Die Gesellschafterin.

Moderne Geschichte von Freiherr von Schlicht
in: „Der Deutsche Correspondent”, Sonntags-Correspondent, vom 22.6.1902


Es war der erste diesjährige große öffentliche Maskenball. In einer Nische saß einsam bei einer Flasche Rothwein der Rechtsanwalt Dr. Sieber, langweilte sich entsetzlich und überlegte alle Minute dreimal, ob er nicht lieber nach Haus gehen und mit seiner Frau gemüthlich plaudern wollte. Aber das ging nicht, denn um sich frei zu machen und seiner Frau, die sehr eifersüchtig war, auch nicht den leisesten Grund zu geben, mit ihm unzufrieden zu sein, hatte er sich von seinem Freund, dem verwittweten Baurath Tegelmann, auf einer offiziellen Einladungskarte zu einem Herren-Diner bitten lassen. Die beiden Freunde hatten sich verabredet, dann den Maskenball zu besuchen, aber im letzten Augenblick war Tegelmann durch ein Telegramm, das ihn nach auswärts rief, verhindert worden, sich zu betheiligen.

Die Rothweinflasche war leer!

„Ob ich noch eine trinke?” fragte er sich, „hier bleiben muß ich noch — Tegelmann's Herren-Diners bilden den Schrecken aller Ehefrauen, weil die Männer meistens sehr spät und fast immer in einer etwas sehr angeheiterten Stimmung zurückkommen. Kehre ich sehr früh und total nüchtern nach Haus, so wird meine Frau mißtrauisch. Es hilft nichts, ich muß weiter trinken.”

Er winkte den Kellner herbei: „Denselben Vers noch mal.”

In der Laune, in der Dr. Sieber sich selbst befand, begriff er nicht, wie man auf einem so langweiligen Fest überhaupt vergnügt sein könne.

„So ganz allein
Beim Glase Wein
Das kann doch nur
Ein Gatte sein”

sang da eine heitere, lustige Stimme nach der Melodie der Fledermaus.

Fast zornig wandte er sich um, ein bunt schillernder Schmetterling stand vor ihm.

„Holder Falter, verbrenne Dir Deine Flügel und Deinen Mund nicht,” sagte er ärgerlich, „ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt.”

„Dann hättest Du zu Hause bleiben sollen,” gab sie lustig zur Antwort, „nur um zu zechen, kommt man doch nicht hierher, im Uebrigen geht es mich auch nichts an.” Und schnell eilte sie davon.

Er sah ihr nach, wie sie sich durch den dichten Schwarm wand, ihr buntes Gewand, die kleinen schillernden Flügel, die sie auf den Schultern trug, ließen ihn sie auch noch in der Ferne erkennen. Sie gefiel ihm mit einem Male. Langsam erhob er sich von seinem Platz und folgte den Spuren des Schmetterlings: „Wenn ich Glück habe, fliegt mir der kleine Käfer noch einmal in den Weg,” dachte er, „wenn nicht, werde ich auch nicht an gebrochenem Herzen sterben.”

Trotzdem suchte er mit den Augen nur sie, und endlich, nach fast einer halben Stunde, fand er sie, wie sie oben im Balkon allein an einer Säule lehnte und auf die Paare zu ihren Füßen herabblickte.

„So ganz allein
Nicht mal beim Wein
Das kann doch nur
'ne Wittib sein”

versuchte er zu singen. Er war kein großer Sänger, und unmusikalisch wie er war, summte er die Strophen nach einer ganz falschen Melodie.

Sie wandte sich um und sah ihn lustig an, dann fragte sie etwas spöttisch: „Nun, haben Sie keinen Durst mehr?”

„Stets, stets,” gab er zur Antwort, „viele Gaben enthielten mir die Götter bei meiner Geburt vor, einen genügenden Durst nicht. Es schmeckt mir auch immer, nur dann nicht, wenn ich allein bin.”

„Und da haben Sie sich auf den Weg gemacht, um mich einzufangen?” fragte sie neckend, „da werden Sie aber wenig Glück haben.”

„Warum das?” fragte er.

„Weil mein Herz nicht mehr frei ist,” erwiderte sie lustig, „ich liebe einen anderen, sehen Sie, dort geht er,” und sie zeigte auf einen kleinen sehr dicken und sehr krummbeinigen Herrn, der in der Tracht eines Sultans an ihnen vorüberging.

„Der Geschmack ist verschieden,” erwiderte er: „Aber wie ist es? Wollen wir stehen bleiben oder wollen auch wir versuchen, ob wir Platz für einen Walzer finden?”

Sie willigte ein und schritt an seinem Arm die große breite Treppe hinunter.

Nach den Klängen der Musik tanzten sie gleich darauf, so gut es bei der Fülle ging, und er war von Neuem von der Anmuth ihrer Bewegungen entzückt.

Dann suchten und fanden sie in einer Nische einen kleinen, leeren Tisch, der gerade nur zwei Personen Platz und ihnen sichere Aussicht bot, allein zu bleiben.

Er nahm seine Maske ab, und sie folgte auf sein Zureden seinem Beispiel; er sah in ein jugendfrisches, hübsches Gesicht mit leuchtenden, feurigen Augen.

„Nicht aus jeder Raupe entpuppt sich ein so hübscher Schmetterling, wie Du einer geworden bist,” sagte er, „mich wundert, daß nicht irgend ein Sammler Dich für immer einfing und Dich für alle Zeit in seinem Haus behielt.”

„Versucht hat es schon mancher,” sagte sie lustig, „aber es kam noch nicht der Rechte. Wer mich für immer haben will, der muß von mir geliebt werden. Einen Mann, den ich nicht wirklich liebe, heirathe ich nicht, lieber bleibe ich frei.”

„Bravo,” lobte er und schenkte ihr den schäumenden Sekt in den Kelch, „Du hast recht, nichts ist schrecklicher, als eine unglückliche Ehe, davon kann ich viele Bände erzählen.”

„Das kommt davon,” sagte sie, „warum hast Du geheirathet?”

Er sah sie einen Augenblick verwundert an, dann lachte er plötzlich laut auf: „Ach so,” erwiderte er dann, „nun verstehe ich Dich erst, Du meinst, ich hätte von meiner eigenen Ehe gesprochen? Nun, da kannst Du ruhig sein, ich bin sehr glücklich. Was ich vorhin sagte, bezog sich darauf, daß ich in meiner Praxis sehr viel von unglücklichen Ehen höre, ich bin nämlich Rechtsanwalt.”

„Hier in Berlin?”

„Allerdings.”

Sie schwieg einen Agenblick, dann fragte sie anscheinend ein klein wenig zögernd: „Kennst Du hier einen Rechtsanwalt Dr. Sieber?”

Ein Rechtsanwalt darf sich durch keine Frage aus seiner Ruhe und Sicherheit bringen lassen, so sagte er denn jetzt auch ganz ruhig und gelassen:

„Dr. Sieber, Dr. Sieber — allerdings, dem Namen nach kenne ich ihn, ich glaube, ich bin auch einmal im Gericht mit ihm zusammen getroffen, wie sieht er doch noch aus?” Er beschrieb gerade das Gegenteil seiner eigenen Erscheinung: „Nicht wahr? Er ist sehr groß, schlank und blond?”

„Ich kenne ihn nicht,” erwiderte sie. „Ich kenne nur seine Frau.” Das Sektglas zitterte unwillkürlich in seiner Hand. Das hatte er nicht erwartet, das hätte nicht kommen dürfen.

Wer war seine heitere und hübsche Gesellschafterin? Er wollte es wissen, und so fragte er anscheinend ganz gleichgültig: „Woher kennen Sie die Dame denn?”

Wieder schwieg sie einen Augenblick, dann sagte sie heiter: „Da Sie die Familie ja doch nicht kennen, mich also auch nicht verrathen werden, kann ich es Ihnen ja ruhig anvertrauen; es ist auch weiter nichts Schlechtes und nichts Böses. Ich habe von morgen, vom 1. Februar an, bei Frau Dr. Sieber eine Stelle als Gesellschafterin angenommen.”

Der Schreck lähmte ihn für einen Augenblick. Sein erster Gedanke war, sich unter irgend einem Vorwand zu entfernen, sein zweiter, sich ihr vorzustellen und ihr sofort zu kündigen, denn unmöglich konnte er ein junges Mädchen ins Haus nehmen, mit dem er auf dem Maskenball Bekanntschaft geschlossen hatte.

Er räusperte sich ein paar Mal, dann meinte er: „Wissen Sie, auf dies Geständniß Ihrerseits war ich nicht vorbereitet. Für eine Gesellschafterin hätte ich Sie nicht gehalten, Sie thun mir eigentlich leid, daß Sie eine so schwere Stellung annehmen müssen.”

Sie zuckte die Achseln: „Was soll man machen? Arbeit schändet ja Niemanden. Ich freue mich auf meine neue Stellung sehr, ich werde wie ein Familienmitglied gehalten, die Frau Doktor ist eine sehr liebenswürdige Dame, und er soll auch sehr nett sein.”

„Das stimmt,” pflichtete er ihr bei und setzte dann schnell hinzu: „Das stimmt vollständig mit dem überein, was ich über den Rechtsanwalt gehört habe, aber über die Frau sind Sie, nach allem, was ich weiß, ganz falsch unterrichtet.”

„Sie kennen die Frau nicht,” fuhr er fort, „aber ich kenne sie, ich will es Ihnen nur gestehen, daß ich mit der Familie sehr befreundet bin, d.h. mit ihm, denn mit ihr läßt sich überhaupt nicht verkehren. Die Frau ist nervös, wahnsinnig heftig, ungerecht in ihrem Urtheil, herrisch, launisch, es ist nicht mit ihr auszukommen. Ich weiß, daß die jungen Mädchen, die sie sich als Gesell­schafterin engagiert, es nie länger als höchstens drei Tage bei ihr aushalten können.”

„Ist das wahr?” fragte sie ganz entsetzt.

Er schämte sich und sein schlechtes Gewissen veranlaßte ihn, auch sich selbst etwas schlecht zu machen; so sagte er denn, ohne ihre Frage direkt zu beantworten: „Das Schlimmste ist, daß der Mann bei jedem Streit, soweit es sich um Angestellte in dem Hause handelt, stets auf Seiten der Frau steht. Ich rathe Ihnen deshalb dringend, nehmen Sie die Stelle nicht an — nach drei Tagen sind Sie doch entlassen, und zur Empfehlung für die Zukunft dient Ihnen das nicht.”

Einen Augenblick schien sie noch ganz verwirrt, dann sagte sie: „Ich danke dem Zufall, der uns hier zusammenführte. Wie ich hierher kam, interessirt Sie ja weiter nicht — ich wollte eine Freundin, bei der ich wohne, begleiten und mußte schließlich allein gehen. Was Sie mir gesagt haben, soll nicht umsonst gewesen sein — Gott sei Dank geht es mir nicht so schlecht, daß ich jede Stellung anzunehmen brauche, ich werde gleich morgen früh der Frau Doktor abschreiben. Verklagt kann ich deswegen hoffentlich nicht werden?”

„Das allerdings,” gab er zur Antwort, „aber Frau Dr. Sieber klagt nicht, die ist es schon gewöhnt, daß ihre jungen Mädchen im letzten Augenblick streiken. Eins aber möchte ich Sie noch bitten: sagen Sie in Ihrem Briefe nicht, daß Sie Ihre Kenntnisse einem Kollegen des Rechtsanwaltes Dr. Sieber verdanken — selbstverständlich müßte Sieber nach mir recherchiren, und ich käme dann vielleicht in des Teufels Küche.”

„Seien Sie ruhig, meiner Diskretion können Sie sicher sein.”

Es war verhältnißmäßig noch sehr früh, als sie beide aufbrachen, um ihre Wohnungen aufzusuchen. Doktor Sieber fühlte sich, seitdem er wußte, wer der Schmetterling war, in seiner Nähe etwas recht sehr ungemüthlich, und er war glücklich, als er die Hausthür hinter sich abgeschlossen hatte und sich in seinem schönen, reich eingerichteten Haus befand.

„Was wird meine Frau sagen, wenn das junge Mädchen morgen oder, richtiger gesagt, heute Mittag nicht kommt? Sie wird, nervös wie sie ist, rasen.”

Und er behielt recht: sie raste vor Zorn und Aerger wirklich, und sie beruhigte sich erst, als auch ihr Gatte das Benehmen der Gesellschafterin unerhört fand und sofort eine Strafanzeige gegen die Sünderin zu erlassen versprach.

Am Abend desselben Tages schenkte der Rechtsanwalt seiner Frau einen mit kleinen Perlen und Diamanten besetzten Schmetterling, den sie schon lange als Haarschmuck sich gewünscht hatte.

„Wie kommst Du nur dazu?” fragte sie auf das Höchste verwundert, „ich bin ganz starr über Deine Freigebigkeit, wie kommst Du nur dazu?” — —


zurück zur

Schlicht-Seite
© Karlheinz Everts