Wenn Frauen etwas genau wissen.

Humoreske von Freiherr von Schlicht
in: „Unterhaltungsbeilage des Prager Tagblatt”,
Nr. 42 vom 27.Okt. 1912,
in: „Deutsche Dienstbotenzeitung - Das Hauspersonal”,
5.Jahrgg., Heft 23, Seite 362-364, vom 10.Nov. 1912,
in: „Rigasche Zeitung” vom 11.Nov. 1912 und
in: Frauen!

Diejenigen Teile des Textes, die nur in der Zeitungsfassung vorkommen, sind unterstrichen
und diejenigen, die nur in der Buchfassung vorkommen, stehen [in eckigen Klammern].


Die Brille meiner Frau war weg — fort — spurlos von der Erdoberfläche verschwunden und dabei war sie gestern noch dagewesen! Das wußte meine Frau ganz genau, ja, die wußte sogar ganz genau, wo die Brille gestern noch gelegen hatte: In dem Schlafzimmer, in dem runden blauen Strohnähkorb, der auf dem kleinen Tisch zu Füßen des Bettes steht.

Dort hatte die Brille gestern nachmittag noch gelegen, ja, noch mehr, meine Frau hatte sie selbst dorthin gelegt, eigenhändig, oder wie man bei Hofe sagt, höchsteigenhändig. Meine Frau erinnerte sich aufs genaueste aller Einzelheiten, Es handelte sich um eine neue Brille, die sie sich erst gestern nachmittag von dem Optiker geholt hatte. Dann war sie mit der Brille in der Tasche zur Stadt gegangen, um dort noch ein paar Besorgungen zu machen, zuerst bei dem Juwelier, dann in einem Weißwarengeschäft, dann bei der Putzmacherin, dann noch hier und dort, und zum Schluß hatte sie eine Bekannte besucht. Von dort war sie direkt nach Hause gegangen, hatte unten in dem Garderobenzimmer Mantel und Hut abgelegt und dann ihr Schlafzimmer aufgesucht, um sich ein paar leichte Schuhe [Lack-Schuhe] anzuziehen. Bevor sie das aber tat, hatte sie die neue Brille in den Nähkorb gelegt. Meine Frau wußte das ganz genau, es gab keinen Eid, den sie darauf nicht schwören konnte, sie wußte es so genau, daß es eine Beleidigung war, auch nur eine Sekunde daran zu zweifeln, daß sie es nicht genau wußte — — aber trotzdem, die Brille war nicht da, und doch hatte sie meine Frau selbst in den Korb gelegt.

[Und nun war sie weg. Nicht meine Frau, sondern die Brille, aber meine Frau war auch weg, sie weilte nicht mehr auf Erden, sondern schwebte in höheren Regionen und versuchte das Rätsel zu lösen, das auf natürliche Weise nicht zu lösen war.]

Wo war die Brille? Ob sie [die] wollte oder nicht, sie mußte in dem Handarbeitskorb liegen, und so stülpte meine Frau denn immer diesen [den denn immer] von neuem um. Es fiel so vieles aus dem Korb heraus, so vieles, das gar nicht in ihn [den] hineingehörte, nur die Brille nicht.

[Meine Frau kramte in dem Nähkorb herum, und ich hing mich unterdessen an die Telephonstrippe. Gewiß, meine Frau hatte die Brille selbst in den Korb gelegt und es war ja ein Wahnsinn, auch nur für eine Sekunde daran zu zweifeln, aber trotzdem war es doch immerhin möglich, daß meine Frau sich irrte. Selbstverständlich hütete ich mich, dieser Vermutung laut Ausdruck zu geben, aber trotzdem klingelte ich heimlich bei dem Amte an. Dann bat ich: „Fräulein, ich muß in einer dringenden Angelegenheit innerhalb der nächsten fünf Minuten mit ebensoviel verschiedenen Leuten sprechen. Ist das zu machen, oder werden Sie mich fortwährend falsch verbinden?”

„Bitte sehr,” klang es ganz beleidigt zurück, „ich verbinde überhaupt nie falsch, das überlasse ich meinen Kolleginnen.”

„Gott lohne es Ihnen,” gab ich zur Antwort, „und der Staat gebe Ihnen eine Gehaltszulage; dann wollen wir jetzt also anfangen, bitte zunächst 240.”

Das war die Nummer unseres Optikers, bei dem meine Frau sich gestern die Brille abgeholt, aber trotzdem vielleicht liegen gelassen hatte.

Das Fräulein wiederholte die Nummer, während ich mit meinen Gedanken bei der Brille war, und darauf wartete, daß der Teilnehmer sich melden solle. Richtig, da war er auch schon: „Hier Städtische Sparkasse, wer dort?”

„Einer, der das Telephonfräulein zum Teufel wünscht,” rief ich zurück, dann klingelte ich ab, um gleich darauf das Amt von neuem anzurufen. Endlich meldete es sich.

„Aber Fräulein,” rief ich, „Sie haben mich ja doch falsch verbunden und behaupteten zuerst ganz stolz, das überließen Sie Ihren Kolleginnen. Ich hatte doch 240 verlangt.”

„Die habe ich Ihnen doch auch gegeben,” verteidigte sich das Fräulein, „270.”

„Nicht sieben,” rief ich zurück, „sondern 4. 2 mal 2 mit einer zig hintenan.”

„Ach so, das ist etwas anderes,” lautete die Antwort, „ich verbinde.”

Und gleich darauf meldete sich der städtische Schlachthof.

Was wollte denn der von mir? Gewiß, ich war ein Ochse gewesen, zu glauben, daß man tatsächlich telephonieren könne, ohne fortwährend falsch verbunden zu werden, aber trotzdem, um schon geschlachtet zu werden, fühlte ich mich dennoch nicht ochsig genug.

So löste ich denn schnell diese Verbindung wieder und holte mir erneut das Amt: „Aber Fräulein,” bat ich, „Sie haben mich schon wieder falsch verbunden, ich hatte doch ausdrücklich gesagt, 2 mal 2 mit einer zig dahinter.”

„Bitte sehr,” verteidigte sich das Fräulein, „ das habe ich doch auch gegeben, 220, das ist doch 2 mal 2 mit einer zig.”

Recht hatte sie, aber ich hatte auch Recht und so rief ich den: „So war das nicht gemeint, Fräulein, sonden so, wie ich es in der Schule gelernt habe. 2 mal 2 ist 4 und dann eine zig.”

„Also 40,” rief das Fräulein, „ich verbinde.”

„Halt,” rief ich zurück, „verbinden Sie mich noch nicht.”

Aber es war schon zu spät, eine Leichenfrau meldete sich, um gleich darauf teilnehmend zu fragen: „Ist jemand tot?”

„Noch nicht,” gab ich zur Antwort, „aber wenn das mit dem Telephonieren so weiter geht, dann können Sie in einer Viertelstunde wieder bei mir anfragen, dann werde ich wohl das Zeitliche gesegnet haben.”

Dann holte ich mir wieder das Fräulein, das nie falsch verband, sondern das ihren Kolleginnen überließ: „Fräulein, Sie haben mich schon wieder falsch verbunden, ich wollte doch nicht 40, sondern 240.”

„Das hätten Sie mir aber doch sagen müssen,” erhielt ich zur Antwort, „vorhin sagten Sie nur 40, da konnte ich doch unmöglich wissen, daß Sie 240 meinten, ich verbinde.”

Und es geschah ein Wunder. Der richtige Teilnehmer meldete sich, aber die Brille war nicht da. Der Optiker erinnerte sich genau, sie meiner Frau gestern mitgegeben zu haben, sie hatte sie dort nicht liegen lassen und in den anderen Geschäften, die ich mit Gottes Hilfe im Laufe des Nachmittags auch noch telephonisch erreichte, war die Brille ebenfalls nicht liegen geblieben und bei der Freundin, die meine Frau aufgesucht hatte, war sie auch nicht. Folglich mußte meine Frau doch Recht haben. Sie hatte die Brille tatsächlich mit nach Hause gebracht und in den Nähkorb gelegt.]

Wo war die [sie]?

Meine Frau suchte in dem Nähkorb [Sicher suchte meine Frau immer noch in dem Nähkorb], aber als ich dann endlich zu ihr in das Schlafzimmer trat, um mit ihr zu suchen, stand sie nicht mehr vor dem Korb, sondern vor einem endlos breiten, dreiteiligen Schrank. Jeder dieser Schränke hatte acht Bordbretter. Jedes Bordbrett war durch senkrechte Seitenwände in drei Fächer abgeteilt, so daß der Schrank im ganzen 72 Fächer enthielt. Jedes dieser {72] Fächer war bis zum Rand vollgepfropft, und vor diesen 72 vollgepfropften Fächer stand meine Frau und suchte nach der Brille.

Mich packte das Entsetzen: „Um Gotteswillen,” bat ich, „du wirst doch nicht etwa diesen ganzen Schrank auskramen wollen? Dann dauert es ja mindestens vier Wochen, bis dein Zimmer wieder in Ordnung ist, und vor allen Dingen ist es ja ganz zwecklos, die Brille hier zu suchen, denn wenn du ganz genau weißt, daß du sie in den Korb legtest, dann kann sie doch nicht plötzlich in einem dieser Fächer sein.”

Meine Frau fing aus Nervosität beinahe an zu weinen: „Aber irgendwo muß sie doch sein. Daß ich sie in den Korb gelegt habe, weiß ich genau, aber vielleicht habe ich sie hinterher doch noch wieder herausgenommen und mit anderen Sachen hier in diesen Schrank gelegt. Ich halte das allerdings selbst für ganz ausgeschlossen, aber ich habe trotzdem keine Ruhe, ich muß suchen.”

Und meine Frau suchte.

Wenn ein Mann sucht, findet er ganz gewiß gar nichts, wenn aber eine Frau sucht, findet sie alles Mögliche, nur nicht das, was sie sucht.

So dauerte es denn auch gar nicht lange, bis meine Frau, vollbeladen wie ein Weihnachtsmann zu mir in das Zimmer trat: „Sieh nur, was ich hier alles noch ganz zufällig entdeckt habe, viele Sachen, von denen ich überhaupt gar nicht wußte, daß ich sie [überhaupt] besaß. [Hier diese beiden entzückenden Gürtelschnallen, die ich einmal in Venedig kaufte, dann diese bezaubernde Schale. Zu gebrauchen ist sie ja eigentlich nicht, oder willst du sie als Aschenbecher nehmen? Und sieh nur diesen seidenen Schal und dieses Tambourin, das ich mir in Capri kaufte, als ich mir dort die Tarantella hatte vortanzen lassen. Und vor allen Dingen diese vielen hübschen Bilder. Die liegen noch genau so zusammengerollt, wie ich sie mir damals in Rom einpacken ließ, die haben sehr viel Geld gekostet und eigentlich ist es ja ein Unsinn, sich Sachen zu kaufen, die man sich später doch nicht wieder ansieht, aber Spaß macht das Kaufen doch. Die Bilder sind wirklich sehr schön, sieh sie dir nur einmal an.”

Da tat ich denn auch und unterdessen suchte meine Frau weiter, um bald darauf abermals vollbeladen wieder bei mir einzutreten: „Erinnerst du dich noch, daß ich dir schon so oft von einem eingelegten Kasten erzählte, den ich in Sizilien kaufte? Ich glaubte schon, er wäre mir bei einem Umzug gestohlen, weil ich ihn nie wiederfinden konnte, nun ist er doch da und dann sieh nur diese beiden italienischen Armbänder. Tragen kann man sie natürlich nicht, höchsten verschenken, aber zum Verschenken sind sie viel zu teuer. Eigentlich gräßlich, wieviel Geld man auf Reisen unnötig ausgibt, aber was soll man mit dem Geld machen, wenn man es nicht ausgibt? Dazu ist es doch da und was meinst du, soll ich die beiden Armbänder verschenken, oder lieber doch weiter aufbewahren? Und dann habe ich auch ganz zufällig dieses kleine Emaillebild gefunden. Gott mag wissen, wo das herkommt, aber ist es nicht entzückend?”]

Alles, was meine Frau bisher gefunden hatte, breitete sie auf meinem Schreibtisch vor mir aus, sodaß es auf dem aussah, wie in einem orientalischen Basar [Bazar]. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was ich mit all den Sachen anfangen sollte, bis meine Frau dann ganz plötzlich und unvermittelt sagte: „Weißt du, ich habe es mir eben überlegt, hat alles so lange in dem Schrank gelegen, kann es [da] auch ruhig noch weiter liegen.” Und alles wieder zusammenraffend eilte sie [meine Frau] von dannen, um weiter nach der Brille zu suchen.

[Aber die Brille war nicht da. Trotzdem meine Frau ganz genau wußte, daß sie die in den Handarbeitskorb gelegt hatte, war sie auch nicht in dem großen dreiteiligen Schrank mit seinen 72 Fächern zu finden und so stürzte meine Frau sich denn plötzlich auf den Leinenschrank. Der stand zwar in einem ganz anderen Zimmer und wie die Brille dorthin gekommen sein sollte, war mir ein Rätsel, aber meine Frau erklärte, möglich wäre es doch, daß die dort sei, denn sie habe sich gestern Abend vor dem Schlafengehen noch reine Wäsche herausgenommen, dabei vielleicht die Brille in Händen gehalten und sie versehentlich mit in den Schrank gelegt.

Und meine Frau begann, in dem Leinenschrank zu suchen.] Sie stürzte sich plötzlich auf den Leinenschrank und begann darin zu suchen.

Es ist eine Eigentümlichkeit aller Frauen, daß sie die Zählwut bekommen, sobald sie vor dem geöffneten Wäscheschrank stehen.

[Um diese Krankheit ist es etwas Schreckliches. Als ich noch Leutnant war, stand ich im Regiment mit einem Kameraden zusammen, der während eines Diners oder auf einem Ball plötzlich derartig von der Zählwut befallen wurde, daß er seinen Platz verließ, um in dem Tapetenmuster die Blumen oder in den Teppichen die Quadrate zu zählen. Und wenn er dann damit fertig war, fing er wieder von vorn mit dem Zählen an, weil er glaubte, sich verzählt zu haben. In einem Irrenhaus hat der arme Teufel sein Leben beschlossen.

Ähnlich geht es jeder Frau vor dem geöffneten Leinenschrank.] Ob eine Frau [sie] will oder nicht, sie muß zählen, zuerst die Servietten, dann die Tischtücher, die großen und die kleinen. Dann die Handtücher, die Küchenwäsche, die Leibwäsche, die [sie] zählt in einem fort, und sie müßte keine Frau sein, wenn sie sich nicht verzählte. Das aber gibt keine Frau zu, und anstatt zu sagen: „Ich habe mich eben bei den Servietten um vierzehn Stück verzählt,” fehlen die plötzlich. Und so dauerte es denn auch gar nicht lange, bis meine Frau ganz erregt zu mir in das Zimmer trat: „Denke dir nur, es ist gar nicht zu glauben, der Schrecken ist mir derartig in die Beine gefahren, daß meine Hände zittern, denk dir nur, von den neuen, runden Tischtüchern, die wir erst kürzlich angeschafft haben, fehlen heute schon vier Stück.”

„Die werden in der Wäsche sein,” versuchte ich sie [meine Frau] zu beruhigen.

Aber sie [die] widersprach: „In der Wäsche sind nur zwei, vier fehlen, das wären sechs und achtzehn liegen im Schrank.”

„Nein, zweiundzwanzig,” widersprach ich.

Meine Frau sah mich ganz groß an: „Aber ich habe sie doch gezählt und ich werde doch wohl noch bis achtzehn zählen können.”

„Aber vielleicht nicht bis zweiundzwanzig,” warf ich ein.

Ganz beleidigt lief meine Frau hinaus, und als sie dann nach einer halben Stunde wiederkam, fehlten ihr sechs Taghemden, genau ein halbes Dutzend. Sechzig Stück müßten noch da sein, statt dessen waren es nur vierundfünfzig. Wo konnten die übrigen sein?

„Vielleicht da, wo die fehlenden Tischtücher sind,” warf ich ein.

Meine Frau machte ein ganz glückliches Gesicht: „Meinst du wirklich, daß ich mich auch da verzählt habe?” Und dann setzte sie hinzu: „Ein Wunder wäre es ja eigentlich nicht, ich gabe von allem so entsetzlich viel, allein sechs Dutzend Taghemden, wer kann denn auch bis 72 zählen, da muß man sich ja verzählen.”

[„Da mach es doch einmal umgekehrt,” riet ich, „und zähle rückwärts. Fang mit 72 an und höre bei 1 auf.”

Das leuchtete meiner Frau sehr ein, aber als ich dann nach einer halben Stunde mich einmal nach ihr umsah, da sie nicht wieder zu mir gekommen war, fand ich sie in Tränen aufgelöst vor dem Wäscheschrank. Und auf ihrem Schoß lag ein Haufen Hemden, der ihr bis an die Nasenspitze reichte.

„Aber Liebling meines Herzens,” fragte ich, „was hast du denn nur?”

„Nun habe ich mich erst recht verzählt,” erwiderte meine Frau schluchzend, „denn ich kann nicht rückwärts zählen. Bis 47 hat es, glaube ich, auch gestimmt, aber dann muß ich wieder vorwärts gezählt haben, denn anstatt 72 Hemden habe ich nun plötzlich 94, ich werde bei dieser Zählerei noch ganz krank.”

„So höre doch schon damit auf,” bat ich, „ich verstehe dich überhaupt nicht. Du suchst die Brille und statt dessen zählst du deinen Leinenschrank durch, als wärest du ein Kaufmann, der Inventur aufnimmt.”]

Meine Frau schluchzte herzzerbrechend[: „Aber es muß doch stimmen.”

„Es stimmt auch schon,” beruhigte ich sie, „du darfst nur nicht zählen, denn sonst stimmt es nie.” Und ihr das Paket Hemden von dem Schoß nehmend, schob ich die wieder in den Schrank. Meine Frau war so gebrochen und verweint, daß sie nicht einmal danach hinsah, wie ich die Wäsche verpackte, ja, sie widersprach nicht einmal, als ich dn Schrank zuschloß und den Schlüssel abzog. Sie trocknete sich ihre Tränen und] dann meinte sie ganz plötzlich [und unvermittelt]: „Glaubst du vielleicht, daß die Brille in dem Stiefelschrank liegt?”

„Wie sollte sie wohl dahin kommen?” fragte ich verwundert.

Meine Frau strich sich über die Stirn: „Ich weiß es auch nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr, mein armer Kopf tut mir schon so weh, daß ich gar nicht mehr denken kann. Aber irgendwo muß die Brille doch sein, denn ich weiß es ganz genau, daß ich sie gestern in den Handarbeits­korb legte.”

„Dann liegt sie aber doch keinesfalls im Stiefelschrank,” widersprach ich, „ebensogut könntest du doch unten im Küchenschrank nachsehen.”

Und ehe ich es verhindern konnte, tat meine Frau das auch. Ihr fiel plötzlich ein, daß sie gestern noch in der Küche gewesen war, um mit der Köchin das Abendbrot zu besprechen. Sie hielt es zwar selbst für ganz ausgeschlossen, daß sie da die Brille noch in der Hand gehabt haben sollte, aber möglich war es doch immerhin.

Meine Frau suchte im Küchenschrank und ich zählte unterdessen die Schränke, in denen sie noch suchen würde: drei Bücherschränke, vier Kleiderschränke, ein Weinschrank, ein Eisschrank, zwei Schränke mit Meißner Porzellan, zwei Büffetschränke, in dem Frühstückszimmer zwei Eckschränke, in dem Eckzimmer zwei Nippesschränke!

Das Grausen lief mir den Rücken entlang und eins stand plötzlich für mich fest: die Brille mußte wiedergefunden werden, und zwar heute noch.

Wenn eine Frau in die Küche geht, kommt sie in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht wieder an das Tageslicht. Dafür sorgen schon die Mädchen, denn wenn sie [die] auch noch so ordentlich sind, so ordentlich sind sie denn doch nicht, daß sie nicht noch viel ordentlicher sein könnten. So würde [auch] meine Frau in der Küche zwar nicht die Brille, aber so vieles andere finden, daß sie darüber mich und sonst alles auf der Welt vergaß.

Mein Entschluß war gefaßt. Ich raste zur Stadt zu dem Optiker, bei dem meine Frau gestern die Brille gekauft hatte.

Ich wollte eine neue Brille, aber das war nicht so einfach. Gewiß, die richtigen Gläser waren ja vorrätig, aber nicht die Brille selbst. Meine Frau trug eine ganz besondere Art, die mußte der Mann sich, ebenso wie die gestern abgeholte, erst aus Berlin kommen lassen und darüber konnten immerhin vier bis fünf Tage vergehen.

„Und inzwischen sucht meine Frau sämtliche fünfundzwanzig Schränke in unserer Wohnung durch,” widersprach ich, „das gibt es nicht, Sie müssen eine Brille vorrätig haben, wenn auch nicht ganz dieselbe, so wenigstens eine sehr ähnliche, sehen Sie nur einmal nach, Sie werden schon etwas finden.”

„Es hat wirklich gar keinen Zweck, erst nachzusehen,” widersprach der Optiker, dann aber zog er doch eine der großen Schubladen auf und stand plötzlich wie Lots selige Witwe, als sie zur Salzsäule erstarrte.

Dann aber schlug er sich mit der Hand derartig vor die Stirn, daß ich davon Kopfschmerzen bekam.

„Machen Sie nicht solche Geschichten,” bat ich, „mein Schädel tut mir ohnehin weh genug, was gibt es denn?”

Und dann kam es heraus, dort vor ihm in der Schublade lag die Brille meiner Frau. Jetzt fiel es ihm erst wieder ein, meine Frau hatte sie gestern mitnehmen wollen, sie auch schon in der Hand gehabt, aber im letzten Augenblick doch gebeten, sie ihr lieber zuzuschicken, damit sie sie [die] nicht vielleicht doch irgendwo versehentlich liegen lasse.

Die Brille war da!

In einem Auto sauste ich nach Hause. Niemand hatte mein Weggehn bemerkt, niemand merkte meine Wiederkehr. Aus der Küche hörte ich die scheltende Stimme meiner Frau, und ich segnete die Unordnung der Mädchen.

Dann schlich ich leise die Treppe hinauf und legte die Brille oben in den Arbeitskorb meiner Frau.

Und dort fand meine Frau sie am nächsten Morgen, als ich absichtlich einen Hemdenknopf ab[los]gerissen hatte und meine Frau bat, mir den wieder anzunähen. Da mußte sie den Korb zur Hand nehmen und als sie es tat, sah sie die Brille.

Ich hatte geglaubt, meine Frau würde aus dem Erstaunen nicht herauskommen, sie würde wie vor einem Wunder, wie vor einem Unfaßbaren stehen, das sie nicht begriff. Aber da hatte ich mich geirrt. Als sei nichts vorgefallen, nahm sie die Brille zur Hand und setzte sie sich auf.

„Aber bist du denn gar nicht erstaunt, daß die Brille nun plötzlich wieder da ist?” fragte ich meinerseits ganz verwundert.

Da sah meine Frau mich mit ganz großen Augen an: „Warum sollte ich denn da erstaunt sein?” Und wie etwas ganz Selbstverständliches setzte sie hinzu: „Die Brille mußte sich doch einmal in dem Korb wiederfinden, denn ich weiß es ganz genau, daß ich sie gestern hier [da] hineingelegt habe!”


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