Das Hochzeitsgeschenk.

Humoreske von Freiherr von Schlicht
in: „Hessische Morgenzeitung” vom 6. und 7.12.1896,
in: „Stralsundische Zeitung”, Sonntagsbeilage vom 6.12.1896,
in: (Linzer) „Tages-Post” vom 25. und 28.3.1897 und
in: „Meine kleine Frau und ich.”


Meine kleine Frau und ich befanden uns in der unangenehmen Lage, ein Hochzeitsgeschenk machen zu müssen und je mehr wir über das „was” nachdachten, desto mehr kamen wir zu der Ueberzeugung, daß bei Hochzeitsgeschenken das Nehmen zwar nicht seliger, in jedem Falle aber angenehmer sei als das Geben. Wir sprachen von unserer Hochzeit und erinnerten uns dankbaren Herzens der zahllosen Kisten und Kasten, die bei uns abgegeben worden waren.

Unter tausend Menschen, die ein Geschenk machen sollen, überlegen neunhundert­neunundneunzig, ob sie nicht unter ihren eigenen Sachen etwas haben, das sie nicht gebrauchen, das überflüssig ist, und auch wir ließen unsere ganze bewegliche und unbewegliche Habe vor unseren geistigen Augen Revue passiren. Zuerst wollten wir uns von einem silbernen Sahnentopf trennen, den ein alter Onkel uns geschenkt hatte, dann entschieden wir uns für sechs silberne Fischmesser, die, als wir sie erhielten, in einem tadellos neuen Karton gelegen hatten, sonst aber nicht mehr ganz neu gewesen waren, auch einen Klaviersessel, den man mir leider ohne das dazu gehörende Klavier überreicht hatte, wollte ich als gänzlich überflüssig fortgeben — wenn wir uns dennoch endlich entschlossen, unsere Sachen zu behalten, so lag das daran, daß eine Kousine heirathete, die unser Inventarium in- und auswendig kannte, und es wäre doch scheußlich gewesen, wenn sie bei dem Anblick unseres Geschenkes gesagt hätte: „I, — das Ding kommt mir einmal bekannt vor, wo habe ich denn das doch nur schon gesehen?”

So entschlossen wir uns denn, etwas zu kaufen. Wir hätten ja nun in das eine oder andere Geschäft gehen können, um etwas auszusuchen — aber ich finde es schrecklich, wenn man in einen Laden kommt, um etwas zu kaufen und sich über dieses Etwas ebenso im Dunkeln ist, wie die meisten Schüler bei dem Quartalsschluß darüber, ob sie versetzt werden oder nicht. Man läßt sich tausend Dinge zeigen, von den Borden herunternehmen, man stellt den ganzen Laden auf den Kopf und erklärt nach einer Stunde, „man würde einmal wieder vorkommen”. Na, was die Redensart bedeutet, lernt man schon als Kind, wenn die gute Mutter sich irgend etwas gekauft hat, das sie später nicht gebrauchen kann, dann heißt es: „Ach Otto, bring dies doch mal zu dem Kaufmann Hansen zurück und sag ihm, das paßte leider nicht, ich würde in den nächsten Tagen selbst wieder vorkommen, um etwas Passendes auszusuchen.”

Wie gesagt, derartiges ist mir schrecklich und deshalb bestand ich darauf, daß wir uns zunächst einig sein wollten, ehe wir ausgingen.

„Gut — ganz wie Du willst,” sprach meine kleine Frau, etwas ärgerlich darüber, vorläufig noch zu Hause bleiben zu müssen — sie hatte schon den Hut in der Hand — „dann sei bitte aber auch so liebenswürdig und schlag etwas vor, was wir schenken können. Was giebt es denn?”

„Was es giebt?” erwiderte ich, „ich glaube, kein Weiser ist im Stande, diese einfache Frage erschöpfend zu beantworten. Was es giebt? Es giebt Schafe und Ochsen, zweibeinige und vierbeinige, Hochzeiten und Kindtaufen, Wiegen, Wagen und Wanzen, Windeln und Kindelbier, Papiere, Rapiere und Barbiere, Spritzen und Spritzkuchen — mit Hundefett zubereitet sind die letzteren auf jedem Jahrmarkt als „echte holländische Waffeln” käuflich — es giebt Kahlköpfe, Kehlköpfe und Kohlköpfe, von welch Letzteren ich den rothen vorziehe, wenn er zum Hasenbraten servirt wird — es giebt Jäger und Jägerlatein, todte Sprachen und lebende, eine freiwillige und eine städtische Feuerwehr, Einkommensteuer, Gewerbesteuer, Grundsteuer, Zuschlagsteuer, Kommunalabgaben, Schulgeld für die Jungens, die entsetzlich faul sind — aber leider sehr wenig Gehalt, es giebt Leute, die da glauben, daß das Letztere nun endlich einmal aufgebessert wird, aber es giebt noch mehr Leute, die felsenfest das Gegentheil glauben, es giebt künstliche und natürliche Felsen, in Berlin sogar einen Uhrmacher Felsing —”

„Sag mal, was soll das eigentlich alles,” unterbrach mich da meine Frau. „Hältst Du diese Aufzählung eigentlich für geistreich oder vielleicht gar für witzig?”

„Nanu,” gab ich zurück, „beiß doch nur nicht gleich. Auf jede Frage gehört eine Antwort — diese ist geistreich, wenn die Frage geistreich war, sie ist dumm, wenn, wie in diesem Falle, die Frage dumm war!”

„Du bist heute ja wirklich sehr, sehr liebenswürdig.”

Ich that, als ob ich das Brausen des herannahenden Sturmes nicht hörte.

„Bin ich das nicht stets?” fragte ich mit schmeichelnder Stimme.

„Ein Scheusal bist Du,” klang es zurück.

Ich hatte abermals nichts gehört.

„Liebes Kind, wenn Du Dich nun aber mit Deiner Toilette nicht beeilst, dürfte es für heute zum Ausgehen zu spät werden.”

Das Wort wirkte Wunder, und fünf Minuten später ging ich, das Scheusal, mit meiner kleinen Frau Arm in Arm, ein Bild des Friedens und der Eintracht, durch die Straßen der Stadt.

Vor jedem Ladenfenster blieben wir stehen: „Was meinst Du hierzu? Was meinst Du dazu? Sieh, das wäre vielleicht etwas — unzerbrechlich, sagt die Reklame — ach so, das sind die Panzer­korsett­stangen, das dürfte denn vielleicht doch nicht ganz passend sein — aber hier, Schuhe in allen Größen und Preislagen, oder was meinst Du zu wollenem Unterzeug — auch nicht, ja liebes Kind, dann ist es aber wirklich sehr schwer — komm, laß uns einmal auf die andere Seite der Straße gehen, vielleicht finden wir da etwas” — dieses Wort „etwas” fängt nachgerade an, mich nervös zu machen — „würde ein Makart–Boukett Deinen Beifall finden — Du meinst, die sind feuergefährlich, dann können wir ja außerdem noch einen imprägnirten Stoff schenken — Du meinst ein hübsches Buch? Liebste, ganz junge Eheleute lesen keine Bücher, die lesen einander nur in den Augen und hinterher abonnirt der Deutsche auf die Lesemappe — das genügt den Meisten für ihr geistiges Bedürfniß — Bücher lesen und kaufen ist ja ein Luxus, für das Geld kann man sich denn doch etwas Besseres anschaffen! Weißt Du, laß uns hier in dieses Geschäft treten, da giebt es „Kurz-, Spiel-, Galanterie–Waaren und Hausstandssachen”. Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen, sagt schon Goethe. Komm, laß uns näher treten.”

Bei unserem Eintritt stürzte uns der Ladeninhaber mit der Geschwindigkeit des modernen kleinkalibrigen Gewehr–Geschosses — 620 Meter in der Sekunde — entgegen.

„Die Herrschaften wünschen?”

„Wenn Sie es nicht wissen — ich weiß es ganz gewiß nicht,” antwortete ich, und der Geschäftsmann beeilte sich, sein liebensüwrdigstes Lächeln aufzustecken, gleichsam als hätte ich einen famosen Witz gemacht.

„Wir möchten gern ein Hochzeitsgeschenk haben,” nahm nun meine kleine Frau das Wort, „vielleicht sind Sie so freundlich, uns einige Sachen zu zeigen.”

„Sehr wohl, gnädige Frau, sehr wohl,” schon flog er davon, aber er hielt in seinem Fluge wieder inne.

„Und in welcher Preislage kann das Geschenk sein, wenn ich fragen darf?”

Herr Gott, darüber hatten wir ja noch garnicht nachgedacht!

Ich sah meine Frau an und meine Frau sah mich an.

„Nun, was meinst Du?”

„Ja, was meinstDu?”

Diskret zog sich der Ladeninhaber hinter einen mächtigen Lampenschirm zurück.

„Nun, zehn bis fünfzehn Mark,” meinte ich endlich.

Meine Frau lachte laut auf: „Aber ich bitte Dich, Du scherzest wohl.”

„Viel Geld ist es ja allerdings,” gab ich zurück, „aber unter dem —”

„Unter dem? Nein, unter dem nicht, wohl aber über dem, hundert bis hundertfünfzig Mark wirst Du wohl locker machen müssen.”

Mit einem hörbaren Ruck ließ ich mich auf einen kleinen Gartenstuhl nieder und lag eine Sekunde später zwischen Blumentöpfen, Gießkannen, Kohlenkasten und ähnlichen schönen Dingen auf der Erde.

„O bitte sehr, das macht garnichts,” beeilte sich der liebenswürdige Geschäftsmann, hinzueilend, zu trösten.

„Das ist Ansichtssache,” erwiderte ich, in Gedanken eine gewisse, schmerzende Körperstelle reibend, „vielleicht sehen Sie einmal nach, ob ich außer dem Stuhl, der übrigens nur für Säuglinge im Alter von zwei bis vier Stunden gearbeitet gewesen zu sein scheint, sonst noch etwas zerbrochen habe,” und zu meiner Frau gewandt fuhr ich fort: „Aber liebes Kind, hundert bis hundertfünfzig Mark — soviel Geld giebt es ja garnicht — warum müssen wir denn so etwas Theures kaufen?”

„Warum? Weil Tante Hanna” — das war die Mutter der Kousine, die zu meinem größten Leidwesen gesonnen war, in den heiligen Stand der Ehe zu treten — „weil Tante Hanna uns bei unserer Hochzeit in so überaus freigiebiger Weise beschenkt hat, daß wir uns jetzt anständig revanchieren müssen.”

Dagegen war nichts einzuwenden, ich ergab mich in mein Schicksal und sprach zu meiner Frau: „Kaufe, ich bezahle.”

„Wenn Sie mir einige Sachen im Preise von hundert bis hundertfünfzig Mark zeigen wollten — aber bitte nicht theurer —”

„Nein, um Gotteswillen nicht theurer,” mahnte auch ich.

„Oh, dafür können gnädige Frau schon etwas sehr Schönes bekommen — in der Preislage haben wir eine sehr große Auswahl — wenn gnädige Frau vielleicht die Güte haben wollten, sich nach hinten zu bemühen —”

Mit einer eleganten Handbewegung zeigte er in die hintern Gefilde — er flog voran und meine Frau hatte die Güte, ihm zu folgen, ich selbst blieb in den vordern Räumen und besah mir die vielen hübschen, dort ausgelegten Sachen.

Ich hörte Fittige rauschen und vor mir stand der Besitzer: „Die gnädige Frau läßt sehr bitten, sich einmal zu ihr bemühen zu wollen.”

Ich fand meine bessere hälfte in einem Chaos der verschiedensten Gegenstände.

„Was meinst Du nun?” redete sie mich an, „ich schwanke zwischen diesem chinesischen Ofenschirm, dieser japanischen Vase, diesem russischen Samowar —”

„Halt ein,” unterbrach ich sie, „und entzünde keinen neuen chinesich-japanisch-russischen Krieg, im übrigen wiederhole ich, was ich bereits vorhin zu Dir sagte: Kaufe, ich bezahle, aber nicht mehr als hundertundfünfzig Mark.”

„Aber davon ist doch garnicht die Rede,” lautete die Antwort, und beruhigt ging ich wieder nach vorne und besah mir die Sachen weiter — als ich damit fertg war, fing ich wieder von vorne an und als ich abermals bei dem letzten Gegenstand angekommen war, sah ich nach der Uhr: wir waren schon anderthalb Stunden im Geschäft.

„Mach' End', o Frau, mach' Ende mit aller meiner Pein,” stöhnte ich, denn ich hatte in der ganzen Zeit nicht geraucht, und das Leben ist für mich ohne Cigarre, was für einen Förster ein Wald ohne Bäume ist.

„Die gnädige Frau läßt sehr bitten, sich noch einmal zu ihr bemühen zu wollen.”

„Bist Du Dir immer noch nicht einig?” fragte ich sie.

„Doch,” gab sie zurück, — „ich habe mich definitiv für diese beiden Onyxleuchter entschieden, sieh sie Dir einmal genau an, sie sind wirklich bildschön, allerdings haben sie den Fehler, daß sie beide an der Rückseite des Fußes ein ganz klein wenig lädirt sind.”

„Wenn sie dadurch billiger werden, so ist das in meinen Augen höchstens ein Vorzug,” erwiderte ich.

„Natürlich werden sie dadurch billiger,” versetzte meine Frau, „sonst kosten sie zusammen zweihundert­undzwanzig Mark, während sie nun nur hundert­undachtzig Mark kosten, allerdings ist das ja eine Kleinigkeit mehr als wir auszugeben uns vorgenommen hatten, aber ich denke, auf die paar Groschen wird es Dir nicht ankommen.”

Zwischen zwei Uebeln soll man das kleinere wählen und so bezahlte ich denn schweren Herzens neun blanke Zwanzigmarkstücke, obgleich daran ja garnicht zu denken gewesen war, daß das Geschenk theurer als sieben und eine halbe Doppelkrone kommen würde, und zündete mir die langentbehrte Cigarre an — hätte ich nicht bezahlt, hätte ich auf diesen Genuß noch länger warten müssen.

„Ob sie sich wohl zu dem Geschenk freuen wird?” fragte meine kleine Frau, als wir ,nach gethaner Arbeit' unsere Schritte heimwärts lenkten, „es ist so furchtbar schwer, etwas Passendes zu finden. Hübsch aber sind die Leuchter, beinahe zu hübsch, um sie fortzugeben, es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte sie für mich selbst gekauft, denke Dir, wie prächtig sie sich unten auf dem Kamin ausnehmen würden°! Was meinst Du, sollen wir umkehren und Bescheid sagen, daß sie sie Leuchter an uns schicken, wir können ja dann als Hochzeits­geschenk etwas anderes aussuchen.”

„Aber Kind, ich bitte Dich,” flehte ich meine Gebieterin an, „siehe, es will der Erste werden und der Monat neigt sich zu Ende, nur meinem Finanzgenie ist es zu verdanken, daß wir noch nicht abgebrannt sind — nein, weitere Ausgaben können wir uns wirklich nicht erlauben.”

Das war sehr traurig, sowohl für meine kleine Frau als auch für mich, der ich ihr gerne ihren Wunsch erfüllt hätte, aber wer kein Rothschild ist, muß sparsam mit seinen Geldern umgehen.

So blieb der Wunsch meiner Frau unerfüllt, dafür aber hatte sie nach acht Tagen die große Freude, einen dankerfüllten Brief der nunmehr verheiratheten Cousine zu erhalten, die vor Entzücken über das prächtige Geschenk ganz außer sich war. „Die Leuchter stehen auf einer Borde über meinem Schreibtisch,” so lauteten ihre eigenen Worte, „und so oft mein Blick auf sie fällt — und das geschieht oft, gedenke ich Eurer in Dankbarkeit und Liebe.”

„Die kleine Person ist wirklich rührend in ihrer Dankbarkeit,” sprach meine kleine Frau, „nun will ich auch nicht mehr traurig darüber sein, daß ich die Leuchter fortgegeben habe, obgleich ich sie sehr, sehr gern für mich behalten hätte.”

Es ist eine weise Einrichtung auf der Welt, daß jeder Mensch seinen Geburtstag hat, und es ist eine schöne Sitte, daß wir unsere Lieben an diesem Tage beschenken. Der Geburtstag meiner Frau stand vor der Thür und es war bei mir beschlossene Sache, daß ich ihr ein Paar genau solcher Leuchter schenken wollte, wie wir sie der Cousine zur Hochzeit geschickt hatten. So lenkte ich denn eines Abends meine Schritte zu dem bekannten Geschäft, in dem es „Kurz-, Spiel-, Galanterie–Waaren und Hausstandssachen” gab. Der Himmel war mir gnädig, mein Wunsch konnte erfüllt werden, ein Paar der Leuchter war auf Lager.

„Aber es sind doch dieselben, wie diejenigen, die Sie vor einiger Zeit für uns fortsandten?”

„Gewiß, es besteht nicht der geringste Unterschied.”

„Und der Preis?”

„Ebenfalls hundertundachtzig Mark.”

Für meine kleine Frau gab ich das Geld gerne aus und als der Geburtstagsmorgen heranbrach, stellte ich die beiden Leuchter, in die ich brennende Kerzen gesteckt hatte, vor ihr Gedeck auf den Frühstückstisch.

Mit einem Jubelschrei flog mir mein kleines Geburtstagskind um den Hals: „Nein, das ist aber wirklich zu nett und zu lieb von Dir — aber nein, es ist Unrecht, soviel Geld für mich auszugeben, weißt Du, ich schäme mich ordentlich, Dir gegenüber einen solchen Wunsch geäußert zu haben.”

Die kleine Frau war ganz außer sich vor Freude, aber als ich mittags nach Beendigung meines Dienstes heimkehrte, war sie recht still und schweigsam.

„Fehlt Dir etwas, Liebling?” fragte ich sie, aber sie schüttelte verneinend den Kopf.

„Sage bitte einmal,” fragte sie mich da plötzlich und unvermittelt, „was hast Du eigentlich für die beiden Leuchter bezahlt?”

Verwundert sah ich sie an: „Bei Geschenken darf man ja sonst den Preis nicht nennen, in diesem Falle aber ist es etwas andres, erinnerst Du Dich nicht noch, was wir für das Hochzeitsgeschenk ausgaben? Neun Doppelkronen — diese Leuchter kosten eben­soviel.”

Die Augen meiner Gebieterin füllten sich mit Tränen. „Das ist infam, das ist niederträchtig, mich so zu belügen!”

„Erlaube mal,” rief ich, „ich lüge nicht, ich kann Dir die quittierte Rechnung zeigen, genau hundertundachtzig Mark kosten die Leuchter.”

„Und warum nicht zweihundertundzwanzig?”

„Ja, liebes Kind, das weiß ich wirklich nicht.”

„Soll ich es Dir sagen?” fuhr meine kleine Frau erregt fort. „Die Leuchter, die wir verschenkten, sollten zuerst zweihundert­undzwanzig Mark kosten, wir erhielten sie billiger, weil die Rückwand des Fußes beschädigt war, und diese Leuchter, die Du mir geschenkt, kosten auch nur hundert­undachtzig Mark, weil ebenfalls die Rückwand des Fußes ein wenig beschädigt ist, weil, um es kurz zu sagen, die Leuchter, die wir zur Hochzeit verschenkten, identisch sind mit denen, die auf meinem Geburtstagstisch stehen.”

„Paule, Du rasest,” sprach ich im ersten Augenblick, dann aber wurde ich nachdenklich und als ich zur Stadt ging, zog ich Erkundigungen ein.

Und da kam die Wahrheit an das Tageslicht. Meine Cousine hatte nach der Hochzeit an den Kaufmann, dessen Adresse als Absender auf dem Packetabschnitt stand, geschrieben, sie hätte soviel Leuchter geschenkt bekommen, daß sie bei dem besten Willen nicht wisse, was sie damit anfangen solle, ob er nicht geneigt sei, die Leuchter gegen etwas andres in derselben Preislage umzutauschen — natürlich dürften wir nie etwas davon erfahren. Der Kaufmann hatte die Bitte erfüllt und ihr eine Wringmaschine gesandt.

Und da schreibt die Cousine, die Leuchter ständen auf einer Borde über ihrem Schreibtisch und so oft sie dieselben ansähe — und das geschähe oft — gedächte sie unser in Liebe und Dankbarkeit. Vor einer Entdeckung glaubte sie, da wir im fernen Osten, sie im äußersten Westen des geliebten Vaterlandes ihr Domizil aufgeschlagen hat, ganz sicher zu sein.

Keine Macht der Erde bewegt mich, jemals wieder ein Hochzeitsgeschenk zu machen — mögen die Menschen sich ruhig über mich wundern, das ist mir viel lieber, als wenn ich mich über sie wundern muß. —


zurück zur

Schlicht-Seite
© Karlheinz Everts