Musketier Hansen.

Eine Weihnachtserzählung von Freiherr von Schlicht (Weimar).
in: „Prager Tagblatt” vom 22.Dez.1912 und
in: „Weihnachts-Unterhaltungsblatt”,
Beilage zur „Weimarischen Landeszeitung Deutschland” vom 25.Dez. 1912


„Na, Feldwebel, hoffentlich gibts nichts Unerfreuliches?”

Das waren die Worte, mit denen Hauptmann v. Roberg jeden Morgen seinen Feldwebel anredete, wenn der sich ihm gegenüber in seiner strammen Haltung aufgebaut hatte und durch seine Haltung das auszudrücken versuchte, was der Mund als zu unmilitärisch verschweigen mußte: den Gutenmorgengruß. Für gewöhnlich war es dem Herrn Hauptmann bitterer Ernst mit dieser Frage, für gewöhnlich betonte er „hoffentlich” ebenso sehnsuchtsvoll, wie ein armer Teufel, der sich da sagt: hoffentlich gewinne ich nun nächstens einmal wirklich das große Los. Aber heute sprach der Herr Hauptmann das Wort ganz leichthin, mehr aus Angewohnheit als aus banger Furcht, denn heute war doch Weihnachten, heute würde wie überall doch auch in der Kaserne der Tannenbaum brennen. Der Weihnachtszauber lag doch in der Luft und allen Menschen im Herzen, woher sollte da wohl heute eine unangenehme Botschaft kommen?

Aber die kam doch. Der Feldwebel machte sein sorgenvollstes Gesicht und noch bevor er sprach, nahm er sein dickes Notizbuch hervor, in dem die Sünden aller Missetäter aufgeführt und in dem alle Strafen notiert werden, die den Schuldigen treffen. Der Feldwebel nahm sein Notizbuch hervor, klappte es hörbar auseinander, feuchtete die spitze Bleifeder an den Lippen und sagte dann: „Der Musketier Hansen ist gestern über Urlaub geblieben und anstatt um neun Uhr, erst um halb Eins in die Kaserne zurückgekehrt.”

Der Herr Hauptmann stieß einen so gotteslästerlichen Fluch aus, daß selbst der Feldwebel, der auf diesem Gebiet doch auch kein unerfahrener Jüngling mehr war, vor diesem Fluch eine unbegrenzte Hochachtung empfand und sich fest vornahm, das soeben Gehörte demnächst als sein persönliches Eigentum irgend einem krummen Kerl an den Kopf zu werfen, dann meinte er endlich: „Das ist eine nette Weihnachtsbescherung. Urlaubsüberschreitung! Da wird der Herr Major und der Herr Oberst wieder schön auf mir herumreiten, als sei ich selbst schuld daran, daß dieser Hansen, dieser dreimal geölte und verflixte Himmelhund,” — — — um dann plötzlich zu fragen: „Aber wie kommt der Mann nur dazu? Der Hansen ist doch sonst ein tadellos brauchbarer Mensch, beinahe der beste der ganzen Kompagnie.”

Der Feldwebel machte sein ingrimmigstes Gesicht, dann sagte er: „Dahinter steckt natürlich wieder ein Frauenzimmer.”

Wieder fluchte der Hauptmann vor sich hin: „Der Satan soll die ganzen Weiber holen.”

Aber das schien nicht ganz nach dem Sinn des Herrn Feldwebel zu sein, denn dieser schüttelte etwas mißbilligend das Haupt und auch dem Herrn Hauptmann kam dieser Fluch nicht so recht vom Herzen, denn wenn er jetzt auch ein solider und braver Ehemann war, früher war er den hübschen Mädchen auch nicht aus dem Weg gegangen.

So klang seine Stimme denn ein klein wenig milder, als er nun sagte: „Lassen Sie mir mal den Hansen holen, Feldwebel.”

Wenig später war der Musketier zur Stelle, ein großer, stramm gewachsener Mensch, mit einem hübschen, klugen Gesicht, der seinen Hauptmann frei und offen ansah, trotzdem sein Gewissen nicht frei von Schuld und Fehle war.

„Sie sind ja eine angenehme Bekantschaft,” fuhr der Hauptmann nun den Musketier an. „Ich muß Ihnen offen gestehen, ich habe mich ganz gewaltig in Ihnen geirrt. Das tut mir auch meinetwegen leid, denn das beweist mir, daß man sich heutzutage auf keinen von Euch verlassen kann, daß Ihr alle nur so lange etwas taugt, bis die Versuchung an Euch herantritt, dann ist es aus mit dem Gehorsam und dem Pflichtgefühl. Wenn Sie noch einen Funken Ehre im Leibe haben, dann schämen Sie sich jetzt mal drei Meter tief in die Erde hinein.”

Und der Musketier schämte sich wirklich, er hielt den Blick zu Boden gesenkt, als erwarte er, daß die Erde sich öffnen und ihn verschlingen möge und wie er sich schämte, bewies äußerlich die Blutwelle, die ihm bei den vorwurfsvollen Worten des Vorgesetzten in die Wangen geschossen war.

Der Musketier schämte sich wirklich. Der Hauptmann sah es und der Mann tat ihm leid. Der hatte allezeit seine Pflicht getan, sich nie etwas zuschulden kommen lassen und nun mußte er ihn bestrafen, er mußte ihn in Arrest schicken, noch dazu heute am Weihnachtsabend. Es müßte denn sein, daß der Musketier etwas zu seiner Entschuldigung anführen konnte. Wenn es irgendwie ging, wollte er denn auch schon um seiner selbst willen, um heute keine Strafe verhängen zu müssen, Gnade für Recht ergehen lassen und so sagte er denn jetzt: „Der Herr Feldwebel hat mir gegenüber geäußert, sicher sei irgend ein Frauenzimmer daran schuld, daß Sie über Urlaub blieben. Ich will zu Ihren Gunsten annehmen, daß das nicht der Fall ist, Hansen, und daß Sie aus einem anderen Grund — — ich will zu Ihrer Ehre annehmen, daß Sie sich in der Uhr irrten, daß Sie sich von leichtsinnigen Freunden überreden ließen, daß man Sie gleichsam mit Gewalt festgehalten hat — — was weiß ich. Es gibt ja schließlich tausend Dinge, die selbst den besten Menschen einmal veranlassen können, eine Dummheit zu begehen, ohne daß er deswegen aufhört, ein braver und ordentlicher Mensch zu sein, also nun heraus mit der Sprache, wie ist es?”

Der Herr Hauptmann hatte es nach seiner gewissenhaften Überzeugung dem Mann leicht genug gemacht, sich heraus zu reden. Was der auch sagen würde, er wollte ihm glauben und ihm dementsprechend eine leichte Strafe geben, eine Strafwache oder etwas Ähnliches.

Es kam nur darauf an, daß der Musketier eine halbwegs glaubhafte Ausrede fand, aber der dachte gar nicht daran sich herauszulügen. Wieder sah er seinen Vorgesetzten offen und frei an, dann sagte er: „Ich bin bei meinem Mädchen gewesen, Herr Hauptmann. Es ist ein anständiges Mädchen, das ich später heiraten will. Wir haben uns gestern verlobt. Erst hat sie mich nicht haben wollen, Herr Hauptmann, aber als sie dann gestern doch „ja” sagte — — ich weiß es selbst nicht, Herr Hauptmann, was da plötzlich über mich gekommen ist, aber mit einem Male war mir alles andere auf der Welt vollständig gleichgültig. Ich hab's gehört, wie der Zapfenstreich geblasen wurde, die Marie hat mir auch zugeredet, zur Kaserne zu gehen, ich hab's auch gewollt, Herr Hauptmann, aber ich konnte nicht fort, ich mußte bleiben, vielleicht — weil ich bleiben wollte.”

„Da soll doch gleich ein Kreuz­millionen­donnerwetter — —” fluchte der Hauptmann ingrimmig vor sich hin, aber nicht über die Schuld, die der Musketier da eingestand, sondern weil der sie eingestand. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als den Mann wirklich mit Arrest zu bestrafen und so sagte er denn jetzt nach einer ganzen Weile: „Wenn Sie selbst nichts zu Ihrer Entschuldigung anführen können, müssen Sie natürlich die Folgen tragen,” und sich an den Feldwebel wendend, setzte er hinzu: „Lassen Sie den Mann sofort abführen, drei Tage Mittelarrest. Den Wortlaut der Strafe, der ja in die Strafbücher eingetragen werden muß, setzen wir nachher auf. Sagen Sie auch dem Arrestaufseher, er bekäme den Arrestzettel später, denn auch bei dem muß ja jedes Wort überlegt sein, damit er nicht beanstandet wird.”

Dann wandte sich der Hauptmann ab, denn er brachte es nicht fertig, den Musketier anzusehen. Ob er wollte oder nicht, der Mann tat ihm leid, aber es ging ja nicht anders, Strafe mußte sein.

Aber als er dann wenig später sah, wie der Musketier Hansen von dem Unteroffizier vom Dienst in das am äußersten Ende des großen Kasernenhofes gelegene Arrestlokal abgeführt wurde, als er sah, wie der Mann über den Platz schritt, in seiner schlechtesten Uniform mit gerollten Achselklappen, die Feldmütze auf dem Kopf, das Kommisbrot unter dem linken Arm, den Putzkasten in der rechten Hand, da wurde der Zorn doch wieder in ihm wach. Was hatte der Mann es nötig, sich selbst und seinem Vorgesetzten das Weihnachtsfest zu verderben.

So kam der Herr Hauptmann am Mittag in sehr schlechter Stimmung zu Hause an und die wurde auch nicht besser, als er seiner Gattin anvertraut hatte, was ihm die Laune verdarb. Und als er dann mit den Worten schloß: „Ich kann mir trotz alledem nicht helfen, der Hansen tut mir leid,” da stimmte seine Frau ihm bei. Auch sie kannte den Musketier, der als gelernter und sehr tüchtiger Tischler zu wiederholten Malen in ihrer Wohnung geklopft und gehämmert hatte und dessen ruhiges, nettes Wesen ihr stets gefallen hatte. So sagte sie denn jetzt: „Du mußt meine Worte nicht falsch deuten, nichts liegt mir ferner, als mich in Sachen zu mischen, die ich nicht verstehe. Aber bist Du nicht vielleicht doch zu streng gewesen? Gewiß, ein Soldat darf niemals über Urlaub bleiben, so viel verstehe auch ich vom Militär, aber gib einmal der Wahrheit die Ehre, Otto, bist Du selbst in Deiner Jugend als Fähnrich oder als Unteroffizier immer pünktlich zu Hause gewesen?”

„Immer,” gab der Hauptmann schnell zur Antwort. „Gewiß, ich will damit nicht behaupten, daß ich stets ein Tugendbold war, aber trotzdem, über Urlaub geblieben bin ich niemals.”

Der Hauptmann war und blieb verstimmt, bis es dann endlich am Abend für ihn Zeit wurde, in die Kaserne zu gehen, wo in der größten Stube der Weihnachtstisch für die Leute der Kompagnie, die nicht auf Urlaub hatten fahren können, aufgebaut war. Erwartungsvoll stand die Mannschaft da, fein säuberlich gewaschen und gekämmt. Sie schauten hinauf zu den großen Tannenbäumen, die im hellsten Licht erstrahlten, auf allen Gesichtern war die Weihnachts­stimmung zu lesen, aber trotzdem, — so ganz fröhlich blickten sie doch nicht drein, denn auch ihnen lag die Geschichte mit dem Hansen in den Gliedern. Der tat ihnen leid, aber der Herr Hauptmann erst recht. Der erfreute sich bei ihnen allen als Vorgesetzter der größten Beliebtheit. Man wußte, daß es ihm nicht leicht wurde, jemanden zu bestrafen und daß er das nun heute hatte tun müssen, heute am Weihnachtsabend, das wollte ihnen gar nicht in den Sinn. Sie wollten ihm zeigen, daß sie ihm seinen Ärger und Verdruß nachempfanden und so erklang denn ihr „Guten Abend, Herr Hauptmann,” mit dem sie den Gruß des Vorgesetzten erwiderten, als dieser nun zwischen sie trat,. nicht wie eingedrillt, sondern einem jeden von Herzen kommend.

Der Herr Hauptmann hörte aus diesen Worten heraus, wie seine Leute dachten und das freute ihn, weil es ihm ein deutlicher Beweis für die Zusammen­gehörigkeit war, die ihn mit seinen Untergebenen verband. Was der Hansen verbrochen hatte, wurde dadurch nicht ungeschehen, aber er wollte es trotzdem seinen Leuten sagen, daß er ihnen dankbar sei für die Gesinnung, die sie ihm gezeigt hatten.

Und das sagte er ihnen auch, nachdem er zuvor die draußen auf dem Korridor stehenden Mitglieder der Regimentsmusik das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht” gespielt hatten.

Der Herr Hauptmann erinnerte zunächst an das Heimathaus eines jeden, in dem die Eltern des Sohnes gedächten, er wies darauf hin, wie die Kompagnie bestrebt gewesen sei, ihnen, die nun hier versammelt wären, ein Weihnachtsfest zu bereiten, um dann fortzufahren: „Ein jeder feiert Weihnachten so, wie er es verdient. Ihr verdient es, daß Eure Vorgesetzten Euch eine Freude bereiten, denn Ihr habt es mir bewiesen, daß Ihr ebenso gut wie ich es verdammt und verurteilt, was der Hansen heute mir und damit auch Euch an getan hat. Die Schuld des einen fällt immer auf die Allgemeinheit zurück, und wenn es schon für gewöhnlich keine Erklärung und keine Entschuldigung dafür gibt, daß einer über Urlaub bleibt, so ist das am Weihnachtsfest am allerwenigsten der Fall. Ein anständiger Soldat bleibt überhaupt niemals über Urlaub, niemals, es mag da kommen, was da will.” Wie es kam, wußte er selbst nicht, aber plötzlich glaubte er wieder ganz deutlich die Frage seiner Frau zu hören: „Sag mal Otto, bist Du selbst als junger Fähnrich oder als Unteroffizier niemals über Urlaub geblieben, bist Du selbst immer ganz pünktlich zu Hause gewesen?”

„Immer,” wollte er ihr im stillen als Antwort zurufen, da sah er es plötzlich wieder ganz deutlich vor sich. Aus der Erinnerung, aus der Vergangenheit wurde mit einem Male wieder ein Bild in ihm wach, das er selbst längst vergessen zu haben glaubte. Die Worte seiner Frau mußten das Erlebnis wieder in ihm wachgerufen haben. Zwanzig Jahre mochten es wohl her sein, wenn nicht noch länger, aber jetzt sah er es wieder deutlich vor sich, als wenn es gestern gewesen wäre. Als Fähnrich hatte er bei seinem alten Regiment das Weihnachtsfest gefeiert, weil er aus dienstlichen Gründen nicht hatte auf Urlaub gehen können. Aber er war gern in der Garnison geblieben, denn ein blondes, blauäugiges Mägdelein hatte es ihm angetan, er liebte sie mit dem ganzen Feuer eines jungen Fähnrichherzens und sie liebte ihn wieder. Jung wie er war, dachte er sogar daran, sie später zu heiraten, ihretwegen den Abschied zu nehmen, um sie heiraten zu können, denn sie gab ihm alles, was sie ihm als junges Mädchen zum Zeichen ihrer Liebe nur immer geben konnte. An dem Weihnachtsabend war sie die seine geworden. Unter dem Vorwand, sich nicht wohl zu fühlen, hatte er sich früh aus dem Kasino entfernt, um zu der Geliebten zu eilen. Wie im Fluge waren die Stunden vergangen und als er dann endlich ging, war er auf Nebenstraßen in seine Wohnung geschlichen, die glücklicherweise nicht in der Kaserne lag, und er war mehr als froh gewesen, daß er die erreichte, ohne unterwegs einer Patrouille begegnet zu sein, die ihn hätte arretieren müssen, weil er den ihm erteilten Urlaub stundenlang überschritten hatte.

„Hm — hm,” räusperte sich der Herr Hauptmann plötzlich. Er hatte, während dies alles wieder in ihm lebendig geworden war, weiter zu seinen Leuten gesprochen und immer wieder auf den Hansen gescholten. Nun aber schwieg er, bis er sich dann noch einmal räusperte, „hm — hm”. Wessen Urlaubsüberschreitung war schlimmer? Die seine, die er als Fähnrich beging, oder die des Musketiers Hansen? Der hatte seine Schuld offen und ehrlich eingestanden, während er selbst am nächsten Tag auf die teilnehmenden Fragen der Offiziere nach seinem Befinden zur Antwort gegeben hatte, es ginge ihm noch nicht wieder ganz gut, obgleich er sich gestern sofort schlafen gelegt habe.

„Hm — hm,” machte der Hauptmann zum dritten Male, so daß seine Leute ihn ganz verwundert ansahen. Aber er merkte nichts davon, er stand lange in tiefem Nachdenken da, bis er dann plötzlich das Zimmer und gleich darauf die Kaserne verließ, um über den Hof hinweg zu dem Arrestlokal zu gehen. Auf seinen Befehl hin öffnete der Arrestaufseher die dunkle Zelle, in der der Musketier Hansen, das trockene Brot und einen Krug Wasser vor sich, auf der harten Pritsche saß. Jetzt, als der Vorgesetzte eintrat, als der Unteroffizier die Zelle mit seiner Handlaterne erleuchtete, sprang der Musketier auf und nahm eine stramme Haltung ein, um dann der Vorschrift gemäß zu melden, warum er bestraft sei und welche Strafe er zu verbüßen habe. So sagte er denn jetzt: „Musketier Hansen wegen Urlaubsüberschreitung mit drei Tagen Mittelarrest bestraft.”

Das war richtig und doch war es falsch, denn der Arrestant hat lediglich den genauen Wortlaut des Straftenors zu melden, und diesen hatte der Herr Hauptmann dem Arrestaufseher noch gar nicht übersandt, wie er die Strafe auch noch nicht in die Strafbücher hatte eintragen lassen.

So fragte er denn jetzt: „Wissen Sie das so genau, Musketier Hansen? Dem Sinne nach ist Ihre Meldung ja richtig, aber nicht dem Wortlaut nach. Bis Sie den nicht erfahren haben, haben Sie überhaupt nichts zu melden. Und bis der Arrestaufseher den Straftenor nicht in den Händen hält, sind Sie eigentlich noch gar kein Arrestant. Sie brauchen sich deshalb auch gar nicht als solchen zu betrachten, denn vorläufig sind Sie immerhin noch ein freier Mensch. Gewiß, vorhin war die Tür verschlossen, jetzt aber steht sie offen und wenn ich Sie wäre, dann wüßte ich, was ich täte: ich liefe so schnell wie möglich in die Kaserne, feierte mit der Kompagnie ein frohes Weihnachtsfest und würde es abwarten, bis der Wortlaut der über mich verhängten Strafe festgesetzt ist. Und wenn ich dann heute abend zu Bett ginge, dann würde ich an Ihrer Stelle den lieben Herrgott bitten, daß mein Hauptmann es überhaupt ganz vergißt, den Straftenor zu bestimmen. Und Sie wissen doch, Musketier Hansen, daß die Gebete, die man am Weihnachtsabend zum Himmel schickt, erhört werden?”

Der Musketier Hansen stand da, als wisse er nicht, ob er wache oder träume. Fragend blickte er den Vorgesetzten an, er konnte es immer noch nicht fassen, daß ihm die Strafe wirklich erlassen sein solle, die Strafe, die er nach seiner gewissenhaften Überzeugung doch redlich verdient hatte. Er wollte etwas sagen, dem Hauptmann für seine Güte und Milde danken, aber er konnte nicht sprechen, nur mühselig kamen ein paar Gurgellaute hervor.

Da gab der Hauptmann dem Musketier die Hand: „Na, es ist schon gut, Hansen, nun fangen Sie nur nicht an zu heulen, das überlassen Sie getrost den alten Weibern oder Ihrer Marie. Bestellen Sie der morgen einen schönen Gruß von mir und sagen Sie ihr, sie dürfe nun aber die Verlobung nicht wieder rückgängig machen, damit Sie nicht in Versuchung kämen, sich mit einer anderen zu verloben und dann wieder über Urlaub zu bleiben. Und wenn Sie es wissen wollen, Musketier Hansen, warum ich Gnade für Recht ergehen lasse, dann will ich es Ihnen sagen: Das geht Sie gar nichts an. Und nun machen Sie schleunigst, daß Sie fortkommen.”

Gleich darauf stürmte der Musketier so schnell er konnte, zurück in die Kaserne in den Kreis der Kameraden, die ihn mit lautem Hallo begrüßten, die sich mit ihm über die wiedererhaltene Freiheit freuten. Natürlich mußte er erzählen, was der Hauptmann zu ihm gesagt habe, aber wenn er auch getreulich jedes Wort wieder berichtete, weder er selbst noch die Kameraden begriffen, was den Hauptmann bestimmt hatte, so nachsichtig zu sein.

Bis sie dann plötzlich von einem anderen Kompagnierevier die Klänge des Weihnachtsliedes „Stille Nacht, heilige Nacht” vernahmen. Da wußten es plötzlich alle, warum der Herr Hauptmann sich vorhin dreimal geräuspert hatte und warum er plötzlich aufhörte, auf den Hansen zu schelten — es war doch Weihnachten heute!


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