Der grobe Untergebene.

Von Freiherrn von Schlicht.
in: „Simplicissimus”, V.Jahrgg. Nr. 24, S. 191-192, 4.9.1900 und
in: „Der grobe Untergebene”


Der Hauptmann von Gregorius hatte den Ruf, nicht nur der gröbste Offizier im Regiment, sondern im ganzen Armeekorps zu sein — wer da selbst einmal Soldat war, kann sich somit ungefähr denken, was der brave Gregorius in Grobheiten leisten konnte, wenn irgend jemand seinen Zorn oder seinen Unwillen erregte. Er war bei seinen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften in gleicher Weise gefürchtet, alle zitterten vor ihm, aber sie haßten ihn trotzdem nicht, weil der Hauptmann, wenn er selbst einsah, daß er in seiner Grobheit zu weit gegangen war, die Sache durch einen derben Witz oder ein gutes Scherzwort wieder in das europäische Gleichgewicht zu bringen versuchte. Er war grob, aber gerecht — seinen ältesten Leutnant schnauzte er genau so an wie den jüngsten Rekruten: bei ihm ging es ohne Ansehen der Person, nur nach Verdienst und Würdigkeit.

Aber der Hauptmann von Gregorius war nicht nur ein grober, sondern auch ein eminent begabter und tüchtiger Offizier, er verstand die Taktik und den Tiktak, er hatte, wie es heißt, eine höllische Ahnung und wer den für dumm estimierte, der war, wenn auch nicht gerade in Böotien selbst, so doch wenigstens in der Nachbarschaft dieses schönen Landes geboren. Er wußte, daß er sein Waffenhandwerk verstand, er kannte die Zeugnisse, die er von der Kriegsakademie und vom Generalstab mit nach Haus gebracht hatte und er taxierte seinen eigenen Wert nicht zu gering. Aus der Kritk seiner Vorgesetzten machte er sich noch weniger als garnichts, was die konnten, konnte er nach seiner Meinung auch und was er als richtig erkannt hatte, blieb für ihn auch dann richtig, wenn die höheren Herren es für Blödsinn ausgaben.

Seine maßlose Grobheit, die zuweilen auch in dem Verkehr mit den Vorgesetzten, wenngleich dort mit einem gewissen Polituranstrich versehen, zum Vorschein kam, bewirkte, daß die hohen Herrn ihn bei der Kritik stets sehr schonend behandelten: „man stellt es seiner Erwägung anheim,”  „man bat ihn darüber einmal nachzudenken,”  „man war der Meinung, daß auch er bei ruhiger Überlegung zu der Überzeugung kommen würde, daß —,” kurz, man drückte sich sehr vorsichtig aus und die Höheren wußten auch weshalb. Es war nämlich einmal vorgekommen, daß bei einer Kritik der Hauptmann Gregorius seinem Major mit gezogenem Schwerte zu Leibe gegangen war. Anstatt den rebellischen Untergebenen niederzustechen, hatte der Major sein Roß gewandt und war geflohen. Gregorius hatte ihn verfolgt, bis es seinen Kameraden gelang, den Frieden im Lande wieder herzustellen. Der Major hatte später wegen schlappen Verhaltens vor der Front den Abschied, der Hauptmann aber einen Monat Festung bekommen.

Die Vorgesetzten faßten den Hauptmann mit Glacéhandschuhen an und das ärgerte natürlich die anderen Häuptlinge des Armeekorps im allgemeinen und die des Regiments im besonderen. Was dem einen recht war, durfte für die anderen nicht zu teuer sein — warum bekamen sie allein alle Grobheiten zu hören? Zur Befestigung der Kameradschaft trug dies nicht bei, Gregorius saß und stand so ziemlich auf dem Isolierschemel und wenn die andren Häuptlinge auch nicht gerade seine Feinde waren, so waren sie doch auch nicht seine besten Freunde.

Da geschah es, daß der Hauptmann von Gregorius unter ganz bedeutender Vorpatentierung zum Major befördert und in ein anderes Armeekorps versetzt wurde. Das Avancement ärgerte die anderen, aber über die Versetzung freuten sie sich, denn der kommandierende General, den Gregorius nun erhielt, war wegen seiner unglaublichen Grobheit in der ganzen Armee gerade nicht vorteilhaft bekannt.

Die Sache kann genußreich werden,” sagten sich die anderen, „bei der ersten Gelegenheit stoßen die beiden zusammen und einer kommt dabei zur Strecke. Daß ein Hauptmann einem General das Genick gebrochen hat, ist bisher noch nicht dagewesen, folglich wird die Chose ihren programmmäßigen Verlauf nehmen und nach kurzer Zeit hat der gute Gregorius ausgelitten.”

Das hofften alle, und begleitet von den besten Wünschen, daß es ihm recht, recht gut gehen möge, fuhr der neue Herr Major ab.

Die großen Herbstübungen hatten gerade begonnen und so meldete der neuernannte Stabsoffizier sich bei dem kommandierenden General auf dem Manöverfelde in dem Augenblick, als Excellenz im Kreise der versammelten Offiziere seine Befehle für den neu beginnenden Übungstag ausgab.

Das Erscheinen des Herrn Majors erregte einiges Aufsehen, man hatte schon viel von ihm gehört und selbst Se. Excellenz zeigte für den neuen Untergebenen ein ungewöhnliches Interesse. Aufmerksam betrachtete er seinen Unterthanen, dann sagte er, nachdem dieser seine Meldung beendet hatte: „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Herr Major — aus Ihren Papieren geht hervor, daß Sie ein sehr grober, aber sehr tüchtiger Offizier sind. Nun, ich werde Sie ja kennen lernen und erfahren, wie weit Ihre Konduite das richtige sagt. Sie haben den Befehl über Ihr Bataillon ja bereits übernommen, ich werde Ihnen im Laufe des Vormittags Gelegenheit geben, zu zeigen, was Sie können. Und nun, meine Herren, bitte ich Sie, Ihre Karten wieder vorzunehmen, damit ich meinen Befehl weiter ausgeben kann. Sie haben doch hoffentlich alle Ihre Karten bei sich?”

Mit prüfenden, forschenden Augen sah er sich im Kreise um, da erblickte er einen Hauptmann, der mit leeren Händen dastand.

Excellenz ärgerte sich. aber gleichzeitig freute er sich: „Nun werde ich dem Häuptling einmal grob werden,” dachte er, „dann sieht der neue Major gleich, was ich auf diesem Gebiet leiste — es ist immer gut, wenn der Untergebene seinen Vorgesetzten so bald wie möglich genau kennen lernt.”

Noch einmal holte er tief Atem, dann aber plötzlich und unvermutet, wie ein Gewitter bei heiterem Himmel, donnerte es los: „Herr Hauptmann — Herr Hauptmann von Dingsda, woher nehmen Sie den Mut, um nicht zu sagen die unglaubliche Unverfrorenheit, hier ohne Karte zu erscheinen? Wollen Sie mir bitte sagen, wie Sie, ausgerechnet Sie, bei Ihren die Welt gerade nicht erschütternden geistigen Fähigkeiten im Stande sein wollen, ohne Karte meinem Befehle zu folgen und später sachgemäß zu handeln? Herr, was denken Sie sich eigentlich dabei, glauben Sie, daß wir zum Spaß hier sind, glauben Sie, daß Seine Majestät Sie deshalb noch nicht verabschiedet hat, damit Sie hier ziel- und planlos in der Welt herumirren sollen? Glauben Sie, daß dem Staat mit solchen Offizieren gedient ist? Herrrrr, wagen Sie es wirklich, solche Auffassungen über den allerhöchsten Dienst zu haben? Da hört meinerseits das Wundern auf, da fange ich an zu staunen, jawohl, zu staunen, Herr Hauptmann, und ich weiß wirklich nicht, was ich zu Ihrem Verhalten sagen soll.”

„Das ist wirklich ein wahrer Segen,” dachte der arme Häuptling, dem während dieses maßlosen Angriffes der reine Regenbogen vor den Augen herumgetanzt war. „Hoffentlich erbarmt der Himmel sich meiner und schenkt der Excellenz nicht die ihm augenblicklich fehlenden Worte, sonst kann ich nur gleich, wenn ich heute mittag ins Quartier gekommen bin, meinen vorschriftsmäßigen Koffer packen und in Pension reisen — eins tröstet mich nur, viel gröber als Excellenz mir schon geworden ist, kann er bei dem besten Willen nicht werden.”

Aber die Wünsche und Hoffnungen des armen Häuptlings gingen nicht in Erfüllung — Excellenz fing noch einmal an und als er diesesmal definitiv Schluß machte, war der Hauptmann vor Entsetzen ganz zusammengesunken, am liebsten wäre er durch den Sattel hindurch in den Leib seines Pferdes gekrochen.

Und mit dem armen Sünder zitterten alle andern, nur Gregorius nicht und alle dachten: „Mars steh uns bei, wenn Excellenz sich schon am frühesten Morgen in dieser Stimmung befindet, kann der Nachmittag in jeder Hinsicht äußerst genußreich werden, da wird es wieder schwer, wenn nicht unmöglich sein, dem hohen Herrn etwas recht zu machen.

Gleich darauf begann der Vormarsch gegen den markierten Feind. Die Kavalllerie trabte an, um aufzuklären, die Infanterie folgte per pedes apostolorum und schon nach kurzer Zeit meldete der erste Kanonenschuß der bei der Avantgarde befindlichen Artillerie, daß der Gegner aufgefunden sei.

Auf einem Hügel hielt Excellenz mit seinem Stabe und schaute auf das kriegerische Schauspiel zu seinen Füßen — neben ihm hielt sein Stab und wenn die Adjutanten für das militärische Bild, das sich nicht zum ersten Mal während ihrer Dienstzeit ihren Augen bot, auch nicht das leiseste Interesse hatten, so thaten sie doch wenigstens so, denn die Hauptsache ist, daß man einen guten Eindruck macht.

Mit dem Fernglas suchte Excellenz das Manövergelände ab und plötzlich sehen seine künstlich verlängerten Augen etwas, was nicht nur nicht seinen Beifall, sondern geradezu seinen Zorn erregt. Er winkte seine Adjutanten herbei: „Mein Herren,” sagte er mit einer Stimme, die vor Erregung heiser klang, „meine Herren, sehen Sie einmal dort links nach der Waldlisière, sehen Sie sich einmal die Dummheit an, die dieses Bataillon dort macht, ich möchte nur wissen, welches gottbegnadete Rindvieh dort den Oberbefehl hat? Wenn ich selbst hinreite, ermorde ich den Menschen, das möchte ich nicht — bitte, meine Herren, haben Sie mich nicht verstanden, soll ich Ihnen erst grob werden, ich möchte gern wissen, wer das Bataillon dort führt — nun wird's bald?”

Die Adjutanten tauschten einen schnellen Blick aus, dann ritt der eine im gestreckten Galopp davon, um schon nach kurzer Zeit mit der Meldung zurückzukommen, daß der Herr Major von Gregorius dort das Kommando habe.

Excellenz glaubte nicht richtig verstanden zu haben, er vergaß für einen Augenblick seine hohe Charge und machte ein mordsdämliches Gesicht.

„Wr kommandiert dort?” fragte er, „der Major von Gregorius? Aber das ist ja gar nicht möglich! Ich denke, der Mann kann etwas? Wegen seiner Grobheit allein wird er doch nicht so schnell Karrière gemacht haben. Aber das ist mir alles ganz einerlei,” brauste Excellenz plötzlich auf, „reiten Sie zu dem Major hin und sagen Sie ihm, er hätte nach meiner Meinung von der modernen Kriegsführung keine blasse Ahnung, es wäre mir geradezu unbegreiflich, verstehen Sie, unbegreiflich, wie er sein Bataillon in dieser Art und Weise führen könne. Bitte reiten Sie, reiten Sie, sonst reite ich und dann gibts ein Unglück.”

Der Adjutant stürmte zum zweiten Mal davon und nach kurzer Zeit hielt er wieder neben seinem Vorgesetzten.

„Befehl ausgeführt, Excellenz.”

„Nun?” Erwartungsvoll sah der hohe Herr ihn an: „Nun? was sagte der Herr Major?”

Statt zu antworten, schwieg der Adjutant und ein verlegenes Lächeln umspielte seinen Mund.

„Nun, in des drei Teufels Namen,” fuhr der Kommandierende auf, „irgend etwas wird er doch wohl gesagt haben?”

„Das schon,” erwiderte der Adjutant, „aber ich weiß nicht, ob ich die Worte wiederholen kann.”

„Da bin ich denn doch begierig, was der Mensch zu seiner Verteidigung angeführt hat,” fuhr Excellenz auf, „wiederholen Sie seine Worte — aber wörtlich.”

Einen Augenblick zögerte der Adjutant noch: „Wie Excellenz befehlen,” gab er zur Antwort, „der Herr Major sagte wörtlich zu mir: „Seine Excellenz hätte sich alleine sagen können, daß ich nur durch dass Gelände gezwungen und in Befolgung des Befehls, keinen Flurschaden zu machen, so handelte, wie ich es that. Bestellen Sie das bitte Ihrem hohen Herrn von mir und sagen Sie ihm, seine berühnmte Grobheit, von der er vorhin eine kleine Probe zum besten gab, hätte mir gar nicht imponiert, absolut gar nicht, aber vor seiner Dummheit hätte ich von diesem Augenblick an eine unbegrenzte Hochachtung.”

Für eine Sekunde war Excellenz sprachlos, aber auch nur für eine Sekunde, dann rief er mit Donnerstimme: „Ich er–mor–de ihn!”

Er gab seinem Gaul die Sporen und jagte im Galopp auf den Major zu — aber je mehr er sich dem Untergebenen näherte, desto mehr verlangsamte er die Gangart seines Pferdes und als er dem Major ganz nahe war, wandte er plötzlich seinen Rappen und ritt zurück zu dem Hügel, von dem er gekommen war.

Und im Zurückreiten hörte er noch, wie der Herr Major mit lauter Stimme zu seinem Adjutanten äußerte:

„Das ist sein Glück.”


Oben.jpg - 455 Bytes
zu Schlichts Seite

© Karlheinz Everts