Hornist Krause.

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Humoresken und Erinnerungen”


Und wenn man sich auch aufhing, es half doch nichts: der Krause war zu dumm. So etwas von Dummheit war überhaupt noch nicht dagewesen. Wenn die im Dienst ergrauten Unteroffiziere des Abends im Kasino zusammensaßen und Wundergeschichten von dummen Rekruten erzählten, denen sie erst die höhere Bildung beigebracht hätten, dann erzählte zum Schluß der Sergeant Bülle von seinem Krause. Und wenn die anderen dann ganz andächtig zuhörten und voller Spannung lauschten, dann war Sergeant Bülle ganz stolz auf seinen Krause. Aber auch nur dann. Sonst wünschte der Sergeant den seiner Erziehung anvertrauten Musketier vom Morgen bis zum Abend zum Teufel.

Aber der Teufel dachte nicht daran, ihn zu holen, er ging ihm sogar absichtlich in einem ganz weiten Bogen aus dem Weg, damit Krause ihm in seiner grenzenlosen Dummheit nicht etwa freiwillig in die Arme liefe.

Krauses nicht vorhandene Weisheit wirkte auf seine Vorgesetzten um so deprimierender, als er, wie der Sergeant Bülle gleich an einem der ersten Tage sehr richtig bemerkte, „nach seiner äußeren Veranlagung den Anschein erwecke, als habe er auch die innere Begabung, eine glänzende militärische Karriere zu machen und es, wenn auch nicht gerade bis zum Unteroffizier, so doch vielleicht bis zum Gefreiten zu bringen.”

Der Musketier Krause war ein bildhübscher Kerl und ein paar Paradebeine hatte er — einfach klassisch. Und man begriff die sonst doch so vernünftige Natur nicht, daß sie in dem Gehirn eines so hübschen Kerls ein solches Mistbeet angelegt hatte. Eigentlich hinkte dieser Vergleich mit dem Mistbeet, auf den sein Erfinder, der Sergeant Bülle, sehr stolz war, ganz bedenklich, denn auf einem Mistbeet wächst sehr vieles, in dem Gehirn des Musketiers Krause aber wuchs nichts.

So waren denn alle sehr froh, als Krause sich nach glücklicher Vollendung seiner militärischen Ausbildung unter den Freiwilligen meldete, die Spielleute werden wollten.

Vom Hauptmann herunter bis zu seinem Gaul freuten sich alle, daß sie Krause loswurden, und der Gaul freute sich darüber nicht am wenigsten. Wieviel nervöse Sporenstiche hatte er nicht von seinem Reiter bekommen, wenn Krause allen Ermahnungen zum Trotz anstatt rechtsum Kehrt machte und anstatt der Wendung linksum den Griff: Präsentiert das Gewehr! ausführte.

Die Kompagnie war den Krause los, dafür hatte ihn nun der Bataillonstambour. Auch beim Militär ist des einen Freud' des anderen Leid, und umgekehrt, und als der Bataillonstambour von dem Zuwachs erfuhr, den sein Federvieh erhielt, dachte er ernstlich daran, sich den Bataillons­tambourstock in das Herz zu stoßen und von dieser Welt Abschied zu nehmen.

Aber sein Leid verwandelte sich bald in eitel Freude, denn schon an einem der ersten Tage machte er die Entdeckung, daß Krause wirklich musikalisch veranlagt war. Er hatte ein sehr feines Gehör, und die falschen Töne, die er, am Anfang mit sehr viel Spucke vermengt, in sein Horn hinein- und dann wieder hinausblies, korrigierte er ganz von selbst so lange, bis sie ihm richtig erschienen und es dann auch wirklich waren.

Aber so richtig Krause auch bald blies, seine Dummheit verließ ihn trotzdem nicht, und die zeigte sich darin, daß er stets ein falsches Signal blies. Anstatt: Habt ihr noch nicht lang genug geschlafen, blies er: Ihr lieben Leute, geht zu Bett, der Hauptmann hat's befohlen, und anstatt Alarm blies er zum Essenholen.

Der Bataillonstambour rang die Hände. Er war ein begabter Mensch und suchte sich klarzumachen, daß Krause eines Tages auf Wache wäre und auf Befehl der Vorgesetzten eines Tages das Alarmsignal geben solle. Was dann, wenn die ganzen Leute des Regiments auf Grund des falschen Signals, anstatt feldmarschmäßig mit dem Gewehr, nur im Drillichanzug mit den Eßnäpfen in der Hand auf dem Kasernenhof antreten würden.

Selbst die Phantasie eins wahnsinnig gewordenen Dichters konnte sich das Donnerwetter nicht vorstellen, das sich dann über dem Haupte des Tambourmajors entladen würde, denn er war der Lehrer und somit für das verantwortlich, was seine Schüler taten oder bliesen.

So nahm er sich denn seinen Zögling ganz besonders vor, aber alle Mühe war vergebens, bis er dann plötzlich dahinter kam, daß in Krauses Verwechslungs­system, wie er es nannte, doch eine gewisse Ordnung herrschte. Er blies nicht an Stelle des richtigen Signals einmal dies, dann jenes falsche, sondern regelmäßig dasselbe falsche. Da freute sich der Bataillons­tambour und gedachte des großen Wortes: „Dem Mann kann geholfen werden.” So nahm er sich seinen Schüler von neuem vor: „Nun passen Sie mal auf, Krause, Sie sind zwar noch dümmer als zu dumm, aber doch nicht so dumm, daß nicht ein begabter preußischer Unteroffizier doch noch etwas aus Ihnen machen kann. Bei Ihnen liegt wenigstens Sinn im Unsinn. Wenn jemand zu Ihnen sagt: Blasen Sie Alarm, dann blasen Sie zum Essen holen. In Zukunft müssen Sie sich sagen: Alarm, aha, das ist das Essensignal. Dann blasen Sie das Essensignal, das heißt, Ihr Essensignal, das in Wirklichkeit das Alarmsignal ist, und wenn Sie dann damit fertig sind, haben Sie Ihre Sache gut und vor allen Dingen richtig gemacht. Und wenn Sie Reveille blasen sollen, dann denken Sie: Aha, das ist das Signal zum Zapfenstreich, dann blasen Sie Ihren Zapfenstreich, und wenn der dann fertig ist, war das die richtige Reveille.”

Es war eine lange Rede, die der Tambourmajor da hielt, denn es gibt viele Signale, und als er endlich geendet hatte, fragte er: „Haben Sie das nun begriffen, Krause?”

Der wußte in seiner Dummheit gar nicht, was er begriffen haben sollte. Er begriff nur so viel, daß er „Ja” sagen sollte, aber statt dessen sagte er in seiner Dummheit „Nein”.

Aber mit der Zeit lernte er es doch. Nach weiteren vierzehn Tagen erfaßte er es, daß er sich bei jedem Signal ein falsches denken und dann aus Versehen das richtige blasen solle. Und das tat er denn auch, er tat es sogar so gründlich, daß er sich nun sogar etwas ganz Falsches dachte und statt des Alarms nicht mehr wie bisher zum Essenholen, sondern zum Schlafengehen und nicht mehr wie früher anstatt der Reveille den Zapfenstreich, sondern den Sturmangriff blies.

Der Tambourmajor sah ein, hier war auch seine Weisheit zu Ende, er rang sich die Hände wund und flehte den Hauptmann an, Krause in die Kompagnie zurückzunehmen. Aber der Hauptmann blieb unerbittlich, und selbst des Hauptmanns Pferd schüttelte energisch den Kopf. Das war doch wirklich zu viel verlangt; sie waren froh, daß sie den Krause los waren, und nun sollten sie ihn wieder nehmen? Nein, daraus wurde nichts.

So blieb Krause Hornist, und der Tambourmajor befahl sich und seinen Zögling dem Schutze des Allerhöchsten.

Da geschah es, daß das Regiment zu einer zweitägigen Gefechtsübung gegen die Nachbargarnison ausrückte.

Nach langem Anmarsch stieß man auf den Feind, das Gefecht begann, um erst am späten Nachmittag abgebrochen zu werden, und erst gegen Abend wurden die Quartiere in einem Dorf bezogen. Die Anstrengungen des Tages waren groß gewesen, aber sie hatten auch ihr Gutes, alle glaubten jetzt sicher zu sein, daß sie nun ruhig durchschlafen könnten und nicht in der Nacht alarmiert würden, um die trotz heftigster Gegenwehr am Nachmittag verlorene Position durch einen plötzlichen Überfall in der Dunkelheit wiederzugewinnen.

Aber es ist eine alte Geschichte, daß die Vorgesetzten über ein und dieselbe Sache oft ganz anders denken als die Untergebenen. Der Oberst konnte es nicht über das Herz bringen, dem Gegner einen solchen Erfolg ruhig zu lassen. Wozu war das Dunkel der Nacht da, wenn er es nicht ausnutzte?

Der Regimentsstab war nicht in dem Dorf selbst einquartiert, sondern auf einem Gutshof, der eine kleine Viertelstunde entfernt lag. So schickte denn der Oberst seinen Adjutantenin die Welt hinaus: „Reiten Sie in das Dorf, wecken Sie den ersten Hornisten, an dessen Quartier Sie vorbeikommen, und lassen Sie den Mann Alarm blasen. Dann kommen Sie selbst sofort zu mir zurück; für den Fall eines Alarms habe ich den Stabsoffizieren und Hauptleuten bereits heute Mittag genaue Befehle erteilt.”

Der Adjutant galoppierte gleich darauf von dannen, und mit scharfen Augen spähte er nach einem Haus aus, vor dem sich, der Vorschrift gemäß, zum Zeichen, daß dort ein Spielmann untergebracht sei, ein aus Stroh geflochtenes Horn befand.

Jetzt hatte er ein Haus erreicht, er stieg vom Pferde, klopfte an die Fensterscheiben, bis der Hornist wach wurde und sich zeigte, vergewisserte sich durch eine Frage, daß er auch wirklich den Spielmann selbst vor sich habe, befahl diesem, Alarm zu blasen, und galoppierte gleich darauf durch das Dunkel der Nacht zu seinem Oberst zurück.

Der Hornist aber, den der Adjutant aus den Federn geholt hatte, war unglücklicherweise der Hornist Krause.

Der war einen Augenblick vor Schrecken ganz starr, daß es nun schon mit der schönen Nachtruhe vorüber sein solle, dann aber kleidete er sich schnell an, stülpte sich den Helm auf den Kopf, nahm das Horn zur Hand und eilte auf die Straße, um Alarm zu blasen.

Er setzte das Instrument an die Lippen, aber es kam kein Ton heraus, denn er blies nicht; er hatte das Signal vergessen.

Wie war das doch nur?

Er stand allein mitten auf der Dorfstraße und zermarterte sich sein Gehirn: Wie war das Signal doch nur?

Gott sei Dank, da fiel ihm wieder ein, was der Bataillonstambour ihm gesagt hatte: „Wenn Sie Alarm blasen wollen, dann blasen Sie zum Essenholen, dann wird's richtig. Aber nein, das war je früher gewesen, bevor der Unteroffizier ihm die Rede hielt. Wenn er jetzt zum Essenholen blies, dann wurde es ja das Signal zum Schlafengehen, und bei dem Signal Schlefengehen ließ er das Ganze avancieren, und statt des ganzen Avancierens das ganze Halt, und statt des ganzen Halts Seitengewehr pflanzt auf, und wenn er das blasen sollte, mußte er an das Signal Rechte Seite der Straße frei denken, dann wurde es richtig, und wenn er Straße frei blasen wollte, dann mußte er an Zapfenstreich denken und bei diesem an den Offiziersruf zur Kritik.

Aber woran mußte er denken, wenn er Alarm blasen wollte?

Er dachte nach, daß seine Stirn sich weitete, daß der Helm sich verbog, und daß ihm der Angstschweiß in hellen Strömen von der Stirn herunterlief.

Er mußte das Signal finden, er mußte blasen, das war ihm befohlen, ihm ganz allein von allen Spielleuten des Regiments, und er stand hilflos da und wußte sich nicht zu helfen.

Er war von allem Denken noch dümmer geworden als sonst, so daß er schon gar nicht mehr denken konnte.

Da in der höchsten Not sandte der Himmel ihm einen rettenden Gedanken: Ich werde alle Signale blasen, die ich kenne, dann muß eins davon ja auch das Aöarmsignal werden.

Und er blies ein Signal nach dem anderen, nur das einzige, das er blasen sollte, blies er nicht, das vergaß er.

Er blies, aber niemand hörte ihn, die Schläfer lagen nach den Anstrengungen des Tages wie tot auf dem Lager, und die bei dem Spritzenhaus aufgestellte Wache war zu weit entfernt, als daß sie ihn hätte hören können. Und wenn doch hin und wieder ein Ton zu dem Posten hinüberklang, dann glaubte er, in dem Nachtwächter des Dorfes wären durch die Anwesenheit der Soldaten militärische Erinnerungen wach geworden, und er versuche, um sich die Zeit zu kürzen, auf seinem Horn alte, längst vergessene Signale wiederzufinden.

Und so hätte Hornist Krause vielleicht bis an sein Lebensende da draußen auf der Dorfstraße weiter getutet, wenn nicht von neuem der Adjutant erschienen wäre, um nachzusehen, wo die Kompagnien eigentlich blieben. Je näher er herankam, desto deutlicher hörte er die verschiedenen Signale, und mit einemmal wurde ihm auch klar, was das zu bedeuten habe. Für eine Sekunde lähmte ihn der Schrecken, und alles, was er auf dem Herzen hatte, faßte er zusammen in dem einen Schrei: Krause.

Dann gab er seinem Gaul die Sporen und raste zur Wache. Wenig später war das Regiment wirklich alarmiert, aber es war zu spät, der geplante Überfall mißlang, da inzwischen auch der Gegner sich in Marsch gesetzt hatte.

Hornist Krause war an dem ganzen Unglück schuld, aber er kam mit einem blauen Auge davon, er wurde nicht einmal bestraft, weil gegen so viel Dummheit doch kein Kraut gewachsen ist, aber er wurde als Spielmann abgelöst und in die Kompagnie zurückgeschickt.

Der Hauptmann bekam einen Todesschrecken, das Hauptmannspferd aber erst recht, und als der Hauptmann nach Wiedereinstellung in die Kompagnie zum erstenmal seinen Gaul wieder besteigen wollte, erkannte er seinen Rappen nicht wieder: der Gaul hatte über Nacht schneeweiße Haare bekommen.


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