Hoheit's Hauptmann-Debut.

Satire von Freiherr von Schlicht,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 26.4.1908 und
in: „Parade-Haare”


Seine Hoheit war Hauptmann der Infanterie geworden, richtiggehender Hauptmann, oder besser gesagt, richtig reitender, denn was gehen war, wußte Hoheit gar nicht, obgleich er während seiner ruhmreichen Leutnantszeit die langen Märsche natürlich offiziell zu Fuß mitgemacht hatte, um einen Begriff von den Anforderungen zu erhalten, die in bezug auf die Marschleistungen an die Truppen gestellt werden, — offiziös hatte er aber dabei auf seinem Gaul gesessen, denn daß eine Hoheit wirklich geht, noch dazu auf einer Chaussee, auf der es staubt, das gibt es nicht.

Nun war er Hauptmann geworden und freute sich darüber wie ein kleines Kind. Er konnte das ihm widerfahrene Glück garnicht fassen und sagte am ersten Tag weiter nichts als: Ach nee? und als die Kameraden hörten, daß er befördert sei, sagten auch die nur: Ach nee? Daß der wirklich einmal avancieren würde, hatten sie in gerechter Anerkennung seiner Verdienste um die Armee für ganz unmöglich gehalten, obgleich einer Hoheit auf Grund seiner hohen Geburt der Weg zu den höchten und höchstbezahlten Stellen in der Armee und im Lande offen steht.

Das erste, was Hoheit tat, als er Hauptmann geworden war, bestand darin, daß er sich einen ta-del-lo-sen Gaul kaufte. Jetzt, wo er dienstlich beritten war, mußte er natürlich noch viel besser beritten sein als früher. Nach mehrtägigem Suchen hatte er einen Wallach entdeckt, der beinahe so berühmt war wie er selbst und der fast ebenso viele Ahnen aufzuweisen hatte wie er. Der Rappe sah bildhübsch aus und hatte nach der Versicherung des Händlers nur einen Fehler: keinen zu besitzen. Das schadete aber nach Hoheit's Meinung nichts, er war sogar fest davon überzeugt, daß er das dem Schinder mit der Zeit schon abgewöhnen würde, ebenso wie die Untugend, daß er noch nicht ganz militärfromm war.

Hoheit war nach erfolgter Beförderung ein paar Tage beurlaubt gewesen, einmal, um sich den Gaul zu kaufen, dann aber auch, um sich von den Anstrengungen des Avancements zu erholen und sich bei seinem erlauchten Vater zu melden. Erst gestern war das offizielle Liebesmahl für den neuen Häuptling mit wenig Liebe, aber mit sehr viel Sekt gefeiert worden, und heute wollte Hoheit nun zum ersten Male seine Kompagnie draußen auf dem großen Platz selbst exerzieren, das heißt, er wollte eigentlich nicht, aber auf Veranlassung des Herrn Oberst wollte der Herr Major, daß er wollte, und da mußte er auch wollen.

Hoheit hatte, als er erwachte, schwer Kopfweh, ihm war auch sonst gar nicht so, im Gegenteil, ihm war ganz anders, aber das half nun alles nichts. Sein Diener zog ihn aus dem Bett, legte ihn in die Badewanne, trocknete ihn ab, stellte ihn in die beiden hohen Stiefeln, gab ihm viel schwarzen Kaffee zu trinken, und als Hoheit dann erst auf seinem Rappen saß, fühlte er sich bedeutend wohler. Und von neuem kam er zu der Erkenntnis, daß es für einen geistig bedeutenden Menschen nur eine standesgemäße Beschäftigung gäbe: im Sattel zu sitzen.

Nach einer Stunde erreichte die Truppe den großen Platz, auf dem Hoheit, der vorausgeritten war, die seinem Kommando und seinem Verstande anvertrauten Mannschaften erwartete, obgleich ihm gar nichts daran lag, daß sie kamen. Seinetwegen hätten sie gerne fortbleiben können, aber sie kamen trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, und da Hoheit nicht recht wußte, was er mit seinen Kerls anfangen sollte, beschloß er als erstes, die Griffe durchzunehmen. Mit lauter heller Stimme gab er das Kommando ab: „Das Gewehr — über!”

Der Griff klappte, daß es eine Freude war.

„Bravo” wollte Hoheit loben, aber er kam nicht so weit, denn sein Gaul fing plötzlich an, sich wie ein Karussel im Kreise zu drehen. Das gleichzeitige Emporbringen der hundert Gewehre, das Blitzen der Läufe hatte ihn erschreckt und nervös gemacht, er drehte sich immer noch um sich selbst und jetzt nahm er plötzlich das Stangengebiß zwischen die Zähne und raste davon.

Und da Hoheit oben auf dem Gaul saß, raste er mit.

Die Kompagnie stand unterdessen mit „Gewehr über” da und wartete auf den feierlichen und auf den im Leben eines Soldaten so ereignisreichen Augenblick, in dem der Vorgesetzte „Gewehr ab” kommandieren würde. Aber noch war der Augenblick nicht da, schon weil Hoheit nicht da war, und wann die große Minute kommen würde, hing davon ab, wann Hoheit kam.

Dem Soldaten, der in Reih und Glied steht, ziemt es nicht, zu denken, aber wenn er das der Vorschrift entgegen doch einmal tut, dann darf er nur daran denken, daß er keinen Gedanken haben darf. So standen die Leute denn auch jetzt regungs- und gedankenlos da, bis schließlich dem Herrn Oberleutnant die Sache zu langweilig wurde. Der hatte gestern auch sehr viel Sekt getrunken, schon um sich bei seinem Vorgesetzten in ein möglichst gutes Licht zu setzen, und das endlose Stillstehen bereitete ihm nicht das allergeringste Vergnügen. So sah er sich denn nach seiner Hoheit um, und als von der immer noch nichts zu sehen war, trat er vor die Front und kommandierte: „Gewehr ab!”

Darüber freuten sich alle, die Kerls, die Unteroffiziere und auch die Herren Leutnants. Und alle, die nun Gewehr abgenommen hatten, warteten auf den feierlichen und im Leben eines Soldaten so ereignisreichen Augenblick, in dem der Vorgesetzte „Gewehr über” kommandieren würde.

Und endlich schien dieser große Augenblick nahe, Hoheit hatte seinen Bucephalus, ohne daß deswegen sein zukünftiges Reich für ihn als zu klein erklärt worden war, und kam nun im leichten Trab zu der Truppe zurück. Aber als er jetzt vor seiner Kompagnie hielt, machte er ein ganz erstauntes Gesicht und versank in tiefes Nachdenken. Dann rief er plötzlich den ältesten Leutnant zu sich heran und fragte den mit halblauter Stimme: „Sagen Sie mal — mir ist doch so — allerdings habe ich gestern etwas reichlich gekneipt — aber trotzdem — wenn mich meine Erinnerung nicht trügt — habe ich vorhin nicht „Gewehr über” nehmen lassen?”

„Zu Befehl, Hoheit!”

Unter anderen Umständen hätte der Herr Ober wegen seines eigenmächtigen Handelns vielleicht etwas auf den Hut bekommen, aber die Freude seiner Hoheit darüber, doch nicht mehr ganz so betrunken zu sein, wie er es vor einigen Minuten geglaubt hatte, ließ keinen Zorn in ihm aufkommen.

„Na, dann danke ich Ihnen, Herr Leutnant, da wollen wir jetzt mit dem Dienst fortfahren.”

Der Herr Ober trat wieder in die Front, und Hoheit ritt vor die Mitte seiner Kompagnie.

Die Leute wußten, jetzt war der feierliche und im Leben eines Soldaten so ereignisreiche Augenblick gekommen, in dem das Kommando „Das Gewehr über!” erfolgen würde. Alle stellten sich in Positur.

Und Hoheit stellte seinen Gaul in Positur. Der sollte zum zweiten Male keine Seitensprünge machen, so nahm er ihn ordentlich an die Zügel, legte die Schenkel fest an und setzte sich mit seinem hoheitsvollen Hinterteil tief in den Sattel. Dann gab er das Kommando ab: „Das Gewehr — über!”

Der Griff klappte noch besser als vorhin, die Gewehre flogen nur so auf die Schultern, und das freute Hoheit. Aber bevor die Freude eigentlich begonnen hatte, war sie plötzlich wieder zu Ende, denn der Gaul scheute von neuem, eine kurze Kehrtwendung, dann raste der Rappe von dannen, vorläufig unbekannt wohin.

Unterdessen nahten auf der Chaussee der Herr Oberst und der Regimentsadjutant. Die hatten ebenfalls beide schwer Kopfweh und der Oberst war auch mit seinem Magen nicht ganz in Ordnung, er hatte einen Teil der Nacht, in stiller Klause sitzend, grübelnd und brütend zubringen müssen. Aber die Pflicht gebot, heute morgen zuzusehen, wie seine Hoheit zum erstenmal die Kompagnie exerzierte. Der Oberst ritt Schritt, ganz langsamen Schritt, denn er fürchtete, daß die Erschütterungen des Trabes vielleicht unangenehme Folgen haben könne[sic! D.Hrsgb.], und der Kommandeur begriff in dem Zustand, in dem er sich augenblicklich trotz reichlich genossener Opiumtropfen befand, überhaupt nicht, wie man jemals in einer anderen Gangart reiten könne.

Da ertönten auf der Chaussee die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes, und bald erkannten Beide, daß es seine Hoheit war, der da angerast kam. Er hatte die Herrschaft über den Gaul vollständig verloren, er fürchtete jeden Augenblick herunter zu fallen oder mit samt dem Tier zu stürzen; er war ganz unnatürlich blaß geworden, und die Lippen nervös aufeinander gepreßt, saß er im Sattel.

Er kam näher und näher, und jetzt jagte er an dem Kommandeur vorbei.

„Wohin so eilig?” rief der ihm verwundert zu.

Das wußte Hoheit selbst nicht, aber er nahm an, daß der Gaul den Stall aufsuchen würde, und so rief er denn: „Nach Haus', Herr Oberst!”

In diesem Augenblick verspürte der Kommandeur in seinem Magen wieder ein unangenehmes Gefühl, dasselbe, das er heute nacht gehabt hatte, bevor er jedesmal mit einem schnellen Satz aus dem Bette sprang. Für ihn unterlag es keinem Zweifel, daß auch seine Hoheit mit seinem Magen nicht in Ordnung war, — das freute ihn, denn es ist immer ein süßer Trost, einen Leidensgefährten zu haben, dann aber ärgerte er sich doch, daß er sich nun, da Hoheit gar nicht mehr auf dem Exerzierplatz war, ganz unnötig auf den Weg gemacht habe, und sich nach Hoheit umsehend, der eben im Karriere um die Ecke verschwand, sagte er zu seinem Adjutanten: „Das hätte Hoheit doch aber auch da draußen hinter dem Zaun abmachen können!”


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