Großmutters Weihnachten.

Skizze von Graf Günther Rosenhagen.
in: „Bukowinaer Post” vom 25.12.1898


Es war eine durch lange Gewohnheit geheiligte Sitte in unserem Hause, daß Großmutter am Weihnachtsabend nur während einer Stunde unter uns weilte. Sobald die Uhr acht schlug — um sieben zündeten wir den Tannenbaum an — erhob sie sich von ihrem Stuhl, von dem aus sie unserem Spielen und Toben zugesehen hatte und der Vater geleitete sie dann entweder selbst heim, oder er befahl, als wir größer geworden waren, einem von uns, sie zu begleiten.

Achtzig Jahre hatten ihr Haar zu Silber gebleicht. Sie bewohnte nicht weit von uns ihr kleines Häuschen ganz allein mit ihrer alten Dienerin Lene. Hatte sie nun am Weihnachtsabend ihre Wohnung erreicht und die Stubenthür geöffnet, so prallte sie jedes Mal bei dem Anblick des mit zierlichen Bändern und Netzen geschmückten Tannenbaums, der im hellsten Lichterglanz strahlte, zurück, als wäre dies Schauspiel ihr eine große Ueberraschung. Und doch benutzte die alte Lene nun schon seit zehn Jahren am Weihnachtsabend die Stunde, in der Großmutter bei uns war, um den Tannenbaum für die alte Kammerherrin anzuzünden. Lene erhielt dann stets denn Auftrag, in ihrer obersten Kommoden­schublade nachzusehen, ob sie dort das von meiner Großmutter verlegte Spitzentuch finden könnte. Lene verschwand, aber nach wenigen Minuten erschien sie wieder, um sich für die werthvollen, schönen Gaben zu bedanken, die Großmutter stets am Nachmittag in die Schublade ihrer treuen Dienerin zu legen pflegte.

„Großmutter, wie machst Du denn das, wenn Du Weihnachten feierst?” fragte ich sie einmal, als ich schon im Begriff stand, mich von ihr zu verabschieden.

Sie sah mich lächelnd an und streichelte mir mit ihrer kleinen schlanken Hand die Wange:

„Du würdest es doch nicht verstehen, wenn ich es Dir auch sagte. Aber wenn Du älter bist, will ich es Dir einmal erzählen, und wenn Du bis dahin immer ganz artig gewesen bist, darfst Du auch einmal mit mir zusammen Weihnachten feiern.”

Ich wiederholte mir die Worte oft und sehnte mich danach, groß und vernünftig zu werden, damit ich mit Großmutter Weihnachten feiern könnte. Aber viele, viele Jahre mußten noch bis dahin vergehen.

Wieder war Weihnachten. Großmutter saß bei uns in ihrem Lehnstuhl und rüstete sich zum Aufbruch, denn es war acht Uhr, sogar schon einige Minuten darüber. Mein Vater rief den Diener, der ihm Hut und Mantel bringen sollte, aber sie wehrte ihn ab: „Bleibe Du nur bei den Deinen, Carl; Ernst kann mich ja nach Hause begleiten, er ist ja jetzt ein großer Mann.”

Freudig eilte ich herbei, ich war glücklich, ihr einen Dienst leisten zu können. Ich bot ihr den Arm, und eine Viertelstunde später hatten wir ihr kleines Häuschen erreicht. Aber der kurze Weg war ihr schwerer denn je geworden, nur langsam waren wir vorwärts gekommen. Großmutter war alt geworden, fünf und achtzig Jahre zählte sie nun schon. Nicht wie sonst entfernte ich mich zu der Stubenthür, sondern ich führte sie zu dem alten Ledersopha, das hinter dem Tannenbaum stand, und nahm ihr den Hut und den schweren Pelz ab. Dann erst rüstete ich mich zum Gehen.

Da kam Lene hereingestürzt, jubelnd über die Geschenke, die sie soeben in ihrer Kommode entdeckt hatte.

Wieder flog über Großmutters Gesicht jenes glückselige Lächeln, das immer erschien, wenn sie Anderen eine Freude bereitet hatte. „Ist schon gut, Lene, ist schon gut,” und Lene verschwand unter tiefen Knixen und Verbeugungen.

Auch ich wollte gehen, aber Großmutter hielt mich zurück: „Willst Du heute mit mir Weihnachten feiern? Du bist ja nun schon fünfzehn Jahre.”

Ob ich wollte!

„Setz Dich zu mir,” sagte Großmutter. Ich nahm an ihrer Seite Platz und sah ihr zu, wie sie, die Hände in einander gefaltet, in Gedanken versunken, in das Licht des Tannenbaums blickte. So verging eine Minute, eine Viertelstunde nach der anderen, endlich konnte ich meine kanbenhafte Ungeduld nicht mehr beherrschen, und leise bat ich:

„Großmutter, du wolltest doch Weihnachten mit mir feiern.”

„Das ist mein Weihnachten,” sagte sie und sah mich lächelnd an. Und als sie die Verwunderung auf meinem Gesicht sah, fuhr sie fort: „Die Jugend genießt und erlebt täglich und stündlich Neues. Für das Alter aber giebt es nichts Neues, es ist immer nur eine Wiederholung dessen, was es schon einmal, wenn vielleicht auch in etwas anderer Form, erlebt hat. So bleibt dem Alter nichts als die Erinnerung. Sie ist es, von der wir zehren und leben, und die uns geistig frisch erhält. Aber wenn die Erinnerung erlischt und unser Geist umnachtet wird, daß wir des Guten, das wir empfangen, nicht mehr gedenken können, dann ist es Zeit, daß wir uns schlafen legen.

Und was ich meine Weihnachtsfeier nenne, ist, daß ich still hinter dem Tannenbaum sitze und mein ganzes Leben an mir vorüberziehen lasse. Die Tage sind so kurz, die Sorge für das eigene Wohl füllen sie ganz aus. Jeder denkt nur an die Zukunft, von der er Alles erwartet. Wenige nur an die Gegenwart, fast Keiner an die Vergangenheit. Und doch gerade sie ist es, der wir am meisten Dank schulden, denn ohne Vergangenheit gäbe es keine Gegenwart, ohne diese keine Zukunft. Es klingt so natürlich, und doch, wie oft wird es nicht vergessen. Was Du Gutes empfängst, an die Marmorwand, — und laß die Dankbarkeit in Deinem Herzen erst mit Dir selbst sterben.” Sie schwieg und sah lange sinnend vor sich hin.

„Und was ist das Gute, das wir empfangen können?” fragte ich, und in meinem kindlichen Gehirn kreuzten sich die Gedanken an die Menge von Geschenken, die auch heute wieder auf meinem Platz gelegen hatten.

„Kennst Du den Spruch: „So bleiben denn Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen?” Nicht was Dir gegeben wird, ist die Hauptsache, sondern weshalb es Dir gegeben wird. Die Liebe, die den Geber leitet, soll Dir heilig sein, und für die Liebe, nicht für die Gabe sollst Du ihm danken.”

Sie war aufgestanden und hatte aus einem Wandschrank, der, wie ich wußte, stets sorgfältig verschlossen war, ein Packet von alten vergilbten Briefen genommen und sie vor sich hingelegt.

„Sieh' her,” sagte sie zu mir, „dies ist mein theuerster Besitz. Aber was mir die Briefe so werthvoll macht, ist die Liebe, die sie schreiben ließ und die aus ihnen zu mir spricht. Fast sechzig Jahre sind vergangen, seit ich den ersten erhielt. Das Papier wird alt, die Schriftzüge verblassen, aber die Liebe bleibt ewig jung. Und jeden Weihnachtsabend, wenn der Duft des brennenden Tannenbaums dies Zimmer durchdringt, nehme ich die Briefe hervor und lese sie alle noch einmal durch. Im Geist durchlebe ich dann noch einmal die ganze Zeit, die ich mit Deinem Großvater zusammen war. Die Erinnerung an Alles, was er mir gesagt und gethan hat, wird wieder in mir wach, ich glaube, ihn, den ich über Alles geliebt, wieder vor mir zu sehen, und ich vergesse das Alter, das auch mich nicht vergessen hat. In der Erinnerung werde ich wieder jung, und so feiere ich mein Weihnachtsfest.”

„Weihnachten ist nur für die Kinder da,” pflegt man zu sagen, „wer alt ist und keine Kinder hat, braucht keine Weihnachten. Wie arm sind die Menschen, die so sprechen, wie wenig Liebe muß ihnen im Leben erwiesen sein!”

Wieder schwieg die alte Dame. Sie hatte von dem kleinen Päckchen das rosafärbige Band gelöst und die Briefe ergriffen. Einen nach dem andern nahm sie in die Hand und hielt ihn mit zitternden Fingern dicht vor die alternden Augen. Und auf ihrem Gesicht spiegelte sich der Wiederschein dessen, was sie las: Freude und Leid, Glück und Segen.

So feierte Großmutter Weihnachten. Enttäuscht ging ich spät am Abend nach Hause. Erst viel später, als sie uns verlassen hatte, und als auch Vater und Mutter von uns gegangen waren, begriff ich sie und ihre Weihnachtsfeier.


zurück zur

Schlicht-Seite
© Karlheinz Everts