Das Kinogirl.

von Freiherr von Schlicht

in: „Deutsche Zeitung Bohemia” vom 8.1.1922,
in: „Der Filmfreund”, 1.Jahrgg., Heft 2/1924 und
in: „Aber so was!”


Ich hatte Besuch von einem mir bis dahin ganz unbekannt gewesenen allerliebsten jungen Mädchen von etwa achtzehn Jahren. Und das Mädel war nicht nur hübsch, sondern sie hatte sich auch hübsch gemacht, so hübsch und verführerisch, daß ich es, wie schon so manchesmal, bedauerte, meinerseits kein Jüngling mit lockigem Haar mehr zu sein, denn sonst —

Aber in meinem Gott sei es geklagten Alter gibt es nichts mehr zu sonsten, so gab ich mir denn selbst eins auf den Mund, der sich ganz unnötig in Erinnerung an vergangene schöne Zeiten gespitzt hatte, und hörte aufmerksam und andächtig zu, als mir die wirklich sehr süße kleine Krabbe in bewegten Worten und in sehr eleganten und sicher auch sehr teuren neuen Lackschuhen und in sehr hübschen seidenen Strümpfen die bittere Not ihres Lebens schilderte, die sie zwänge, sich fortan Geld verdienen zu müssen, obgleich ihr ein so trauriges Los in ihrer Jugend an der Wiege nicht gesungen worden sei.

„Es gibt traurigere Lose als das Ihrige,” versuchte ich sie zu trösten, „zum Beispiel das meine in der Sächsischen Staatslotterie. Ich spiele es nun bald fünfundzwanzig Jahre, aber das Mistvieh ist bis heute noch nicht ein einziges Mal auch nur mit dem allerkleinsten Gewinn herausgekommen.” Dann aber fragte ich sie: „Und Ihr Brot, das Sie sich sicher sehr reichlich mit Lebertrüffelwurst und mit anderen Delikatessen belegt denken, wollen Sie sich, wenn ich richtig vermute, fortan bei dem Theater oder bei dem Kino verdienen?”

Mit leuchtenden und mit kokett klappernden Augen sah sie mich an: „Bei dem Kino, nur bei dem, denn so oft ich mich in meinem Spiegel betrachte, sage ich mir immer wieder: du bist das geborene Kinogirl.” Und als sie mir anmerkte, daß mich dieser Ausdruck, den ich noch nie gehört, überraschte, fuhr sie fort: „Es gibt doch jetzt bei uns in Deutschland zahllose Kinogirls, wie es in Amerika und in England schon seit vielen Jahren Tanzgirls gibt, bei denen es ja allerdings nur auf den guten Wuchs und auf das hübsche Gesicht ankommt. Ein Kinogirl muß selbstverständlich auch sehr hübsch und sehr gut gewachsen sein, aber das muß ferner ein angeborenes Talent für die Kinokunst besitzen.”

„Und das haben Sie selbstverständlich?”

„Ja, das habe ich,” gab sie mit einer Bescheidenheit zur Antwort, wie ich sie bisher nicht einmal bei den größten Lumpen angetroffen hatte, und mit einer ebenso großen Bescheidenheit setzte sie hinzu: „Ich werde schon in den allernächsten Tagen nach Berlin fahren und dort filmen.”

„Haben Sie denn bereits ein Engagement?” erkundigte ich mich weiter.

Aber nein, das hatte sie noch nicht und zu dem sollte ich ihr verhelfen. Ich wäre doch so bekannt (das sagte sie, nicht ich) ich hätte doch sicher so viele Verbindungen, es koste mich doch sicher nur ein Wort bei einem der maßgebenden Regisseure, und sie wäre nur, großes Ehrenwort, nur zu mir gekommen, um mich um dieses eine Wort zu bitten und um sich das von mir zu holen.

„Und was wollen Sie den später vor dem Kurbelkasten spielen?” forschte ich weiter.

„Alles,” gab sie erneut mit stolzer Bescheidenheit zur Antwort, und erklärend setzte sie hinzu: „ Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, durch mein Spiel die Kinokunst in ganz andere, moderne Bahnen zu lenken.”

„Aber was werden denn da die Henny Porten, die Pola Negri und alle andern sagen, wenn die etwas von Ihren Plänen erfahren? Die müssen dann den Thron, auf dem sie heute noch sitzen, doch ganz niederträchtig unter sich wackeln und wanken fühlen?” meinte ich so ernsthaft, wie es mir nur möglich war.

Das Kinogirl schlug ihre beiden wirklich sehr hübschen schlanken Beine übereinander, griff mit einer Selbstverständlichkeit, als rauche sie bereits im Film auf Kosten ihrer Gesellschaft, in die neben ihr stehende Zigarettenschachtel, zündete sich die fünfte Papyros an, rauchte durch die Lungen und durch die Nase und meinte dazu: „Wenn Sie selbst zuweilen das Kino besuchen, müssen Sie mir doch zugeben, daß die Porten, die Negri, und wie sie sonst alle heißen, sich längst überlebt haben. Gewiß, gekonnt haben sie sicher einmal etwas, aber ihre Kunst und ihr Spiel sind ebenso veraltet wie sie selbst. Deshalb müssen sie herunter von ihrem Piedestal, denn wie sollen wir modernen Kinogirls vorwärtskommen, wenn das Alter nicht rechtzeitig oder überhaupt nicht in der Versenkung verschwindet? Um mich persönlich ist mir ja allerdings nicht bange, ich werde mich schon durchsetzen. Ich brauche nur ein Jahr in Berlin zu sein, dann habe ich mir meinen Namen gemacht, dann wird die Welt, und nicht nur die Kinowelt, von mir sprechen.”

Und gleichsam, um mir den Beweis dafür zu erbringen, schlug das Kinogirl erneut ihre wirklich auffallend hübschen Beine, die vorübergehend beide auf dem Teppich gestanden hatten, übereinander, dieses Mal noch keuscher und dezenter als vorhin und griff erneut mit einer Selbstverständlichkeit, als rauche und spiele sie bereits in einem Film „Die Zigarettenkönigin” die Hauptrolle, in die neben ihr stehende Zigarettenschachtel. Dann kam sie auf den Zweck ihres Besuches zurück und bat mich um das Wort, nur um das eine Wort, das ihr bei den maßgebenden Berliner Regisseuren und auch sonst den Weg zum unsterblichen Ruhm, wenn auch nicht gerade bahnen, denn bahnen würde sie schon allein, so doch eröffnen und erleichtern solle.

Ich sah es ein, es blieb mir nichts anderes übrig, als die Bitte des Kinogirls zu erfüllen. So setzte ich mich denn an meinen Schreibtisch und suchte dort unter den vielen herumliegenden Papieren mein Briefpapier.

Aber das fand ich nicht, statt dessen fand das Kinogirl, das hinter mir stand, um über meine Schulter hinweg gleich lesen zu können, was ich schreiben würde, mein auf dem Schreibtisch liegendes Scheckbuch. Und ehe ich es verhindern konnte, hatte das Girl ein Blatt aus dem Heft gerissen, legte es vor mich hin und bat mit einschmeichelnder Stimme: „Wenn Sie kein anderes Papier zur Hand haben, dann schreiben Sie doch ganz einfach auf dem.”

Und ehe ich dem noch hätte widersprechen können, beugte sich das Girl plötzlich über mich und küßte mich — auf meinen ehemaligen Rosenmund? Ach nein, die Zeiten, in denen man mich auf den küßte, sind vorbei. Wohl aber küßte sie mich auf den keuschen, reinen, ganz jungfräulichen Ansatz meiner Glatze. Dorthin hatte mich noch nie eine geküßt, denn der Glatzenansatz war erst vor drei Tagen sichtbar geworden.

Sie küßte mich, um gleich darauf mit einschmeichelnder Stimme zu bitten: „Ach! Schreiben Sie doch noch eine Null.”

Und dabei dachte ich gar nicht daran, auch nur eine einzige zu schreiben.

Da küßte sie mich zum zweitenmal auf den Glatzenansatz.

Wer kann einem solchen Kuß widerstehen, noch dazu, wenn man keinen andern mehr zu erwarten hat? Ich wurde schwach und tat, was ich sullte — ich nullte. Und unter der Ein- und Nachwirkung dieses zweiten und eines dritten Glatzenkusses nullte ich noch einmal und dann noch einmal.

Eine Minute später war ich wieder allein, noch bevor ich Zeit gefunden hätte, dem Kinogirl auch nur das kleinste Wort der Empfehlung an einen Regisseur mit auf den Weg zu geben. Und dabei war es nur, großes Ehrenwort, doch nur zu mir gekommen, um sich dieses eine Wort von mir zu holen.

Seit dem Tage gehe ich jedem Kinogirl in einem ganz großen Bogen aus dem Wege.

Meinem Glatzenansatz aber habe ich gestern, als er vier Wochen alt wurde, zu seinem ersten Geburtstag als Entschädigung dafür, daß er nun nie wieder von einem Kinogirl geküßt werden wird, für ein ganz großes Stück Geld ein ganz kleines Toupet geschenkt.


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© Karlheinz Everts