem Hauptmann entgegen, um ihm die Kompagnie in der Stärke von so und so viel Unteroffizieren und Mannschaften zu melden.

„Ich danke sehr, bitte, lassen Sie rühren.”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann, Rührt euch!”

Der Feldwebel geht auf den Häuptling zu und meldet: „Der Musketier Hansen hat heute nacht die Kaserne, wie es scheint, auf verbotenem Wege verlassen und ist bis zur Stunde noch nichtb zurückgekehrt.”

Armer Häuptling, das raubt dir für die nächsten acht Tage den Schlaf! Du mußt die Sache dem Bataillon melden und das Bataillon dem Regimente. Das Regiment wird sich beim Bataillon erkundigen und das Bataillon sich bei der Kompagnie und die Kompagnie, armer Häuptling, bist du, der du vor der Front stehst und nicht stolz wie einst Ludwig ein „l'état c'est moi” sprichst, sondern ängstlich ob der unangenehmen Dinge, die da kommen, deinen Feldwebel fragst: „Wie ist so etwas nur möglich?”

„Der Kerl hat wahrscheinlich mitten in der Nacht Durst bekommen,” flüstert der Premier seinem Sekond zu.

Der Häuptling hört das ganz genau, aber er thut, als ob er gar nichts gehört hätte; das ist oft das Allerbequemste.

„Die Unteroffiziere!” ruft der Hauptmann und die Untergebenen eilen herbei.

„Ich möchte mit Ihnen zwei Fälle bsprechen, die in den letzten vierundzwanzig Stunden in der Kompagnie vorgekommen snd und die ich einfach nicht verstehe; zwei Fälle, bei denen ich mich vergebens frage: Wie ist so etwa nur möglich?”

„Gestern nachmittag erschien bei dem Appell ein Mann, der den obersten Rockknopf offen hatte.”

Der Herr Premier bekommt im Innern epileptische Krämpfe — aber was hilft's, er muß zuhören.

„Wäre es ein gewöhnlicher Appell gewesen, so wollte ich nichts dazu sagen — aber es war ein Appell, den der Herr Major persönlich abhielt. Ich habe mir die Sache gestern zu Haus reichlich überlegt —”

„Solcher Unsinn sieht dir ähnlich,” denkt der Herr Premier.

„— und ich werde den Mann bestrafen. Damit ist aber der Fall für mich noch nicht erledigt. Ich möchte vielmehr an Sie alle die Frage richten, wie es möglich ist, daß ein Mann in solchem Anzuge zum Dienst kommen kann?”

„Der Mensch bringt mich unter die Erde,” stöhnt der Premier, „ich kann es nicht mehr mit anhören, oder ich bekomme einen Gehirnschlag.”

So führt er denn blitzschnell sein Taschentuch an die Nase: „Ich bitte den Herrn Hauptmann, einen Augenblick wegtreten zu dürfen.”

„Bitte sehr,” lautet die Antwort.

Nach einer guten Viertelstunde kommt der Herr Premier aus dem Kasino, wo er inzwischen einen Cognac getrunken hat, zurück. Das Exerzieren hat schon begonnen, der Hauptmann spricht nur noch mit seinem Feldwebel, und als der Lieutenant sich zurückmeldet, hört er gerade noch, wie der Hautpmann sagt: „Aber unverständlich bleibt es mir doch, wie so etwas möglich ist.”

Und unverständlich wird es ihm bleiben, bis er eines schönen tages den Abschied bekomm, und wenn er ihn bekommt, so fragt er sich:

„Wie ist so etwa nur möglich?”


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