Knecht Ruprecht.

Aus der Weihnachtszeit
von Freiherrn v. Schlicht (Dresden).
in: „Kieler Zeitung” vom 17.12.1899 und
in: „Grazer Tagblatt” vom 24.12.1900


Der Umstand, daß ich meinen Wohnsitz nach einer anderen Stadt verlegte, brachte es mit sich, daß ich mir zum ersten November ein neues Kindermädchen nehmen mußte. Klara hieß die Auserwählte, die zwar von Allen, die sich meldeten, den höchsten Lohn forderte, aber dennoch, wie in dem Zeugißbuche zu lesen stand, nicht nur sittsam, treu und ehrlich, sondern auch bescheiden war. Wer kann so vielen Tugenden gegenüber standhaft bleiben? Ich nicht, Klara wurde engagirt und hielt ihren Einzug, jubelnd begrüßt von meinem fünfjährigen Herrn Sohn, der während des Monats Oktober auf ein Kindermädchen hatte verzichten müssen und sich sehr darauf freute, nicht mehr den ganzen Tag allein zu bleiben.

Klara war ein hübsches Mädchen, groß, schlank, dunkelbraune Augen, schwarzes Haar, sauber, gut angezogen — sie hielt was auf sich, wie man zu sagen pflegt, und wir hielten etwas von ihr, denn sie war nicht nur bescheiden, sondern auch treu, ehrlich und sittsam. Sie verstand es gut, mit dem Jungen umzugehen, er war still und ruhig, und der Rohrstock führte in seiner stillen Ecke ein gar beschauliches Dasein — er hielt den Winterschlaf.

Vierzehn Tage waren etwa vergangen, da sagte der Kleine eines Mittags zu mir, als wir bei Tisch saßen: „Du, Pappen, weißt Du schon, heute Abend kommt der Knecht Ruprecht.”

„Du bist verrückt, mein Junge,” sagte ich kurz und bündig zu ihm, und ich hätte vielleicht noch mehr gesagt, wenn meine Frau mir nicht durch Winke und Zeichen zu verstehen gegeben hätte, ich möchte ihm seine Freude, vor allen Dingen aber nicht seinen kindlichen Glauben rauben.

So heuchelte ich denn plötzlich großes Interesse: „Also Knecht Ruprecht kommt? Woher weißt Du denn das?”

„Klara hat es mir erzählt,” lautete seine Antwort, „heute Abend um acht Uhr kommt er, und dann klopft er an das Fenster, und dann stelle ich meinen Schuh auf die Fensterbank, und dann ist da morgen früh was ein, nicht wahr, Mutten?”

Selbstverständlich stimmte meine Frau ihm bei, aber sie war doch verständig genug, eine Einschränkung zu machen und hinzuzusetzen: „Aber nur, wenn Du ganz artig bist.”

Und er war artig, rührend artig, er sang den ganzen Nachmittag, obgleich wir erst im November waren, „O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit”. Um sieben Uhr zog er schon seine Lederschuhe aus und putzte sie selbst spiegelblank, damit Knecht Ruprecht sähe, was er für ein braves, ordentliches Kind sei. Pünktlich zur befohlenen Minute ging er ohne ein Wort des Widerspruchs in sein Schlafzimmer und ließ sich auskleiden. Jeden Augenblick fragte er: „Ist es noch nicht acht?” und als es nun draußen vom Kirchthurm schlug, da stand er still und unbeweglich. Er wagte sich nicht zu rühren, er lauschte mit angehaltenem Athem, seine großen, blauen Kinderaugen hingen gespannt an den Fensterscheiben, einmal, zweimal, dreimal.

In seinem langen, weißen Nachtgewande, mit den langen, blonden Locken stand der kleine Kerl da wie ein Engel.

„Knecht Ruprecht — Knecht Ruprecht,” flüsterte er leise und dann schlich er auf den Fußspitzen an die Fensterbank und stellte seinen Schuh hin.

„Wer hat denn an das Fenster geklopft?” fragte ich meine Frau, als wir später bei dem Abendbrot saßen.

„Die Köchin,” gab sie mir zur Antwort. „Klara hat das mit ihr verabredet, und da wir Parterre wohnen und die Mädchen vom Souterrain aus ihren besonderen Ausgang haben, konnte sie in den Garten gelangen, ohne von dem Jungen bemerkt zu werden.”

Am nächsten Morgen fand der Junge in seinem Schuh einen großen, gefüllten Karton, den wir hineingelegt hatten, und freudestrahlend theilte er uns diese große Neuigkeit mit, „und heute Abend kommt Knecht Ruprecht wieder.”

Dagegen erhob ich Widerspruch. „Nein, nun kommt er fürs Erste nicht wieder. Gestern ist Knecht Ruprecht nur durch die Straßen der Stadt gegangen und hat in die Fenster hineingeschaut und nachgesehen, wo artige Kinder sind. Das muß er wissen, damit er sich mit seinen Geschenken danach einrichten kann, damit er ungefähr weiß, wie viele Schaukelpferde, Rollwagen, Peitschen und Trompeten er zu Weihnachten braucht.”

„Hat er das denn nicht Alles fertig?” fragte mein Junge.

„Er hat natürlich Alles auf Lager,” erwiderte ich, „aber er muß die Sache doch erst aussuchen und dann in seinen großen Sack hineinstecken. Das dauert viele Wochen und erst, wenn er damit fertig ist, kommt er wieder.”

Aber er kam schon an demselben Abend wieder, Klara war nicht zugegen gewesen, als ich meine schöne Rede hielt und pünktlich um acht Uhr klopfte es wieder an das Fenster.

Nach dem Abendbrot sprach ich mit Klara. „Das geht nicht,” sagte ich ihr, „daß der Knecht Ruprecht jeden Abend erscheint, wohin soll das führen. Der Junge wird nur aufgeregt davon. Lassen Sie den Weihnachtsmann nun bitte die nächsten acht Tage nicht wieder erscheinen.”

Klara machte ein sehr trauriges Gesicht. „Wie der Herr befehlen, aber es macht dem Jungen solch' große Freude, er ist dann immer so artig und es ist doch ein so unschuldiges Vergnügen.”

Da hatte sie ja Recht, und ich nahm mein Verbot theilweise zurück, „Na, meinetwegen, aber nicht jeden Abend, davon will ich nichts wissen.”

Knecht Ruprecht erschien dennoch täglich, bis ich endlich ein energisches Veto einlegte. „Von jetzt ab erscheint er nur jeden Sonntag,” befahl ich, „an Wochentagen wird es ihm hiermit auf das Strengste verboten, an das Fenster zu klopfen. Seit vierzehn Tagen stellt der Junge jeden Abend seinen Schuh an das Fenster, wir wissen schon garnicht mehr, was wir ihm hineinlegen sollen. Man muß doch immer eine Kleinigkeit für ihn haben, zuerst gaben wir Bonbons, dann Chokolade, schließlich Geld und gestern Abend haben wir ihm in der Verzweiflung, da wir keine Süßigkeiten im Haus hatten, eine Zitrone in den Schuh gesteckt, das ist doch ein Unsinn, das müssen Sie doch selbst einsehen.”

Klara sah es ein, und das Leben nahm an den Wochentagen ohne Knecht Ruprecht seinen gewohnten Fortgang.

Eines Morgens — wir waren am Abend vorher sehr spät aus einer Gesellschaft nach Haus gekommen, erwachte meine Frau, die mit meinem Jungen in demselben Zimmer schlief, von einem geradezu wahnsinnigen Gebrüll. Vor ihr stand der Kleine, in seiner Rechten den Schuh haltend, den er sich von der Fensterbank geholt hatte.

„Aber Junge, was giebt es denn nur?” fragte meine Frau. „Mutter ist müde, Mutter will noch einen Augenblick schlafen. Weine nicht, sonst kommt Pappen mit dem Stock, warum schreist Du denn so?”

„Knecht Ruprecht hat gestern Abend an das Fenster geklopft und nun hat er mir Nichts in meinen Schuh gethan.”

Es war nur gut, daß Knecht Ruprecht diesen Schrei der Wuth, der Anklage und des Entsetzens nicht selbst hörte, es war ein Glück, daß er nicht zugegen war, sicher hätte der Junge ihn mit seinen beiden kleinen Fäusten, die aber schon ganz gut zuschlagen können, bearbeitet und bittere Rache genommen.

Der Junge wollte keine Vernunft annehmen und bekam Schläge, erst von meiner Frau und dann von mir. Die Gattin behauptete, ich schlüge „das zarte Kind” todt und entriß ihn mir endlich, es kam zwischen mir und meiner Frau zu einer sehr erregten Aussprache, der Bube heulte wie ein skalpirter Indianer, der gebraten werden soll — der eheliche Krieg war fertig, an einen Friedensschluß war in den nächsten vierundzwanzig Stunden garnicht zu denken.

Klara wünschte sich an diesem Morgen zu wiederholten Malen nicht geboren zu sein.

„Der Teufel soll Sie holen,” fuhr ich sie an, „wenn Sie noch ein einziges Mal in unserer Abwesenheit den Knecht Ruprecht erscheinen lassen. Thun Sie es dennoch aus irgend einem Grunde, so seien Sie wenigstens so verständig, uns, wenn wir nach Haus kommen, Bescheid zu sagen oder legen Sie selbst dem Jungen eine Kleinigkeit in den Schuh. Noch einmal solche Szene wie heute Morgen, und wir sind geschiedene Leute, und ich schreibe Ihnen dann ein Zeugniß, daß in Europa Sie keine Herrschaft wieder engagirt. Das merken Sie sich bitte.”

Und Klara merkte es sich und sie handelte nach meinen Worten; sie legte dem Jungen immer selbst eine Kleinigkeit in den Schuh. Der Knecht Ruprecht erschien beinahe jeden Tag wieder, denn die Saison stand in der sogenannten Blüthe, und wir waren fast Abend für Abend aus.

Da geschah es, daß mein Junge eines Nachmittags, als wir zusammen Indianer spielten und uns gegenseitig, um nicht zu sagen einseitig, die Haare auszureißen versuchten, zu mir sagte: „Du, Pappen, weißt Du schon, ich hab heute Morgen, als ich mit Klara zur Stadt war, Knecht Ruprecht gesehen.”

„Dies Kind, kein Engel ist so rein, laß Deiner Huld empfohlen sein,” dachte ich und fragte dann: „Wie sieht er denn aus?”

„Fein!” lautete die kurze, aber sehr bestimmte Antwort.

„Fein” ist ein sehr dehnbarer Begriff. Nur um zu erfahren, was mein Junge darunter verstände, zumal ich in diesem Augenblick entdeckte, daß mein Sohn und Erbe nicht ganz saubere Fingernägel besaß, fragte ich: „Hatte Knecht Ruprecht sich denn die Hände ordentlich gewaschen?”

Der Kleine dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: „Pappen, das konnte ich doch nicht sehen, er hatte ja Handschuhe an, weißt Du so ganz feine weiße.”

Ich muß ein furchtbar dummes Gesicht gemacht haben, denn mein Junge fuhr fort: „Ganz gewiß, Pappen, Du kannst es mir glauben und Du kannst man Klara fragen, die hat ihn auch geehen.”

„So?” sagte ich, nur um überhaupt etwas zu sagen, „so, die hat ihn auch gesehen.”

„Aber selbstverständlich,” gab er zur Antwort — er betonte sogar selbstverständlich, um mir dadurch meine in seinen Augen grenzenlose Dummheit vor Augen zu führen, „natürlich hat Klara ihn auch gesehen, sie hat ihn mir doch gezeigt.”

Das hätte ich mir eigentlich selbst denken können.

„Also gezeigt hat sie ihn Dir?” examinirte ich weiter, „wo war er denn?”

„In der Pferdebahn — nein, in der elektrischen.”

Ich wußte nicht weiter, aber die Sache fing an, mich zu interessiren; von einem Knecht Ruprecht, der mit weißen Handschuhen in der elektrischen Bahn saß, vermochte ich mir keine rechte Vorstellung zu machen.

„Hatte er denn seinen großen Sack bei sich?” fragte ich.

Mein Junge sah mich an, als wenn ich trotz des Novembermonats einen Sonnenstich bekommen hätte.

„Aber Pappen,” sagte er, „den trägt er doch nur Abends.”

„Richtig, richtig,” erwiderte ich, „das hatte ich ja ganz vergessen.”

Ich suchte Näheres in Erfahrung zu bringen, ohne mich von Neuem zu blamiren, und ohne ihm seinen kindlichen Glauben zu rauben.

„Dann hatte er auch wohl gar nicht seinen langen Bart?”

„Nein, Pappen, Klara sagt, den binde er sich nur am Abend um. Wollen wir nun wieder Indianer spielen? Ich bin der Häuptling und Du bist der Gefangene, und nun ermorde ich Dich,” und mit seinen beiden kleinen Händen faßte er mich an der Gurgel und versuchte mich zu ermorden.

Zu seinem lebhaften Bedauern blieb ich am Leben. „Aber Pappen, so stirb doch,” bat er und ich that, wie er wollte. Ich streckte mich lang aus und war todt, bis er mich durch einen kräftigen Fußtritt auf den Magen wieder erweckte.

„Au!” rief ich, „das verbitte ich mir. Wenn Du nicht artig bist, spiele ich nie wieder mit Dir und dann kommt Knecht Ruprecht auch nie wieder.”

„Das weiß ich nun besser,” gab er altklug zur Antwort, „ich hab' selbst gehört, wie er leise zu Klara sagte, er käme heute Abend schon um halb acht Uhr — ich sollte es nicht verstehen, aber ich hab' es doch verstanden und heute gehe ich schon um halb acht Uhr zu Bett und dann kommt Knecht Ruprecht und dann stell' ich meinen Schuh wieder an das Fenster und dann liegt da morgen früh wieder was Schönes drin.”

Der Fußtritt war vergessen, ich war wirklich ganz lebendig, denn plötzlich fiel mir ein, daß wir ja Nachmittags um sechs Uhr zu einem Diner geladen waren — sollte damit das frühere Erscheinen des Herrn Ruprecht zusammenhängen?

„Wie sah er denn sonst noch aus?” fragte ich weiter. „Hatte er vielleicht Uniform an?”

„Aber, Pappen, Du bist zu dumm,” erwiderte mein Junge mit dem Brustton tiefinnerster Ueberzeugung, „wie soll er Uniform tragen, er ist doch kein Soldat. Nein, Pappen, sieh mal, er hatte solche hellblaue Hose an, weißt Du, so ganz hell wie in den Bilderbüchern immer die Photographien von den Engeln sind, Du weißt ja, die haben immer solchen hellblauen Mantel. Und dann hatte er eine hellblaue Jacke, so ordentlich mit Litzen und auf den Schultern trug er kleine goldene Flügel, und Klara sagte, wenn es Abend ist, dann wachsen die Flügel und werden ganz groß, und Knecht Ruprecht fliegt dann von einer Stadt zur anderen.”

Klara hatte eine Phantasie und eine Ueberredungskunst, um die ein Reichtags­abgeordneter sie beneiden konnte. Auf jeden Fall nahm ich mir vor, mir den Knecht Ruprecht einmal etwas genauer anzusehen. Ich hütete mich, meiner Frau etwas zu sagen, die hätte es vielleicht für richtiger gehalten, mit dem Mädchen selbst zu sprechen, und ging um sechs Uhr zu dem Diner. Zufälliger Weise wohnten unsere Freunde ganz in unserer Nähe, nur wenige Schritte von uns entfernt. Präzise ein Viertel nach sieben Uhr bekam ich, wenigstens in der Einbildung, heftiges Nasenbluten, ich ging hinaus, zog mir meinen Paletot an, ergriff meinen sehr solide gebauten Handstock und legte mich dann in meinem Garten auf die Lauer.

Ich brauchte nicht lange zu warten: mit dem Glockenschlag ein halb acht Uhr klopfte ein Ulan an das Schlafstubenfenster.

Daß mein Junge die Uniform nicht erkannt hatte, lag daran, daß es in unserem früheren Wohnort nur Infanterie und Husaren gegeben hatte, und wie sich später herausstellte, hatte Klara meinem Jungen beigebracht, andere Soldaten gäbe es überhaupt nicht.

Gemüthlich seine Zigarre rauchend, ging der Ulan auf den schneebedeckten Wegen im Garten ruhig auf und ab, er wartete, bis das Mädchen den Jugen zu Bett gebracht hatte.

Meinen Spazierstock fester fassend, trat ich der bewaffneten Macht entgegen.

„Ach verzeihen Sie gütigst,” bat ich, „sind Sie vielleicht der Knecht Ruprecht?”

Er gab keine Antwort, der Schrecken mochte ihm in die Glieder gefahren sein, für einen Augenblick stand er wie gelähmt, dann aber nahm er Reißaus.

Das aber war nun nicht nach meinem Sinn, denn ich hatte gedacht, ein gar ernstes Wort mit ihm zu sprechen, und voll Ingrimm, daß ich die Gelegenheit heirzu verpaßt, schleuderte ich ihm meinen Spazierstock nach.

Was ich nie gehofft hätte, trat ein — der Stock kam ihm zwischen die Beine, Knecht Ruprecht stieß einen wilden Fluch aus und lag der Länge nach auf der Erde. Aus seiner Nase, mit der er auf einen Stein gefallen war, floß dickes Blut — meine Rache war gekühlt.

Am nächsten Tag kündigte ich nicht nur der Jungfrau Klara, sondern auch meiner Köchin, die mit ihr unter einer Decke gesteckt hatte — es herrschte Heulen und Zähneklappern.

Als mein Junge am Mittag von seinem Spaziergang mit dem Kindermädchen zurückkam, war er in Thränen aufgelöst.

„Was giebt es denn nur?” fragte ich.

„Knecht Ruprecht kommt nicht wieder,” heulte er, „wir haben ihn wieder gesehen und er hat zu Klara gesagt, er käme nun nicht mehr.”

Es bedurfte aller Süßigkeiten, die im Haus waren, um seine Thränen zu stillen.

„Er wird schon wieder kommen, wenn auch in anderer Gestalt,” tröstete ich ihn.

„Warte nur ab, mein Junge, er wird schon wieder kommen.”


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© Karlheinz Everts