Ihre Durchlaucht der Regimentschef.

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Ihre Durchlaucht der Regimentschef” und
in:
„Seine Hoheit”


Seine Durchlaucht hatte sich gleich nach Aufhebung der Tafel in seine Gemächer zurückgezogen, um nachzudenken. Sein Kammerdiener entkleidete ihn der goldstrotzenden Uniform, die Seine Durchlaucht für gewöhnlich zu tragen pflegte, und wandte sich dann mit der Frage an seinen hohen Herrn, welches Gewand Höchstderselbe jetzt anzuziehen befehle. Durchlaucht winkte ab: gar keins. Aber schnell sah er ein, das ging denn doch nicht. Er war es nicht nur seiner Stellung, sondern auch den Gedanken, die ihn gleich beschäftigen würden, schuldig, daß er wenigstens etwas über die schneeweißen Hemdsärmel zog. So hüllte er sich denn in einen seidenen Schlafrock, gürtete sich mit einer seidenen Schnur seine Lenden und ließ sich dann auf den Stuhl fallen, der ein für alle Mal berufen war, als Geburtsstätte den intimsten Gedanken seiner Durchlaucht zu dienen.

Seine Durchlaucht dachte nach, oder besser gesagt: er wollte nachdenken, aber es war ihm im Augenblick entfallen, was seine Gedanken beschäftigen sollte. Was war es doch noch gewesen? Schon wollte er seinem Kammerdiener klingeln, und diesen fragen, ob der es nicht wisse, da fiel es ihm plötzlich wieder ein: „Ach so, ja, richtig, meine durchlauchtigste Gemahlin feiert in einigen Wochen ihren Geburtstag und es handelt sich um das Geburtstags­angebinde. Ich werde es mir lieber aufschreiben, sonst vergesse ich es am Ende doch noch wieder.”

Mit goldenem Blei schrieb er auf Elfenbeinpapier ein paar kurze Worte nieder und blickte dann zufrieden vor sich hin: „So, nun entfällt es mir nicht mehr. Jetzt werde ich darüber nachdenken, womit ich meiner durchlauchtigsten Gemahlin eine Freude machen kann, es muß in diesem Jahre etwas ganz besonderes, etwas ganz Exzeptionelles sein, denn dieses Jahr unserer Ehe war, im Gegensatz zu den bereits verstrichenen sechs Jahren unseres gemeinsamen Zusammenlebens ein ganz hervorragendes, denn in diesem Jahr —”

Seine Durchlaucht strich sich über die Stirn: „Was war doch noch in diesem Jahre(1)? Mein Gedächtnis wird wirklich(2) immer schlechter. Die Ärzte sagen zwar, es hätte nichts auf sich und ich wäre trotzdem den schweren Pflichten meines verantwortlichen Standes vollauf gewachsen, besonders seit meine durchlauchtigste Gemahlin mir eine goldene Bleifeder schenkte, damit ich alles notiere, was ich noch zu erledigen habe, aber immerhin — was war doch noch in diesem Jahr? Ich weiß ganz genau, es war irgend etwas los, ich habe es mir auch irgendwo aufgeschrieben, wo steht es nur?”

Er blätterte in seinem Notizbüchelchen, aber er konnte es nicht finden. Schon wollte er seinem Kammerdiener klingeln und diesen fragen, ob der es nicht wisse, da fiel es ihm plötzlich ein: „Richtig, in diesem Jahr war ihm und seinem Lande ja nach siebenjähriger Ehe der längsterwartete Thronerbe geboren, er war trotz seiner fünfundfünfzig Jahre Vater geworden. Er erinnerte sich des großen Tages noch ganz genau. Im Gegensatz zu seiner durchlauchtigsten Gemahlin hatte er eine sehr ruhige Nacht verbracht und als er am nächsten Morgen erwachte, hatte ein Knabe in seinen Armen gelegen, sein Sohn. Die Kirchenglocken hatten geläutet, die Kanonen hatten gedonnert und unter den Jubelrufen der Bevölkerung war er in glänzender Uniform durch die Straßen seiner Residenz gefahren, um sich bei dem Hofphotographen in seiner neuen Würde als Vater aufnehmen zu lassen.

Die Fahrt hatte einem Triumphzug geglichen und ein berechtigter Stolz hatte seine Brust geschwellt, daß es ihm trotz seines Alters noch vergönnt gewesen war, so für das Wohl seines Landes wirken und schaffen zu können.

Ja, nun fiel ihm das alles wieder ein, der Thronerbe war geboren und erfreute sich dank der Gesundheit seiner Amme der besten Gesundheit. Und aus Dankbarkeit, daß seine Gemahlin ihm diesen Erben schenkte, hatte er sich vorgenommen, sie an ihrem Geburtstag durch eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu erfreuen. Aber worin sollte die nur bestehen? Seine Durchlaucht war reich, unermeßlich reich, und das hatte die junge, schöne und lebenslustige Fürstin, seine jetzige Gemahlin, wohl in erster Linie veranlaßt, ihm die Hand zu reichen. Darüber hatte sich Seine Durchlaucht nie getäuscht, er verlangte von seiner Frau ja auch keine Liebe, sondern in erster Linie einen Thronerben. Der war nun da — was sollte er ihr für den Sohn schenken?

Seine Durchlaucht dachte weiter nach, bis endlich in später Stunde der Kammerdiener erschien, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß das Wohlergehen des Landes verlange, daß Seine Durchlaucht nicht bis zum frühen Morgen geistig für das Wohl seiner Untertanen arbeite, Durchlaucht müsse sich im Interesse des Landes schonen.

In erster Linie sagte der Kammerdiener das natürlich, weil er selbst gern schlafen gehen wollte.

Aber das wußte Seine Durchlaucht nicht, und so stimmte er ihm denn bei. Der Diener hatte Recht, er durfte nicht nur an sich, er mußte auch an sein Land denken, das von seiner Gesundheit vielleicht noch einen zweiten und einen dritten Prinzen erwartete. So vertauschte er denn den seidenen Schlafrock mit einem seidenen Nachthemd und ließ sich zu Bett bringen.

Als Seine Durchlaucht am nächsten Morgen erwachte, hatte er einen großartigen Gedanken, und damit er ihn nicht wieder vergäße, schrieb er ihn sich sofort auf. Er wollte seine Gemahlin fragen, ob die vielleicht irgend einen besonderen Wunsch habe. Und so groß war seine Freude über diesen Gedanken, so groß die Sehnsucht, mit ihr darüber zu sprechen, daß er am liebsten gleich, wie er da(3) stand, im Nachthemd und in Pantoffeln, zu ihr geeilt wäre. Aber war es Absicht oder Zufall, daß sein Kammerdiener, als er schon das Schlafzimmer verlassen wollte, ihm auf das nachschleppende Nachtgewand trat und ihm dadurch Zeit gab, sich darauf zu besinnen, daß er kein gewöhnlicher Sterblicher, sondern eine Durchlaucht von Gottes Gnaden sei, der mehr noch als jeder andere das Ansehen seiner Person zu wahren habe.

So kleidete er sich denn schnell an und eine Stunde später saß er mit seiner durchlauchtigsten Gemahlin zusammen.

Die klatschte in ihrer Lebhaftigkeit vor Vergnügen in die Hände, als sie erfuhr, daß sie sich etwas ganz(4) Besonderes wünschen solle, und sagte dann: „Ich weiß auch schon, was ich mir wünsche — ein Husarenregiment!” Und als er sie verständnislos ansah, fuhr sie fort: „Jawohl, ich will Chef eines Husarenregiments werden, ich habe mir das Regiment auch bereits ausgesucht — die weißen Husaren mit den roten Tressen, die Farben werden mir ausgezeichnet stehen, und wenn ich dann in der Uniform des Regiments hoch zu Roß die Parade abnehme und dann hinterher mit den Offizieren im Kasino frühstücke, bei meinem Regiment, das wird zu schön, nicht wahr, das schenkst Du mir?”

Und ehe er wußte, wie ihm geschah, saß sie auf seinem Schoß, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn eins, zwei, drei auf den Mund.

„Wenn ich nur wüßte, wie ich es anfangen soll, um Dir Deine Bitte zu erfüllen,” sagte er, während ihm bei ihren Liebkosungen abwechselnd warm und kalt wurde, denn auch die Fürsten von Gotes Gnaden sind nur Menschen von Fleisch und Blut.

Aber sie wußte Rat, wenngleich sie auch nicht alles sagte, was sie wußte. Am Hofe Seiner Durchlaucht war kürzlich eine Deputation der weißen Husaren erschienen, um im Namen eines befreundeten Königs aus Anlaß der Geburt des Thronerben allerlei Geschenke zu überbringen. Die Offiziere waren zur Tafel befohlen und hatten das Wohlgefallen Ihrer Durchlaucht erweckt, schöne, starke Gestalten, von Kraft und Gesundheit strotzend, bildhübsch in der kleidsamen Uniform. Besonders der Adjutant hatte ihr gefallen, eine auffallende Erscheinung mit leuchtenden Augen und einem frischen, männlichen Gesicht. Der schien es gewohnt zu sein, bei den Frauen zu siegen, denn selbst zu ihr hatte er seine Blicke erhoben und seine Augen hatten ihr deutlich seine Wünsche verraten. Zuerst war sie darüber starr gewesen, dann hatte sie über ihn gelacht, aber schließlich war doch der Wunsch in ihr wach geworden, einen solchen Offizier am Hofe ihres Gemahls zu haben, mit dem sie ausreiten und Ausflüge unternehmen könne, damit sie nicht so einsam sei, wenn ihr hoher Gemahl arbeitete oder im Interesse des Landes, dem er sein Leben erhalten mußte, jeden Nachmittag drei Stunden schlief. Sie hatte ihre Pflicht getan, sie hatte dem Lande den Thronerben geschenkt, nun wollte sie auch noch etwas vom Leben haben und dieses selbstverständlich in allen Ehren genießen. So war der Wunsch in ihr wach geworden, ein Regiment zu erhalten, und unter der Hand hatte sie bereits dafür gesorgt, daß dies an maßgebender Stelle(5) bekannt würde.

Seine Durchlaucht war noch immer sprachlos, schon deshalb, weil sie ihm den Mund mit ihren Küssen verschloß, dann aber versprach er sein Möglichstes zu tun, und wirklich wurde Ihre Durchlaucht zur Feier ihres Geburtstages zum Chef der weißen Husaren ernannt. Natürlich war ihr das schon wochenlang vorher mitgeteilt worden, damit sie sich die Uniform machen ließe, und dem Regiment war es auch schon vorher mitgeteilt, damit es den Namenszug anfertige und alle Vorbereitungen zum Empfange des neuen Chefs träfe. Von einer Ueberraschung konnte also auf beiden Seiten nicht die Rede sein, aber die Freude war trotzdem nicht geringer.

An der Seite ihres Gemahls erschien Ihre Durchlaucht in der Garnison der weißen Husaren und nahm die Parade über ihr Regiment ab. Die schlanke, vornehme Gestalt sah in der kleidsamen Uniform hoch zu Roß mehr als verführerisch aus, und als sie dann das Offizierkorps um sich versammelte, um es mit einigen herzlichen Worten zu begrüßen, da gab es keinen der Herren, der nicht bis über beide Ohren in den neuen Chef verliebt war und der nicht den Wunsch hatte, als Adjutant an den Hof Seiner Durchlaucht kommandiert zu werden.

Der Parade folgte ein Frühstück im Kasino, aber das hatte Ihre Durchlaucht sich viel lustiger gedacht, denn sie saß zwischen den alten Exzellenzen, den hohen direkten Vorgesetzten ihres Regiments, und sie hätte doch viel lieber mit den jungen Herren zusammen gelacht, am liebsten mit dem Regiments­adjutanten, der auch heute keinen Blick von ihr verwandte. Heute noch weniger als bei der ersten Begegnung, denn er hatte nach der Parade die Mitteilung erhalten, daß er zum persönlichen Adjutanten Ihrer Durchlaucht ernannt sei, und er war schlecht genug, zu glauben, daß er diese Auszeichnung nicht nur dem Wohlwollen seiner militärischen Vorgesetzten, sondern auch dem Wohlwollen seines Chefs verdanke.

Am nächsten Tage reiste Ihre Durchlaucht mit ihrem durchlauchtigsten Gemahl nach der Residenz zurück. Ihre Freude über ihr Regiment kannte keine Grenzen und in Dankbarkeit küßte sie ihren Gatten so stürmisch, daß der sich sagte: „Wir werden unserem Lande noch einen zweiten Prinzen schenken.”

Und Seine Durchlaucht hielt das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte. Aber als der kleine Prinz zur Welt kam, war es eigentlich gar kein kleiner Prinz, sondern ein kleiner(6) weißer Husar. Seine Durchlaucht wußte das aber nicht, das wußte nur Ihre Durchlaucht, vielleicht, weil das Auge einer Mutter immer schärfer sieht — — — vielleicht aber auch aus anderen Gründen.


Fußnoten:

(1) In der Fassung von „Seine Hoheit” fehlt hier das Dativ-e. (Zurück)

(2) In der Fassung von „Seine Hoheit” fehlt dieses Wort „wirklich”. (Zurück)

(3) In der Fassung von „Seine Hoheit” fehlt dieses Wort „da”. (Zurück)

(4) In der Fassung von „Seine Hoheit” fehlt dieses Wort „ganz”. (Zurück)

(5) In der Fassung von „Seine Hoheit” heißt es hier: „an maßgebenden Stellen”. (Zurück)

(6) In der Fassung von „Seine Hoheit” fehlt dieses Wort „kleiner”. (Zurück)


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