Die Kommandeuse

Von Freiherr von Schlicht.
in: „Jugend”,
Münchener illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, Nr. 28 vom 9.Juli 1898,
in: „Danzer's Armee-Zeitung” vom 4.8.1898,
in: „Venloosche courant” vom 20.8.1898 ,
in: „General-Anzeiger für Hamburg-Altona” vom 22.2.1903,
in: „Die Kommandeuse” und
in: „Meiers Hose”.
(Der Text ist nicht identisch mit der gleichnamigen Erzählung
in „An die Gewehre” und in „Richtung - Fühlung - Vordermann”)


Die Gattin des Herrn Oberst und Regiments­kommandeurs befindet sich in sehr, sehr schlechter Laune und wahrlich nicht ohne Veranlassung. Gestern Abend ist großer Walkürenritt gewesen, die sogenannten Herrn der Schöpfung waren im Kasino zum Kriegsspiel und diese Gelegenheit hatte die Etatsmäßige — die Oberst­lieutenants­gattin — benutzt, um sämmtliche Damen des Regiments zu einem „Schälchen” Thee einzuladen. Die Etatsmäßige hatte geladen und sie waren Alle gekommen, wie es sich gebührt, selbstverständlich streng nach der Anciennetät. Als Erste war die jugendliche Braut eines jugendlichen Lieutenants erschienen, dann die jüngste Lieutenantsfrau, und als Schlußeffekt, wenn auch ohne große bengalische Beleuchtung, war die Kommandeuse in den Saal gerauscht. Und sie konnte rauschen, das mußte der Neid ihr lassen. In ihrer Erscheinung lag etwas ungemein Gebieterisches, man sah es ihr an, sie war zu herrschen gewohnt. — Wie elektrisirt sprangen alle Damen von ihren Stühlen auf, als sie in das Zimmer trat, selbst Napoleon hätte es in ihrer Nähe nicht gewagt, auf seinem Thron sitzen zu bleiben, sondern hätte ihr denselben mit einem sauer-süßen „prenez place, madame” eingeräumt.

„Aber ich bitte Sie, meine Damen, so behalten Sie doch Platz, aber bitte, so setzen Sie sich doch.”

Huldvollst hatte die Kommandeuse diese Worte gesprochen, aber die Walküren kannten das schöne Wort: „Richtet Euch nicht nach meinen Worten, sondern nach meinen Gedanken.”

Und der Gedanke der Kommandeuse war gewesen: „Möchte das Militär–Kabinet dem Mann derjenigen Frau gnädig sein, die da wagen sollte, sich wieder hinzusetzen, bevor ich sitze.”

Endlich saß sie, natürlich auf dem Sopha, rechts von ihr die „Majornaise”, links von ihr „die Etatsmäßige”.

Dann hatte das obligate Gespräch über die Zähnchen der Kinder, über den Soxhlet–Apparat, über die Dienstboten und das schlechte Fleisch seinen Anfang genommen. und da war das Unglaublichste geschehen: eine ganz junge Frau, die Gattin des Premier–Lieutenants Baron von Sperber, hatte es gewagt, der Kommandeuse zu wiederholten Malen zu widersprechen.

Die Frau Baronin war die Einzige, die der Kommandeuse nicht beistimmte, daß das Fleisch bei dem gemeinsamen Schlächter geradezu ungenießbar sei.

Alle waren starr gewesen und hatten abwechselnd die Baronin und die Kommandeuse angesehen — die Erstere stickte, als ob nichts vorgefallen wäre, an ihrer Handarbeit weiter, die Kommandeuse aber, die aller Blicke auf sich ruhen fühlte, machte ein Gesicht, das da zu sagen schien: „Nur ruhig, meine Damen, ich werde sie, die Sünderin, schon klein bekommen.”

Mit hoch erhobener Stimme hatte sie dann der Frau von Sperber ihre Ansicht auseinandergesetzt und ihre Behauptung, daß das Fleisch schlecht sei, eingehend begründet. Aufmerksam lauschten alle Damen, die Handarbeiten ruhten, man horchte mit angehaltenem Athem, damit man nur keins der goldenen Worte verliere.

Als die Kommandeuse geendet, sah sie sich stolz im Kreise um, sie hatte es der Frau Baronin einmal ordentlich gegeben — aber das stolze Gefühl, das ihre Brust, um nicht zu sagen ihren Busen, durchdrang, schwand sehr schnell dahin, als die Sperber ganz ruhig und gelassen meinte: „Ja, ja, es hat eben ein Jeder und eine Jede seine eigene Auffassung.”

Schrecken lähmte Alle: die Frau Etatsmäßige, die für die Waisenkinder in Kiautschou wollene Strümpfe strickte, ließ unzählige Maschen fallen; die Majornaise, die einen neuen Faden einfädeln wollte, saß unbeweglich, in der Linken die Nadel, in der Rechten den angefeuchteten Faden haltend — alle Arbeit ruhte, das schönste Wort blieb ungesprochen, der geistreichste Gedanke ungedacht.

Einer Ohnmacht nahe lehnte sich die Kommandeuse in die Sopha–Ecke, sie hatte für die Aeußerung der Sperber keine Worte; das war keine versteckte, sondern offenkundige Rebellion und Revolution.

Für den Rest des Abends wurde Frau von Sperber von allen Seiten „geschnitten”, die Kommandeuse sprach nicht mehr mit ihr und in Folge dessen war sie auch für die Uebrigen „Luft”, selbst die Hausfrau wagte es nicht, ihr etwas direkt anzubieten oder sie anzureden.

Früher als sonst trennte man sich und nach einer schlaflosen Nacht ging die Kommandeuse jetzt eregt in ihrem Zimmer auf und ab. Ihr größter Kummer am gestrigen Abend war der gewesen, daß sie sich bei ihrem Mann keinen Rath hatte holen können. Spät erst war er heimgekehrt und geduldig hörte er, während er sich auskleidete und sich darüber freute, daß seine Untergebenen ihn nicht als Sansculotten sähen, ihre Leidensgeschichte an. Dann aber sprach er das große Wort: „Ich habe genug mit den Männern zu thun, sieh Du zu, wie Du mit den Frauen fertig wirst.”

Eine halbe Minute später war er, nach Ansicht der Untergebenen leider nicht für immer, entschlafen.

Die Kommandeuse dachte aber die ganze Nacht darüber nach, wie sie mit den Frauen fertig werden sollte — vorläufig revoltirte Gott sei Dank ja nur eine, aber was dann, wenn die Revolution immer weiter um sich griffe, wenn die Walküren eines Tages geschlossen vor ihr Haus rückten und ihr den Gehorsam kündigten? Sie sah sich entthront, eine Andere saß auf ihrem Platz, und sie, die nur zu befehlen verstand, mußte gehorchen und statt „nein” immer „ja” sagen. Schauder erfaßte sie und unruhig hatte sie sich in dem breiten englischen Bett hin- und hergewälzt, sodaß ihr Lagergenosse, der theure Gatte, ein paar Mal unwillig knurrte.

Nun war es Tag, heller Tag, die Nacht mit ihren Schrecken war dahin, aber auch bei Sonnenschein machte die Revolte sich nicht besonders. Die Gefahr blieb bestehen, nur energische Maßregeln konnten helfen. So eilte die Kommandeuse denn an ihren Schreibtisch und verfaßte ein Rundschreiben in dem sie die ihr unterstellten Damen zum Nachmittagskaffee um fünf Uhr zu sich entbot — Frau von Sperber wurde gebeten, präzise vier Uhr bei der Kommandeuse zu erscheinen. „Eine Absage,” so schloß der Brief, „kann ich von Ihnen, gnädige Frau, unter keinen Umständen annehmen, da ich Wichtiges mit Ihnen zu besprechen habe.”

Fünf Minuten später trug der Diener die Einladungen aus und wieder fünf Minuten später meldete die Zofe, die zugleich Köchin und Stubenmädchen war, daß Frau von Sperber der gnädigen Frau ihre Aufwartung zu machen wünsche.

Als der Papst den berühmtesten aller Heineriche vor der verschlossenen Hausthür auf den Knieen liegen sah, konnte ihn kein stolzeres Gefühl durchdringen, als es in diesem Augenblick die Kommandeuse hatte.

„Sie kommt, sie ist da, sie sieht ihr Unrecht ein, sie bittet um Verzeihung.”

Ha, es ist doch schön, Kommandeuse zu sein, und so leicht soll es der Sperber nicht werden, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden(1). Das Programm, das sie sich gemacht, will sie durchführen, um vier Uhr soll die Sperber bei ihr antreten, dann will sie ihr einmal gehörig den Standpunkt klar machen und sie, wenn dann die anderen Damen erscheinen(2), „in Freiheit gezähmt” vorführen. Das soll der herrlichste Augenblick ihres Lebens werden.

Auf die Knie mit ihr!

„Nehmen gnädige Frau Besuch an?”

Die Zofe, die Angst hat, daß, ihr die Milch in der Küche anbrennt, wiederholt die Frage.

„Sagen Sie der gnädigen Frau, ich wäre nicht zu sprechen.”

„Wird die gnädige Frau sich nicht wundern, wenn ich ihr gar keinen näheren Grund angebe, soll ich nicht sagen, die gnädige Frau wäre bei der Toilette?”

Die Zofe fragt's — Dienstboten haben oft mehr Takt als die Herrschaften — aber stolz antwortet die Kommandeuse: „Ich bin nicht zu sprechen. Dabei bleibt's. Gehen Sie.”

Das Mädchen verschwindet und die Herrin des Hauses lehnt sich glückselig in einen Schaukelstuhl. „Hoffentlich, meine liebe Frau von Sperber, werden Sie die Absicht merken und verstimmt werden. Mein Brief, den Sie bei meiner Rückkehr zu Hause vorfinden, wird das Seinige dazu beitragen, Ihre schlechte Laune zu erhöhen. Sie werden weinen, die Hände ballen, mit den Füßen stampfen und schwören, heute Nachmittag um vier Uhr nicht zu mir zu kommen. Sie werden diesen Eid bis um zehn Minuten vor vier halten, dann aber überfällt sie die Angst, Sie kleiden sich in fünf Minuten an und treten zehn Minuten später mit verweinten Augen, die sie auf Zahnschmerzen zurückführen, zu mir ins Zimmer. Ich kenne meine Damen, es ist nicht das erste Mal, daß ich eine zu mir bestellt habe, und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Ich muß die Zügel etwas straffer anziehen, so geht es nicht weiter, sonst läuft mir mein ganzes Regiment auseinander — der Fall Sperber zeigt, wohin die Nachsicht führt. Ueberhaupt ist unter meinen Damen nicht Alles wie es sein sollte, die Aschenbach treibt einen unerhörten Luxus mit Toiletten, sie hat in dieser Saison schon den dritten neuen Hut. Ich möchte nur wissen, wie die Frau das macht, und die Reitzenstein soll ihrer Köchin schon wieder gekündigt haben. Auch bei Benenfels ist nicht alles so wie es sein sollte; daß sie hie und da eine Cigarette raucht, will ich noch durchgehen lassen, obgleich ich es lieber sähe, wenn die Damen meines Regiments nicht rauchten, aber daß sie Reformbeinkleider(3) trägt, wie ich neulich durch Zufall entdeckte, finde ich unerhört, das ist denn doch zu wenig chic. Und die Hempel erwartet schon wieder ein Kind, das ist nun schon das sechste, und er ist immer noch zweiter Klasse, wohin soll das führen? Die arme Frau thut mir leid, aber sie hat gewissermaßen ja auch Schuld. Ich halte es für meine Pflicht, einmal ernstlich mit meinen Damen zu sprechen — ach wenn es doch erst Vier wäre.”

Und es wird vier Uhr, der Himmel hat ein Einsehen, es wird sogar ein halb fünf Uhr und die Sperber ist immer noch nicht da.

Die Kommandeuse geht in ihrem Zimmer auf und ab wie Herzog Alba da er Oranien erwartete, der klug genug war, nicht zu kommen.

Sollte auch die Sperber so klug sein? Fast scheint es so.

Da öffnet sich die Thür, und gleich hinter dem Mädchen tritt die Sperber in den Salon.

Die Kommandeuse ist ganz Vorgesetzte: Gehorsam heischende Strenge spricht aus ihren Zügen, sie reicht dem Besuch nicht die Hand, sie blickt ihn nur strafend an; selbst ein Wüstenlöwe würde sich vor diesem Blick schaudernd das eigene Fell über das Gesicht ziehen.

Aber die Sperber schlägt nicht einmal die Augen nieder — mit Genugthuung bemerkt die Kommandeuse, daß sie verweint sind, also ganz verdorben ist die Sperber doch noch nicht.

Die Kommandeuse will eben mit der wohlpräparirten Rede beginnen, da ergreift, jeder Subordination und jeder Disziplin zum Hohn, Frau von Sperber das Wort:

„Gnädige Frau, es ist zu liebenswürdig von Ihnen, daß Sie die erste sein wollten, die mir die freudige Mittheilung machte. Aber vor einer Stunde haben wir von einem Bekannten aus Berlin das Telegramm bekommen. — Es wird uns ja sehr schwer, aus dem Regiment zu scheiden, aber es ist doch für meinen Mann eine große Auszeichnung und darum weiß ich mich vor Freude gar nicht zu fassen, ich muß in einem fort weinen.”

Und ein neuer Thränenstrom entquillt den schönen Augen.

Die Kommandeuse ist starr — die Frau Sperber hat vor Freude geweint! Was ist geschehen? Sie ahnt es nicht und doch darf sie ihre Unwissenheit nicht verrathen, sie muß Alles wissen, was im Regiment vorgeht, denn dafür ist sie Kommandeuse!

„Gnädige Frau, Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich nicht zu Ihrem Kaffee bleibe, ich habe soviel zu thun, morgen Mittag wollen wir schon reisen, um eine Wohnung zu miethen. Natürlich kehren wir nochmals hierher zurück, um Adieu zu sagen” — und ehe die Kommandeuse weiß, wie ihr geschieht, steht sie allein in ihrem Zimmer.

Gleich darauf erscheinen die Walküren zu dem befohlenen Kaffee, immer streng nach der Anciennetät, zuerst die jugendliche Braut des noch jugendlicheren Lieutenants und zuletzt die Etatsmäßige.

Und nun wird die große Neuigkeit stundenlang besprochen: Herr von Sperber ist unter Versetzung in ein anderes Regiment und unter gleichzeitiger Vorpatentierung auf drei Jahre zur Kriegsakademie einberufen.

Keine der Damen gönnt ihm und ihr diese Auszeichnung, die Kommandeuse am allerwenigsten. Sie hat auch wahrlich Grund zu grollen: die glänzendste Gelegenheit, als Dompteuse aufzutreten und die bezähmte Widerspenstige in allen Gangarten der hohen Schule vorzuführen, ist ihr genommen. Frau von Sperber ist ihrer Zucht entronnen, sie ist ihrem Kommando nicht mehr unterstellt. Die Opposition des gestrigen Abends bleibt unbestraft, ihr Ansehen, darüber täuscht sie sich nicht, hat etwas Schaden gelitten.

Am meisten aber ärgert sich die Kommandeuse, die in ihrem Civilleben sparsame Hausfrau ist, über diesen jetzt vollständig überflüssigen Kaffee. Um die Sache möglichst feierlich zu machen, hat sie für fünf Mark Kuchen gekauft und die werden ihr jetzt aufgegessen, ohne daß sie etwas dafür hat.

Daß die Damen die Kuchen essen, kann sie nicht verhindern, wohl aber, daß sie ihnen schmecken. Von ihrem Sopha–Platz herab, hält die Kommandeuse eine Rede an ihre Unterthanen, daß diesen Hören und Sehen vergeht — die Schuldige ist entkommen, die Unschuldigen müssen büßen. Das ist immer so beim Militär, bei den Männlein wie bei den Weiblein, und so kommt es, daß der Kommandeur ebenso unbeliebt ist, wie die Kommandeuse in hohem Maße nicht beliebt ist.


Fußnoten:

(1) In der Fassung des „General-Anzeigers für Hamburg-Altona” fehlt hier der Teilsatz „wieder in Gnaden aufgenommen zu werden”. (Zurück)

(2) In der Fassung des „General-Anzeigers für Hamburg-Altona” heißt es hier „erschienen”. (Zurück)

(3) In der Fassung des „General-Anzeigers für Hamburg-Altona” heißt es hier „Reformkleider”. (Zurück)


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