Endlich in Ruh.

Humoreske von Graf Günther Rosenhagen.
in: „Stralsundische Zeitung” vom 26.3.1896 und
in: „Ehestandshumoresken”


Mit rotgeweinten Augen stürzte Frau Elsa eines Tages im Hotel in das gemeinschaftliche Wohnzimmer, in dem ihr Mann, der Assessor Waldau, sich mit seinem zweijährigen Sohn auf dem Teppich herumwälzte.

„Nein, ich halte es nicht mehr aus,” stöhnte sie, „in drei Tagen sollte unsere neue Wohnung fertig werden und nun kann noch nicht daran gedacht werden, einzuziehen. Der Tapezierer bringt mich unter die Erde. Mit dem Menschen ist ja überhaupt nicht zu reden, die Gardinen sind ihm zu lang und nicht breit genug, die Stores, meint er, passen nicht zu den Meubles — das fehlte nur noch, daß ich mir lauter neue Sachen anschaffen müßte! Geh' du hin und sprich mit dem Manne ein ernstes Wort, ich werde nicht mit ihm fertig.”

„Mit Vergnügen,” entgegnete er, „willst du so lange auf das Kind aufpassen?”

„Gewiß,” bestätigte sie, „aber nein, das geht ja nicht,” rief sie plötzlich erschrocken, „du weißt ja gar nicht, wo die verschiedenen Sachen hingehören.”

„So werde ich dir das Mädchen schicken, damit du nachkommen kannst.”

„Aber die scheuert ja,” rief Frau Elsa klagend, „du ahnst ja nicht, wie schmutzig die Wohnung ist! Bis über die Knöchel steht Marie im Wasser und schrubbt, nein, nein, die kann nicht abkommen.”

„So pack' den Jungen in den Kinderwagen und laß uns alle drei dem neuen Heim entgegenwallen, vielleicht, daß wir dann mit dem Tapezierer fertig werden.”

So geschah es, aber am Abend saß Frau Elsa müde und zerschlagen an allen Gliedern auf dem unbequemen Hotelsopha und ärgerte sich über die Lampe, die entsetzlich niedrig brannte.

„Ich las einmal,” sagte Frau Elsa, „daß die Götter im Himmel dafür sorgen, daß auch die Leiden der Menschen einmal ein Ende nehmen. Möchte sich das Wort doch auch an uns bewahrheiten! Ich habe auf Erden nur den einen Wunsch, daß wir noch mit der Einrichtung fertig werden, daß wir einen Abend behaglich zusammen in der neuen Wohnung sitzen, und daß wir sagen können: „Endlich sind wir in Ruh.”

Er lachte lustig auf: „Nun, wenn du weiter nichts begehrst, so wird dir dein Wunsch schon morgen Abend erfüllt werden. Die Handwerker arbeiten heute Nacht durch, morgen wird die letzte Hand an die Einrichtung gelegt und morgen Abend trinken wir in aller Ruhe bei uns zu Hause Tee.”

„In aller Ruhe,” wiederholte sie fast träumerisch, „wie schön das klingt.” —

Und der ersehnte Abend brach heran mit Sturm und Unwetter, mit Regen und Hagelschauern. Aber drinnen in der neuen Wohnung, in der der Assessor mit seinr Gattin am Teetisch saß, war Ruhe, Friede und Glück. In dem Kamin brannte das Feuer und verbreitete eine behagliche Wärme durch das mit traulicher Gemütlichkeit eingerichtete Zimmer und tiefe Stille herrschte in dem Gemach, nur das Summen und Surren des Wassers in dem Samowar klang wie eine leise, einschläfernde Melodie.

Beide Gatten schwiegen; sie hatten sich in ihren Stühlen zurückgelehnt und gaben sich ganz dem seligen Bewußtsein hin, endlich nach vielen Mühen wieder in den eigenen vier Wänden zu sein, endlich — endlich in Ruh.

Da klang über den Korridor her erst leise, ganz leise, dann immer stärker und stärker anschwellend und schließlich das Brausen des Sturmes, der an den Fenstern rüttelte, übertönend, ein Ton, der die Eltern erstarren ließ. Beide Gatten sahen sich an, sie schwiegen noch beide, aber jeder las es auf dem Gesicht des anderen: „Das Kind ist erwacht.”

Nur Eltern wissen, was es heißt, wenn das Kind, das durch Gesang, Erzählungen und Versprechungen endlich in den Schlaf gewiegt ist, erwacht, wenn es seine Stimme erhebt und zu schreien beginnt.

Es klopft, und herein trat Marie, das Mädchen für alles: „Gnädige Frau, ich kann den Kleinen nicht beruhigen, ich weiß nicht, was mit ihm ist.”

„Es ist gut, ich komme selbst!” Sie erhob sich und küßte den Gatten auf die Stirn, der ein: „Das fehlte mir gerade noch,” vor sich hinmurmelte, und trat dann in das Kinderzimmer.

Der kleine Paul stand aufrecht in seinem Bette, dessen hohe Wände ein Übersteigen verboten, und schrie und zeterte, so laut er konnte.

„Willst du etwas zu trinken haben?” fragte die Mutter.

„Marie, machen Sie eine Flasche Milch warm, gewiß hat er Durst.”

Wenige Minuten später. während deren Paul mit einer Energie und Ausdauer, die einer besseren Sache würdig gewesen wären, geschrieen hatte, erschien Marie mit der Flasche.

„Hier, mein Liebling, nimm!” bat die Mutter.

Der kleine Paul streckte begierig die Hände aus und ergriff die Flasche; aber nur um sie mit lautem Krach zur Erde zu werfen, daß das Glas in tausend Scherben barst und die Milch auf den Boden floß.

Über diese Kraftäußerung schien der junge Held selbst ganz erstaunt zu sein, denn für eine Sekunde vergaß er sogar das Weinen und blickte bewundernd auf das angerichtete Unheil.

„Du bist ja ein ganz unartiges Kind,” schalt die Mutter, „schämst du dich gar nicht?”

Statt aller Antwort erhob der kleine Paul von neuem seine Stimme und schrie, daß die Leute in der ersten Etage mit einem Stuhl auf den Fußboden klopften.

Frau Elsas Augen füllten sich mit Tränen. „Was soll man denn nur mit solchem ungezogenen Jungen anfangen? Es ist wirklich zum Verzagen. Seit Tagen habe ich mich auf diesen Abend gefreut und nun muß er mir so verdorben werden. Pfui, du bist ein häßliches Kind, Mama will gar nichts mehr von dir wissen.” Und dem Mädchen den Knaben überlassend, betrat sie wieder das Eßzimmer.

„Nun, hat der Schlingel sich endlich beruhigt?” fragte der Gatte. „Aber Kind, was hast du, wie siehst du denn im Gesicht aus, du blutest ja?”

Sie trat vor den Spiegel und sah ihre linke Wange voller Schrammen. „Ach laß,” sagte sie, „das hat nichts zu bedeuten, Paul hat mich nur gekratzt.”

Nun aber sprang er in die Höh'. „Was sagst du? Gekratzt hat er dich? Na, warte, mein Junge, das will ich dir beizeiten abgewöhnen.”

Sie trat ihm in den Weg. „Bitte, schlag' ihn nicht, er ist ja noch so klein.”

Er schob sie beiseite und ging in das Schlafzimmer, wo der kleine Paul noch immer ein Indianergeheul anstimmte. Er näherte sich dem Bett, aber kaum streckte er die Hand aus, um den Knaben anzufassen, als dieser auch ihn zu kratzen begann. Ein Schlag auf die Hand hätte den kleinen Paul belehren können, daß, wenn man bei Zweien dasselbe tut, es doch nicht dasselbe ist. Aber zu jung, um solche Erwägungen anstellen zu können, begann er von neuem zu kratzen, dieses Mal infolge der Erregung, in die ihn das Benehmen seines Vaters versetzt hatte, schon etwas energischer, und er durfte sich daher nicht wundern, daß auch die Finger seines Vaters sich etwas energischer als vorher auf die seinigen legten.

Aber weit entfernt, als der Klügere von beiden nachzugeben und sich still zu verhalten, kratzte Paul immer und immer wieder, und jedesmal erhielt er einen tüchtigen Klaps dafür auf die Hand.

Die Töne der Wut, die der Junge ausstieß, waren schon kein Schreien mehr zu nennen, seine Stimme gellte durch das ganze Haus, und oben in der Etage machten die Bewohner auf jede nur denkbare Art und Weise ihrem Unwillen Luft.

Das Schreien und Kratzen seines Sohnes, das ungebührliche Benehmen der Hausbewohner ließen das Blut des Vaters in heftigere Wallungen geraten, der Zorn übermannte ihn, und während er mit der linken Hand seinen Erben aus dem Bett hob und ihn mit einem genialen Schwung über sein linkes Knie legte, fuhr die Rechte in immer kürzer werdenden Zwischenräumen auf jene Körperstelle seines Sohnes, die durch Form und Gestaltung eine besondere Anziehungskraft für schlagende Mächte besitzt.

Da öffnete sich die Tür, und herein stürzte Frau Elsa. Die Unart des Kindes war vergessen, das Schreien des Knaben zu ertragen ging über ihre Kräfte.

„Willst du denn das Kind töten?” fragte sie erregt, „augenblicklich läßt du Paul los.”

„Aber ich denke ja gar nicht daran,” entgegnete er.

„Weil du roh und gefühllos bist,” fuhr es ihr im Zorne heraus.

Mit einer schnellen Bewegung legte er den Jungen in das Bett und trat auf seine Frau zu:

„Wie meintest du eben?”

Sie erschrak vor dem zornigen Aufleuchten seiner Augen, vor dem Grollen seiner Stimme, aber zu stolz und eigensinig, um ihre Worte zurückzunehmen, wiederholte sie: „Jawohl, du bist roh und gefühllos, sonst könntest du das Kind nicht so schlagen.”

Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe:

„Du bist nervös und überarbeitet, morgen wollen wir weiter darüber sprechen, für heute wäre es das beste, du legtest dich schlafen.”

Er verließ das Zimmer und warf zornig die Tür hinter sich zu.

Da öffnete sich abermals die Tür, und Marie erschien auf der Schwelle: „Die frechen Leute von oben lassen fragen, ob der Junge die ganze Nacht so weinen wollte, dann würden sie die Betten in ihrer Wohnung noch umstellen.”

Nun aber erwachte auch in Frau Elsa die Wut. Zornig packte sie den Knaben am Arm: „Wenn du nun nicht auf der Stelle ruhig bist, schlag' ich dich, so lange ich den Arm rühren kann,” und als der kleine Paul seine Finger ausstreckte, um abermals zu kratzen, hob auch sie den Jungen aus dem Bett, legte ihn über das linke Knie und setzte das Geschäft ihres Gatten mit frischen Kräften fort. Als ihr die Hände schmerzten, legte sie den Buben wieder zu Bett: „So, mein Junge, nun weine, so lange du lustig bist,” und mit schnellen Schritten verließ sie das Zimmer.

Sie betrat den Eßsaal und setzte sich wieder an den Teetisch, aber die glückliche Stimmung, die sie vorhin beseelt hatte, war verschwunden, in der Stube nebenan ging der Gatte mit zornigen, erregten Schritten auf und ab, über den Korridor klang das entsetzliche Schreien des Kindes, oben in der ersten Etage wurde, wohl um das Weinen nicht so zu hören, Klavier und Geige gespielt, Marie ließ ihre Wut in der Küche an den eisernen Kochtöpfen aus — und eine unendliche Trauer ergriff das Herz der jungen Frau.

Wie hatte sie sich auf diesen Abend gefreut, sie hatte geglaubt, endlich, endlich in Ruhe zu sein, und nun solcher Lärm! Sie stützte den Kopf auf die Hand und weinte die bittersten Tränen. Warum hatte sie auch geheiratet, warum war sie nicht zu Hause geblieben bei ihrer Mutter, wo sie es so gut gehabt hatte.

Leise öffnete sich die Tür des Nebenzimmers, und der Hausherr trat herein. Er ging auf seine Gattin zu und legte zärtlich den Arm um ihre Schulter. „Elsa, beruhige dich — ich kann dich nicht so weinen hören, es zerreißt mir mein Herz — ich weiß ja, daß du mich liebst — nun sei wieder gut.”

Sie schlang die Arme um seinen Hals, sie weinte vor Trauer und Glück und gewahrte es nicht, wie Marie in die Stube trat, sich vor sie hinstellte und einen winzigen Gegenstand auf dem rechten Zeigefinger präsentierte:

„So, gnädige Frau, nun schläft der Kleine, es ist aber auch gar nicht zu sagen, wie zerstochen er ist — eben habe ich ihn gefangen, nun ist er aber auch mausetot!”

Lachend blickten die Gatten auf den kleinen schwarzen Krieger: „Wärest du nicht schon tot!” sprach endlich der Assessor, „so solltest du des grausamsten Todes sterben, den ein Mensch sich auszudenken vermag. Nun aber finde im Tode endlich die Ruhe, die dir im Leben versagt war und um die du uns heute Abend gebracht.”


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