Ihr Schönstes.

Humoreske von Freiherr von Schlicht,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 2.8.1896,
in: „Sonntagsblatt”, Beilage zum Greifswalder Tageblatt vom 6.9.1896 und
in: „General-Anzeiger für Hamburg-Altona” vom 6.6.1899


Meine kleine Frau ist eine Perle — ich bin nun schon viele, viele Jahre verheirathet, und habe an ihr noch nicht einen einzigen Fehler wahrnehmen können. Hat sie wirklich keine Untugenden, oder versteht sie es nur, sie geschickt vor mir zu verbergen? Ich weiß es nicht. Ich habe an meiner besseren Hälfte eigentlich gar nichts auszusetzen, höchstens, daß sie zuweilen mit dem Wort „Mein Schönstes” Unfug treibt. Sind wir in Hamburg, so ist eine Fahrt auf der Alster mit daran anschließendem Besuch bei Pfordte „ihr Schönstes”; sind wir in Berlin, so bezeichnet sie einen Besuch im Deutschen Theater als „ihr Schönstes”, und am nächsten Morgen versichert sie mir, „ihr Schönstes” sei, sich bei Gerson das schönste Kleid auszusuchen. Ich bin in diesem Punkt anderer Ansicht, für mich wäre „das Schönste”, das Ziel, das ich mir gesteckt, in ehrlicher Arbeit zu erreichen.

Getrennte Ansichten über ein und denselben Punkt führen aber selbst in der glücklichsten Ehe Streitigkeiten herbei, und so kam es, daß wir uns, natürlich nur bildlich gesprochen, wegen dieser Redensart oft in den Haaren lagen. Geduld und Liebe aber vermag viel, und so hatte ich es allmählich erreicht, daß meine kleine Frau den Gebrauch ihres Lieblings­ausdruckes fast ganz aufgegeben hatte.

Da geschah es, daß meine Frau aber vor einiger Zeit, als wir am Frühstückstisch saßen, zu mir sprach: „Weißt Du, was mein Schönstes wäre?”

„Nun?” fragte ich neugierig.

„Einen Hühnerstall zu haben.”

„Aber, Kind,” versetzte ich, „was Du auch immer für sonderbare Einfälle hast.”

„Gar nicht sonderbar,” gab sie zurück. „Wir leben hier nun doch einmal wie auf dem Lande, wenn gleich wir in der Stadt wohnen. Wir haben einen Garten, in dem wir Obst und Gemüse bauen können. Wir haben eine Wagenremise und einen Pferdestall. Unsere Villa gleicht einem Landgut, dieses aber ohne eine Hühnerzucht ist undenkbar. Denke Dir 'mal: Hühner zu haben, stets frische Eier zu haben, kleine Küken groß zu ziehen, jeden Morgen in den Stall zu gehen und nachzusehen, wie viel Eier gelegt sind — ach, weißt Du, das wäre mein Schönstes.”

„Liebes Kind,” gab ich zurück, „Deine Ansichten über Dein Schönstes wechseln bekanntlich schnell.”

Aber dieses Mal blieb meine Frau konservativ — Tag und Nacht sprach sie von Hühnern, und endlich wurde ich pflaumenweich.

„Nun, wenn es dieses Mal wirklich Derin Schönstes ist, will ich Dir Deinen Wunsch erfüllen, die Hühner- und Eierzüchterei kann beginnen.”

Mit einem Freudenschrei flog mir meine kleine Frau um den Hals und setzte mir mit demosthenischer Beredtsamkeit die Vortheile auseiander, die wir von den Hühnern haben würden. „Zunächst sind wir nicht mehr von der Eierfrau abhägig, die ja nach Laune und Willkür die Preise ins Unermeßliche steigert und meistens doch nur schlechte Waare liefert. Die Anschaffungs­kosten sind gering, in einem halben Jahre haben wir sie wieder heraus­gewirthschaftet. Und dann bedenke, wie gesund es sowohl für das Kind, als für uns ist, täglich ein frisches Ei zu essen — ach, es ist himmlisch.”

„Was der Mensch thun will, soll er gleich thun,” sagt ein altes Wort, und so sollten die Hühner nebst dem unvermeidlichen Gatten noch an demselben Tage ihre Einzug halten. Zunächst wurde der Hühnerstall besichtigt, der sich bei näherer Betrachtung doch als ziemlich verfallen erwies, auch das Drahtgitter, das den Hühnerhof umschloß, war dringend der Reparatur bedürftig. So ganz billig würde das Federvieh also doch nicht ko0mmen.

Ich schickte den Diener zur Stadt und bestellte die Handwerker: sie besahen sich den Schaden und sagten: „Das ist eine Kleinigkeit.” Trotzdem arbeiteten sie drei Tage herum, und die Summe, die ich bezahlen mußte, war absolut keine Kleinigkeit.

Dann kam der Hühnerkauf. Ich hatte mir das so einfach gedacht. Ich sagte meinem Buttermann, der auf dem Lande wohnte, Bescheid und bat ihn, mir sechs Hühner und einen Hahn mitzubringen. Am nächsten Sonnabend brachte er mir das Viehzeug mit — aber todt, gerupft, fertig zum Braten.

„Aber in dieser Verfassung können die Thiere doch keine Eier legen,” rief ich wüthend und verweigerte die Annahme. Aber der Buttermann, der mir sonst auch das Geflügel besorgt, schwur Stein und Bein, ich hätte nichts davon gesagt, daß die Thiere lebendig sein sollten, und so mußte ich denn nolens volens sechs Mittage nach der Reihe Hühnerfrikassee mit Reis, und am siebenten Reis mit Hahn essen.

„Sind Hühner immer noch Dein Schönstes?” fragte ich mneine Frau. Die eber betheuerte es, und so wurde die Jagd nach lebendigen Hühnern fortgesetzt. Die aber waren gar nicht zu bekommen: Eier sind bei uns zu Lande ein rarer Artikel, und wer gute Legehühner hat, giebt sie nicht fort.

Mit List und Tücke gelang es uns dennoch, endlich die Thiere zu bekommen, und von allen Hausbewohnern freudigst begrüßt, hielten sie eines Abends ihren Einzug.

Freude herrscht in Trojas Hallen, aber sie sollte nicht lange dauern. Ich gehöre zu jenen unglückseligen Menschen, die bei dem leisesten Geräusch aufwachen und dann nicht wieder einschlafen können. Von allen Beschäftigungen ist mir Schlafen aber die liebste, und Jeder kann sich selbst die Stimmung ausmalen, in der ich mich befand, als am nächsten Morgen um vier Uhr der Hahn zu krähen begann.

Mein erster Gedanke war, aufzustehen, und dem Thiere das Genick umzudrehen. Nach einigem Nachdenken ließ ich dieses Vorhaben aber wieder fallen; hätte ich meinen Entschluß ausgeführt, so hätte ich am Nachmittag einen neuen Hahn kaufen müssen, und wer weiß, ob das neue Thier nicht noch ein viel unangenehmeres Krähen gehabt hätte.

So lag ich denn wüthend in meinem Bett, zog die Decke über mich, steckte die Finger in die Ohren und wünschte dem Hahn bei jedem „Kikeriki”, das er ertönen ließ, Pest, Tod und alle Höllenqualen. Ich erhob mich in Folge dessen in der denkbar schlechtesten Laune, während meine Frau strahlte: sollte es doch heute zum Frühstück die ersten „selbstgelegten” Eier geben. Doch ihr Humor schwand bald dahin, als der Diener beim Kaffee meldete, es wären keine Eier da.

„Was denken sich die dummen Thiere eigentlich?” klagte meine Frau, „glauben sie, daß ich nur zum Vergnügen füttere? Eier sollen sie legen.”

Ich wies darauf hin, daß die Thiere sich erst an den neuen Stall, die neue Umgebung gewöhnen müßten, daß die Hühner auch nicht jeden Tag legen, und kramte an Kenntnissen aus, was ich nur immer mein Eigen nannte. Endlich schwanden die Falten von der Stirn meiner Frau, sie vertröstete sich auf den nächsten Tag, und auch ich begann wieder das Federvieh zu lieben, als meine Frau mir auseinandergesetzt hatte, daß ich mich in wenigen Tagen an das „Kikeriki” gewöhnen und es vielleicht schon morgen gar nicht mehr hören würde.

So sahen wir dem nächsten Morgen entgegen, der dem voraufgegangenen auf ein Haar glich. Wieder weckte mich der Hahn mit seinem Krähen und wieder hatten die Hühner verabsäumt, zu legen.

Hätte mir das sechsmalige Hühnerfrikassee mit Reis nicht noch zum größten Theil unverdaut im Magen gelegen, ich hätte die Thiere sofort getödtet. So aber besann ich mich eines Besseren und vertröstete meine Frau und mich auf den folgenden Tag.

Aber die folgenden glichen auf ein Haar den voraufgegangenen. Der Hahn ließ etwas von sich hören, die Hühner abr ließen nichts von sich sehen. So ging eine Woche dahin: nur mit der größten Anstrengung gelang es mir, des Morgens beim Kikeriki mich so weit zu beherrschen, daß ich ruhig im Bette blieb, und meine Frau vermochte kaum die Thränen zurückzuhalten, wenn der Diener die sich stets gleich bleibende Redensart herbetete: „Die Hühner haben wiederum nicht gelegt.”

Und meine kleine Frau hatte sich so auf die Hühner gefreut — sie zu besitzen, war ja ihr Schönstes.

Was war da nun zu machen? Ich ging nun in den Stall, hielt dem Federvieh eine lange Rede, legte ein frisches Ei, das ich gekauft, vor sie hin und sprach; „Seht euch dieses Ding 'mal an und besinnt euch auf Das, was ihr zu leisten uns schuldig seid.” Sie nickten, als wenn sie mich verständen, aber Alles blieb beim Alten.

Nach weiteren acht Tagen bat ich einen Freund, der einen großen Hühnerhof hat, mich zu besuchen, und bat ihn um Rath. Ich zeigte ihm den Stall und dessen Bewohner. Nachdenklich schüttelte er sein Haupt: „Vielleicht, aber nur vielleicht,” sprach er endlich, „liegt die Sache daran, daß die Thiere hier zu wenig Sonne und zu wenig Platz für freie Bewegung haben. Vielleicht lassen Sie den Stall vergrößern, noch besser aber wäre, Sie nehmen ihn hier weg und bauten ihn auf einer sonnigeren, wärmeren Stelle wieder auf.”

Zuerst dachte ich an die Unkosten, dann aber daran, daß ich dann vielleicht das Kikeriki nicht mehr hören würde. — Freude zog in mein Gemüthe, und schon am nächsten Tage erschienen die Handwerker. Zwei Tage später hatte ich einen Hühnerhof, in dem Eier zu legen und zu brüten für jedes nur einigermaßen vernunftbegabte Thier eine wahre Wollust sein mußte — die Rechnung dafür zu bezahlen, war allerdings weniger genußreich. Aber was hilft's? Hat man sich einmal die Thiere angeschafft, muß man auch für sie sorgen.

In Gesellschaft unseres Buben, meiner Frau, meiner Wenigkeit, des Dienstmädchens, der Köchin, der Zofe, der Bonne und des Dieners zogen die Hühner um. „Thut eure Pflicht,” hatte ich auf einen Zettel geschrieben und diesen derartig oben an der Thür befestigt, daß das Federvieh ihn bei seinen Spaziergängen stets vor Augen hatte. Aber auch nur vor Augen, nicht im Sinn — die Ausgabe hätte ich mir sparen können: das Kikeriki hörte ich vom neuen Stall aus noch deutlicher, und meine Frau konnte sich immer noch nicht entschließen, das alte Sprüchwort zu befolgen und sich nicht um ungelegte Eier zu kümmern.

Wiederum wandte ich mich an meinen hühnerkundigen Freund, und als auch dieser keinen Rath wußte, wandte ich mich an einen Thierarzt, fragte bei dem Briefkasten sämmtlicher Zeitungen an, — aber es nützte alles nichts. Wer weiß, wie lange ich mich noch über die Unfruchtbarkeit meiner Hühner gewundert hätte, wenn nicht durch einen Zufall mir des Pudels Kern klar geworden wäre.

Eines Morgens, als mich der melodische Gesang des Hahnes geweckt hatte und ich wachend im Bette lag, fiel mir plötzlich ein, daß ich einen wichtigen Brief am Abend einstecken zu lassen vergessen hatte. Ich stand auf und rief den Diener. Der antwortete nicht; ich ging in sein Zimmer, das Bett war leer. Ich freute mich über den Eifer des jungen Menschen und ging, um die übrigen Hausbewohner nicht zu wecken, leise die Treppe hinunter, auf die Scheune zu, in der Wilhelm die Stiefel und Kleider zu reinigen pflegte. Ich fand ihn bei der Arbeit — schon wollte ich ihm ein anerkennendes Wort zurufen, als ich sah, wie Wilhelm von dem Tisch ein Ei nahm, dasselbe mit einer Nadel aufstach und austrank.

„Deshalb legen unsere Hühner also nicht,” dachte ich, „na warte mein Junge” — und schon streckte ich die Hand aus, um sie ihm um die Ohren zu schlagen.

Aber eine Eingebung des Himmels hielt mich im letzten Augenblick davon zurück, und von ihm unbemerkt, schlich ich leise wieder von dannen.

„Die Hühner haben wiederum nicht gelegt,” meldete er wenige Stunden später, als wir am Kaffeetisch saßen. Keine Miene zuckte dabei in seinem Gesicht — es ist unglaublich, wie frech manche Menschen lügen können.

Strafe, fürchterliche Strafe aber sollte ihm werden — mein Entschluß war gefaßt.

Meine Frau war sehr erstaunt, als ich am Abend vor dem Schlafengehen die Weckeruhr auf vier Uhr stellte: ich erklärte, daß ich am nächsten Tage noch eine sehr wichtige dienstliche Sache zu erledigen habe, und sie beruhigte sich dabei. Kaum fing die Uhr wenige Stunden später ihren Heidenlärm an, als ich mich erhob, mich ankleidete und in den Hühnerstall hinabstieg. Vorsichtig tastete ich die Treppen hinunter, um nur ja nicht die faulen Eier zu zerschlagen, die ich am Tage vorher nach endlosem Suchen aufgekauft hatte; die frischen Eier wollte ich fortnehmen, die faulen den Hühnern unterlegen, und Wilhelm sollte seine Freude an seiner Morgenkost haben. Gesagt, gethan — ich legte die faulen Eier in die Nester, nahm die frischen an mich und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Nie werde ich den glückseligen Ausdruck vergessen, der sich auf dem Gesicht meiner kleinen Frau ausprägte, als sie bei dem Betreten des Frühstückszimmers die Schüssel mit den frischen, mit den „selbstgelegten” Eiern sah. Wilhelm brachte den Thee und meldete: „Die Hühner haben wiederum nicht gelegt,” aber er machte gleich darauf ein unglaublich dummes Gesicht, als er die Schüssel auf dem Tisch stehen sah. Doch er bezwang sich schnell — und vergebens spähte ich in seinem Gesicht nach einer Spur, die auf die überstandene Seekrankheit schließen ließ. Und doch mußte er dem Sterben nahe gewesen sein. Der Bengel hatte wenigstens Energie im Leibe und war nicht schlapp, das söhnte mich wieder mit ihm aus. Wilhelm trug auf Befehl meiner Frau zwei Eier in die Küche, um sie der Köchin zu übergeben: Es war ja selbstverständlich, daß wir unsere Eier gleich probieren wollten.

Nach kurzer Zeit erschien der Diener wieder, und während ich noch erst den Leitartikel in meiner Morgenzeitung zu Ende las, begann meine Frau schon zu frühstücken. Endlich legte ich das Blatt zur Seite und griff nach den Speisen. Unwilkürlich streifte ich dabei mit einem Blick meine Frau, aber ich wäre beinahe vor Schrecken vom Stuhle gefallen, als ich sie so vor mir sah. Bleich, mit eingefallenen Wangen, mit spitzer Nase, den Angstschweiß auf der Stirn, im Gesicht eine grün-gelbliche Farbe, zitternd am ganzen Körper.

Erschrocken sprang ich in die Höhe. „Aber Kind, Liebling, was ist Dir?” Doch statt zu antworten, preßte meine Frau die Serviette vor den Mund und stürzte hinaus.

Einen Augenblick stand ich starr, dann begann es in meinem Gehirn zu dämmern. Ich klingelte dem Diener:

„Wilhelm, wie haben heute Morgen die Eier geschmeckt?”

Er mochte mir ansehen, daß ich Alles wußte, daß sein Leugnen ihm doch nichts helfen würde, und so stotterte er denn nur: „Ausgezeichnet.”

Vernichtet sank ich auf einen Stuhl, aber nicht ohne Wilhelm vorher eine Ohrfeige zu geben: das sollte er wenigstens dafür haben, daß ich gestern in der Stadt eine Ewigkeit nach faulen Eiern gesucht und sie, nachdem ich sie heute Morgen in das Nest gelegt, selbst wieder anstatt der frischen herausgenommen hatte.

Wilhelm wankte zur Thür hinaus, und meine Frau wankte zur Thür herein: ein Bild des Jammers und des Entsetzens. „Ich kann mir nicht helfen,” stöhnte sie, „unsere Hühner sind verhext, erst legen sie gar keine Eier, und als sie es endlich doch thun, legen sie faule. Heute noch kommen die Thiere mir aus dem Hause.”

Mit wenigen Worten klärte ich den Sachverhalt auf, und die Folge war, daß sowohl die Hühner, als auch Wilhelm, der demüthig um Verzeihung bat, im Hause blieben. Meine Frau erholte sich schnell wieder, hat aber ihre Antipathie gegen Eier noch nicht völlig wieder überwunden.

Etwas Gutes hat diese wahrhaftige Hühnergeschichte aber doch — meine Frau gebraucht nie mehr den Ausdruck: „Das wäre mein Schönstes.” Merke ich, daß die Versuchung an sie herantritt, so rufe ich ihr zu: „Denke an das erste Ei,” und dann hält sie nicht nur den Mund, sondern sie hält sogar krampfhaft das Taschentuch vor — nur damit ihr die mir verhaßte Redensart nicht entschlüpft.


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