I. A.

Skizze aus dem Militärleben.
Von Freiherr v. Schlicht.
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 2.Juli 1900,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 7.7.1900,
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 29.7.1900,
in: „Exzellenz lassen bitten” und
in: „Seine Hoheit”


Wie kommt's, daß mir das „I—a”, „I—a”, „I—a” nicht aus dem Sinn und nicht aus den Ohren will? Liegt es daran, daß ich kürzlich meinem Herrn filius ein Eselsgespann kaufte, oder liegt es daran, daß ich in gegebener Veranlassung vor einigen Tagen mehr als sonst zurückdachte an die Zeit, da auch ich noch ein Leutnant mit der Schnurrbartbinde war? Ich weiß es nicht, das aber weiß ich, daß nicht nur bei den Eseln, sondern auch beim Militär das „I—a” eine große Rolle spielt.

Es ist zwölf Uhr Mittags, also Parole–Ausgabe.

Auf dem langen, großen Korridor vor dem Regiments­bureau stehen die zwölf Feldwebel des Regiments — auf ihrer Heldenbrust tragen sie das mit Recht so gefürchtete Notizbuch, das meist noch dicker ist als der Feldwebel selbst, und das will viel sagen, denn es gibt „Mütter der Kompagnie”, die drei Centner und mehr wiegen. Aber das Notizbuch bildet den Hauptbestandtheil des Feldwebels, die Beiden sind unzertrennbar wie die berühmten siamesischen Zwillinge — sie lassen sich nicht von einander loslösen. Es ist einmal vorgekommen, daß bei einem Feuer in der Kaserne, als das Alarmsignal ertönte, ein Feldwebel im Adamskostüm auf dem Kasernenhof erschien — aber in der Linken hielt er sein Notizbuch, um die „verfluchten Lümmels” zum Nachexerzieren aufschreiben zu können, die bei dem Antreten der Kompagnie nicht „das Maul hielten”.

Die Feldwebel warten auf die Parole und mit ihnen warten die drei Bataillonsadjutanten — diese beiden Chargen sind dienstlich zur Stelle, die müssen da sein, wenn nicht ein heftiges und unheiliges Donnerwetter losbrechen soll, denn die Regimentsbefehle sind nicht nur heilig, sondern auch eilig, und was das Regiment theoretisch befiehlt, muß von den unteren Behörden stante pede in die Praxis übersetzt werden, einen Aufschub gibt es nicht. Das wissen nicht nur die Adjutanten, das wissen auch die Herren Hauptleute und die Herren Bataillons­kommandeure. Sie haben bei der Parole–Ausgabe nichts zu thun, gar nichts, aber trotzdem sind sie mit den Feldwebeln und den Adjutanten zur Stelle — angeblich, um nicht so lange auf die Befehle warten zu müssen, in Wirklichkeit aber, um gleich zugegen zu sein, wenn seitens des Regiments irgendeine Anfrage erfolgt.

Wenn es z.B. heißt: „Die erste Kompagnie hat bis morgen Mittag dem Regiment zu melden, warum der Gefreite Meier sich, allen Ermahnungen zum Trotz, gestern Abend wieder bis zur Bewußtlosigkeit betrunken hat,” so macht es nicht nur einen guten, sondern sogar einen sehr guten Eindruck, wenn die Kompagnie umgehend melden kann: „Der Gefreite Meier hat sich gestern Abend betrunken, weil er gestern Abend zu viel getrunken hat.”

Beim Militär kommt es darauf an, erstens, daß man schnell antwortet, und zweitens, daß man überhaupt etwas antwortet — was man antwortet, ist in den meisten Fällen vollständig gleichgiltig, denn der Vorgesetzte, den die Antwort eines Untergebenen ganz befriedigt hat, der an ihr nicht das Geringste auszusetzen hat — der brave Mann soll erst noch geboren werden.

Die Kasernenuhr, die aus lauter Mitleid mit den armen Soldaten, die ihr bei dem Exerzieren fortwährend sehnsüchtige Blicke zuwerfen, immer wenigstens zehn Minuten vorgeht, schlägt einhalb Eins.

Die Parole könnte schon lange zu Ende sein, aber sie hat noch garnicht angefangen.

„So was gibt's ja gar nicht,” schilt ein Major mit lauter Stimme, „das ist ja geradezu unerhört. Wenn es noch lange dauert, werde ich einmal zu dem Herrn Oberst hingehen und ihn bitten, uns hier nicht länger warten zu lassen.”

Das klingt sehr stolz und kühn, und der Sprecher sieht sich um, welchen Eindruck seine Worte bei den Zuhörern gemacht haben. Leider muß er konstatiren: gar keinen. Alle wissen, daß die Worte des Majors eben — nur Worte waren, sie kennen den Stabsoffizier als einen muthigen Mann und wissen, daß er, mit dem Schwert in der Scheide, sich nicht fürchten würde, in einen Löwenkäfig zu gehen. Aber in das Regiments­bureau zu dem Herrn Oberst geht er nicht. Die Löwen würden ihn vielleicht verschonen, der Regiments­kommandeur würde ihn todtensicher umbringen.

Der Major weiß das ebenfalls ganz genau und deshalb denkt er auch garnicht daran, zu gehen. Er bleibt, wo er ist, er wartet, die Anderen warten und sie warten Alle miteinander, Alle miteinander.

„Warum die Sache nur heute wieder eine Ewigkeit und fünfundzwanzig Minuten dauert?” beginnt der ungeduldige Major von Neuem, „solche lumpigen Befehle auszugeben, ist doch weiß Gott weiter nichts als eine große Kleinigkeit und . . . .”

Er will noch weiter sprechen, aber mit einem Mal verstummt er, denn sein Adjutant wirft ihm einen Blick zu, der da ganz deutlich sagt: „Blasser Renommist.”

Kein König bleibt vor seinem Kammerdiener groß, kein Kommandeur vor seinem Adjutanten, und der „Setzer” weiß in diesem Falle ganz genau, wie schwer es seinem Brodherrn wird, nur den einfachsten Befehl auf die Welt zu setzen.

Der Stabsoffizier wendet sich bei dem Blick seines Untergebenen betreten ab und ebenso wie die Anderen schilt er nur noch im Stillen. Alle aber erörtern die Frage: Woran liegt es denn, daß die Parole immer noch nicht ausgegeben wird?

Ja, woran liegt es nur?

Nur die aller intimsten wissen es. Der Herr Oberst ist immer noch nicht da.

In aller Herrgottsfrühe ist er fortgeritten, um ein neues Gelände für eine große Felddienst­übung zu entdecken. Jetzt ist es gleich Ein Uhr und der Kommandeur treibt sich immer noch in der Welt herum. Das beweist, daß er entweder noch nichts Passendes fand, oder daß das Gute, wie es ja auch sonst zuweilen vorkommt, abseits der großen Heerstraße liegt.

Soldatenbeine, freuet Euch und salbet sie mit Oel und Vaseline, macht sie geschmeidig, damit ihr sie, wenn ihr sie braucht, gehörig „strecken” könnt.

Der Herr Oberst kommt immmer noch nicht, obwohl aus jedem Fenster des Regiments­bureaus eine Schreiberseele auf die Straße guckt, aber er kommt und kommt nicht und das ist dem Regiments–Adjutanten mehr als unangenehm.

Die Post hat am frühen Morgen einen Brief gebracht, bei dessen Anblick der Adjutant unwillkürlich die Hacken zusammen und die Cigarre aus dem Mund nahm. Ehrfurcht dem Ehrfurcht gebührt, und der Brief verlangte, daß man ihm unterthänig begegnete, denn er war von dem General­kommando!

Das Regiment hatte vor einiger Zeit dieser hohen Behörde den Bericht über das Schießen eingesandt mit genauester Berechnung der verbrauchten Patronen. Die Berechnung war sehr schön gewesen, sie hatte leider nur einen Fehler gehabt, sie stimmte nicht, und das hatten die klugen Leute bei dem General­kommando sofort herausgefunden und kleinlich, wie die hohen Herren zuweilen sind, übelgenommen. Ja, damit nicht genug, sie verlangten, daß die Aufstellung der verbrauchten und der noch vorhandenen Munition sofort noch einmal gemacht und mit wendender Post, spätestens mit dem Mittagszug an sie zurückgesandt würde. Der Befehl war ausgeführt worden, die Schreiber hatten mitsammt dem Adjutanten den ganzen Vormittag gesessen und gerechnet und Alle schwuren darauf, daß die Sache jetzt richtig sei. Nur Einer traute dem Rechnungs­resultat nicht, das war der Adjutant und sein Mißtrauen war so ungerechtfertigt nicht, es basirte darauf, daß bei jeder Probe ein anderes Ergebniß herauskam.

„Das thut's immer, wenn die Rechnung richtig ist,” tröstete und beruhigte ihn der Regiments­schreiber, aber der Adjutant traut dem Frieden nicht und darum schickt er die Sache auch jetzt, solange der Oberst noch nicht da ist, nicht fort.

Und auch dies hat seinen tiefen Grund: Ist der Oberst zugegen, wenn der Brief in die Welt hinausgeht, so unterzeichnet er das Schreibe: a.B., auf Befehl, und dann ist der Kommandeur der verantwortliche Chefredakteur; ist der Oberst aber nicht da, so unterzeichnet er: „I.A.”, im Auftrage, und dann, ja dann ist die Chose leider gerade umgekehrt, dann ist er Derjenige, Welcher, dann ist er derjenige, der nicht nur etwas, sondern maßlos viel auf den chapeau — Hut bekommt, wenn die Sache nicht stimmt. Und sein Oberst hat einen viel größeren Schädel als er selbst und außerdem trägt der hohe Herr ein Toupet, kann also, wenn er etwas auf den Kopf bekommt, den obersten Theil seines Schädels herabnehmen, ihn gehörig ausschütteln und ihn sich dann wieder aufsetzen. Der Adjutant kann das nicht, denn ihm sind die Haare festgewachsen und schon aus diesem Grunde gönnt er dem Vorgesetzten den Rüffel viel lieber als sich selbst.

Der Oberst kommt immer noch nicht. Für einen Augenblick denkt der Adjutant daran, die vielen Leute, die draußen auf dem Korridor stehen, nicht unnöthig länger warten zu lassen. Wenn er auch nicht rechnen kann, so weiß er doch, daß die lieben Leute ausgerechnet keine Lust mehr haben, sich die Beine in das Gehirn zu stehen, er will mit der Ausgabe der Befehle anfangen — aber nein, es geht doch nicht. Die Feldwebel und Adjutanten müssen unter allen Umständen warten, bis der Oberst da ist, denn wenn der Kommandeur von dem Brief erfährt, wird er sehr grob werden, er wird die Kompagnien beschuldigen, ihm falsche Zusammenstellungen gesendet zu haben, er wird den Feldwebeln grob werden, die Hauptleute anschreien und mit den Stabsoffizieren auch einen Ton reden. So etwas macht sich im ersten Augenblick viel besser als hinterher und deshalb läßt der Adjutant die Leute draußen ruhig stehen und auf ihr Deputat warten. Was der Mensch haben muß, das muß er haben; je eher daran, desto eher davon — seinem Geschick und seinem Anpfiff entgeht beim Militär im Besonderen nur derjenige, der nicht Soldat ist.

Der Oberst kommt immer noch nicht, aber der Brief muß fort. Die Ordonnanz muß schon wie ein Wahnsinniger laufen, wenn sie den Zug noch erreichen soll, sie kann nicht länger warten, sie muß fort, und schweren, schweren Herzens schreibt der Adjutant:

 

I. A.
von Tintenwitz
Leutnant und Regimentsadjutant.

„Und wenn Du laufen mußt, daß Du unterwegs todt umfällst, das ist ganz gleichgiltig, Du wirst ermordet, wenn der Brief nicht noch in den Zug kommt!” ruft der Oberschreiber dem Soldaten nach, und dieser stürzt davon.

Kaum ist er verschwunden, da öffnet sich die Porta Westfalica und in seiner ganzen Schönheit erscheint der Herr Oberst. (Nicht nur die Leutnants, sondern auch die Kommandeure geben viel auf ihr Aeußeres und schon Manchen sah ich unglücklich enden, weil seine Figur und seine ganze Erscheinung nicht den Anforderungen entsprach, die man in dieser Hinsicht an ihn stellte, Gott weiß aus welchem Grunde stellen mußte, und schon gar Manchen hörte ich singen: Nur auf die Schönheit kommt es an, nicht ob man auch was leisten kann.)

Der Kommandeur ist sehr gut gelaunt, er hat gefunden, was er suchte, und gibt seinem Adjutanten die Hand: „Nun mein lieber Tintenwitz, was gibt es Neues im Lande?”

Der erzählt, was vorgefallen ist, aber den Kommandeur läßt das ganz kalt: „Na, das ist ja nicht so schlimm, deswegen brauche ich mir mein Toupet noch nicht grau färben zu lassen, die Hauptsache ist, daß Sie die chose in Ordnung brachten. Nun stimmt sie doch?”

Ganz sicher ist der Adjutant seiner Sache immer noch nicht, so antwortet er denn ausweichend: „Ich hoffe es, Herr Oberst.”

„Ich hoffe es auch, Herr Leutnant,” donnert da mit einem Male die dröhnende Stimme des Gewaltigen, „oder glauben Sie etwa, Herr Leutnant v. Tintenwitz, daß ich Lust habe, mir Ihretwegen Grobheiten sagen zu lassen?”

Unwillkürlich taumelt der Adjutant einen Schritt zurück, dann nimmt er allen Muth, der unter dem auswattirten Rock in seinem keuschen Busen ruht, zusammen und sagt:

„Die ganze Verantwortung trage ich, Herr Oberst, ich habe den Brief nicht mit „A.B.”, sondern mit „J.A.” unterzeichnet!”

Das Gesicht des Gestrengen ist mit einem Male eitel Glück und Sonnenschein: „Das haben Sie gut gemacht, mein Lieber, sehr gut, dann ist die Sache ja in schönster Ordnung. Wollen Sie nicht eine Cigarre rauchen? Nehmen Sie nur — die Feldwebel und was sich da sonst zum Theil ohne jede Veranlassung auf dem Korridor herumtreibt, kann warten — es ist mir sogar sehr lieb, wenn sie warten, damit sie sich das Warten abgewöhnen, es kommt mir beinahe so vor, als hätte ich lauter Wartefrauen in meinem Regiment, und gegen die Weiber habe ich noch von früher her eine ausgesprochene Antipathie. Na, das war früher, als ich noch verheirathet war, wie Sie wissen, mehr als unglücklich — es ist doch viel Wahres in dem Wort, das ich gestern irgendwo las: „Kein Mensch lebt in einer so glücklichen Ehe wie ein kinderloser Wittwer.” Na, nun wollen wir regieren, was gibt es denn sonst noch Neues?”

Das Regieren beginnt und nach einer Stunde ist die Parole ausgegeben.

*

Am nächsten Mittag erhält der Leutnant v. Tintenwitz telegraphisch vom Generalkommando dreimal vierundzwanzig, also im Ganzen zweiundsiebzig Stunden Stubenarrest, weil seine eingereichte Schießberechnung absolut nicht stimmt — es fehlen ungefähr viertausend Patronen.

„Wenn ich nur eine einzige davon hätte, ich würde mich todtschießen,” denkt der arme Leutnant, dann begibt er sich in sein Cachot und verflucht die beiden Buchstaben „J.A.” nach allen Richtungen der Windrose.

Der Oberst und Regiments­kommandeur aber segnet sie, denn gäbe es kein „J.A.”, das ihm zuweilen die Verantwortlichkeit fortnähme, gäbe es kein „J.A.”, sondern nur ein „A.B.”, das er mit seiner Person vertheidigen muß, dann wäre er dieses Mal ganz sicher „A.D.”.

Nun hat er noch Zeit bis zum nächsten Mal, und die Frage, die er sich selbst stellt: „Freust Du Dich darüber?” beantwortet er mit einem lauten, vernehmlichen „J.A.”, und das bedeutet, zusammen ausgesprochen, „Ja”.


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© Karlheinz Everts