Grenadier Kleinemann.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Deutsche Romanzeitung” 52.Jahrgg. 1915, 2. Band, Seite 19 - 22 und 43 - 45 und
in: „Unsere Feldgrauen”


Es war wirklich die reinste Ironie, daß der längste Kerl, den das Grenadierregiment aufzuweisen hatte, ausgerechnet Kleinemann hieß, und so unterließ es bei den zahllosen Friedens­besichtigungen selbstverständlich kein Vorgesetzter, dem baumlangen Menschen väterlich-wohlwollend zuzurufen: „Na, da freuen Sie sich nur, daß Sie nur Kleinemann heißen, und nicht nur ein kleiner Mann sind.” Diese Worte waren weder lustig noch humoristisch, aber sie sollten trotzdem als Witz gelten, das war der Wille des Vorgesetzten, der diesen Witz gemacht hatte, und demgemäß wurde er auch jedesmal aufs neue belächelt. Selbstverständlich diskret, nur halblaut, aber doch so laut, daß der, der dieses Lachen hören sollte, es auch wirklich hörte. Wenn der Herr General diesen Witz machte, lachten alle, von dem Herrn Oberst angefangen bis hinab zu dem jüngsten Leutnant. Machte aber Seine Exzellenz, der Herr Divisions­kommandeur in Gegenwart des Generals diesen Witz, da mußte als erster der Herr General darüber lächeln, und das fiel ihm nicht leicht, denn er kannte doch diesen Witz, den er sonst selbst zu machen pflegte, bis zur Bewußtlosigkeit. Aber lächeln mußte er trotzdem, denn wenn er nicht lächelte, wie konnte er da bei der nächsten Gelegenheit von seinen Untergebenen erwarten, daß sie lachten.

Nur an einem ging diese witzliche Geschichte, wie ein Frechdachs die einmal getauft hatte, spurlos vorüber. Das war der Grenadier Kleinemann. Wenn auch tausend Vorgesetzte über einen Witz lachten, der seiner Person galt, er durfte nicht mitlachen, das verboten die Disziplin und die Subordination. Lachen durfte er nicht, er konnte sich höchstens seinen Teil denken. Aber der Grenadier Kleinemann tat nicht einmal das, denn nach der gewissenhaften Überzeugung seines Sergeanten, dem die geistige Erziehung dieses Riesen in den Instruktionsstunden anvertraut war, besaß der nicht für einen halben Pfennig des doch für jeden Menschen unentbehrlichen geistigen Fluidums. Der Mann blieb auf alle Fragen die Antwort mit einer Ausdauer schuldig, die einer besseren Sache würdig war. Einzig und allein daran mußte es nach der Ansicht des Sergeanten liegen, daß der Grenadier Kleinemann lediglich ein Grenadier und nicht ein Potsdamer Gardist geworden war, denn der besaß sonst alles, was ein Gardist an äußeren Vorzügen gebraucht. Er war nicht nur ein baumlanger Kerl, sondern auch sonst ein Riese an Kraft und Ausdauer, dazu ein hübscher Mensch, mit einem frischen, gutmütigen, wenn auch etwas beschränktem Gesichtsausdruck. Als er bei seinem Dienstantritt eingekleidet werden sollte, waren ihm alle Röcke über der mächtigen Brust zu eng, alle Ärmel zu kurz, und er hatte in der Uniform ausgesehen wie ein Erwachsener, der sich aus Übermut einen Knabenanzug angezogen hat. Es war nichts anderes übrig geblieben, als für ihn besondere Uniformen anfertigen zu lassen, und bis die fertig waren, hatte er seinen Dienst in den Zivilkleidern getan. Aber als er dann endlich im bunten Rock dastand, da bot er einen Anblick für die militärischen Götter, so brillant sah er aus. Und sehr bald wurde er auch sonst ein ausgezeichneter Soldat, für den die Worte Müdigkeit und Schlappheit nicht existierten. Nach dem längsten, anstrengendsten Marsch war er so frisch, als sei er höchstens ein paarmal in der Stube auf und ab gegangen. Ihn drückte weder das Gewicht des schweren Tornisters, noch das des Gewehrs, und oft genug kam es vor, daß er auf der Schulter zwei Flinten trug, wenn er sah, daß der eine oder der andere der Kameraden schlapp zu werden drohte. Am liebsten hätte er den anderen dann auch noch die Tornister abgenommen und die auf seinen mächtigen Rücken gehängt, aber das ging nicht, weil er nicht wußte, wie er die dort befestigen sollte. Er war ein Riese an Kraft und Ausdauer, und dann von einer Ruhe, die durch nichts zu erschüttern war. Nur als die Kriegserklärung kam, und als es hieß: das Regiment geht in fünf Tagen an die Grenze, da geriet auch er für eine kurze Sekunde aus dem Häuschen, und das bewies er dadurch, daß er sich in die rechte Faust spuckte. Aber wie spuckte er, wenigstens wie drei andere zusammen! Dann aber war er wieder der alte, und wenn die Kameraden bei dem Empfang der Sachen, bei dem Einkleiden oder später auf der Stube erregt über den Krieg sprachen, ihn ließ das ganz kalt. Er verstand die anderen auch gar nicht, was gab es da viel zu reden? Der ganze Unterschied zwischen dem Frieden und dem Krieg bestand doch einzig und allein darin, daß man im Gefecht mit scharfen Patronen und nicht wie bei den bisherigen Friedensgefechten mit Platzpatronen schoß. Daß aber auch der Feind mit scharfen Patronen anstatt mit Platzpatronen wiederschießen würde, daran dachte er gar nicht, und als er das tat, da ließ es ihn kalt.

Unmittelbar nach Beendigung der langen Eisenbahnfahrt an die Grenze mußte sein Regiment sofort einen Marsch von mehr als vierzig Kilometer zurücklegen, um in ein großes Gefecht einzugreifen, das schon seit zwei Tagen im Gange war. Freund und Feind kämpften wie die Löwen, keiner wollte weichen, nur die Übermacht konnte die Entscheidung bringen. Die eigene, starke Heeresmacht, die im Kampfe stand, brauchte Verstärkung. Die wurde von allen Seiten herangezogen, auch das Grenadier­regiment mußte mit. Im Eilmarsch, so schnell die durch die lange Fahrt steif gewordenen Glieder es nur erlaubten, ging es vorwärts, bis man endlich das Schlachtfeld erreichte, und bis das Regiment entwickelt wurde. Die Grenadiere erhielten den Befehl, ein vom Feind stark besetztes Dorf zu nehmen. Ehe es zum Sturmangriff ging, galt es natürlich zuerst, die vor das Dorf vorgeschobene feindliche Infanterie im Feuergefecht niederzukämpfen. Das Feuer wurde eröffnet, und der Feind antwortete mit einem Hagel von Geschossen. Es war das erstemal, daß die Truppe sich in einem wirklichen Gefecht befand, und wenn die Grenadiere auch alle noch so tapfer waren, unwillkürlich nahm doch mancher zuerst den Kopf beiseite, oder duckte sich ängstlich nieder, wenn die Geschosse zu hunderten durch die Luft zischten und pfiffen. Nur den Grenadier Kleinemann ließ die Sache kalt, denn den Rummel kannte er doch auch schon vom Frieden her. Bei einer Gefechtsübung mit scharfen Patronen auf dem Truppenübungsplatz hatte er einmal mit ein paar Kameraden zusammen in der Anzeigerdeckung gesessen und das Ziel bedient: eine für wenige Minuten sichtbar werdende Kavalleriescheibe, auf die seine Kompagnie Schnellfeuer abzugeben hatte. Tausende und abertausende von Kugeln waren damals über sie hinweggegangen. Es hatte sich angehört, als wenn die Luft fortwährend mit einer langen Peitschenschnur geteilt würde. Ein huiiii — huiii hatte das andere abgelöst, hunderte huiiis hatten zu gleicher Zeit an ihr Ohr geklungen, aber er hatte mit keiner Wimper gezuckt. Gewiß, damals saß er in sicherem Schutz fast drei Meter tief in die Erde eingegraben, und jetzt lag er ohne jede Deckung auf der Erde. Aber war das eigentlich ein Unterschied? Das huiiii — huiii war genau dasselbe, und wenn die Kerls da drüben nicht einmal Kanonen hatten, warum ging man da nicht gleich gegen sie vor und gab ihnen einen Tritt vor den Leib, daß sie in einem Satz bis hinter Paris flogen, wo sie hingehörten? Wenn man nur wenigstens sehen könnte, ob und wie die einzelnen Kugeln da drüben einschlugen. Aber im Liegen war das nicht möglich. So richtete er sich denn plötzlich höher und immer höher auf, bis er endlich in seiner ganzen Länge aufgerichtet dastand, er als einziger in der ganzen Kompagnie, selbst sein Hauptmann war vom Pferd gestiegen und lag dicht neben ihm in der Schützenlinie. Der war es denn auch, der ihn gleich darauf anbrüllte: „Grenadier Kleinemann, sind Sie denn ganz verrückt geworden — hinlegen — hinlegen!”

Dem Befehl mußte er gehorchen, aber das tat er nur ungern. Im Stehen hatte er doch wenigstens etwas von dem sehen können, was da drüben vorging. Und daß er stehend freihändig zum mindesten ebenso gut traf wie im Liegen, das mußte sein Hauptmann wissen, der hatte ihn doch oft genug dafür belohnt, daß er auf dem Schießstand stehend eine vierundzwanzig nach der anderen schoß. Er hatte sich ja auch die Schießabzeichen verdient, und wenn er schon auf dem Scheibenstand traf, dann würde er es hier doch erst recht tun. Warum sollte er sich da wieder hinlegen? Da macht man sich doch nur die Uniform schmutzig, und hatte nachher lange damit zu tun, bis die wieder rein war. So legte er sich denn ärgerlich wieder auf den Bauch, um weiter zu feuern. Einen wohlgezielten Schuß nach dem anderen jagte er den Franzosen in die Rippen, aber zwischen jedem Schuß drohte er denen da drüben stumm und schweigend mit der geballten, mächtigen, rechten Faust, als wollte er ihnen zurufen: „Kinder, meine Patronen sind gar nichts, denn wenn ihr Glück habt, dann gehen die nicht nur vorn hinein, sondern auch hinten wieder hinaus. Daß euch meine Patronen nicht sonderlich imponieren, das glaube ich euch schon, aber wartet nur, bis ich nachher selber komme, mit den Fäusten und mit den Kolbenschlägen. Wo die hinsausen, da bleibt kein männliches Auge trocken, darauf könnt ihr euch verlassen. Na, hoffentlich ist es bald soweit, denn diese Schießerei wird auf die Dauer langweilig.”

Und kaum war er mit seinen Gedanken bei diesem Schlußergebnis angelangt, als auch der Befehl zu dem sprungweisen Vorgehen erfolgte. In einer endlos langen Linie stürmten die Leute vor, rechts das zweite Bataillon, links das erste, das dritte Bataillon geschlossen weiter zurück als Reserve. Und in der Mitte der langen Linie, unmittelbar vor dem Grenadier Kleinemann wurde ihnen allen die Fahne zum Sieg vorangetragen. Bevor aber der Sieg kam, hieß es noch einmal, den Gegner unter starkes, mörderisches Feuer nehmen: „Halt — hinlegen — gerade aus auf die feindlichen Schützen — Schnellfeuer!”

Gleich darauf hagelten denen drüben die Geschosse um die Ohren, als schlügen in einem tobenden Ungewitter dichte Hagelschauer auf sie ein. Wohl zehn Minuten dauerte dieses mörderische Schießen, dann kam das Signal: „Seitengewehr pflanzt auf!” Das blitzblanke, verdammt scharfe und spitze Faschinenmesser wurde oben auf den Gewehrlauf geschoben, und dann das Signal zum Avancieren. Die Hörner schmetterten, die Trommeln wirbelten, dann ging es vorwärts, zuerst noch im Schritt, erst die letzten fünfzig Meter mit marsch-marsch, hurra!

Ihnen allen voran auch jetzt die Fahne, bis dann plötzlich unmittelbar vor der feindlichen Stellung der Fahnenträger hinstürzte. Mit einem Sprung war der Grenadier Kleinemann neben ihm und beugte sich über den am Boden liegenden, dessen Händen jetzt die Fahne entglitten war, sodaß sie neben ihm auf der Erde lag.

„Was haben der Herr Unteroffizier denn nur?” fragte der Grenadier voller Teilnahme. „Sind der Herr Unteroffizier verwundet, oder nur mal so in irgendein verdammtes Loch getreten und ein bißchen was hingefallen? Soll ich dem Herrn Unteroffizier wieder auf die Beine helfen?” und hilfreich streckte er dem seine beiden Hände entgegen.

Der aber griff sich nach der Brust: „Mit mir ist es aus — grüß die Heimat — mich laßt liegen, aber die Fahne — meine Fahne.”

Richtig, die Fahne, da lag sie auf der Erde, und der Grenadier Kleinemann sah voll ingrimmiger Wut, aber auch voller teuflischer Freude, wie zwei feindliche Hände sich nach der Fahne ausstreckten. Vorsichtig, auf allen vieren kriechend, leise und unhörbar waren zwei Franzosen, als sie den Fahnenträger vor sich hatten fallen sehen, herangeschlichen und streckten nun, beide unmittelbar nebeneinander liegend, die Hände nach der Fahne aus. Der eine seine Rechte, der andere die Linke. Schon hatten sie den Fahnenstock ergriffen, als sie plötzlich einen wahnsinnigen Schrei ausstießen. Mit der ganzen Schwere seines Körpers, mit seinen beiden mächtigen Füßen und den schweren, nägelbeschlagenen Stiefeln hatte der Grenadier Kleinemann auf diese beiden Hände getreten, und er mußte gut zugetreten haben, denn deutlich hörte er, wie etwas unter seinen Füßen zerbrach. Sicher hatte er den beiden Kerls die Hände breit getreten, daß die Knochen knackten und zersplitterten. Auf jeden Fall heulten und winselten die Franzosen nicht schlecht und versuchten, ihre Hände, einerlei, ob heil oder zu Brei getreten, wieder frei zu bekommen. Aber die saßen fester als in einem Schraubstock eingepreßt, und mit wahrer Wollust betrachtete der Grenadier die beiden Franzosen, die derartig in seiner Gewalt waren, daß sie nicht einmal von ihrer Waffe Gebrauch machen konnten. Dann aber erhob er sein Gewehr und mit einem mächtigen Kolbenschlag beförderte er die beiden, noch ehe die wußten, wie ihnen geschah, in das bessere Jenseits.

Aber als er sich gleich darauf anschickte, die Fahne aufzuheben und mit dieser seiner Kompagnie nachzueilen, da sah er sich plötzlich von einer feindlichen Übermacht angegriffen. Wieviel Kerls es waren, die da auf ihn einstürmten, wußte er selber nicht, vielleicht sechs, vielleicht acht, vielleicht noch mehr. Nur ein Glück, daß keiner von ihnen auf den Gedanken kam, auf ihn zu schießen. Sie hatten wohl ihre letzten Patronen verfeuert und verließen sich nun auf ihre Bajonette. Aber da sollten sie ihn kennen lernen, und wenn die Brüder glaubten, sie würden ihn damit aus seiner Ruhe bringen, dann befanden sie sich in einem großen Irrtum.

So ließ er denn die Kerls an sich herankommen, und als sie nahe genug waren, da schwang er sein Gewehr über seinem Kopf und erst recht über die der anderen. Einer nach dem anderen brach in sich zusammen. Nach wenigen Minuten lagen die Angreifer auf der Erde, bis auf zwei. Die hatten sich, während er sich mit der Übermacht herumschlug, leise auf der Erde schleichend der Fahne genähert und streckten nun auch ihrerseits die Hände habgierig aus, um ihm die Fahne unter seinen Füßen fortzuziehen und um die dann als willkommene Siegesbeute heimzuführen.

Der Grenadier sah es und lachte im stillen hell auf. Was die beiden sich von seinen Füßen für eine Vorstellung machen mochten! Die preußischen Kommißstiefel waren in Ordnung gewesen, als der Krieg begann, er hatte es nicht nötig gehabt wie die Franzosen, sich in eigenen Lackschuhen in das Feld zu begeben, ganz abgesehen davon, daß er in seinem ganzen Leben noch keine Lackschuhe getragen hatte.

Auch die beiden Brüder sollten ihn und seine Füße kennen lernen, und sie lernten sie kennen. Gerade, als die beiden Hände noch einmal fest zufaßten, um die Fahnenstange mit aller Gewalt an sich zu bringen, da lagen sie eingepreßt unter den riesigen Füßen, und der Grenadier Kleinemann mußte abermals ganz gewaltig aufgetreten haben, denn wieder hörte er, wie etwas unter seinen Füßen zerbrach. Also auch die Knochen dieser Hände waren zum Teufel. Winselnd und um Gnade jammernd, sahen die Franzosen zu dem riesigen Grenadier aus, aber der kannte kein Erbarmen. Ein Kolbenschlag zur Rechten, einer zur Linken, dann lagen zwei Tote mehr vor ihm.

Die Luft war nun rein, er brauchte keine weiteren Angriffe mehr zu fürchten, so bückte er sich nieder, um die Fahne aufzuheben. Aber als er das getan hatte, da erstarrte das Blut in seinen Adern, denn nun wußte er, was vorhin so geknackt hatte. Das waren nicht nur die Knochen der französischen Hände gewesen, sondern auch die Fahnenstange selbst. An zwei Stellen war sie durchgetreten, so daß sie nun aus drei Teilen bestand. Das Heiligtum des Soldaten, das jederzeit zu beschützen auch er wie jeder andere geschworen hatte, lag nun von seinen Füßen zertreten vor ihm.

Das Entsetzen lähmte ihn. Nur ein Glück, daß wenigstens das Fahnentuch heil und unversehrt war. Aber trotzdem, der Fahnenstock war zerbrochen, wie sollte da die Fahne noch seinem Bataillon vorangetragen werden?

Ob er sich nicht selbst eine Kugel in den Kopf jagte, um der schmählichen Strafe zu entgehen, die seiner harrte? Aber nein, damit war ja auch das Fahnentuch verloren, denn es war doch sicher, daß die Feinde das fanden, wenn sie später zurückkehrten, um ihre Verwundeten aufzusuchen, oder um ihre Toten zu begraben. Ja, die Feinde durften sogar nicht einmal die abgebrochenen Stücke der Fahnenstange finden.

So nahm er denn alles, was von der einst so stolz wehenden Fahne übriggeblieben war, in die Hand und machte sich auf den Weg, um seine Kompagnie, die nach der Überwindung des gegnerischen Widerstandes weiter vorgegangen war, zu suchen. Er hatte Glück im Unglück, schon nach einer kleinen halben Stunde konnte er sich bei seinem Hauptmann wieder zur Stelle melden.

Der Vorgesetzte blickte ganz überrascht auf, er hatte in dem Gefecht und jetzt bei der Verfolgung des abziehenden Feindes den Grenadier noch gar nicht vermißt. Warum meldete der sich nur bei ihm, warum legte er sich nicht ganz einfach wieder in die Schützenlinie? Na, der Kleinemann war und blieb ja nun einmal ein dummer Peter, dem alles erst befohlen werden mußte, und so rief sein Hauptmann ihm denn zu: „Jetzt vorwärts in die Schützenlinie, wir können dort auch jetzt jedes Gewehr gut gebrauchen.”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann,” klang es zurück, „aber ich melde gehorsamst, schießen kann ich jetzt nicht, ich habe doch die Fahne.”

Der Vorgesetzte glaubte nicht richtig gehört zu haben, so meinte er jetzt: „Sie haben die Fahne, Grenadier Kleinemann? Wo ist denn der Fahnenträger, und vor allen Dingen, wo ist denn die Fahne?”

Zum erstenmal wandte sich der Vorgesetzte, der bisher auch während des Sprechens mit seinem Fernglas den abziehenden Feind beobachtet hatte, seinem Untergebenen zu, und als er bei dem keine stolz und hoch wehende Fahne entdeckte, fragte er noch einmal verwundert: „Wo haben Sie denn die Fahne?”

Da hielt der Grenadier Kleinemann sie dem Hauptmann hin: mit der linken Hand die beiden abgebrochenen Teile des Fahnenstockes, mit der rechten den übrigen kleinen Rest der Stange mit dem Fahnentuch, das der Grenadier bisher ganz trübselig auf der Erde hatte schleifen lassen. Die Fahne konnte sich ja doch nicht mehr sehen lassen, je mehr er sie verbarg, desto besser.

Der Hauptmann unterdrückte nur mühsam einen leisen Schrei des Entsetzens, als er die Bataillonsfahne in dieser Verfassung vor sich sah. Wie hatte der Schaft so zerbrechen können, hatten Freund und Feind um die Fahne gestritten, und war sie dabei in Stücke gegangen? Natürlich, so mußte es sein, aber als er diese Ansicht dem Grenadier gegenüber ausgesprochen hatte, da sagte dieser mit lauter Stimme: „Nein, Herr Hauptmann, so war es nicht, der Feind ist ganz schuldlos daran, und wenn ich auch schwer bestraft werde, ich will nicht lügen, Herr Hauptmann, und die Strafe ruhig auf mich nehmen, ich selbst — —”

Aber weiter kam er nicht. Während er sprach, sah er in das Gesicht des Vorgesetzten, und was er in dessen Zügen las, als er die Worte aussprach „ich selbst” ließ ihn jäh verstummen. Zum erstenmal in seinem Leben verlor er seine Ruhe, und er, dieser Riese an Kraft, erzitterte vor dem Blick des Vorgesetzten, der ihn nicht nur voller Wut und Zorn, sondern vor allen Dingen mit einem so unsagbaren Ekel, mit solcher unaussprechlichen Verachtung ansah, daß der Grenadier totenblaß wurde. Nicht, weil er die Strafe fürchtete, die ihn erwartete, sondern weil er sich schämte.

Lange blickte der Hauptmann den Untergebenen voller Empörung an, dann sagte er endlich, mühsam nach Worten ringend, mit einer vor innerer Erregung heiseren Stimme: „Grenadier Kleinemann, wenn Sie es mir nicht selbst eingestanden hätten, daß Sie — ich habe es ja immer gewußt, daß Sie ein dummer Mensch sind, aber daß Sie auch nicht nur ein schlechter, sondern sogar ein ehrloser Kerl sind, — so ehrlos, daß Sie angesichts des Feindes die Fahne zerbrachen und vernichteten, dieselbe Fahne, auf die auch Sie den Eid geleistet haben” — der Hauptmann schwieg eine ganze Weile, er vermochte vor Empörung nicht weiterzusprechen, bis er dann schließlich dem Manne zurief: „Was Sie getan haben, müssen Sie vor Ihrem irdischen, aber auch vor Ihrem göttlichen Richter verantworten, denn ob Sie mit dem Leben davonkommen, hängt von den Einzelheiten ab, die ich noch nicht kenne. Soviel aber weiß ich, auch wenn Sie das Leben nicht verwirkt haben sollten, dann wird man dafür sorgen, daß Sie bis zu Ihrer letzten Stunde an den heutigen Tag zurückdenken, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.”

Und da verließ den Riesen zum zweitenmal seine bisherige Ruhe. Er zitterte nicht vor dem Tode als solchen, dem hatte er oft genug furchtlos in die Augen gesehen, aber daß man ihn vielleicht standrechtlich erschießen würde, daß man ihn wie einen Franktireur an die Mauer stellte, daß fünf seiner Kameraden auf Befehl sich vor ihn hinstellen und ihn niederschössen, und daß es dann zu Hause in seiner Heimat hieß, er sei nicht eines ehrlichen Soldatentodes gestorben, sondern den eines ehrlosen Verbrechers — was da wohl seine Mutter sagen würde, die konnte sich dann doch gar nicht mehr auf der Straße sehen lassen, die Menschen würden sie verachten und beschimpfen und mit Steinen auf sie werfen, weil sie einem solchen Schuft, wie ihm, dereinst das Leben schenkte. Nur gut, daß wenigstens sein Vater nicht mehr lebte, der 66 und 70/71 in Ehren mitgekämpft hatte, der würde sich ja noch im Grabe umdrehen, wenn er hörte, daß sein Sohn — in seinem dicken Schädel tanzten und wirbelten die Gedanken bunt durcheinander, und alles, was ihn beschäftigte, spiegelte sich wider in dem Ausdruck seiner Augen, mit denen er jetzt den Vorgesetzten ansah. Und wie es kam, wußte der selbst nicht, trotz der ehrlosen Handlung, die der Untergebene beging, empfand er mit dem plötzlich so etwas wie Mitleid. Der Grenadier war bisher wirklich ein tadelloser Soldat gewesen. Nie hatte man es nötig gehabt, den auch nur zu tadeln, geschweige denn zu bestrafen, und so sagte der Vorgesetzte jetzt: „Grenadier Kleinemann, können Sie denn nicht wenigstens ein Wort zu Ihrer Entschuldigung anführen? Vertrauen Sie sich mir an, und wenn es möglich ist, will ich dann später, wenn das Gericht über Sie zusammentritt, ein gutes Wort für Sie in die Wagschale werfen.”

Und da erzählte der Grenadier seinem Hauptmann alles. Offen und frei sah er ihm dabei in die Augen, denn der sollte die Gewißheit haben, daß er die Wahrheit sagte, und daß er sich nichts erfand, um sein Vergehen zu beschönigen.

Er erzählte alles, wie zweimal feindliche Hände sich nach dem Fahnenstock ausstreckten, den er mit seinen Füßen schützte, wie er zweimal diese feindlichen Hände zertrat, nachdem er bei dem letzten Angriff sich der Übermacht erwehrt hatte, wie er fest davon überzeugt gewesen sei, daß nur die Knochen der feindlichen Hände unter seinen Füßen so laut knackten, bis er dann zu seinem Entsetzen habe einsehen müssen, daß der Fahnenstock selbst zerbrochen sei. Er verschwieg auch nicht, wie er die Waffe gegen sich selbst habe richten wollen, daß er es aber nicht tat, um die Fahne dann nicht in die Hände der Feinde fallen zu lassen.

Endlich war er mit seinem Geständnis fertig, und wenn er auch bemerkte, daß sein Hauptmann ihn jetzt mit ganz anderen Augen ansah, als vorhin, so erriet er doch nicht, was in Wirklichkeit in dem vorging. Ihm genügte, daß der Vorgesetzte ihn nicht mehr mit solcher Verachtung anblickte, und das gab ihm den Mut, nach einer kleinen Pause zu fragen: „Glauben der Herr Hauptmann auch jetzt noch, daß ich an die Mauer gestellt und totgeschossen werde?”

Da mußte der Hauptmann an sich halten, um nicht laut aufzulachen, dann aber rief er dem Grenadier zu: „Ebenso gut könnte man mich deswegen totschießen wie Sie. Für Ihr Leben brauchen Sie nichts mehr zu fürchten, dafür verbürge ich mich Ihnen gegenüber. Ich nehme auch alles wieder zurück, was ich Ihnen vorhin in der ersten Erregung zurief. Nur eins von dem halte ich aufrecht: an den heutigen Tag sollen Sie bis an Ihr Lebensende zurückdenken, darauf gebe ich Ihnen erneut mein Wort. Und nun lassen Sie den Kopf nicht mehr hängen, die Strafe wird schon anders ausfallen, als Sie glauben.”

Als wenn er jemals vor der Strafe gezittert hätte! Die hatte er ja verdient, und die mochte so hart ausfallen, wie sie wolle, die Hauptsache blieb, er würde keines ehrlosen Todes sterben.

Die Strafe, die seiner harrte, ließ ihn ganz kalt, an die dachte er gar nicht mehr, als er sich gleich darauf mit den übrigen Leuten der Kompagnie an die Verfolgung des Feindes machte. Er dachte auch an sie nicht mehr in den nächsten Tagen. Er tat es erst wieder, als eine Woche später die Kompagnie im Biwak zum Appell angetreten war, und als er von dem Hauptmann mit lauter Stimme vor die Front gerufen wurde.

Mutig und furchtlos trat er vor, nun würde er seine Strafe erfahren. Klein war die gewiß nicht, denn es hatte ja lange genug gadauert, bis die höheren Vorgesetzten sich über sie einig geworden waren.

Aber er mußte auch jetzt noch warten, bis er sein Urteil hörte. Während er vor der Front stand, erzählte der Hauptmann der ganzen Komopagnie seine Schuld, die ganze Geschichte, die er selbst damals dem Hauptmann beichtete, und während der Vorgesetzte sprach, schämte der Grenadier sich fast in die Erde, und im stillen dachte er: muß das denn sein, daß auch die Kameraden das alles erfahren? Wie soll ich denen nachher in die Augen sehen? Ist es nicht genug, daß sie wissen, wie man mich bestraft?

Und dann kam endlich das Urteil, sogar ein schriftliches. Der Feldwebel überreichte es dem Herrn Hauptmann, der nahm es in Empfang, ließ die Kompagnie stillstehen, und las dann mit lauter, heller Stimme: „Seine Majestät, der Kaiser und König, haben allergnädigst geruht, dem Grenadier Kleinemann in Anerkennung der vor dem Feinde bewiesenen Tapferkeit und in besonderer Anerkennung der Errettung der Fahne vor Feindeshand — — —”

Der Grenadier Kleinemann hörte gar nicht mehr hin, es sauste und brauste ihm in den Ohren. Hatte er denn recht gehört, statt der Strafe von der Anerkennung, und sogar sein Kaiser zollte ihm die? Aber weshalb denn nur? Wodurch hatte er diese Anerkennung verdient?

Und als dann der Hauptmann näher auf ihn zutrat und ihm das von Seiner Majestät dem Kaiser verliehene Eiserne Kreuz mit dem schwarzweißen Bande in dem Knopfloch befestigte, und ihm, ausgerechnet ihm, vor der ganzen Front die Hand reichte, da stand er wie im Traum. Er verstand von alledem nicht das geringste, er erwiderte nur den Händedruck des Vorgesetzten, und er drücke derartig wieder, daß der Hauptmann ihm entsetzt zurief: „Um Gottes willen, Grenadier Kleinemann, ich bin doch kein Franzose, lassen Sie meine Hand los, sonst drücken Sie mir auch noch meine Knochen kaputt, daß sie zu Brei werden!”

Da endlich dämmerte es in dem Schädel des Grenadiers Kleinemann auf, warum man ihm das Eiserne Kreuz verliehen hatte. Es galt nicht der vor dem Feinde bewiesenen Tapferkeit, denn von der hatte er selbst nicht das geringste bemerkt, das Eiserne Kreuz galt lediglich der Kraft seiner Füße. Und mit einem glücklichen Lächeln und voller Stolz blickte er herab auf die derben Kommißstiefel, die ihm so gute Dienste geleistet hatten!


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