Der Gefechtsesel.

Humoristische Plauserei.
Von Freiherr von Schlicht-Berlin.
in: „Kieler Zeitung” vom 23.3.1897,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 28.3.1897,
in: „Die Kommandeuse” und
in: „Der Gefechtsesel”


Der Gefechtsesel unterscheidet sich von seinen zahllosen vier- und zweibeinigen Brüdern und Schwestern hauptsächlich dadurch aus, daß er gar kein Esel ist, sondern ein Pferd.

Das Pferd spielt beim Militär eine große Rolle und merkwürdiger Weise nicht nur bei den Kavallerie-Regimentern, sondern auch bei der Infanterie.

Die Zeiten, in denen ein Infanterie-Offizier zu Pferde dasselbe war, wie heut zu Tage für die „Fliegenden Blätter” der Sonntagsreiter, sind Dank des Reitunterrichts, der in jedem Jahre erteilt wird, vorüber; aber dennoch muß, um der Wahrheit die Ehre zu geben, gesagt werden, daß für manche Vorgesetzte das Pferd ein wildes Thier ist — eins von den Thieren, die in den zoologischen Gärten den Zettel um des Hals tragen: „Ich darf nicht gereizt werden.”

Die Hauptleute und die höheren Vorgesetzten müssen aber im Dienste reiten, wenn ihnen das auch manchmal noch so unbequem ist.

Sobald einer der Vorgesetzten in die Lage kommt, sich ein Streitroß anschaffen zu müssen, fragt er sich: „Was kaufst Du Dir? Ein Pferd oder einen Gefechtsesel?”

Je nach dem Alter des Betreffenden ist die Antwort verschieden.

Je jünger der Häuptling ist, desto jünger ist das Thier, das er sich kauft. Er will zeigen, daß er reiten kann.

In der Theorie ist das sehr schön, aber in der Praxis macht sich die Sache denn doch etwas anders.

Mit gezogenem Schwerte reitet der Häuptling an der Spitze seiner Kompagnie durch die Straßen der Stadt — er führt sie nicht(1) zum Siege, noch zum Tode, sondern nur nach dem kleinen Exerzierplatze.

Der Häuptling bekleidet seine hohe Charge erst seit acht Tagen, er reitet seinen Leuten zum ersten Male voran, wer kann es ihm verdenken, daß er Stolz in seiner Brust hegt?

„Spielleute schlagen!” befiehlt er.

Die vier Trommler und Pfeifer der Kompagnie — kurzweg „das Federvieh” genannt — ergreifen ihre Instrumente, der rechte Flügelmann sagt seinen Kameraden, welchen Marsch sie spielen wollen und zählt dann: eins, zwei, drei.

Die Musik beginnt, aber auch des Häuptlings Pferd beginnt — zwar nicht mit dem Spielen, sondern mit dem Bocken und Steigen. Alle Versuche, es zu beruhigen, scheitern.

„Aufhören,” ruft der Hauptmann dem Federvieh zu und die Musik verstummt — in jedem anderen Falle würden die Spielleute nachexerzieren müssen, weil sie nicht gleichzeitig „abgestoppt” haben — jetzt aber ist der Häuptling froh, daß die Dudelei vorüber ist.

Auf dem Exerzierplatze angelangt, macht der Vorgesetzte zunächst die Griffe durch. Das gleichzeitige Hochbringen von mehr als hundert Gewehren läßt den Gaul jedes Mal eine kurze Kehrtwendung machen und öfter, als ihm lieb ist, muß der Reiter den Stabsoffizier-Zügel, den Sattelknopf ergreifen, um nur nicht „von's Gerüste” zu fallen. Anstatt auf die Fehler der Leute zu achten, muß der Häuptling auf sich selbst achten.

Schlimmer gebärdet sich solch Gaul natürlich, wenn geschossen wird, da keilt er vorne und hinten.

„Vom sicheren Port läßt sich's gemächlich rathen,” singt der Dichter, man könnte das Wort variiren und sagen: „Vom sicheren Gaul läßt gut sich's kommandiren.”

„Was nützt mich der Mantel, wenn er nicht gerolt ist,” und was nützt mich ein Pferd, das nicht bei der Truppe geht, das mich zwingt, eher abzusteigen, als ich muß.

Der Vorgesetzte muß vom Pferde steigen, wenn er sich mit seiner Truppe im Gefechte befindet und das feindliche Feuer so stark ist, und aus so naher Entfernung abgegeben wird, daß im Ernstfalle ein Reiten unmöglich wäre.

Darüber, wann bei den Friedensübungen dieser Zeitpunkt gekommen ist, gehen die Ansichten der Betheiligten meilenweit auseinander.

Der Eine sagt „früh”, der Andere „spät”, der Dritte „nie”.

Die da „früh” sagen, sind diejenigen, die noch gut zu Fuß sind und den Vorgesetzten ihre jugendliche Frische und Rüstigkeit beweisen wollen.

Die da „spät” sagen, sind diejenigen, die lieber reiten als gehen, und die da endlich sagen „nie”, das sind diejenigen, die nur auf direkten Befehl von ihrem Gefechtsesel herunterklettern und über jeden Schritt, den sie gehen müssen, „krummer Hund” fluchen.

Das Herunterkommen vom Pferde ist noch nicht das Schlimmste, viel Schwieriger ist es, wieder in den Sattel zu kommen.

Deshalb haben die meisten Vorgesetzten auch einen „Reitbügel” und einen „Aufsteigbügel”. Letzterer wird so lang wie möglich geschnallt, mühsam hebt der Reiter das linke Bein mit dem daran befindlichen linken Fuße und langsam „wuchtet” er sich dann in die Höhe. Manche Pferde stehen nicht beim Aufsitzen — der Gefechtsesel steht, der steht immer, mag um ihn herum vorgehen, was da will, er steht, er rührt sich nicht; der Gefechtsesel ist wie sein Reiter, er flucht innerlich über jeden Schritt, den er gehen muß.

Mit solchem Gefechtsesel passiren manchmal wunderbare Sachen; die sonderbarste, die ich kenne, ist die nachstehende:

In einem Regimente war ein Häuptling, der, wie das ja manchmal vorkommt, kein großer Reiter war — nicht jeder Mensch wird als Schulreiter geboren. Dennoch aber war der Hauptmann froh und guter Dinge, denn er hatte einen Gefechtsesel, der an Frömmigkeit und Bequemlichkeit Alles bisher auf equestrischem Gebiete dagewesene meilenweit hinter sich ließ.

Wer wäre im Stande, den Schrecken und die Verzweiflung des Hauptmanns zu schildern, als dieser eines Morgens in den Stall kam und sein treues Roß todt vorfand! Alle künstlichen Athmungs- und Wieder­belebungs­versuche blieben vergeblich, es war tödter als todt, und die flehendsten Bitten, die rührendsten Klagen vermochten nicht, es wieder zum Leben zu erwecken.

Traurig und in sich gekehrt ging der Häuptling endlich von dannen, mannhaft zerdrückte er eine Thräne in seinem Auge.

Was sollte nun werden? Wo fand er ein Pferd wie dieses?

Zunächst dachte er denn(2), seinen Abschied zu nehmen, aber diesen Gedanken gab er auf Zureden der Kameraden bald wieder auf und entschloß sich, ein neues Streitroß zu erwerben.

Zu diesem Zweck hielt er Umschau unter den Jungfrauen des Landes, denn das stand von vornherein fest, daß es nur eine Stute sein dürfte. Hengste dürfen bei uns im Dienst nicht geritten werden, bei keiner Truppengattung; mit einem Wallach war das auch solche Sache, man konnte nie wissen —, nein, nur eine Stute durfte es sein.

Und nach langem, langem Suchen hatte er endlich gefunden, was er brauchte. Zwar war das Pferd noch jung, kaum achtjährig — der todte Gefechtsesel war fünfzehn Jahre alt gewesen, — aber das Thier war so fromm und ruhig, daß ein Säugling es hätte reiten können: mochte man mit Platzpatronen oder mit Granaten an seinen Ohren vorbeischießen, der Gaul rührte sich nicht, nur hin und wieder schüttelte er einmal mit dem Kopf oder bewegte das Genick. Na, und davon fällt ein gut zweihundert Pfund schwerer Reiter ja noch nicht aus dem Sattel.

Das Pferd wurde also gekauft, von dem Roßarzt untersucht, von der Abschätzungs-Kommission gemustert, geprüft, für gesund und tauglich befunden und hielt dann endlich eines Tages seinen feierlichen Einzug in den Stall.

Natürlich hielt der durch traurige Erfahrungen gewitzigte Häuptling seinen(3) Burschen eine lange Rede über die Pflege, die dem neuen Thier zu Theil werden solle. „Gut füttern, ja gut füttern.”

Der Diener handelte nach den Worten seines Herrn, er gab dem Gaul zu fressen, so viel dieser nur haben wollte und die Folge war, daß der Gefechtsesel in erschreckender Weise an Gewicht und Umfang zunahm. Der Häuptling ritt nicht mehr, als er unbedingt mußte, und davon, daß ein Pferd täglich von dem Burschen eine kleine Stunde im sausenden(4) Schritt „bewegt” wird, nur damit dem Thier die vier Beine nicht einrosten, wird auch aus einem dicken Gaul kein schlankes Rennpferd.

Der Sommer ist dazu da, um auf Urlaub zu gehen und so packte denn auch unser Häuptling eines Tages seinen vorschriftsmäßigen Armeekoffer und fuhr auf fünfundvierzig Tage in die Heimath, nachdem er seinem Burschen noch einmal auf dem Bahnhof eingeschärft hatte: „Ja gut füttern, lieber zu viel, als zu wenig, daß Du mir das Pferd von keinem Anderen reiten läßt, jeden Tag eine Stunde bewegen, nicht mehr, im Manöver muß er(5) noch genug laufen.”

Aber als der Häuptling nach beendetem Urlaub wieder heimkehrte, bekam er doch einen Schrecken, als er seinen Gefechtsesel besah. Herr Gott, hatte bei dem das Futter gut angeschlagen.

„Fünf Löcher habe ich den Deckengurt weiter schnallen müssen,” sagte der Bursche.

Zu langen Unterhandlungen war aber jetzt kaum Zeit, denn das Regiment stand auf dem Kasernenhof zum Abmarsch zu einer großen Felddienstübung bereit.

Der Häuptling schwang sich in den Sattel und wenig später rückte das Regiment ab.

Nach einem Marsch von wenig Stunden stieß man auf den Feind, das Gefecht begann und unser Häuptling bekam den Befehl, mit seiner Kompagnie als Spezialreserve zur Verfügung des Leitenden zu bleiben. Deß freuten sich alle Unterthanen, der Häuptling, seine Offiziere, seine Leute und nicht zuletzt der Gefechtsesel, der heute noch fauler war als sonst.

Der Häuptling stieg vom Gaul, setzte sich mit seinen Offizieren an einen Gartenrand, erzählte sich mit ihnen Geschichten, ließ seine Leute sich bei den Gewehren hinlegen und seinen Gefechtsesel von einem Spielmann auf- und abführen.

Stunde auf Stunde verrann und als dem „Spielmops” das Auf- und Abgehen zu langweilig wurde, legte er sich schließlich auch hin und als dem Gefechtsesel das Stehen zu langweilig wurde, legte er sich auch hin.

Und wieder verrann eine Stunde.

Da kam endlich ein Adjutant angesprengt: „Die Spezial-Reserve sofort zum Sturmangriff gegen den linken Flügel des Feindes vorrücken — Marschrichtungspunkt das einzelne Gehöft hier halbrechts.”

„Auf,” kommandirte der Häuptling, und Alles erhob sich, — der Hauptmann selbst, die Offiziere, Unteroffiziere, Mannschaften, der „Spielmops” — Alles, nur nicht der Gefechtsesel, der lag im Haidekraut und streckte sich und dehnte sich und dachte an alles Andere, nur nicht an das Aufstehen.

„An die Gewehre — Gewehr in die Hand — das Gewehr über! Bitte, Herr Premier(6), führen Sie die Kompagnie vor, ich komme gleich hinterdrein geritten.”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann. Die Kompagnie hört auf mein Kommando: Ohne Tritt — marsch.”

Die Kompagnie zog dahin, dem Feinde entgegen. Der Herr Premier(7), der sich immer nach seinem Hauptmann umsah, machte seine Sache gut, mit „Marsch, marsch — Hurrah!” warf er sich auf den Feind, aber die Uebermacht war zu groß, er mußte zurück und mit ihm auch(8) die ganze Linie, welcher er durch seine Unterstützung zum Siege zu helfen gehofft hatte.

„Rückwärts, rückwärts, — Don Rodrigo, rückwärts, rückwärts, stolzer Cid.”

So sagt der Dichter, die Kommandosprache sagt: „Kehrt — marsch.”

Rückwärts flutheten die Schützen und als sie auf der Stelle ankam(9), wo vor Kurzem noch die Spezialreserve geruht hatte, bot sich ihnen ein gar seltenes Schauspiel.

Lang hingestreckt auf dem Haidekraut lag der Gefechtsesel, wohl und munter, schlank wie eine Tanne — und neben dem alten Gefechtsesel lag ein junger Gefechtsesel.

Der Häuptling war „Vater” geworden.

Aber „Vaterfreuden” sprachen auch(10) aus seinen Zügen.

Alle militärische Zucht und Disziplin war vergessen — ein donnerndes „Hurrah” begrüßte den neu angekommenen Weltbürger.

Und dieses Hurrah war der militärische Tod des armen Häuptlings.

Kurze Zeit darauf nahm er seinen Abschied und widmete sich fortan der Pferdezucht.

Er soll dabei, ebenso wie mit dem Gefechtsesel „überraschende” Erfolge und Resultate erzielt haben.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es: „weder zum Siege” (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es: „zunächst dachte er daran” (zurück)

(3) In der Buchfassung heißt es: „seinem Burschen” (zurück)

(4) In der Buchfassung heißt es: „in sausendem” (zurück)

(5) In der Buchfassung heißt es: „muß es” (zurück)

(6) In der Buchfassung heißt es: „ Herr Oberleutnant” (zurück)

(7) In der Buchfassung heißt es: „Herr Ober” (zurück)

(8) In der Buchfassung fehlt hier das Wort: „auch” (zurück)

(9) In der Buchfassung heißt es: „ankamen” (zurück)

(10) In der Buchfassung heißt es: „sprachen nicht” (zurück)


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