Lizzis Verlobung.

Humoreske von Freiherrn von Schlicht
in: „Stralsundische Zeitung”, Sonntagsbeilage vom 1.7.1923


War er nun verliebt oder war er es nicht? Das war die große Frage, die Carl Heinrich, der sechsundzwanzigjährige, einzige Sohn seiner Eltern, ein großer, schlanker, hübscher Mensch, sich im Laufe eines jeden Tages mindestens dreimal, des Morgens aber noch ein paarmal mehr vorlegte, weil er sich sagte: Wenn du heute auf dem Wege zu der väterlichen Fabrik, in der du dir deinen sehr anständigen Lebensunterhalt verdienst, wiederum durch die Schillerstraße und an dem Hause vorübergehst, in dem die hübsche Lizzi wohnt; wenn du wieder diesen Weg gehst, obgleich für dich gar keine Veranlassung vorliegt, gerade den zu wählen, dann willst du das endlich als ein Zeichen dafür nehmen, daß du verliebt bist. Gehst du aber heute, was ja mehr als nur sehr wahrscheinlich ist, nicht durch die Schillerstraße, dann hast du den untrüglichsten Beweis dafür, daß du nicht die Spur verliebt bist.

Aber trotzdem es mehr als unwahrscheinlich gewesen war, ging er doch durch die Schillerstraße und an der Wohnung der auffallend hübschen Lizzi vorbei, jedoch nur, um sich hinterher wieder einzureden, daß er doch nicht verliebt wäre, denn er war ja freiwillig durch die Straße gegangen, während er sonst, von der Gewalt und der Macht der Liebe gezwungen, durch die hätte gehen müssen. Zwischen dem aber, was man freiwillig oder gezwungen tat, war doch bekanntlich ein ganz gewaltiger Unterschied.

In Wahrheit jedoch lag die Sache, seitdem er das etwa zwanzigjährige Fräulein Lizzi Haumann, das sich in Begleitung ihrer Mutter befunden, ganz zufällig bei gemeinsamen Bekannten kennen gelernt hatte, für ihn so, daß er nicht nur sehr verliebt war, sondern daß er sich sogar ernsthaft mit Verlobungs- und Heiratsgedanken trug. Aber gerade die letzteren veranlaßten ihn, sein Verliebtsein immer aufs neue anzuzweifeln, denn für das Verloben fühlte er sich mit seinen sechsundzwanzig Jahren noch zu jung, für das Verheiraten noch viel zu jung und für das spätere eventuelle Vaterwerden noch lange nicht alt genug.

Und so wäre vielleicht noch für lange, lange Jahre, wenn nicht für immer, alles so geblieben wie es war, wenn es [recte wohl: er! D.Hrsgb.] nicht eines Morgens, als er wieder einmal seinen Weg zu der väterlichen Fabrik durch die Schillerstraße nahm, in einem Fenster der von Fräulein Lizzi und ihrer Mutter bewohnten Parterrewohnung einen herrlichen Blumenstrauß bemerkt hätte, der, wie er auf den ersten Blick feststellte, von einem der ersten Gärtner der Stadt geliefert sein mußte, denn das war alles andere als ein gewöhnlicher Wald-, Feld- und Wiesenstrauß. Der Strauß war so schön, daß er unwillkürlich stehen blieb, um ihn zu bewundern. Das heißt, er redete sich ein, daß er nur deshalb stehen geblieben wäre. In Wahrheit geschah es, weil diese herrlichen Blumen ihn aus seiner Fassung brachten. Wer hatte die, die doch ganz bestimmt Fräulein Lizzi und nicht der Mutter galten, gespendet, und noch dazu jetzt, wo weder Ostern, Pfingsten, Weihnachten oder sonst ein Fest vor der Tür stand, und wo Fräulein Lizzi, wie er zufällig wußte, ihren Geburtstag bereits vor einigen Monaten gefeiert hatte.

Hm hm — hm hm, machte er ein paarmal, als er endlich seinen Weg fortsetzte. Hinter den zugezogenen Gardinen aber, durch die hindurch sie ihn beobachtet hatte, machte die hübsche Lizzi, ein mittelgroßes, schlankes, braunäugiges Mädchen, ein paarmal vergnügt und übermütig: ha ha, weil sie glaubte, voraussehen zu können, daß der hübsche Carl Heinrich, dem seit Monaten ihre ganze Liebe galt, nun nicht weiter beständig nur an ihrem Hause vorübergehen, sondern daß er auch einmal hineingehen würde. Und hatte er die Schwelle erst überschritten, dann war das Glück gekommen, und sie würde es mit ihrem ganzen Herzen festzuhalten wissen.

Der Blumenstrauß verwelkte, Carl Heinrich war nicht gekommen.

Da stand eines Morgens ein neuer, noch viel, viel schönerer Strauß im Fenster und draußen auf der Straße vor dem Fenster stand Carl Heinrich und starrte wie albern die Blumen an, weil er sich sagte: Wer kann denn die nur gestiftet haben? Woher hat Fräulein Lizzi plötzlich nur alle die reichen Verehrer, die ihr so kostbare Blumenspenden machen? Daß das Mädel so umschwärmt und begehrt ist, hast du ja gar nicht geahnt.

Es dauerte viel länger als das erstemal, bis er seinen Weg wieder fortsetzte. Hinter den zugezogenen Gardinen aber, durch die hindurch sie ihn beobachtet hatte, machte die hübsche Lizzi viel vergnügter und übermütiger als das erstemal: Ha ha ha, weil sie nun ganz sicher zu sein glaubte, daß das Glück, nein, daß der hübsche Carl Heinrich endlich die Schwelle ihres Hauses überschreiten würde.

Aber auch der zweite Blumenstrauß verwelkte und Carl Heinrich war immer noch nicht gekommen.

Da standen eines Morgens zwei neue, womöglich noch größere und schönere Sträuße im Fenster, und an jedem schwankte weithin sichtbar eine große, wie er mit seinen scharfen Augen erkannte, beschriebene Karte, auf der, wie er es als sicher annahm, während er zu dem Fenster hinüberstarrte, nicht nur die Namen der Spender, sondern auch irgendwelche Huldigungen geschrieben standen. Und wenn er auch alles andere als neugierig war, er wollte, nein, er mußte es wissen, wer der hübschen Lizzi diese Blumen geschickt hatte.

Zu dem Zweck mußte er nun wirklich bald Lizzis Mutter den Besuch machen, den er ihr, seitdem er sie mit ihrer Tochter zusammen kennengelernt, eigentlich wohl schon längst schuldig war, und er mußte den Besuch machen, bevor die Blumen verwelkt und bevor sie vielleicht mit den Karten in den Mülleimer geworfen wurden. Er mußte bei seinem Besuch die hübsche Lizzi bitten, ihn einmal an den Blumen riechen zu lassen, und dann wollte er bei der Gelegenheit seine Nase mehr in die Karten als in die Blumen stecken, und wenn er die Namen der Spender erst gelesen hatte, dann — ja, was dann kam, das wußte er im Augenblick noch nicht, aber kommen würde dann ganz sicher etwas.

Und als es schon am nächsten Tag soweit war, da kam auch wirklich etwas, allerdings etwas ganz anderes, als er eigentlich erwartet hatte, denn da zog er die hübsche Lizzi plötzlich stürmisch an sich, um sie zu küssen und war mehr als glücklich, daß sie sich nicht nur von ihm küssen leiß, sondern ihn sogar heiß und stürmisch wiederküßte. Und daran, daß es zum Küssen kam, waren die Worte schuld, die Carl Heinrich auf einer der beiden Karten las, nachdem er die, trotz oder gerade weil Lizzi sich so sträubte, sie ihm zu geben, fast mit Gewalt an sich genommen, und seine Nase, wie es seine Absicht gewesen, tief in sie hineingesteckt hatte; denn auf eine dieser Karten hatte Lizzi mit ihrer hübschen klaren Handschrift, die ihren Charakter wiederspiegelte, geschrieben: „Lieber Gott, sei gnädig, und laß Carl Heinrich eindlich auf diese beiden Blumensträuße hineinfallen, denn was soll werden, wenn er auch diesmal nicht zu mir kommt? Noch mehr Blumen kann ich mir nicht kaufen, denn dir, der du alles weißt, brauche ich es ja nicht erst zu gestehen, daß ich nicht nur kein Taschengeld mehr habe, sondern dem Gärtner schon mehr als fünftausend Mark schuldig bin. Und das alles Carl Heinrichs wegen, der ja gar nicht weiß, wie furchtbar lieb ich ihn habe.”

Aber als Carl Heinrich das gelesen hatte, da wußte er es.


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© Karlheinz Everts