Feldwebel Kopka(*).

Erzählung von Freiherr v. Schlicht
in: „Kieler Zeitung” vom 6.11.1896,
in: „Badische Presse”, Unterhaltungsblatt, vom 12.11.1896,
in: „Stralsundische Zeitung” vom 15.11.1896 und
in: „Der Parademarsch


Ein Feldwebel hat so viel zu thun, daß es nach dem Ausspruche eines alten Hauptmanns gar keine guten Feldwebel geben kann. Er muß zu jedem Dienst antreten lassen, die verschiedenen Arbeiter kommandiren, Wache und Posten bestimmen, den Anzug nachsehen, er ist verantwortlich für die Stuben- und Spindordnung, für den guten Geist der Kompagnie, er ist bei jedem Exerzieren zugegen und wenn der Dienst fertig ist, muß er seine Bücher führen: Parolebuch, Ordrebuch, Revisionsbuch, Rapportbuch, Kommandirrolle und last not least die Löhnungsrapporte, die dreimal im Monat dem Zahlmeister eingereicht werden und auf Grund derer dieser sich das Geld für die einzelnen Kompagnien von der Regierungs-Hauptkasse anweisen läßt. Und solcher Löhnungsrapport, der noch nach Jahr und Tag von der Oberrechnungskammer revidirt wird, muß auf Heller und Pfennig stimmen.

Es ist nicht nur schwer, Minister zu sein, auch das Feldwebelspielen ist keine Kleinigkeit.

Kopka war bemüht ein guter Feldwebel zu sein. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend war er unermüdlich auf den Beinen — er aß sogar im Stehen — und er steckte seine lange Nase, unter der ein mächtiger schwarzer Schnurrbart zitterte, überall hin und Wehe dem, der bei solchen Gelegenheiten den Zorn des Allmächtigen auf sich lud! Denn ein Feldwebel ist allmächtig, die Strafgewalt hat natürlich nur der Hauptmann in Händen, aber ob und wie er sie gebraucht, das ist doch lediglich abhängig von dem Feldwebel, der den Sünder entweder schildert als einen tadellosen Mann, der in einer schwachen Minute einmal vorübergehend seine Pflicht vergessen hat, oder der den Schuldigen darstellt als einen Menschen, der nicht werth ist geboren zu sein, der pflichtvegessen war von dem Tage seines Diensteintritts an, bei dem bis zur Stunde nichts genutzt hat, weder Ermahnungen noch Drohungen.

Vor dem Feldwebel Kopka hatten die Leute einen heillosen Respekt. Die Mutter der Kompagnie wurde nie wüthend und sagte in Folge dessen niemals in der Erregung leere Drohungen, die der Disziplin mehr schaden als nützen. „Na, warte, mein Sohn,” das war das höchste Wort des Tadels, über das Kopka verfügte und der, dem diese Anrede gegolten hatte, wußte ganz genau, daß er dann nicht mehr lange zu warten brauchte, spätestens am nächsten Mittag folgte dann die von dem Herrn Hauptmann verhängte Strafe.

Und dennoch war Kopka bei den Leuten unendlich beliebt, sie konnten sich, wie sie sagten, gar keinen besseren Feldwebel wünschen, denn er war zwar streng aber gerecht, und er sorgte für seine hundertundzwanzig Kinder, wo sich ihm nur immer eine Gelegenheit bot.

Bei seinen Vorgesetzten war Kopka sehr beliebt, einmal wegen seiner hervorragenden dienstlichen Leistungen, dann aber auch wegen seines trockenen Humors, dem er namentlich auf den Märschen die Zügel schießen ließ.

Wenn die Kompagnie im Tritt, mit klingendem Spiel durch die Straßen der Stadt zog, marschirte er am rechten Flügel des mittleren Zuges, hoch erhobenen Hauptes, den mächtigen Schnauzbart stolz aufgesetzt, in der Rechten das gezogene Schwert, unter dem zweiten, dritten und vierten Knopfe(1) das gefürchtete Notizbuch, in das er unbarmherzig Jeden einschrieb, der durch schlechtes Gewehrtragen oder dadurch „daß er keinen Tritt nicht hielt” unangenehm auffiel.

Sobald die Truppe außerhalb des Thores angelangt, und „abgeschlagen” kommandirt war, begab sich Kopka an dem(2) ihm nach dem Reglement gebührenden Platz an die(3) Tête der Kompagnie. Dort zündete er sich mit einer Umständlichkeit, die den Zuschauer nervös machen konnte, je nach dem Datum des Monats eine mehr oder weniger schlecht riechende Zigarre an, fuhr mit dem brennenden Ende derselben einige Male unter der Nase hin und her und sprach dann jeden Morgen mit dem Brustton tiefsten Kunstverständnisses: „Ein schönes — sehr schönes Blatt.” Und dabei roch „das Blatt” manchmal bis zur Grenze der Schußweite unseres Gewehres, das sind 3 800 Meter.

Sich ganz dem Genuß seiner Havanna widmend, schritt Kopka dann fürbaß — große Gedanken in seinem Gehirn erwägend, die er dann plötzlich unvermittelt seiner Umgebung mittheilte. Dauerte es aber seinen Nachbarn zu lange, bis er „losschoß”, dann platzte wohl einer der Unteroffiziere mit der Frage heraus: „Wissen der Herr Feldwebel nicht irgend etwas Neues?”

„Jawohl, daß das Exerzier-Reglement besonders für so junge Unteroffiziere, wie Sie es sind, das interessanteste und lehrreichste aller Bücher ist, die jemals geschrieben worden sind. Ich sag' es immer zu meiner Frau, wo kriegen die Leute nur all die Zeit her, soviel Bücher zusammenzuschreiben. Und wer die nur all lesen soll. Ich gewiß nicht. Aber wissen möchte ich doch einmal, wie viel Bücher es auf der Welt giebt. Ich glaube, eine ganz gewaltige Menge, ich wollte mich freuen, wenn ich für jedes Buch tausend Mark bekäme.”

„Wären Sie nicht auch mit hundert Mark zufrieden?” fragte(4) der Offizier, der neben Kopka marschirt und seinen Worten lauschte(5).

Einen Augenblick denkt Kopka ernsthaft nach, dann sagt er: „Wenn der Herr Lieutenant es befehlen, dann will ich auch mit hundert Mark zufrieden sein.”

„Und was wollten Sie mit dem vielen Geld anfangen?”

„Zuerst kauf ich mir eine Yacht im Golf von Genua.”

Das war sein Ideal. Er segelte leidenschaftlich, es war zu schön, im Golf von Genua eine Yacht zu besitzen und an den dienstfreien Nachmittagen dort segeln zu können. Wie er sich das eigentlich dachte, da er in einer Stadt an der Ostsee in Garnison stand, wußte er wohl selbst nicht genau.

„Zuerst würden Sie dann aber doch wohl Ihren Abschied nehmen, Kopka?”

Die Zigarre fiel ihm beinahe aus dem Mund. „Ich meinen Abschied nehmen? Ich nehme meinen Anschied nicht eher, bis ich ihn nicht bekomme, und ich bekomme meinen Abschied nicht eher, bis ich ihn nicht nehme. Nein, ich bleibe ruhig im Dienst, kaufe mir ein kleines Haus mit einem Garten, in dem ich alles Gemüse selbst baue, halte mir eine feine Equipage mit zwei Pferden — ein Viererzug ist ein Unsinn, das Geld kann man sparen — fahre jeden Tag mit meiner Frau und meinem Jungen spazieren — das thue ich nun allerdings auch, nur daß ich jetzt den Kinderwagen selbst schieben muß, denn meine Frau ist dazu ja zu schwach — und dann rauche ich aber feine Zigarren, das Stück zum Groschen, da kann die Welt mal was erleben.”

Bis die Welt aber was erlebte, hatte es noch gute Zeit, denn Kopka's sehnlichster Wunsch, vielfacher Millionär zu werden, blieb eben nur ein Wunsch.

Aber auch so war er mit seinem Geschick wohl zufrieden, er war, wenn der Dienst es nicht anders verlangte, immer lustig und vergnügt und daß er es war, verdankte er seiner Häuslichkeit. Er hatte eine Frau und einen Sohn — Karlemann genannt —, an denen er mit abgöttischer Liebe hing. Seine Frau war seit der Geburt des Kindes schwach und kränklich, ein Dienstmädchen zu halten erlaubten die Mittel erst dann, wenn er die Yacht im Golf von Genua besaß — so führte er denn mit seinem Putzer zusammen den Haushalt, machte die Stuben rein und kochte.

Die einzige Erholung, die er sich am Tage gönnte, war ein kleiner Nicker nach Tisch. Dann bettete er seine Frau fürsorglich auf das einzige Sopha, das sie besaßen, während er sich selbst mit Karlemann auf den Teppich legte. Er schlief, wie er zu sagen pflegte, „einmal herum” dann stand er leise auf, um Weib und Kind nicht zu stören, und ging wieder in den Dienst.

Einmal geschah es, daß Kopka mit einem Katzenjammer zum Dienst kam — das war etwas noch nie Dagewesenes — und neugierig erkundigte sich der Hauptmann, welches frohe Fest seine treue Stütze denn gestern gefeiert habe.

„An dem Unglück ist meine Frau schuld, nein, Karlemann, das heißt, eigentlich Beide,” gab er zur Antwort, „Karlemann war gestern unartig und ich wollte ihm Schläge geben. Da fiel mir meine Frau in die Arme und rief: „das könnte sie nicht mit ansehen, lieber solle ich sie schlagen.” Na, Herr Hauptmann, ich kann doch meine Frau nicht schlagen, das bringe ich doch selbst für die Yacht im Golf von Genua nicht über mein Herz. „Nein,” sagte ich, „dann schlag' ich noch lieber mich selbst,” und wirklich gab ich mir was mit dem Stock um die Beine. Na, weh that es ja nun gerade nicht, aber ich ärgerte mich doch, daß ich mich selbst dafür schlug, daß mein Junge unartig gewesen war, und da kam das so, Herr Hauptmann, wie das so kommt, da bin ich in das Wirthshaus gegangen und habe drei Glas Bier getrunken. Nun muß ich auch noch heute darunter leiden, daß Karlemann gestern unartig war, aber heute bekommt er Prügel, da kann er sich sicher(6) darauf verlassen. Zum zweiten Male betrinke ich mich seinetwegen nicht.”

Wenige Monate, bevor Kopka seine zwölf Jahre „abgerissen” hatte, nach deren Beendigung jeder Unteroffizier, einerlei, ob er noch weiter dienen will oder nicht, den Zivil-Versorgungsschein und tausend Mark in baarem Gelde erhält, hatte er das Unglück, sich sich den einen Fuß zu brechen. Viele Wochen lag er krank, endlich war er so weit wieder hergestellt, daß er einen kleinen Dienst mitmachen konnte, „ganz,” hatte der Arzt gemeint, „würde der Fuß wohl nie wieder hergestellt werden.”

„Entweder ist man als Soldat gesund oder man ist krank, ein Mittelding, sich vom Dienst drücken und dispensiren lassen, giebt es nicht, mein Sohn.”

Wie oft hatte er diese Worte nicht gesprochen, wenn einer von den Leuten zu ihm gekommen war mit der Bitte, ihn von dem Dienst doch(7) zu dispensiren, da ihm nicht so ganz „extra” wäre.

Und nun war er selbst in die Lage gekommen, krank zu sein und doch nicht krank, gesund und doch nicht gesund.

Da gab es für ihn nur Eins: den bunten Rock ausziehen und einen Zivilberuf ergreifen, bis er aber etwas Passendes gefunden, wollte er, wie es das Gesetz erlaubte, im Dienste bleiben.

Und er blieb noch im Dienst und war noch strenger als zuvor, „denn die Kerls sollen nicht glauben, weil er fortgehe, sie könnten nun thun und lassen, was sie wollten.”

Eines Morgens hatte Kopka sich bei dem Exerzieren auf dem Kasernenhof vollständig in einen Mann „verbissen”, der mit einem total schmutzigen Anzug erschienen war. Kopka donnerte und fluchte nicht nur das Blaue, sondern auch die weißen Wolken vom Himmel herunter und sein „Na warte, mein Sohn” klang so zischend, als wenn man kaltes Wasser auf glühendes Eisen gießt.

Der Hauptmann, der der Szene zugehört(8) hatte, rief, um derselben ein Ende zu machen, den Feldwebel zu sich.

„Hören Sie mal, Kopka, was ich Sie immer schon fragen wollte, haben Sie immer noch keine Aussicht, bald irgendwo anzukommen? Ich frage natürlich nur in Ihrem Interesse, Sie wissen, daß ich Sie sehr ungern scheiden sehe.”

„Der Herr Hauptmann sind sehr gütig — ich habe eine Stelle in Aussicht, ich will Gerichtsvollzieher werden.”

„Was wollen Sie werden?”

„Gerichtsvollzieher, Herr Hauptmann.”

„Aber wie kommen Sie nur dazu?” fragte der Hauptmann verwundert, „Alles hätte ich geglaubt, nur das nicht — kann Ihnen das Freude bereiten, arme Leute zu pfänden, ihnen das Letzte fortzunehmen, was sie besitzen, alle Noth und alles Elend mit anzusehen?”

Nachdenklich blickte Kopka einen Augenblick vor sich hin: „Das sagen der Herr Hauptmann wohl so — aber man kann doch auch Milde walten lassen, die Armen von der bevorstehenden Pfändung rechtzeitig benachrichtigen, zu helfen versuchen, von seinem eigenen Ueberfluß abgeben — wer gepfändet werden soll, wird doch gepfändet, thue ich es nicht, thut es ein Anderer.”

„Wenn Sie so denken,” sagte der Hauptmann, „dann können Sie ja auch ebensogut Scharfrichter werden. Schlagen Sie dem zum Tode Verurtheilten nicht den Kopf ab, dann thut es ein Anderer — aber Scharfrichter möchten Sie deshalb, glaube ich, doch nicht sein.”

„Und warum nicht?” gab Kopka ohne Besinnen zurück, „wenn solch' ein Mensch den Tod verdient hat? Kann es ein größeres Vergnügen geben, als einem Menschen, der mit solchem zerrissenen Anzug zum Dienst zu kommen wagt,” und er zeigte auf den Sünder, der seinen Zorn erregt hatte, „den Kopf abzuschlagen?” —

Trotzdem ist Kopka kein Scharfrichter geworden. Ich sehe ihn täglich durch die Straßen der Stadt gehen und seines Amtes als Gerichtsvollzieher walten. Er ist zu weichherzig, um trotz der Spesen reich zu werden, aber er sagte mir kürzlich, daß er in jedem Jahr eine hübsche Summe zurücklegen könne. Er spart für Weib und Kind, vielleicht auch für die „Yacht im Golf von Genua”.


Fußnoten:

(*) Ein „Sergeant Kopka” tritt auf in „Eine Soldatenliebe” und ein „Feldwebel Kopka” in „Der Gardegraf”. (zurück)

(1) In der Buchfassung heißt es: „Waffenrockknopf” (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es: „an den” (zurück)

(3) In der Buchfassung heißt es: „an der” (zurück)

(4) In der Buchfassung heißt es: „fragt” (zurück)

(5) In der Buchfassung heißt es: „lauscht” (zurück)

(6) In der Buchfassung fehlt das Wort: „sicher” (zurück)

(7) In der Buchfassung heißt es: „ihn vom Dienst zu dispensiren” (zurück)

(8) In der Buchfassung heißt es: „zugesehen” (zurück)


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