Auf dem Manöverfeld.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Das Manöverpferd”,
in: „Der schwerfällige Major” und
in: „Aus Heer und Marine”


Schon seit zwei Stunden wogt der Kampf auf dem Manöverfeld hin und her. Die Infanterie ist mit zuerst nur dünnen Schützenlinien vorgegangen, bis man von den Patrouillen genaue Meldung über Stellung und Stärke des Feindes erhalten hat. Die Spitze hat das Feuer eröffnet und wird nun von rückwärts immer mehr und mehr verstärkt. Die Batterie ist auf einer Anhöhe aufgefahren und beschießt schon seit zwei Stunden die ihr gegenüberstehende feindliche Artillerie. Keine gibt sich besiegt, und so wird denn eine Kartusche nach der anderen verfeuert. Die Kavallerie hat ihre Aufgabe erfüllt, sie hat gute und schnelle Meldungen gebracht, mehr kann sie nicht tun, nur ein Wunder oder ein Zufall kann ihr Gelegenheit zu weiterem Wirken geben. Und dies Wunder erwartet sie. Sie hält hinter einem kleinen Wäldchen, die Leute haben die Lanzen in die Erde gesteckt und lustig flattern die kleinen Fähnchen im Winde. Vorsichtig gucken die Führer durch das Gebüsch, ob sich nicht irgendeine Kompagnie zu weit vorgewagt, ob sich nicht irgendwo ein Feind zeigt, auf den sie mit eingelegter Lanze in sausender Karriere einbrechen können, vergebens, keine Gelegenheit ist zu erspähen, traurig blickt der Führer auf die kleinkalibrigen Gewehre der Infanterie und murmelt vor sich hin: „Die schönen Tage von Mars-la-Tour sind nun vorüber.”

Noch immer wogt der Kampf. Der Feind hat seine Stellung, eine steile Anhöhe, so stark besetzt, daß es ein Wahnsinn wäre, gegen dieselbe einen Frontangriff zu unternehmen. Man muß still liegen bleiben und schießen und immer wieder schießen, bis die Macht des Gegners gebrochen und bis, bis —

„Ja, worauf warten wir denn eigentlich noch?” fragt ein Krieger den anderen. Ungeduldig wälzt er sich auf seinem Platz in der Schützenlinie hin und her. Seit zwei Stunden liegt er nun schon auf demselben Fleck Erde, er hat aus Verzweiflung und Langeweile die wenigen Grashalme, die sich in seiner erreichbaren Nähe befanden und die der trockene Sommer hat wachsen lassen, aufgekaut und sich vergebens gegen die heißen Strahlen der Sonne zu schützen versucht.

„Ja, worauf wird denn eigentlich gewartet?” Und in väterlichem Ton belehrt der alte Mann, der jetzt schon sein zweites Jahr „abreißt”, den dummen Rekruten darüber, „daß die Hauptsache von das ganze Gefecht die Umgehung ist und daß, bevor diese nicht erfolgt —”

Da horch! Aus dem Walde, in der linken Flanke des Feindes ertönt starkes Gewehrfeuer, das befreundete Regiment ist vorgedrungen, die Umgehung ist erfolgt, ein Teil besetzt den Waldrand und nimmt den feindlichen Flügel unter Feuer, der andere Teil geht geschlossen mit tambour battant zum Angriff vor. Auf der ganzen Linie wird das Feuer verdoppelt, die letzten Reserven werden in(1) Schützenketten hineingeworfen, die letzten Platzpatronen werden verknallt, die Batterie schießt, was das Zeug halten will, der Kavallerist glaubt endlich eine günstige Chance zur Attacke erspäht zu haben. „Marsch, marsch — hurra,” und alles stürmt mit wütendem Geschrei auf den Feind. Dazwischen donnern die Geschütze, Kommandorufe erschallen, alles läuft und drängt vorwärts, der Feind mag wollen oder nicht, er muß zurück, er räumt die Stellung, und weithin ertönt das Signal „Halt”.

Die Gewehre werden zusamengesetzt, ermattet sinken die Leute nieder, sie schützen mit dem Helm ihr Gesicht gegen die sengenden Sonnenstrahlen, und bald verkünden regelmäßige Atemzüge und lautes Schnarchen, daß für sie der Streit vorüber ist.

Nicht aber für die Offiziere. Auf das Signal „Die Herren mit dem langen Säbel” eilen sie von allen Seiten herbei, in sausendem Galopp oder in friedlichem Trab, je nachdem ihre Reitkünste es ihnen erlauben. Gar manchem schlägt das Herz etwas unruhig, nun wird sich entscheiden, ob das, was er soeben geleistet, Gnade gefunden hat vor den Augen seiner Vorgesetzten oder nicht, ob er darauf rechnen kann, noch nach dem Manöver in Amt und Würden zu bleiben, oder ob auch er, wie so viele vor und nach ihm, sich procul negotiis der wohlverdienten Ruhe hingeben soll.

Der kommandierende Herr General wendet sich an den Brigadekommandeur mit der Bitte, die Übung zu besprechen.

„Zu Befehl, Eure Exzellenz. Meine Herren, ich darf die Idee, die dem heutigen Tag zugrunde lag, als bekannt voraussetzen. Ich bin im allgemeinen mit der Ausführung der Befehle zufrieden, ich möchte mir aber dennoch einige Bemerkungen erlauben. Meine Herren Batteriechefs, ich gebe Ihnen den guten Rat, seien Sie vorsichtig mit dem Munitions­verbrauch, schießen Sie nicht wie toll darauflos, bedenken Sie, daß Munitionsersatz sich im Kriege nicht immer wird so leicht beschaffen lassen, und daß eine Batterie, die sich verschossen, vollständig wehrlos ist. Oder glauben Sie etwa, meine Herren, daß Sie mit dem Seitengewehr der Bedienungsmannschaften große Heldentaten werden verrichten können.?”

Ein höfliches Lächeln belohnt diesen Witz des Herrn Generals, und die Bombe atmet erleichtert auf, daß sie so gnädig davongekommen ist.

„Meine Herren von der Kavallerie, Sie müssen sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß Sie im Zukunftskriege nur noch in den allerseltensten Fällen werden Attacken reiten können. Auch die heutige Attacke war nutzlos, der richtige Moment war total verpaßt, das Resultat wäre für Sie im Ernstfalle ein vernichtendes gewesen. Ich glaube kaum, daß Sie mit dem Leben davongekommen wären, oder wenn doch, so fürchte ich, daß man Sie wegen nutzlosen Preisgebens Ihrer Leute hinterher bestraft hätte.”

Traurig blicken sich die Herren von der Kavallerie an, sie hatten auf ein stolzes Lob gerechnet und hatten geglaubt, im Kriegsfalle wenigstens den Orden pour le mérite zu bekommen. Sie sehen den General heimlich von der Seite an und wünschen ihn weit weg.

„Mit dem Verhalten der Infanterie bin ich, wie schon gesagt, im großen und ganzen einverstanden; dennoch aber möchte ich mir auch hier eine Bemerkung erlauben, sie betrifft die Umgehung auf dem rechten Flügel. Meine Herren, ich hatte dem Regiment den Auftrag gegeben, den feindlichen linken Flügel anzugreifen. Was zunächst die Umgehung selbst betrifft, so muß ich sagen, daß dieselbe nach meiner Meinung etwas sehr weit war. Ihr Eingreifen erfolgte etwas spät, ich glaube kaum, daß Sie im Ernstfall noch viel hätten nützen können. Sie ließen mir durch Ihren Adjutanten sagen, Herr Oberst, der weite Umweg sei durch bestellte Felder, die Sie nicht hätten betreten dürfen, verursacht worden. Mein Herren, wir müssen natürlich alle Flurschäden vermeiden, ich glaube aber doch, daß sich ein anderer Weg hätte finden lassen.”

Der General schweigt einen Augenblick und sieht die Exzellenzen an, die beistimmend mit dem Kopfe nicken und ein „Gewiß, sicherlich” murmeln. Dann fährt er fort:

„Dann haben Sie, Herr Oberst, die Umfassung in der Art ausgeführt, daß Sie den Waldrand mit fünf Kompagnien besetzten und den Vorstoß mit den übrigen sieben Kompagnien Ihres Regiments machten. Ich an Ihrer Stelle hätte den Waldsaum mit nur vier Kompagnien besetzt und den Angriff mit den übrigen acht Kompagnien gemacht, derselbe würde dadurch bedeutend an Wucht und Kraft gewonnen haben und hätte dementsprechend auch sicher Erfolg gehabt, während die Sache so doch immerhin zweifelhaft blieb.”

„Ich bin ganz Ihrer Ansicht, Herr General,” stimmt der Herr Divisions­kommandeur bei, „auch ich hätte den Angriff in der von Ihnen angegebenen Weise ausgeführt. Meine Herren, es ist eine alte Geschichte, wir können den Feuerflügel nicht entbehren, wir dürfen denselben aber nicht so stark machen, daß der Anlauf dadurch an Kraft verliert. Meine Herren, vier kriegsstarke Kompagnien, mit denen wir doch immer rechnen müssen, wären mehr als hinreichend gewesen, die Stellung zu besetzen, die fünfte war vollständig überflüssig.”

Die Exzellenz schweigt und der kommandierende Herr General ergreift das Wort:

„Meine Herren, nur noch eine kurze Bemerkung über den letzten Angriff. Auch ich kann mich mit der Besetzung des Waldrandes durch fünf Kompagnien nicht befreunden. Meine Herren, wir müssen vor allen Dingen danach streben, die Verbände aufrecht zu erhalten und müssen uns davor hüten, dieselben zu zersplittern. Mein Herr Oberst, Sie haben durch Ihre Besetzung des Waldes die taktische Einheit, das Bataillon zerstört. Sie haben dem einen Bataillons­kommandeur fünf Kompagnie unterstellt, dem anderen nur drei. Meine Herren, das geht nie und nimmer. Ein Bataillon hat vier Kompagnien, nicht mehr, nicht weniger. Meine Herren, bedenken Sie, welche Verluste die Franzosen in den Jahren 70/71 erlitten haben, weil der einheitliche Befehl, die Wahrung der taktischen Verbände fehlte. Meine Herren, was soll ein Bataillons­kommandeur mit drei Kompagnien machen? Nichts, er ist verraten, verloren und verkauft. Und was soll der andere Herr mit der fünften anfangen? Er hat für sie keine Verwendung und betrachtet sie als überflüssiges Hindernis. Meine Herren, das geht nicht, auf diese Art und Weise werden wir im nächsten Kriege keine großen Erfolge erzielen. Ich danke Ihnen, meine Herren, oder hat noch einer von Ihnen eine Frage? Nein? Dann guten Morgen, meine Herren.”

Die Herren wenden Ihre Pferde und reiten zu ihren Leuten zurück, um sie in die Quartiere und zu den dampfenden Schüsseln zu führen. Mit lustigem Singen und Pfeife marschieren die Soldaten den Weg entlang, in heiterer, lebhafter Unterhaltung reiten die Offiziere nebenher, alle Sorgen, alle Anstrengungen sind vergessen, morgen ist Ruhetag, und es gilt die wichtige Frage zu beantworten, wie man diesen schönsten Tag der ganzen Woche am würdigsten feiern soll.

Da sprengt von hinten in rasender Karriere der Oberst an seinem Regiment vorbei. Die Offiziere grüßen und sehen ihm nach.

„Wissen Sie,” flüstert der eine dem andern zu, „leid tut er mir doch, er ist doch ein netter Mensch und reitet wie der Teufel. Ob sie ihn wirklich in die Wurst tun?”

„Gewiß,” antwortet der andere, „das war schon lange bestimmt. ich weiß von meinem Schneider, daß er sich schon vor dem Manöver seinen Zivilanzug bestellt hat. Es ist sein persönliches Pech, daß er den Waldrand mit fünf statt mit vier Kompagnien besetzt hat, hätte er es umgekehrt gemacht, wäre es höchstwahrscheinlich auch falsch gewesen. Schwer ist es, einem Vorgesetzten etwas nach Wunsch zu machen, denn er hat das höhere Gehalt und daher immer recht.”


Fußnote:

(1) In der Fassung des Bandes „Das Manöverpferd” heißt es: „in die Schützenketten”. (zurück)


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© Karlheinz Everts