Das Kompagnie-Gefecht.

Skizze aus dem Soldatenleben.
Von Freiherr von Schlicht. (Schleswig).
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 23.April 1899,
in: „Das Manöverpferd”,
in: „Der schwerfällige Major” und
in: „Aus Heer und Marine”


„Fünf Sinne hat das Menschenkind;
im Rahmen fünf Patronen sind!”

Den Spruch kennt jeder Soldat, abgesehen von Denen, die ihn nicht kennen.

Auf dem Kasernenhof vertheilt der Schießunteroffizier an die zum Abmarsch bereite Kompagnie die Platzpatronen, jeder Mann bekommt einen ganzen Rahmen, dem Schieß­unter­offizier thut es in der Seele weh, daß mit den Patronen so „geest” wird, aber er kann es nicht ändern, denn der Hauptmann hat's befohlen, sintemalen er heute ein Gefecht durchnehmen will.

Die Patronen sind vertheilt, gleich darauf wird abmarschirt, und je nachdem — das heißt auf Deutsch: je nachdem der Exerzierplatz in der Nähe oder in der Ferne liegt — erreicht man den Geläneabschnitt, an dessen Eingang eine Tafel mit der Zuschrift prangt:

<< Zwei- und vierbeinigen Unbefugten ist der Zutritt verboten! >>

Bei einem Gefecht braucht man einen Feind — hat man keinen, so markirt man einen; irgendwelche Leute werden mit einer rothen, weißen und gelben Flagge bewaffnet und „markiren” Infanterie, Kavallerie oder Artillerie.

Gewöhnlich sind es „krumme Teufel” oder sonstige Krüppel, die die Flaggen tragen; und da jetzt der Herr Hauptmann befiehlt: „Der markirte Feind vortreten!” kommen die „Humpelbrüder” nach vorne. Es ist eine kleine, aber auserlesene Heldenschaar, und nicht nur das Herz, sondern auch der Mund lacht bei dem Anblick dieses „Feindes”.

Lachen im Gliede wird mit Todtschießen, hundert Jahre Festung und dreißig Jahre Ehrverlust bestraft. Heute aber ist der Hauptmann, wenigstens so lange es dauert, sehr gut bei Laune, und er lacht mit, wie der „Feind” unter Führung eines Unteroffiziers von dannen zieht, um sich an einer ihm bezeichneten Stelle „aufzubauen”

Jedem Gefecht soll ein „Idee” zu Grunde liegen, und zwar soll diese „Idee”, damit die Leute auch „wirklich” etwas lernen und im Stande sind, sich in die Gefechtslage hineinzuversetzen, jedesmal eine andere sein.

„Hört mal zu, Leute,” beginnt jetzt der Hauptmann seine Rede, „wie Ihr wohl noch wissen werdet, legte ich dem letzten Gefecht die Idee zu Grunde, daß wir zu einem Westdetachement gehörten und von diesem abgezweigt waren, und(1) nach dem Dorfe Aberg zu marschieren. Wir sollten nachsehen, ob sich dort noch feindliche Kräfte befinden. Heute haben wir nun einen neuen Auftrag. Heute gehören wir zu einem Ostdetachement — merkt Euch das wohl, Leute, das ist sehr wichtig, das muß Jeder wissen!”

Warum das sehr wichtig ist und warum das Jeder wissen muß, weiß, glaube ich, der Hauptmann selbst nicht. Doch, pardon, ich thue ihm bitter Unrecht, er weiß es doch, denn soeben sagt er mit erhobener Stimme, „das muß Jeder wissen, denn wenn nachher der Herr Major oder gar der Herr Oberst kommen sollte und Ihr nicht wißt, was los ist, ist der Teufel los.”

„Wir gehören also zu einem Ostdetachement,” fährt der Hauptmann fort. „Dasselbe hat uns abgezweigt mit dem Auftrag, nach dem Dorfe Aberg zu marschiren. Das vorige Mal sollten wir in Erfahrung bringen, ob sich dort noch ein Feind aufhielte — heute wissen wir, daß ein schwacher Gegner dort ist, und diesen sollen wir zurückschlagen. So, nun wißt Ihr Bescheid!”

Der Hauptmann lüftet ein wenig den Helm, ihm ist warm geworden; so leicht ist es doch nicht, so einfach auf Befehl eines Vorgesetzten immer eine neue Idee zu gebären. Na, nun ist das Geisteskind ja da, und in diesem Sinne kann das Gefecht beginnen.

„Kriegsgemäß” ist die Losung, die ausgegeben wird, dann tritt „die Spitze” — ein Offizier, ein Unteroffizier und acht Mann — den Vormarsch an. Der Rest der Kompagnie legt sich auf den Bauch, nicht um zu schlafen, sondern um sich den Blicken des Feindes zu entziehen. Es wäre ja auch schrecklich, wenn der böse Feind, der mit der Kompagnie zusammen marschirte, wüßte, wie groß die Heldenschaar ist, die ihm Tod und Verderben geschworen hat.

Der Leutnant geht mit seiner Spitze durch die ihn umgebende Natur. Er hat Muth in der Brust und regt sich weiter nicht auf — er weiß ganz genau: sobald er mit seiner Spitze die vor ihm liegende kleine Anhöhe erreicht hat, fällt von der anderen Seite ein Schuß. Dann hat der Feind ihn bemerkt und macht seinem weiteren Vordringen ein Ende. Er selbst wird sich hierauf mit seinen Leuten hinlegen, das Feuer eröffnen, seinem Hauptmann Meldung schicken und daraufhin von dem Rest der Kompagnie unterstützt werden. Und dann wird sich die Sache historisch weiterentwickeln.

Ebensogut wie der Leutnant wissen das auch der Unteroffizier und die Mannschaften — sie haben auf dem Gefechtsfeld schon so viel gelernt, daß ihnen zu lernen nichts mehr übrig bleibt. Aber lernen müssen sie dennoch etwas, schon aus dem einfachen Grunde, weil es befohlen ist. Mit vieler List und Tücke nähern sie sich der Anhöhe und ohne einen weiteren Befehl abzuwarten, werfen sie sich, oben angekommen, auf den Bauch. Um das Feuer gleich eröffnen zu können, legen die Leute den Sicherungsflügel herum, und dabei geht einem Mann das Gewehr los.

Es fällt ein Schuß.

Der Leutnant hat gar nicht darauf geachtet, daß dies kein „feindlicher”, sondern ein „freundlicher” Schuß ist, er freut sich, daß überhaupt geschossen wird: „Na ja also,” sagt er sich, „ist ja einmal wieder Alles in schönster Ordnung,” dann kommandirt er, wie er es schon das letzte Mal gethan hat und wie er es auch bei dem nächsten Mal thun wird:

„Geradeaus — feindliche Schützen, Visir 800 — Schützen–Feuer!”

Das Feuer beginnt, die Leute schießen ein Loch nach dem andern in die Natur, und der Vorschrift gemäß gehen sie bei dem Laden mit dem Kopf in Deckung, um erst bei dem Schießen wieder sichtbar zu werden.

Von hinten her besieht sich der Hauptmann das Verhalten und das kriegsgemäße Benehmen seiner Leute an: er ist wohl mit ihnen zufrieden, am meisten aber lobt er sich selbst: Die ganze Anlage und Leitung des Gefechts ist auch heute wieder einmal tadellos. Die Leute müssen ja bei ihm etwas lernen, selbst wenn sie nicht wollen, und erbarmungslos sperrt er Jeden drei Tage ein, der da etwa nicht wollen wollte, das wäre noch schöner, nicht wollen, das gibt es nicht!

Da naht im Galopp eine Patrouille, die die Verbindung mit der Spitze und der Kompagnie aufrecht erhielt; die Kerls laufen, daß ihnen die Zunge bis auf die Patronentasche hinaushängt.

„Schöne Zungen,” denkt der Hauptmann, dann fragt er interessirt, als habe er keine Ahnung, was denn im Vorgelände los sei: „Nun, was gibt's?”

Dreimal schnappen die Leute noch nach Luft, dann ziehen sie kurz und energisch, wie sich das für einen Soldaten gehört, der dafür pro Tag zweiundzwanzig Pfennig erhält, die Zungen ein und sagen: „Meldung von der Spitze: der Herr Leutnant lassen melden, der Unteroffizier Haase, der den markirten Feind führe, sei garnicht da. Das Gewehr, das losgegangen sei, sei Meier seins gewesen und Meier sei an dem ganzen Unglück Schuld.”

„So'n Rindvieh!” tobt der Hauptmann, und ich will es hier nicht untersuchen, ob er damit sich selbst, seinen Leutnant, den Unteroffizier oder den Meier meint.

Er gibt seinem Gaul die Sporen, um nach vorne zu reiten und um sich die Schw — nein, die Schererei anzusehen; aber mit einem lauten Schmerzensschrei bricht er fast zusammen. Er hat nicht daran gedacht, daß er abgestiegen ist und hat sich den rechten Sporen in den linken Unterschenkel geschlagen.

Freue Dich, Pferdchen!

Das Streitroß wird herbeigeführt, er klettert in den Sattel und stürmt von dannen — gerade auf die Schützenlinie los.

„Ach wie nett, ach wie nett, ist die Paula vom Ballet!” denkt der Leutnant, als er den Hauptmann mit dunkelrothem Kopf auf sich zukommen sieht, „ob der Häuptling wohl ebenso nett ist? Ich wollt', der Gaul verlöre mit einem Mal alle vier Beine, dann hätte dieser Ritt wenigstens vorläufig ein Ende, und ich könnte mich in aller Ruhe auf eine Ausrede besinnen.”

Aber die Angst des Herrn Leutnants ist unnöthig, der Hauptmann hält sich gar nicht bei ihm auf, der stürmt weiter, immer weiter, mit dem ihm innewohnenden Heldenmuth direkt auf die feindliche Abtheilung zu, die er endlich entdeckt hat. Denn nicht nur, weil er Hauptmann ist, sondern hauptsächlich, weil er zu Pferde einen besseren Ueberblick hat, sieht er weiter als die Leute, die zu Fuß herumlaufen.

Als der Unteroffizier, der sich verlaufen hat, seinen Hauptmann kommen sieht, überlegt er, ob er nicht „auf der Hinterhand” kurz Kehrt machen und davon laufen kann. Er weiß, daß selbst wirkliche Feinde sich bei einem Angriff unter Umständen so benehmen, und er ist dich nur „ein markirter”. Er wendet sich wirklich zur Flucht unter dem Vorwande, sich auf den richtigen Platz begeben zu wollen, aber ein donnerndes: „Bleiben Sie stehen oder ich reite Sie um!” klingt an sein Ohr. Dann bleibt er stehen und läßt sein Schicksal über sich ergehen, ach, und das Schicksal ist oft hart und unerbittlich.

Endlich hat der Vorgesetzte den Untergebenen, wenn auch nicht gerade in wohlwollender Weise instruirt, an welchem Fleck der Erde der markirte Feind aufzubauen sei und warum gerade da und nicht wo anders. Nun reitet der Hauptmann zu seiner Truppe zurück; die soll ja heute etwas lernen; der Herr Oberst verlangt es, und erst kürzlich hat er wieder gedagt: „Meine Herren Hauptleute, ich wünsche, daß dem Mann bei den Kompagnie–Gefechten Gelegenheit geboten wird, die geistige Fähigkeit zu entwickeln. Beim Exerzieren sind die Beine die Hauptsache, beim Gefecht der Kopf.”

Wie jede Bemerkung des Herrn Oberst ist auch diese sehr tiefsinnig; es ist eine bekannte Thatsache, daß die Augen, soweit es keine Hühneraugen sind, im Kopf sitzen. Ohne Kopf und damit ohne Augen kann selbst der beste Schütze nicht schießen, geschweige denn ein schlechter.

Der Hauptmann ist sehr traurig, nun ist er schon beinahe zwei Stunden von der Kaserne weg, aber seine Leute haben noch nichts gelernt.

„Die Spitze eintreten!” ruft er seinem Leutnant zu, und der begibt sich mit seinen Leuten in die Kompagnie zurück. Er macht sich auf einen gewaltigen Anpfiff gefaßt und Herr Meier erwartet die obligaten drei Tage — aber der Hauptmann hat sich an seinem Unteroffizier „abgekaut”, er ist nicht mehr in der „Geberlaune”. Er begnügt sich damit, seinem Offizier ein „Aber Herr Leutnant!” und dem Meier ein „Schafkopf!” zuzurufen — das läßt jedoch Beide völlig kalt.

Das Gefecht beginnt von neuem — damit jetzt aber auch andere Leute etwas lernen, wird eine neue Spitze genommen.

Und dieses Mal hat der Hauptmann Glück, der Schuß, der dieses Mal abgegeben wird, als die Spitze sich der Höhe der Situatiion genähert hat, kommt vom Feind.

Der Offizier läßt halten, eröffnet das Feuer, selbstverständlich mit dem Visir 800, schickt seine Meldung ab und erwartet Verstärkung.

Die kommt dennn auch, der Leutnant braucht sich gar nicht umzusehen, er hört das Klappern — nicht das des Storches, sondern das der unordentlich aufgeschnallten Kochgeschirre, und ohne sich das Geringste dabei zu denken, kommandirt er:

„Lebhafter feuern!”

Fünf Patronen hat der Mann aber nur, und so setzt der Offizier dem hinzu: „Nur eine Patrone verfeuern!”

Nur Soldaten bringen das Kunststück fertig, mit einerPatrone lebhafter zu feuern, als mit den zweien oder dreien, die sie schon verschossen haben.

Der erste Zug verstärkt die Spitze links, der zweite Zug rechts — sprungweise geht man nun vor. Erst springt der eine Zug und dann der andere — Alles geht nach Schema F. Wenn der andere Zug anfinge, würde es ein Unglück geben. Bis auf dreihundert Meter springt man heran an den Feind.

Nun heißt es den Gegner „mit Feuer niederkämpfen”, soweit dies nicht schon auf den Feuerstationen, die jedem Sprung folgten, geschehen ist.

„Schnellfeuer!” kommandiren die beiden Zugführer und setzen dann hinzu: „Den Rest der Patronen verfeuern!”

Bange, erwartungsvolle Stille — endlich haucht eine einzige Platzpatrone mit einem leisen Seufzer ihr Dasein aus.

Die Munition ist verschossen, das „Schnellfeuer” beendet.

Von hinten naht der letzte Zug geschlossen als Unterstützungstruppe. Die beiden Trommler und die beiden Spielleute schlagen und blasen den Avancirmarsch und die beiden Zugführer vorne in der Schützenlinie befehlen: „Lebhafter feuern!”

Noch lebhafter als Schnellfeuer und noch dazu ohne Patronen?

Aber Herr Leutnant!

Nun ist der Unterstützungstrupp heran und zuerst im Schritt, dann im „Marsch–Marsch” mit lautem Hurrah wirft man sich auf den Feind — Allen voran hoch zu Roß der Herr Hauptmann.

„Zum Donnerwetter, Unteroffizier, machen Sie, daß Sie mit Ihren Leuten fortkommen,” ruft er dem markirten Feind zu, und der kommandirt: „Kehrt — marsch!”

In Wirklichkeit hätte der Unteroffizier wenigstens sechzig Bajonnetstiche in der Brust.

„Auf den abziehenden Feind Verfolgungsfeuer — wer schießt, fliegt drei Tage ins Loch,” ruft der Hauptmann.

Auf zehn Meter darf nicht geschossen werden, weil das leicht ein Unglück geben kann, aber Verfolgungsfeuer soll doch abgegeben werden.

Endlich ist der böse Feind verschwunden, das Gefecht ist beendet, und nun kommt die Kritik, bei der der Hauptmann seine Leute auf das aufmerksam macht, was sie heute Morgen gelernt haben. Es ist nur gut, daß er es ihnen sagt, denn sonst würden sie es auch nicht wissen.

Er selbst weiß es zwar auch nicht, was seine Leute gelernt haben, trotzdem hielt(2) er ihnen eine lange Rede. Zuerst spricht er über das Gefecht im Allgemeinen. Wie er damit fertig ist, kommt er auf die heutige Schlacht. Er wiederholt noch einmal den Auftrag, den die Kompagnie gehabt hat, dann läßt er sich den Auftrag noch einmal von einem Mann wiederholen, um zu sehen, ob die Kerls auch wußten, was los war, und dann wiederholte er ihn selbst noch einmal. Und schließlich sagt er: „Zu weiteren Bemerkungen gibt mir das heutige Gefecht keinen Anlaß. Daß Meier ein Esel ist, wissen wir Alle, ohne daß ich es besonders zu betonen brauche.”

Ein Kompagnie–Gefecht gleicht dem andern auf ein Haar. Du großer Gott, was soll er da viel sagen — die Hauptsache ist, daß die Kerls etwas gelernt haben und am besten lernt man ja durch die Praxis.

Ergo, machen wir morgen wieder ein Gefecht, selbstverständlich dasselbe.

Seine stille Hoffnung, daß der markirte Feind sich morgen nicht verläuft, wird sich nicht erfüllen — der markirte Feind verläuft sich immer.

Die Kompagnie rückt nach Haus, und auf dem Kasernenhof geben die Leute die Patronenhülsen und die Patronenrahmen wieder ab. Alles was der Soldat zum Dienst nicht braucht, wird ihm abgenommen. Unwillkürlich faßt ein Mann nach seinem Kopf, um auch diesen abzugeben — da dringt aus der Küche ein gar lieblicher Geruch von Speck und dicken Erbsen an seine Nase.

Plötzlich sieht er ein, daß man selbst als Soldat den Schädel nicht ganz missen kann, und er läßt den Kopf sitzen, wo er der Vorschrift nach hingehört.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „um nach dem Dorfe”. (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es hier: „hält” (zurück)


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© Karlheinz Everts