Die Konkurrenten.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Deutsche Zeitung Bohemia” vom 31.Okt.1915 und
in: „Neues Wiener Journal” vom 14.Dez. 1915


Nun hatten sie ihn endlich doch noch bei dem Kenterhaken zu fassen bekommen, ihn, den unausgebildetsten Landsturmmann, den es jemals im Deutschen Reiche gegeben hatte. Gewiß, damals, als der Krieg ausbrach, hatte auch er sich sofort als Kriegsfreiwilliger stellen und melden wollen, aber damit war es doch nicht so gegangen wie er es sich zuerst dachte. Seine jungen Leute, die er in dem Geschäft hatte, eilten alle zu den Fahnen. Er blieb ganz allein zurück und wenn er auch noch ging, dann hätte er seinen Laden, in dem die Damen der Stadt ihr Tafelservice, ihre Gläser und ihre Tassen zu kaufen pflegten, einfach zumachen müssen. Das hätte ihm großen finanziellen Schaden gebracht, zumal er das Geschäft erst vor einem Jahr käuflich erwarb und unter der Konkurrenz der Firma Baumbach ohnehin genug zu leiden hatte, das um so mehr, als er auch Baumbach hieß, mit Vornamen Max, während die Konkurrenz auf den Vornamen Fritz hörte. Das gab natürlich zu viel Aerger Anlaß, namentlich wenn die Damen ihre Einkäufe nicht selbst besorgten, sondern wenn sie ihre Dienstboten schickten, die dann einfach zu dem hingingen, dessen Geschäft ihnen am bequemsten lag. Na, glücklicherweise kamen die Damen ja meistens selbst und unter diesen Damen auch die hübsche und einzige Tochter eines nicht unbemittelten früheren Kaufmannes, der sich jetzt zur Ruhe gesetzt hatte. Lotte Jensen hieß sie, und Max Baumbach hatte sie vor zwei Jahren auf einer „Reunion” kennen gelernt, wie man damals noch sagte. Aber zu seinem Unglück war natürlich die Konkurrenz auch an dem Abend dagewesen, und wie er Lotte Jensen kennen lernte, so lernte diese auch den Fritz Baumbach kennen. Und von dem Tage an machten die beiden Konkurrenten der hübschen Lotte den Hof, wo sie ihr nur immer begegneten. Aber die Lotte tat, als merke sie nichts davon, sie tat das auch dann, als ie beiden ihren Eltern ihren Besuch gemacht hatten und nun hin und wieder als Gast erschienen. Im stillen aber machte ihr das Liebeswerben der beiden Konkurrenten viel Spaß und abwechselnd bevorzugte sie bald den einen, bald den andern.

Und das wäre wohl noch eine gaze Weile so weitergegangen, wenn nicht plötzlich der Krieg ausgebrochen wäre. Lottes erster Gedanke war: nun wirst du deine beiden Verehrer leider schneller los, als du glaubtest, denn natürlich gehen beide in das Feld.

Es war das aber immer nicht eingetroffen. Bis sie dann eines schönen Tags den Max Baumbach trotz seiner 41 Jahre zur Infanterie aushoben. Nur noch zwei Tage, dann mußte er sich stellen. Das erfüllte ihn nun doch mit stolzer Freude und Genugtuung. Also vorwärts mit frischem Mut, das Geschäft zumachen, ein Plakat an das große Schaufenster kleben: Wegen Einberufung des Inhabers zum Heere geschlossen — und dann der Lotte noch rasch Lebewohl sagen. Aber als er dann Lottes Eltern aufsuchte, fand er zwar Lotte vor, aber auch die Konkurrenz, die ebenfalls gekommen war, um Abschied zu nehmen, denn auch den Fritz Baumbach hatten sie nun doch noch geholt. Einer hörte es von dem anderen mit der größten Ueberraschung, beide fragten einander mehr als erstaunt: „Was, Sie müssen auch noch mit?” Und es hätte nicht viel gefehlt, dann wären sie sich vor Glückseligkeit in die Arme gesunken, weil jeder sich im stillen maßlos darüber freute, daß der andere nicht zu Hause blieb und ihm inzwischen nicht die Lotte fortnahm. In der größten Eintracht blieb man an diesem Abend lange zusammen, und als die beiden Konkurrenten endlich aufbrachen, da gab die hübsche Lotte ihnen beiden das Versprechen mit auf den Weg, sie wolle sich und ihr Herz inzwischen prüfen, vielleicht daß sie dann später einen von ihnen erhöre, aber erst müßten beide wieder heil und gesund zurück sein — je eher, desto besser.

Vielleicht waren die letzten Worte nur eine allgemeine Redensart, vielleicht bezogen sich die nur auf den Wunsch nach einem baldigen Friedensschluß, aber jeder der beiden dachte, Lotte habe sich im stillen für einen von ihnen entschieden, und jeder bezog die Worte auf sich allein. Einen jeden von ihnen stimmten sie froh und so meldeten sie sich denn am nächsten Morgen heiteren Mutes auf dem Kasernenhof und zogen schon ein paar Stunden später mit den anderen eingezogenen Mannschaften zur Bahn, um in die neue Garnison befördert zu werden. Max Baumbach kam nach Berlin zu einem Garderegiment, die Konkurrenz nach Spandau.

Gott sei Dank, nun waren sie sich beide endlich gegenseitig los, und wenigstens Max Baumbach war so froh darüber, seinen Konkurrenten und Nebenbuhler nun die nächsten Monate nicht mehr zu sehen, daß ihm in der Freude seines Herzens der Dienst als eine willkommene Abwechslung in dem bisherigen Porzellan- und Glasverkauf seines Lebens erschien. Und doch war der Dienst verdammt schwer. Aber mit der Zeit gewöhnte sich der Körper an die bisher ungewohnten Strapazen, und alles Leid war sogar vergessen, als ein Vierteljahr später die Besichtigung mit einem großen Lob an die Mannschaften endete. Aber das nicht allein, es gab nicht nur Lob, sondern auch fünf Tage Heimatsurlaub, bevor die Neuausgebildeten ins Feld rückten. Natürlich stand es für Max Baumbach sofort fest, daß er diese Zeit benutzen würde, um sich einmal wieder nach seinem Geschäft umzusehen, obgleich es dort nicht viel zu sehen gab. Daß er sich hauptsächlich Fräulein Lotte als schneidiger Feldgrauer vorstellen und sich bei ihr vor dem Ausrücken noch einmal in empfehlende Erinnerung bringen wolle, gestand er sich selbst nicht ein. Und doch war das der eigentliche Zweck seiner Reise. Aber als er dann am Tage nach seiner Ankunft Fräulein Lottes Eltern seinen Besuch machte, rührte ihn beinahe der Schlag, denn im trauten Familienkreise, bei dem trautesten Familienkaffee, den er für sich selbst erhofft hatte, saß bereits die Konkurrenz, die Firma Fritz Baumbach, die ebenfalls nach erfolgter Besichtigung fünf Tage Urlaub erhalten hatte, noch dazu für dieselbe Zeit, da die Besichtigung in Berlin und Spandau an ein und demselben Tage stattgefunden hatte.

Mehr als je wünschte Max Baumbach heute die Konkurrenz zum Teufel, bis er sich dann beruhigte, als Fräulein Lotte sich aufrichtig darüber zu freuen schien, daß auch er gekommen war, und weil sie gegen ihn zum mindesten ebenso freundlich war wie gegen den anderen. Und das nicht nur am ersten Tage, sondern so lange der kurze Uralub dauerte, und so oft sie sich inzwischen sahen.

Dann kam der Abschied. Max Baumbach hielt Fräulein Lottes rechte Hand und die Konkurrenz die linke. Beide sahen ihr in die Augen, der eine hauptsächlich mit dem rechten, der andere hauptsächlich mit dem linken Auge, und die stummen und doch so beredten Blicke baten: Benutze die Zeit, die ich vor dem Feinde stehe, dich in mich aber auch nur in mich zu verlieben. Und Fräulein Lottes hübsche Augen schienen jedem zur Antwort zu geben: Fürchte nichts, ich werde mich nur in dich, in dich verlieben.

Am nächsten Tage waren die beiden wieder in der Garnison, und schon vierundzwanzig Stunden später ging es in endlos langer Fahrt hinaus in Feindesland. Aber der Krieg fand für Max Baumbach ein schnelles Ende. Schon in einem der ersten Gefechte zerschmetterte ein Granatsplitter ihm den linken Oberarm. Gottlob war keine Amputation nötig, aber der Arm würde für immer steif bleiben. Mit der militärischen Laufbahn war es nun für ihn zu Ende, wenigstens aber hatte er Gelegenheit gefunden, sich das Eiserne Kreuz zu holen. So fuhr er denn, nachdem er aus dem Lazarett als dauernd feld- und garnison­dienst­unfähig entlassen war, nach Hause. Einmal, um sich nach seinem Geschäft umzusehen, dann aber auch, um Fräulein Lotte sofort Guten Tag zu sagen. Er hatte weder ihr noch ihren Eltern etwas davon geschrieben, er wollte sie alle überraschen. Aber als er dann am Tage nach seiner Ankunft Fräulein Lottes Eltern seinen Besuch machte, den linken Arm noch in der Binde tragend, im Knopfloch des Waffenrockes das Eiserne Kreuz, da rührte ihn beinahe abermals der Schlag, denn dort im trauten Familienkreise, bei dem trautesten Familienkaffee, den er diesmal erst recht sehnlichst für sich gewünscht hatte, saß die Konkurrenz, der Inhaber und Besitzer der Firma Fritz Baumbach, ebenfalls das Eiserne Kreuz im Knopfloch und wie er selbst noch einen Arm in der Binde tragend, aber nicht den linken, sondern den rechten. Und bald wußte Max Baumbach, daß auch Fritz Baumbach dauernd dienstunfähig geworden war. Ein Granatsplitter hatte seinen rechten Arm durchschlagen und der Arm würde dauernd steif bleiben.

Was nun? Das war die große Frage, die der eine in den Augen des anderen las, und beide blickten fragend auf Fräulein Lotte, die eine Antwort geben sollte. In wen hatte die sich inzwischen verliebt, oder in wen würde sie sich nun verlieben, da sie beide wieder da waren? Aber das wußte Fräulein Lotte selber nicht und um dem zu entgehen, daß beide ihr vielleicht schon in den nächten Tagen einen Antrag machen würden, auf den sie noch keine Antwort wußte, redete sie den beiden plötzlich zu, sie sollten nun doch endlich die geschäftliche Konkurrenz aufgeben und die beiden Firmen vereinen. Allein, nur mit einem gesunden Arm könne ein jeder von ihnen sein Geschäft doch nicht weiterführen, der eine brauche eine helfende rechte Hand für die Buchführung und die Korrespondenz, der andere eine kräftige linke Hand, die die rechte unterstützen und dieser helfen könne.

Das leuchtete den beiden Konkurrenten viel eher ein, als Lotte geglaubt hätte, zumal sich mit diesem Vorschlag für beide Teile auch bedeutende finanzielle Vorteile verbanden. Beide versprachen Fräulein Lotte, sich diesen Gedanken sehr reiflich zu überlegen, und schon nach acht Tage meldete die Zeitung, daß die beiden Firmen Max und Fritz Baumbach sich zu einer Firma verschmolzen hätten.

Dies aber waren die Bedingungen, unter denen die beiden Konkurrenten sich vereinigt und wovon die Zeitung natürlich nichts berichtet hatte. Jeder hatte von dem anderen die schriftliche Erklärung verlangt, daß er gegen eine hohe Strafe sich verpflichtete, innerhalb der nächsten fünf Jahre nicht zu heiraten, sondern seine ganze Zeit und Kraft der neuen Firma zu widmen. Und schweren und doch leichten Herzens war jeder diese Verpflichtung eingegangen, denn dadurch hatten beide die Gewißheit: ich bekomme die Lotte ja nun zwar leider Gottes nicht, denn viel umworben, wie die ist, wird die so lange nicht auf mich warten, aber wenn ich die Lotte auch nicht kriege, dann bekommt sie der andere Gott sei Dank ebensowenig.

Und damit hatten die beiden Konkurrenten ihren Frieden — auch mit Lotte geschlossen.


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