Die Hunnen kommen.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Deutsches Volksblatt” vom 25.7.1897 und
in: „Vorarlberger Tagblatt” vom 24.6.1899


Wohl schon zum sechsten Male knallte Heinrich, der Kutscher des alten Medizinalrathes Eschenburg mit der Peitsche, um ein Zeichen seiner Anwesenheit zu geben, in immer kürzer werdenden Zwischenräumen wiederholte er das Zeichen, aber es blieb vergebens, der Medizinalrath kam immer noch nicht. Und doch war er sonst die Pünktlichkeit selbst. Sobald der Wagen vorfuhr, kam der Herr des Hauses aus der Thür, oft ging er schon ungeduldig auf der Straße auf und ab, sich nach Heinrich umsehend, ob er immer noch nicht käme, obgleich er ganz genau wußte, daß dieser stets mit dem Glockenschlage acht Uhr morgens und vier Uhr nachmittags bei ihm vorfahren würde.

Pünktlichkeit galt im Hause des viel beschäftigten Arztes als etwas ganz selbstverständliches. „Wenn ich warten muß, müssen meine Patienten auch warten, und das dürfen Kranke nicht,” pflegte er zu sagen und so war alles auf die Minute geregelt.

„Wo er heute nur bleibt,” dachte Heinrich, „ob ihm ein Unglück zugestoßen ist?”

Endlich, endlich trat jetzt die trotz der sechzig Jahre noch ungebeugte, hohe, stattliche Gestalt auf die Straße, ein glückliches, frohes Lächeln auf dem edlen, scharfgeschnittenen Gesicht, aus dem zwei große, blaue Augen mit unverkennbarer Herzensgüte hervorleuchteten.

„Nun, Heinrich, hast du im Stillen ordentlich auf mich gescholten?” fragte er scherzend, „ich konnte nicht eher, ich habe einen Brief bekommen, dessen Inhalt ich erst meiner Frau mittheilen mußte. Denk Dir mal, die Hunnen kommen. Nun aber los, hier ist die Liste.”

Einen Augenblick später zogen die Pferde an und mit demselben schmunzelnden Gesicht, mit dem er sich in die Kissen seines Wagens lehnte, tronte Heinrich auf seinem Kutscherbock.

Heinrich war zwanzig Jahre alt. Vor etwa fünf Jahren hatte der Medizinalrath bei ihm eine sehr schwierige Augenoperation vorgenommen, die wider alles Erwarten sehr günstig ausgefallen war. Auf das Entschiedenste hatte der Arzt jedes Honorar abgelehnt, und ebenso entschieden hatte Heinrich, damals noch ein Kind, darauf bestanden, irgend wie seine Dankbarkeit abtragen zu können.

„Na, Heinrich, des Menschen Wille ist sein Himmelreich,” hatte der alte Medizinalrath endlich lachend gesagt, „wenn Du mir einen Gefallen thun willst, geh nach Haus und sage Deinem Vater, er sollte mir von morgen früh an keinen anderen Kutscher schicken als nur Dich. Du darfst niemand fahren als mich und mußt immer für mich zu finden sein.”

In den langen Jahren hatte sich zwischen dem Herrn und seinem Kutscher ein fast freundschaftliches Verhältnis gebildet und Heinrich, der in dem Hause des Medizinalrathes wie ein Sohn behandelt wurde, hing mit abgöttischer Liebe an seinem Brotherrn und dessen Familie.

„Die Hunnen kommen.” Das Wort hatte genügt, um auch in seinem Herzen eitel Freude und Sonnenschein hervorzurufen. Sein Herr war gewiß gütig und milde, aber so lustig und ausgelassen, wie in der Zeit, wo die Hunnen bei ihm waren, war er sonst nie.

In jedes Haus, an jedem Krankenbett brachte der Medizinalrath die Kunde: „Denken Sie sich nur, meine Hunnen kommen,” und mit ihm freuten sich seine Kranken, wenn auch zum Theil aus Egoismus, da sie wußten, daß der Arzt nie geduldiger lange Auseinandersetzungen anhörte, als wenn seinen Hunnen bei ihm waren.

Und drei Tage später hatten die Hunnen ihren Einzug gehalten: Zwei mittelgroße, schlanke, zierliche Frauengestalten mit schwarzen Augen und tiefschwarzem Haar, einander so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Wie stets, kamen sie früher als sie erwartet wurden; lachend und tobend wie die Kinder stürzten sie von der großen Hausdiele die in die obere Etage führende Treppe in die Höh' und erstickten die Mutter, eine mittelgroße, etwas starke Fünfzigerin fast mit ihren Liebkosungen.

„Nicht wahr, Mutting,” fragte Blanka, die ältere von den beiden, „das nenne ich eine Ueberraschung. Drei Tage und drei Nächte haben wir auf der Eisenbahn gesessen, nur um zu früh zu kommen, denn wir müssen doch unserem Namen Ehre machen und wie unsere Ahnherren unerwartet und unverhofft hereinbrechen. Aber wann kommt der Vater, ich sehne mich darnach, ihn zu begrüßen und außerdem — —”

„Haben wir beide einen furchtbaren Hunger,” ergänzte Rosa lachend, „mir ist, als wenn ich vor achtundvierzig Stunden das Letzte genossen hätte. Aber es ist doch gleich zwei Uhr, der Vater muß doch jeden Augenblick kommen.”

Und als sie nun seine Schuhe auf der Treppe hörten, flogen sie ihm entgegen und laut aufjubelnd schloß der Vater seine Kinder in die Arme.

„Endlich, endlich seid Ihr wieder einmal hier, für's Erste lasse ich Euch aber nun nicht wieder fort.”

„Acht Tage, Vater, länger können wir nicht bleiben,” sprach Rosa, „aber damit der Abschied Dir dann nicht zu schwer wird, haben wir uns fest vorgenommen, uns dieses mal nichts schenken zu lassen — nichts, gar nichts!”

Einen Augenblick sah der Medizinalrath seine Kinder starr an, dann fing er an zu lachen, so herzlich, daß ihm die Thränen in die Augen traten und daß die Kinder mit in sein fröhliches Gelächter einstimmten. Sie zärtlich umschlungen haltend, trat er mit ihnen in das Zimmer seiner Frau.

„Hast Du schon gehört, Emmy, die Kinder wollen dieses mal nichts geschenkt haben.”

Nun saßen sie bei Tisch in dem großen, schön getäfelten Eßzimmer, an dessen Wänden auf den Börten alte, seltene Krystall- und Glassachen in reicher Anzahl standen. Lachen und Scherzen unterbrach sehr oft die ausgelassene Unterhaltung und mit heiterem Vergnügen lauschten die Eltern der fröhlichen Schilderung der Reise und der Erlebnisse ihrer Kinder von der langen Zeit, da sie nicht zu Haus gewesen.

Beide Töchter waren nach Rußland hin an reiche angesehene Kaufleute verheiratet. Rosa, die um wenige Stunden ältere, hatte zuerst geheiratet und nur schweren Herzens hatten die Eltern ihre Einwilligung gegeben, sie konnten sich an den Gedanken nicht gewöhnen, ihr Kind so weit fortzugeben. Blanka blieb vorläufig bei ihnen, aber nur zu bald zeigte es sich, daß sie ohne die Schwester nicht leben konnte, immer häufiger und immer länger wurden im Laufe der Jahre die Reisen, die sie nach dem fernen Osten unternahm.

Und einmal war sie zurückgekehrt, so blaß und traurig, so still und verzagt und doch wieder zuweilen so ausgelassen lustig, daß das scharfe Auge des Vaters und Arztes gar bald die wahre Ursache erkannte.

„Mutter, Mutter,” hatte er eines Abends zu seiner Frau gesagt, „paß auf, lange wird es nicht mehr dauern, dann wird auch Blanka uns verlassen. Ein schrecklicher Gedanke und doch glaube ich, thun wir gut, uns bei Zeiten daran zu gewöhnen.”

Wenige Tage später war der Freier schon vor den Eltern hingetreten und hatte um Blanka geworben, die er, als sie bei ihrer Schwester weilte, im Hause seines Freundes vor mehr als Jahresfrist kennen gelernt hatte.

Mit Pomp und Glanz war die Hochzeit bald darauf gefeiert worden, frohe Festestage waren es gewesen, zu denen die nachherige Einsamkeit, als auch das letzte Kind das Elternhaus verlassen hatte, in schroffstem Gegensatze stand.

Heller Jubel hatte geherrscht, als die Zwillinge ungefähr ein Jahr später zum ersten mal zusammen auf Besuch gekommen und einen Monat hindurch dortgeblieben waren.

Und bei diesem ersten gemeinschaftlichen Besuch hatten sie sich den Beinahmen „die Hunnen” dadurch erworben, daß sie so manches aus dem Elternhause, das ihnen gefallen hatte, mit in die ferne Heimat nahmen.

Alljährlich pflegten die Zwillinge fortan eine längere oder kürzere Zeit im Elternhause zuzubringen und wie der Medizinalrath lachend zu sagen pflegte: „Ihr ganzes Reisegepäck besteht in einer Zahnbürste und einem leeren, aber großen Koffer, der bei ihrer Abreise sich trotz seiner Größe doch als zu klein erweist.”

Nichts lag den Zwillingen ferner, als ihre Eltern ihrer Sache zu berauben, aber das große Haus war so angefüllt mit schönen, teuren und werthvollen Gegenständen, daß die Aussteuer beider Töchter dem Hause entnommen war, ohne auch nur die geringste sichtbare Lücke zu hinterlassen.

„Aber Mutting,” fragte da plötzlich Blanka, eine Schilderung ihrer Dienstboten unterbrechend, „wo hast Du denn dieses große, anscheinend schwere silberne Theetablett her — das kenne ich ja noch gar nicht?”

„Fängst Du doch schon an,” schalt Rosa, „wir haben uns doch fest vorgenommen, nichts laut zu bewundern, weil das nach Meinung der Eltern doch nichts anderes heißt, als daß wir den Gegenstand gern geschenkt haben wollen — und schenken lassen, Blanka, daran erinnere ich Dich nochmals, schenken lassen thun wir uns dieses mal nichts, garnichts — wenigstens nicht am ersten Tag.”

„Das Wort kam von Herzen.” Lachend erhob der Doktor sein Glas und stieß mit den Seinen an.

„Jede Wahrheit muß belohnt werden,” sprach er dann, „was meinst Du, Emmy, wenn Blanka das Theebrett nun so gerne leiden mag — ich kann Dir ja bei Gelegenheit einmal ein anderes dafür kiaufen.”

Aber Blanka wehrte ab: „Nein, nein, auf keinen Fall, wir sind nur gekommen, um Euch zu sehen, mit Euch zusammen zu sein — nein, noch aus einem anderen Grunde.”

„Und der wäre?” fragte der Vater neugierig.

„Wir wollen ernsthaft durch unser Benehmen den häßlichen Beinamen „die Hunnen” abschaffen.”

Und wirklich kam in der ganzen Zeit, da die Zwillinge im Hause der Eltern weilten, nicht der leiseste Wunsch, nicht die gerigste Bitte über ihre Lippen.

„Ich weiß gar nicht, was mit den Kindern ist,” klagte der Medizinalrath eines Abends bei dem Zubettgehen seiner Frau, „es sind unsere Kinder und doch sind sie es nicht. Wenn sie ledig wären, so würde ich sagen, sie sind verleibt und wollten unsere Einwilligung sich erwerben. Aber so stehe ich wirklich vor einem Räthsel, auf dessen Lösung ich gespannt bin. So viel weiß ich aber, mir wäre lieber, sie hätten mir kein Räthsel zu lösen aufgegeben, sondern wären die Hunnen geblieben, die sie waren. Was hat man von seinem Reichthum, wenn man davon nicht einmal denen, die unserem Herzen am nächsten stehen, abgeben soll.”

Der alte Medizinalrath redete sich ordentlich in Zorn hinein.

„Die Beiden sollen sich aber was schenken lassen, ich will es, weißt Du, Frau, Du stellst morgen der Blanka das silberne Theebrett in ihr Zimmer und ich füge für Rosa die beiden alten französischen Rococoleuchter hinzu, die sie schon seit Jahren bewundert und die ich bisher stets wie durch ein Wunder zu retten wußte.”

Am nächsten Morgen, als die Zwillinge den Frühstückstisch besorgten, wurde der Plan zur Ausführung gebracht, aber als der Medizinalrath Mittags von seiner Praxis zurückkam, standen auf seinem Schreibtisch die beiden schönen Leuchter und auf dem Eßtisch prangte das silberne Tablett.

Gleichsam, wie infolge einer gegenseitigen Verabredung wurde kein Wort darüber gesprochen, aber es gelang dem Vater doch nicht ganz, seinen Unwillen zu verbergen.

Und obgleich die Hunnen da waren, wurde Heinrich, als er Nachmittags um 4 Uhr vorfuhr, hart angefahren, weil er immer erst auf die letzte Minute käme.

Am Abend desselben Tages, als die Familie bei dem Abendbrod saß, wurde für jeden der Zwillinge ein großes Packet abgegeben, das der Medizinalrath für sie in der Stadt eingekauft hatte. Neugierig ööfneten sie die Verpackung und ein Ausruf der Freude und Ueberraschung entfuhr ihnen, als sie die ebenso schönen wie nützlichen Sachen sahen, die der Vater für sie besorgt hatte.

„Nun, das werdet ihr doch wohl von mir annehmen?” fragte dieser, „obgleich es ja fast den Anschein hat, als hättet Ihr Euch fest vorgenommen, mir jede Freude an Eurem Besuch zu rauben, oder wollt Ihr Euch diese Sachen auch nicht schenken lassen?”

So zornig klang seine Stimme, daß die Zwillinge sich beeilten, ihn zu versöhnen.

„Aber Vater, wie kannst Du nur glauben, daß wir Dein Geschenk zurückweisen würden?”

Sie erhoben sich von ihrem Platz und schlangen zärtlich die Arme um seinen Hals; sie hatten ihn ja so lieb in seiner unbeschreiblichen Herzensgüte, die nur darauf bedacht war, jeden Tag wenigstens einem Menschen eine Freude zu bereiten.

Von Neuem bewunderten Rosa und Blanka die vor ihnen ausgebreiteten Herrlichkeiten.

„Aber Vater,” sagte Blanka da plötzlich und unvermutet, „sei nicht böse, aber ich weiß doch nicht, ob wir die Sachen mitnehmen können.”

Finster zogen sich seine Augenbrauen zusammen und die Zornesader schwoll auf seiner Stirn.

„Sei nicht böse, Vater,” beeilte sich Rosa hinzuzusetzen, „es ist ja nur, weil — ja Vater, wir haben dieses Mal, weil wir ja nur eine Woche bleiben, nur eine Handtasche mit uns, Ihr habt ja auch keinen großen Koffer mehr, Euren letzten habt Ihr uns ja im vorigen Jahr for ever geliehen.”

„Emmy, Mutter, hast Du schon in Deinem Leben so etwas gehört? Die Hunnen wollen sich nichts schenken lassen, weil sie keinen Koffer haben. Als wenn man keine kaufen könnte.”

Und der Medizinalrath lachte so herzhaft, daß seine fröhliche Stimmung auch die anderen ansteckte.

„Kinder, kommt her und gebt mir einen Kuß — nun seid Ihr wieder die alten und nun, Emmy, wollen wir mit den Kindern durch das Haus gehen und sie sollen sich aussuchen, was sie haben wollen. Für den Koffer laßt mich nur sorgen.”

Drei Tage später waren die Hunnen wieder von dannen gezogen, das Lachen und Toben im Hause war verstummt, traurig und schweigsam saßen die Eltern Abends am Theetisch sich gegenüber.

Da fielen die Blicke des Hausherrn auf einen großen, freien Raum auf der ihm gegenüberliegenden Wand.

„Nanu?” sprach er verwundert, „was ist denn mit dem großen Achenbach'schen Bilde geschehen? Ist es heruntergefallen?”

„Mehr als das!” lautete die Antwort, „die Hunnen haben es mit fortgenommen. Der Koffer, den Du besorgt, war selbst für die vielen Sachen zu groß — fest mußten sie doch liegen — und damit sie festlagen, nur deshalb, legten sie den Achenbach darauf — der paßte gerade so schön.”

„Armer Achenbach,” lachte der Hausherr, „das hast Du gewiß auch nicht geahnt, daß Dein schönes Bild zum Verstauen von anderen Gegenständen dienen würde. Ach, Emmy,” setzte er dann traurig hinzu, „so leer, wie der Platz an der Wand, so leer ist es in mir — so heiter und voll Glückseligkeit, wie es in den letzten Tagen in mir war, wird es erst wieder werden, wenn ich Dir nach Jahresfrist die Nachricht bringen kann: Die Hunnen kommen!”


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© Karlheinz Everts