Militärische Wünsche.

Weihnachtsplauderei
von
Freiherrn von Schlicht.
in: „Prager Tagblatt” vom 21.12.1897,
in: „Kieler Zeitung” vom 25.12.1897 und
in: „Trierische Landeszeitung” vom 23.12.1898


Wer Soldat war, weiß es, und Demjenigen, der es nicht war — entweder weil er, um nicht zu sagen „sie”, feminini generis oder weil sie, um nicht zu sagen „er”, ein „Waschweib” war — sei es hiermit unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit öffentlich verkündet: mit dem „Wünschen” ist es beim Militär eine heikle Sache. Was der Vorgesetzte „wünscht”, wird erbarmungslos gemacht, denn älter als die Welt ist die bekannte Thatsache, daß der Wunsch eines Vorgesetzten weiter nichts ist, als ein etwas feiner gekleideter Befehl.

Anders verhält es sich mit den Wünschen der Untergebenen — die können wünschen, was sie wollen, erfüllt wird es ihnen doch nicht. Das geht auch gar nicht anders. Der Dienst wird Nachmittags beim „Befehle”(1) bekannt gemacht und andächtig lauschen die Leute, was die Mutter der Compagnie ihnen verkündet: Morgen Früh Detail-Exerciren. Keiner ist damit einverstanden, der Eine wünscht sich, daß morgen Felddienst wäre, der Zweite wünscht sich, daß morgen Früh geturnt würde, und der Verständigste von Allen wünscht sich, daß morgen gar kein Dienst wäre. Aber keiner dieser Wünsche wird erfüllt, es bleibt bei dem Detail-Exerciren. Und das ist „gerade was Schönes”.

Nur einmal im Jahre werden die Wünsche der Untergebenen erfüllt.

Wie ein heller Stern in dunkler Nacht, so leuchtet den Recruten in ihrer Kümmerniß und Betrübniß das Weihnachtsfest, und daß sie daran denken und daß sie es nicht vergessen, dafür sorgen schon die Unterofficiere und Gefreiten, die Diejenigen, die sich bei dem Exerciren absichtlich oder unabsichtlich vernachlässigen, ein drohendes: „Na wartet, das will ich Euch(2) Weihnachten gedenken” entgegenrufen.

Immer näher rückt das Fest heran, man zählt schon die Tage, die noch fehlen — eine Weinachtsstimmung bemächtigt sich Aller, man merkt es auch bei dem Dienst, die Vorgesetzten sind nicht mehr so streng und drücken ein Auge zu: sie wissen, aß die Leute in Gedanken entweder schon daheim oder bei dem Weinachtsbaum sind. Denn sie Alle, die da stehen, und das Exerciren lernen, sind doch Kinder, große Kinder.

Fünf Tage sind es nur noch bis zum Fest, da wird beim Befehle(3) verkündet: „Die Corporale vom Tage(4) reichen bis heute Nachmittags 6 Uhr die Wunschzettel der nicht auf Urlaub fahrenden Mannschaften ein.”

Die da auf Urlaub fahren, bekommen kein Geschenk, denn die Mittel, die zur Verfügung stehen, sind nur gering und vom finanziellen Standpunkte aus ist es am besten, wenn möglichst Alle nach Hause fahren. Aber das verbietet der Dienst, und so muß gar Mancher in der Caserne bleiben, der im Stillen gehofft hatte, heimreisen zu können. Gar manche Thräne wird darüber geweint und gar Mancher schluchzt, wenn er auf seinem Strohsacke liegt, herzzerreißend, bis ihn entweder die Neckereien der Cameraden oder ein Vorwurf seines Unterofficiers darauf aufmerksam machen, daß eine Casernenstube keine „Weinstube” ist.

Am nächsten Morgen ist schon der größte Schmerz überwunden und er ist verständig und freut sich wenigstens auf Das, was er haben wird: die Weihnachtsfeier in der Caserne.

Sogar etwas wünschen darf er sich: einen richtigen Wunschzettel schreiben, wie zu Haus. Bescheiden muß er freilich sein, er darf sich nicht wie ein verwöhntes Stadtkind hundert Sachen wünschen, nein, das gibt es nicht, nur einen einzigen Wunsch darf er haben, nur eine Frage hat er frei an das Schicksal.

Und der arme Recrut überlegt . . . .   Er geht in die Stube, setzt sich auf seinen Holzschemel und denkt angestrengt nach: vergebens! Stunde auf Stunde verrinnt, es ist schon 4 Uhr, um 6 Uhr will der Feldwebel schon die Wunschzettel haben, deshalb nimmt der Unterofficier sie den Leuten schon eine halbe Stunde vorher ab, damit sie rechtzeitig in die Kanzlei kommen, die(5) in unmittelbarer Nähe — schräg gegenüber — liegt.

Anderthalb Stunden nur noch — und jetzt nur noch eine Stunde. Der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn.

Plötzlich fühlt er in seinem Magen ein leises Knurren(6), sein Entschluß ist gefaßt, er will sich Etwas zu essen wünschen(7) — aber nein — das geht ja nicht, etwas Nützliches soll er sich ja wünschen, etwas, das er gebrauchen kann für lange Zeit.

Wieder denkt er nach und öffnet seinen Cigarrenkasten: ein edles Kraut war darin enthalten gewesen, zwei Gulden(8) hatte das Hundert gekostet und ein Packet Zündhölzer hatte er bei dem Einkauf sogar zubekommen — der Cantineur(9) hatte wohl gewußt, warum — aber auch der Tabak ging den Weg alles Vergänglichen. Soll er sich Cigarren wünschen? Schon will er es aufschreiben, da hört er, wie ein älterer Camerad sagt: „Cigarren braucht Ihr Euch nicht zu wünschen, die gibt es am Weihnachtsabend so wie so.”

Also wieder nichts! Da fällt sein Auge auf seinen Leibriemen: er soll schwarz sein, aber er ist gräulich grau. Sein Corporal hat ihn deswegen schon getadelt, und er hat den Tadel ruhig hingenommen. Keiner weiß besser als er, daß er sein Koppel nicht reinigte, weil er keine Lederwichse(10) mehr hat.

Und nun ist die Frage gelöst und auf seinen Zettel schreibt er mit großen Buchstaben: „Eine Schachtel Lederwichse(11).”

Und wie das Stadtkind in Angst und Unruhe ist, ob es wohl seinen Lieblingswunsch — eine äußerst werthvolle und theuere Gabe — bekommt, so ist der Recrut in Ungewißheit, ob sein Wunsch in Erfüllung gehen wird, obgleich er für nur 5 Kreuzer(12) zu erfüllen ist.

Bescheiden sind sie Alle. — Der Eine möchte gerne eine Cigarrenspitze haben, der Andere, der bei dem Exerciren stets kalte Füße hat und trotzdem lange stehen muß, bittet um ein Paar warme Strümpfe, der Dritte möchte ein neues Hemd sein eigen nennen und der Vierte würde überglücklich sein, wenn er ein paar Handschuhe bekäme. Es gibt eben auch Dandies bei unserer Sodateska.

Auf dem Feldwebelbureau nimmt die Mutter der Compagnie die Zettel in Empfang und macht sich mit dem Schreiber gleich daran, die Wünsche zusammenzustellen: „Sechs Cigarrenspitzen, zehn paar Strümpfe — eins, zwei — vierzehn, zwanzig, was sechsundzwanzig Leute wollen ein wollenes Unterhemd haben? Was denken die sich denn, wo ich das Geld hernehmen soll? Acht Paar Handschuhe, na, es wird immer besser, und hier wünscht sich einer sogar, daß der Compagnie-Schuster ihm auf Compagniekosten die Extra-Stiefel versohlen darf. Kann der Mensch nicht auf seinen Commißschuhen(13) laufen?”

Der Feldwebel gönnt allen Alles, er schilt nur, weil er als gute Hausmutter das Geld dahinschwinden sieht — er macht seinen Kostenüberschlag und meldet am nächsten Morgen tiefbetrübt seinem Hauptmann, daß die vorhandenen Mittel nicht ausreichen, um alle Wünsche zu erfüllen. Der Hauptmann aber ist ein guter Mensch, er bringt es nicht über sein Herz, dem Vorschlag des Feldwebels, Allerlei zu streichen, beizustimmen. So steigt er denn die Treppe in die Höh', die zur Bataillonskanzlei(14) führt, und bittet den Herrn Major, ihm für das Weihnachtsfest weitere Mittel zur Verfügung stellen zu wollen. Der ringt die Hände und schwört, nicht zu wissen, woher er es nehmen solle, ohne zu stehlen, aber der Hauptmann läßt nicht locker(15) und schließlich ergibt sich, daß man aus dem Cantinenfonds ja noch 25 Gulden geben könnte. Der Herr Major ist kein Unmensch und der Herr Hauptmann auch nicht: der Eine gibt sie — und der Andere nimmt sie.

„Hier Feldwebel, hier haben Sie noch Zuschuß und wenn es nun noch nicht langt, dann legen Sie das Uebrige aus, ich gebe es Ihnen dann aus meiner Tasche wieder.”

Am Abend wandert der Feldwebel mit seinem Schreiber durch die Straßen der Stadt und kauft ein. Mit großen Paqueten beladen kehren sie spät wieder heim und geheimnißvoll werden die Sachen dann verschlossen. Nur der Hauptmann bekommt sie am nächsten Morgen zu sehen und gibt sein Urtheil ab, ob er mit dem Einkauf einverstanden ist.

Und nun brennt der Christbaum!(16) — Auf dem Corridor stehen die Leute sauber angezogen und gewaschen und warten auf ihren Hauptmann. Flüsternd unterhalten sie sich(17).

Da ertönen Schritte, der Hauptmann kommt mit seinen Officieren und gleich darauf rückt die Compagnie in die festlich decorirte Stube — leise, fast unhörbar rücken die Leute ein, es ist, als ob sie sich angesichts des großen hellleuchtenden Baumes und des Christuskindleins in der Wiege fest aufzutreten scheuten.(18)

Lange stehen die Leute still und ergriffen, bis endlich der Hauptmann sie auffordert, an die Tische zu treten und ihre Geschenke in Empfang zu nehmen. Sie geniren sich Einer vor den Anderen, sonst würden sie laufen und fliegen wie die kleinen Kinder, langsam, Einer den Anderen schiebend, treten sie an die Tische heran, aber der Eine sieht über die Schultern des Anderen, um das zu erspähen, was er sucht. Freudig leuchten ihre Augen, wenn sie die Erfüllung ihres Wunsches vor sich sehen und der Eine zeigt dem Anderen, was ihm der Weihnachtsmann gebracht hat. Wer gar zu bescheiden war mit seinem Wunsche, für den gibt es noch eine Kleinigkeit extra.

Allen aber steht noch eine Ueberraschung bevor: eine Lotterie, bei der es keine Nieten gibt. Jeder zieht aus der Mütze des Hauptmanns ein Los und geht dann zu den Gewinnen, um sich da seine Nummer auszusuchen. Wer etwas gewinnt, was er schon besitzt, darf es umtauschen — da gilt aber schneller Entschluß, und nicht Jeder trifft da das Richtige, der Eine, der ein Paar Hosenträger gewann, tauscht sie um, weil er keine nöthig hat. Suchend schweifen seine Augen über die Herrlichkeiten, die vor ihm liegen und endlich nimmt er fünf Cigarren, die erstens an Werth viel geringer, dann aber auch für ihn unbrauchbar sind, weil er überhaupt nicht raucht. Nun ärgert er sich und er versucht, mit einem Anderen zu tauschen, der ein Nähnadelbuch mit Nähnadeln gewann — der aber will seinen Schatz nicht fortgeben, denn er gedenkt schaudernd einer aufgeplatzten Naht, die noch der kunstgerechten Verschließung harrt. So sucht er weiter, bis er Einen findet, der ihm die Cigarren abnimmt und ihm dafür — ein Paar Hosenträger gibt.

Nun hat er doch bekommen, was das Geschick ihm zugedacht hatte und bei dem Gedanken, ein Paar für den Dienst, ein Paar für „Extra” zu haben, freut er sich königlich über die Gabe, die er in Händen hat und ist plötzlich fest davon überzeugt, sich ein Paar neue Hosenträger schon lange im tiefsten Innern seines Herzens gewünscht zu haben.

In jedes Haus, das der Weihnachtsmann betritt, bringt er Glück und Freude: nicht zum Wenigsten in den(19) Casernen, denn die Soldaten merken es am Weihnachtsabend so recht, daß sie auch fern von der Heimath nicht allein stehen, daß das Band der Cameradschaft sie zu einer Familie vereinigt, in der das Oberhaupt, wie in jeder anderen Familie, durchdrungen ist von dem Wunsch, die Wünsche der Seinen zu erfüllen.


Fußnoten:

(1) Fassung „Prag”: Der Dienst wird Nachmittags beim „Befehle” bekannt gemacht.
Fassung „Kiel”: Der Dienst wird des Mittags bei der Parole bekannt gemacht.
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(2) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „das will ich Euch aber Weihnachten gedenken” (zurück)

(3) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „da verkündet der Feldwebel des Mittags bei Parole” (zurück)

(4) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „die Korporalschaftsführer” (zurück)

(5) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „damit sie rechtzeitig auf das Bureau kommen, das” (zurück)

(6) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „Er geht an sein Spind, macht die Spindthür auf und blickt auf die darin enthaltenen Schätze.
Unwillkürlich öffnet er die Klappe, hinter der die „Fressalien” liegen, — leer, ganz leer. Nur ein halbes Kommißbrot fristet dort ein einsames Dasein; wehmütig blickt er auf ein Stück Band, die letzten Ueberreste einer Wurst, sein Messer zeugt davon, daß es einst mit Butter in Berührung kam — auch sie schwand dahin. In seinem Magen fühlt er ein leises Knurren” (zurück)

(7) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „er will sich etwas zu essen wünschen, — ein Viertelpfund Butter, — aber nein” (zurück)

(8) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „zwei Mark” (zurück)

(9) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „der Verkäufer” (zurück)

(10) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „Lederschwärze” (zurück)

(11) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „Lederschwärze” (zurück)

(12) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „zehn Pfennig” (zurück)

(13) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „Kommißbollen” (zurück)

(14) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „die zum Bataillonsbureau” (zurück)

(15) In Fassung „Kiel” ist hier folgender zusätzliche Text zu finden:
und gemeinsam wandern Beide auf das Zahlmeisterbureau. Der „Zahlknecht” will zuerst auch nichts herausrücken, aber das Wort „Weihnacht”, auf das der Hauptmann immer wieder zurückkommt, stimmt ihn nach und nach weich und milde und schließlich meint er, wenn der Herr Major damit einverstanden wäre, könnte man aus dem Kantinenfonds ja noch fünfzig Mark geben.” (zurück)

(16) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „Tannenbaum” (zurück)

(17) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „Flüsternd haben sie sich unterhalten.” (zurück)

(18) In Fassung „Kiel” ist hier folgender zusätzliche Text zu finden:
Leise stimmt der Sängerchor der Kompagnie das Weihnachtslied an. „Stille Nacht, heilige Nacht” ertönt es, die Gedanken sammelnd, dessen zu gedenken, der für uns in den Tod gegangen ist.
Lange ist das Lied verklungen, immer noch stehen die Leute still und ergriffen” (zurück)

(19) In Fassung „Kiel” heißt es hier: „in die Kasernen” (zurück)


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