Manöver- und Kriegsbiwak.

Militär-Erzählung von Freiherr von Schlicht,
in: „Der rote Pierrot”


Die diesjährigen großen Herbstmanöver sind nun durch den Ernstfall abgelöst, und mancher in dem Schlachtendampf, in der Glut brennender Dörfer wird den Gegensatz des harten Krieges zu dem freundlichen Manöverleben doppelt schroff empfinden. Es war doch immer so hübsch und abwechslungsreich, wenn im Manöver die Truppen sich in der Nähe der Ortschaften zeigten oder gar in diesen einquartiert wurden. Aber das schönste war es doch, in das Biwak hinaus zu bummeln, und dort dem Leben und Treiben der Soldaten zuzusehen, wie sie sich, nachdem das Gepäck und das Gewehr abgelegt waren, auf dem Lagerplatz einrichteten, wie sie die Kochgräben anlegten, wie ein Teil der Mannschaften zum Wasserholen ging, während ein anderer Teil zurückblieb, der sich, bis das Kochen losgehen konnte, mit dem Kartoffelschälen beschäftigte, und dabei eine Geschicklichkeit bewies, als wäre ein jeder von ihnen als Küchenmädel auf die Welt gekommen. Und wie hübsch es dann aussah, wenn in all den Kochgräben das Feuer brannte, wenn die Mannschaft um diese herum saß und mit hungiger Miene ungeduldig darauf wartete, daß das Essen fertig wurde. Und war das Essen bereit, dann war es auch schon gegessen, gleich darauf wurden die Kochgeschirre wieder gereinigt und an Ort und Stelle gebracht. Alles ging so flink, auch das Aufbauen der Zelte aus den Zeltbahnen, die mit zur Ausrüstung gehören, so daß jeder Mann im gewissen Sinne von sich sagen kann: ich trage mein Haus stets auf meinem Rücken bei mir. Eine richtige kleine Zeltstadt wurde errichtet, in der die größte Ordnung herrschte. Nur bei Nacht war es schwer, sich in dieser zurechtzufinden, denn ein Zelt gleicht dem anderen auf ein Haar, und auch das Passieren einer solchen Dorfstraße hatte im Dunkeln seine Schwierigkeiten. Man sieht die dünnen Seile nicht, die die Zelte zusammenhalten, die an den Heringen befestigt sind und in die Erde gesteckt werden. Über diese Schnüe stolpert gar mancher, und wer das Pech hat hinzufallen oder gar auf ein Zelt zu stürzen, daß dieses in sich zusammenklappt, und wenn er dann den unter diesem Zelte Schlafenden auf die Nase purzelt und sie im schönsten Schlummer störte, dann kann man leicht die schönste kameradschaftlichen Keile bekommen, wenn man nicht rechtzeitig die Flucht ergreift. Aber von dem, was die Nacht mit sich bringt, bekamen die Manöverbummler ja nichts zu sehen. Mit dem Glockenschlag neun Uhr wurde das Lager geräumt, dann mußte Ruhe herrschen. Man trennte sich nur schwer von den Soldaten, es war zu nett gewesen. Am Nachmittag hatte die Regimentsmusik konzertiert und sogar zum Tanze gespielt. Nicht nur die Mannschaften, auch die Herren Offiziere hatten auf dem Stoppelfeld, so gut es ging, das Tanzbein geschwungen, und als es dann anfing, kalt und dunkel zu werden, da waren die mächtigen Lagerfeuer angezündet worden, deren Schein hell zum Himmel emporloderte, und damit man sich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich wärmte, war heißer Punsch bereitet worden, von dem gar mancher Manöverbummler etwas abbekam, besonders, wenn dieser Bummler eine junge, hübsche Bummlerin war. Selbst vor den Offizierzelten hatte manche Dorfschöne mittrinken dürfen, und manches Scherzwort war dabei gewechselt worden, oft ein derbes, aber niemals ein unanständiges.

Das war im Frieden, jetzt ist der Krieg; und das Biwakleben, das sonst nur Tage dauert, dauert jetzt unter Umständen eine Woche, wenn nicht noch länger. Und zwischen dem Biwak im Frieden und dem im Kriege ist ein gewaltiger Unterschied. Endlos lang sind die Märsche, die die Truppen zurücklegen müssen, ehe ihnen ein Biwakplatz angewiesen wird, und ist er endlich erreicht, dann weiß niemand, wie lange er hier Ruhe findet. Es kann die ganze Nacht, aber auch nur flüchtige Stunden dauern. Ist es in diesem Kriege doch schon vorgekommen, daß unsere Garde nach einem Marsche von 51 Kilometer schon nach 2½ Stunden Rast weiter marschieren mußte. Je näher der Feind ist, desto weniger Zeit hat man, sich bequem im Biwak einzurichten. Selbst wenn die modernen Gulaschkanonen, wie die Feldküchen genannt werden, nicht zur Stelle sind, ist es sogar verboten, Kochgräben anzulegen und Feuer anzuzünden, damit dieses dem Gegner nicht die Stellung verrät. Da heißt es, mit einem kalten Mittagessen zufrieden zu sein, mit einem Stück Brot oder mit den Gemüsekonserven, frisch aus der Büchse, aber kalt. Für Feinschmecker alles andere als ein Hochgenuß. Und dürfen schon die kleinen Feuer in den Kochgräben nicht brennen, dann ist des Abends von den großen Lagerfeuern natürlich erst recht nicht die Rede. In dunkler, kalter Nacht kauern sich die Soldaten in ihre dicken Mäntel gehüllt dicht zusammen und decken sich nur mit dem Himmel zu, selbst wenn es regnet. Die Zelte aufzuschlagen, hat man sehr häufig keine Zeit, denn wenn man das Biwak bezieht, denkt man schon wieder an den Aufbruch, und beim Morgengrauen macht es viel Arbeit, die Zeltbahnen wieder auseinander zu knüpfen, sie zu rollen und auf den Tornister zuschnallen.

Ein jedes Biwak findet in der nächsten Nähe einer Ortschaft statt, und aus dieser wird herbeigeholt oder in dieser wird requiriert, was man braucht. In erster Linie natürlich Wasser für die Mannschaften und für die Pferde, für beide Stroh, für die letzteren Heu und Hafer, für die Soldaten, was sich irgendwie an Lebensmitteln auftreiben läßt, denn nur in den seltensten Fällen kann man damit rechnen, daß die Proviantwagen rechtzeitig zur Stelle sind. Zwischen dem nahen Dorfe und dem Lager ist ein beständiges Kommen und Gehen, bis dann endlich Ruhe herrscht. Aber dann heißt es, dafür zu sorgen, daß diese Ruhe nicht vom Feinde oder von den feindlichen Einwohnern gestört wird. Überall werden doppelte Wachtposten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett aufgestellt. Kavallerie- und Infanterie­patrouillen suchen das Gelände ab. Im Biwak selbst ertönen die Schritte der Fahnenposten. Zwischendurch erklingt das Traben der zurückkehrenden Kavallerie­patrouillen, das Halt—wer da? Aus weiter Ferne ertönt auch während der Nacht andauerndes Artilleriefeuer, das vielleicht eine Festung oder einen Vorort beschießt, und auch das Infanteriefeuer ist zuweilen, wenn auch nur schwach zu vernehmen. Aber die Leute, die da schlafen, hören von alledem nichts, die schlafen wie die Toten, bis für sie alle viel zu früh der Befehl zum Aufstehen erfolgt. Mit der Toilette ist man schnell fertig, denn die wird gar nicht erst gemacht. Das Waschen im Biwak ist in Kriegszeiten ein unbekannter Luxus, und der Morgenkaffee ist ein Genuß, den man nur aus der Erinnerung kennt. Statt der Kaffeebohnen gibt es meistens nur blaue Bohnen, aber sich vor denen zu fürchten, hat man sich längst abgewöhnt, wenn man sich überhaupt jemals vor ihnen fürchtete. In kurzer Zeit sind die Truppen im Biwak marschbereit. Von neuem geht es dem Feinde und dem nächsten Biwak entgegen. Während des Vormarsches denkt so mancher zurück an die zu Hause Gebliebenen und auch an sein Zuhause, an das Bett, das dort auf ihn wartet. Aber wenn er auch noch so müde ist, und wenn die Glieder auch noch so steif sind, er schämt sich fast, an sein Bett gedacht zu haben. Das steht zu Hause oder in seiner Kaserne lang gut, das läuft nicht davon, und wenn ihn einer am Abend, wenn er wieder im Biwak liegt, fragen würde: Was möchtest du lieber, in der Kaserne in deinem Bett schlafen oder hier in strömendem Regen unter freiem Himmel? — dann würde er ganz sicher zur Antwort geben: So'n Biwak vertausche ich mit keinem anderen, und wenn du wissen willst warum, dann will ich es dir auch sagen: das Biwakbett braucht des Morgens wenigstens nicht immer gleich frisch gemacht zu werden, und man bekommt von seinem Unteroffizier keinen hereingewürgt, wenn die Bettdecke nicht ordentlich glatt gestrichen ist.

Und da hat er recht, denn die in das Feld mitgenommenen Decken sind nur für die Verwundeten und die Kranken.


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