Kaisers Geburtstag.

Von Freiherrn von Schlicht.
in: „Kieler Zeitung” vom 24.1.1897 und
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 27.1.1897


Die Kompagnie, so pflegt man zu sagen, ist eine Familie, deren Vater der Hauptmann, deren Mutter der Feldwebel ist.

Der Feldwebel ist die einzige Frau, die, wenn sie mit ihrem Manne spazieren geht, sich stets auf seiner linken Seite hält, und die nie verlangt, daß ihr Mann ihr den Arm reicht.

Es ist ein hübscher Brauch, daß man in jeder Familie den Geburtstag der Kinder und der Eltern feiert — wollte man auch beim Militär diesem Grundsatz huldigen, so käme man aus dem Feiern gar nicht heraus, und wenn man auch beim „Kommiß” ebenso wie überall die Ansicht hat, daß der Dienst eine unangenehme Unterbrechung der freien Zeit ist, und daß man die Feste feiern muß, wie sie fallen, — so würde es dennoch selbst den Vergnügungs­süchtigsten zu viel werden, wenn man alle Geburtstage feiern wollte.

Darum feiert man nur einen Geburtstag — den Seiner Majestät des Kaisers.

Nur den einen — den aber gründlich.

Traurigen Herzens sind die Mannschaften vom Weihnachts-Urlaub heimgekehrt — bei Muttern war es zu schön, und die Bertha und die Anna erschienen dem schmucken Krieger liebreizender, denn je. Aber es half nichts, man mußte wieder fort, zurück zum Kommß.

Eine schwere Zeit beginnt nach dem Urlaub, denn die Rekruten-Vorstellung steht vor der Thür, da wird exerziert vom frühen Morgen bis zum späten Abend, ohne Rast noch Ruh', immerzu. Und ist der Körper müde vom Marschiren und Griffe kloppen, dann kommt „der Geist” beran(1), dann wird instruirt, und ist der Geist genügend angefüllt, dann wird geputzt und geflickt. Dienst ist immer, dann sind Appells und Röcke verpassen und Hosen umtauschen und Besichtigungs-Sachen empfangen — zu thun ist immer.

Ein heller Stern leuchtet über diesem Chaos, und zu dem blickt jeder Soldat herauf, der Abends seine müden Knochen auf dem Strohsack ausstreckt und seine beiden wollenen Decken über die Ohren zieht, und dieser Stern ist Kaisers Geburtstag.

Gewöhnlich wird er „bataillonsweise” gefeiert, das heißt ein Bataillon miethet sich einen großen Saal in irgend einem Etablissement, und dort vereinigen sich dann am Geburtstage die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des Bataillons in mehr oder weniger gehobener Stimmung — je nachdem der Einzelne viel oder wenig getrunken hat, ach, bei den Meisten ist es fast zu viel.

Zuerst lauscht man andächtig den Aufführungen, dann schwingt man das Tanzbein.

An de Aufführngen mitwirken zu dürfen, ist das Ziel, das Streben und der Ehrgeiz sämmtlicher Leute. Es ist eine alte Sache, daß die Menschen stets die größte Neigung zu der Sache verspüren, zu der sie kein Talent haben.

„Mal Diejenigen vortreten, die auf Kaisers Geburtstag etwas aufführen wollen.”

Der Feldwebel spricht's bei der Partole, und alle Kinder treten vor.

Das kennt er schon aus Erfahrung.

Er geht die Front hinunter und läßt die Lahmen und Krummen zurücktreten, das Uebrige zu zwei Gliedern rechts herangehen.

Dann beginnt das Examen.

„Was können Sie?”

„Singen.”

„Scheer Dich weg — gesungen wird nicht. Sie, was ist mitIhnen los?”

„Kopfequilibrist.”

„Das ist schon eher etwas — auf den linken Flügel treten. Sie, was können Sie?”

„Pfeifen.”

„Ich pfeife Dir auch gleich was — fort mit Dir — was können Sie?”

„Schlangenmensch.”

„Gut, linker Flügel.”

„Sie?”

„Bauchredner.”

„Ach, mein Sohn, deshalb bleiben Sie wohl immer in der Instruktion die Antwort schuldig, wenn man Sie fragt. Das will ich mir denn doch mal merken, na, vorläufig tritt mal links heraus.”

„Sie, was machen Sie denn?”

„Thierstimmen-Imitator.”

„Wissen Sie auch, was ein Esel ist?”

Ein täuschendes „Jah” ist die Antwort.

„Na, mein Sohn, dann geh' auch mal links heraus.”

So geht das Examen weiter, bis der Feldwebel jeder Kompagnie die Würdigsten ausgesucht hat.

Bei jedem Bataillon ist ein Offizier mit der Einstudierung der Aufführungen beauftragt — diesem werden von den Kompagnien am nächsten Mittag bei Parole schriftlich die Namen der Künstler mitgetheilt.

Er befiehlt eine Generalversammlung, bei der ein Jeder eine Probe seines Könnens ablegen muß und bei der streng den Weizen von der Spreu sondert. [sic! D.Hrgsb.]

Aber es bleiben doch noch so viele zurück, daß, wenn alle zu Wort kämen, die Aufführungen von einem Kaisers-Geburtstage bis zum andern dauern würden.

Immer und immer wieder müssen Leute zurückgeschickt werden — das erfordert seitens des Offiziers viel Takt — mancher, der ein tadelloser Soldat war ist schon ein großer Schlungs geworden, nur weil er nicht hat mitspielen können.

Wie ein Staatsgeheimniß wird das endlich festgestellte Programm behütet und wie die Kinder am Geburtsmorgen nicht wissen, welche Gaben ihnen zu Theil werden, so weiß auch der Soldat nicht, welche Freuden ihm Kaisers-Geburtstag bringt.

Und deren giebt es viele.

Zunächst können sie, mit Ausnahme derjenigen, die zur Reveille, jetzt „Wecken” genannt, befohlen sind, länger schlafen. Nicht wie sonst kommt der Unteroffizier vom Dienst um sechs Uhr in die Stuben und wirft die Faulen zum Bett heraus.

Ein Theil der Leute muß zur Kirche. Alle aber bereiten sich würdig auf das kommende Festessen vor, das ihnen Mittags verabreicht wird.

Manche fasten drei Tage vorher und drei Tage hinterher — die ersteren freiwillig, die letzteren gezwungen, weil in sie nichts mehr hineingeht.

Das will viel sagen, ein Soldaten-Magen kann Verschiedenes vertragen; ich habe einen Soldaten gekannt, der außer seinem Mittagessen, bestehend aus Fleisch und entsetzlichen Quantitäten von Kartoffeln, jeden Tag drei Kommißbrote vertilgte.(2)

Der Mann lebt noch!

Sobald der Soldat mit dem Essen fertig ist, fängt er an zu trinken.

Die Deutschen haben ja den Ruf, daß sie das, was sie thun, auch gründlich thun.

Der Soldat bemüht sich, an dem Geburtstage des Kaisers sich dieses guten Rufes würdig zu erweisen.

Meistens gelingt es ihm.

Und wie überall, so gehen ihm auch in dieser Hinsicht seine Vorgesetzten mit gutem Beispiel voran.

Sobald es schummrig wird, holt der Soldat seine Braut, oder richtiger gesagt, eine seiner Bräute ab.

Im Vergleich mit einem Soldaten ist Onkel Bräsig, der in seiner Glanzperiode bekanntlich drei Bräute auf einmal hatte, ein neugeborener Waisenknabe.

Erst, wenn er die Anna am Arme hat, fühlt er sich „mollig”

Bis zum Beginn der Vorstellung ist immer noch eine Weile hin, die der Soldat durch eine Bierreise nun eilig ausfüllt. Er hat ja Geld, Geld im Ueberfluß — eine Mark extra hat es gegeben und Abends giebt es Freibier — er kann das Geld ja garnicht ausgeben und wenn es wider Erwarten doch alle wird, na, dann hat die Anna auch ja noch ein Portemonnaie, das meistens größer ist, als das seinige, selbst dann, wenn er den schönen Namen Ludewig hat.

Um sieben Uhr beginnt der große Saal sich zu füllen, um acht Uhr sollen die Vorstellungen beginnen. Aber es wird meistens ein halb neun Uhr ehe die Offiziere erscheinen, und ehe diese nicht zur Stelle sind, geht es nicht los.

Unter allgemeiner Spannung hebt sich der Vorhang, — zuerst der Prolog, dann ein militärisches Theaterstück und dann die Spezialitäten.

So Mancher, der da auftritt, ist Künstler von Beruf, er berauscht sich an dem Applaus, der ihm reichlich gespendet wird, er kargt nicht mit dem Zugeben und es ist schon vorgekommen, daß der die Regie führende Offizier auf die Bühne stürzen und den Künstler mit Gewalt hinter die Coulissen ziehen mußte, damit auch noch die Anderen zu Wort kamen.

Endlich fällt der Vorhang zum letzten Mal und dann kommt der Tanz.

Wer hat schon unsere Soldaten tanzen sehen. Die mächtige Linke legt er seiner Dame über die Schulter, aber, um ihr Kleid nicht zu verderben, legt er stets sein Taschentuch — oder, wenn er keins hat, das seiner Dulcinea vorher auf ihr Kleid — die rechte umfaßt die schlanke Hüfte — er hält sie sicher, er hält sie warm.

Und dann gehts los.

Nicht im rasenden Tempo daß die Röcke fliegen — nein, langsam und beständig.

Er tanzt nicht, er schiebt.

Ein Raum, doppelt so lang und so breit als seine Füße genügt ihm, um eine Stunde nach der anderen zu tanzen, ohne je mit einem anderen Paar zusammenzustoßen.

Im Saale herrscht nach kurzer Zeit eine Temperatur zum Sieden.

Die armen Musikanten blasen sich die Seele aus dem Leibe, aber sobald sie absetzen, ruft Alles „weiter, weiter” und obgleich die Mitglieder des Musikkorps meistens Unteroffiziere sind, müssen sie heute dem Willen der Untergebenen Folge leisten.

Gnade Gott dem armen Offizier, der die Aufgabe hat, „Tanzordner”zu sein.

Ihm wäre „wöhler”, er wäre nie geboren.

Wenn er die Wünsche der Leute nicht erfüllt, wird er so lange bestürmt, bis er „Damenwahl” ansagen läßt.

Das ist sein Tod, denn dann schicken ihm alle vierhundert Musketiere ihre Damen auf den Hals und er muß mit ihnen tanzen, bis er todt oder ohnmächtig zusammenbricht.

Morgens um vier Uhr wankt die Musik nach Haus und damit hat das offizielle Vergügen sein Ende erreicht.

Wenn die Leute nicht freiwillig dem Beispiele der Musik folgen wollen, werden sie „herausgedunkelt” — immer niedriger und niedriger werden die Gasflammen gedreht, bis sie endlich, trotz der sie umgebenden Finsterniß sehen, daß hier nichts mehr zu machen ist.

Dann wanken auch sie nach Haus.

Nach Haus?

Ach, so mancher weiß in der Stimmung, in der er sich befindet, gar nicht, wo er wohnt, obgleich sie alle, die sie den bunten Rock anhaben, eine gemeinsame Wohnung haben, die, weil sie meistens aus rothen Backsteinen gebaut ist, château rouge, das rothe Schloß, genannt wird. Da wandert er dann durch die Straßen der Stadt, manchmal stundenlang, zuweilen dauert es aber auch Tage, bis die Mutter der Kompagnie alle ihre Kinder wieder zusammen hat.

Ach, und mit welchen Gefühlen ruht das Auge der Mutter auf ihnen!

Was jeder wahren Mutter zum mindesten eine Ohnmacht bringen würde, verursacht ihm Freude. Er geht durch die Stuben,in denen die Leute ganz oder halbbekleidet auf ihren Betten liegen.

„Na, das freut mich, daß sie dem Johann mal gehörig das Fell verhauen haben, der Bengel nimmt immer den Mund voll, dieses Mal scheint er aber an die richtige Adresse gekommen zu sein, der sieht ja im Gesicht aus, wie ein chinesischer Tuschkasten, das freut mich aber herzlich.”

Ein schreckliches Stöhnen dringt aus der Brust des Schläfers — ihn rührt es nicht.

„Scheinen sich ja Alle gut amüsirt zu haben,” denkt er, „na, das gehört sich auch so.”

Da öffnet sich die Thür und herein schwankt eine Gestalt: „Na, Peters,” meint der Feldwebel, „Du scheinst Dir die Nase ja auch gehörig begossen zu haben, woher kommst Du denn noch?”

Vertraulich legt der Gefragte seinen Arm um den Hals des Vorgesetzten: „Wo ich her komme? Das möchtest Du wohl gerne wissen — nein, mein Junge, das sage ich Dir aber nicht — blau bin ich wohl, aber so blau wie Du denkst, noch lange nicht.”

Lächelnd läßt der Feldwebel sich die Umarmung gefallen und geleitet den Taumelnden dann zu seinem Bette.

Als er fortgehen will, hält der Trunkene ihn zurück: „Weißt Du, Feldwebel — Du bist ja ein feiner Kerl, das kann ich nicht anders sagen, aber das will ich Dir man sagen, so'n Kerl, wie unser Kaiser bist Du noch lange nicht — daran kannst Du gar nicht tippen — sieh mal, was unser Kaiser ist — unser Kaiser —”

„Na, was denn?” fragt der Feldwebel und macht sich frei.

„Sieh mal, unser Kaiser — der soll leben.”

Und eine Sekunde später schnarcht er mit den andern um die Wette.

Jedem Rausch folgt ein Erwachen; selten ist es so schrecklich, wie nach Kaisers Geburtstag!

Da kann selbst der glühendste Patriot sich manchmal nicht darauf besinnen, was denn gestern eigentlich los war.


Fußnoten:

(1) Ein Beispiel dafür, daß Schlicht/Baudissins Handschrift für den Setzer sehr schlecht zu lesen ist. Hier soll es doch wohl offensichtlich heißen: „daran” (zurück)

(2) Siehe dazu auch die gleiche Erwähnung in „Das Gelände” (zurück)


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