Der Gedanke Sr. Hoheit.

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Egerer Zeitung” vom 26.5.1906,
in: „Ihre Durchlaucht der Regimentschef” und
in:
„Seine Hoheit”


Seine Hoheit war geborener Soldat, das zeigte sich deutlich in seinem schnellen Avancement. Mit zehn Jahren wurde er nach altem Brauch in der Armee Leutnant. Aus Anlaß seiner Konfirmation wurde er zur Erinnerung an den Tag seiner Einsegnung Oberleutnant, und als er im Auftrage seines Vaters einem ihm befreundeten Fürsten ein Album mit Ansichtspostkarten aus seinem väterlichen Reich überbracht hatte, avancierte er nach erfolgter Rückkehr zum Hauptmann. In dieser Stellung blieb er, bis er eines Morgens als Major aufwachte, und als Geburtstags­geschenk fand er eines Tages die Achselstücke eines Oberst und Regiments­kommandeurs auf dem Tisch. Und als ihm in seiner jungen Ehe ein Sohn und späterer Thronerbe geboren wurde, ward er General. Als er dann seine Gemahlin durch den Tod verlor, suchte man ihn dadurch zu trösten, daß man ihn zur Exzellenz ernannte. Er aber tröstete sich nicht. Da ernannte man ihn zum kommandierenden General, und als er sich damit getröstet hatte, waren die anderen untröstlich, denn zu spät sahen sie ein, daß er trotz seiner hohen Geburt und trotz des glänzenden Avancements keine Ahnung hatte. Wenigstens keine Ahnung von dem, was ein kommandierender General wissen muß.

Zuerst wollte man, als man die mangelnde Weisheit Sr. Hoheit erkannte, diesem den Abschied geben. Aber das ging nicht an, denn er war inzwischen, da sein Vater sich zu seinen Ahnen versammelt hatte, Landesvater geworden, und einem Fürsten von Gottesgnaden konnte man doch in militärischen Dingen keine schlechte Zensur geben und ihn wie einen gewöhnlichen Sterblichen pensionieren. So ward Seine Hoheit General-Inspekteur — ein glänzendes Avancement und doch eine gewisse Kaltstellung. Er schwebte jetzt als spiritus rector über den Truppen seiner Armee-Inspektion, aber er kam nur selten mit ihnen in Berührung.

Und das war gut.

Manche sagten sogar, es wäre noch besser.

Jetzt sollte Seine Hoheit seine erste Inspektionsreise unternehmen. Drei Jahre bekleidete er sein Amt nun schon, aber zum ersten Mal fand seitdem wieder eine Inspektion statt.

In der Zwischenzeit hatte er weiter nichts getan, als sich geistig beschäftigt. Seine Hoheit hatte sich entsetzlich dicke Aktenbündel schicken lassen, und seine Adjutanten beauftragt, die Dinger durchzulesen. Er hatte Rapporte und Berichte erhalten und hatte bewiesen, daß er auch selbst schreiben könne, nicht nur seinen Namen, sondern auch andere Dinge. So hatte er einen Beitrag zu dem Anhang über den Beitrag der Ergänzung über die Zusätze zum Exerzier-Reglement verfaßt und sich auch sonst praktisch im Interesse der Armee betätigt.

Jetzt sollte er auf Reisen gehen und sein Adjutant stand vor ihm und las ihm das Programm vor, das ihm von höherer Stelle aus zugesandt worden war.

„Also Hoheit werden besichtigen —”

„Ich werde also besichtigen —”

Der Adjutant blätterte in den Akten: „Zunächst —”

„Zunächst —” wiederholte Seine Hoheit.

„Zunächst am 1. Juni das Jägerbataillon 84, am 2. Juni das Jägerbataillon 85, am 3. Juni das Pionierbataillon, am 4. Juni das Infanterie­regiment Nr. 222, am 5. Juni das Infanterie­regiment Nr. 223, am 6. Juni(1) gehen Hoheit in die Kirche.”

Hoheit blickte überrascht auf: „Was soll ich denn da? Da sind doch keine Soldaten?”

„Der sechste ist ein Sonntag, Hoheit.”

„Ach so — es ist Sonntag. Wissen Sie, mein lieber Major, vergessen Sie bitte nicht, meinen Kammerdiener daran zu erinnern, mir für diesen Sonntag, aber ich meine natürlich nicht diesen Sonntag, der jetzt kommt, sondern diesen Sonntag, der dann kommt, etwas Karlsbader Salz einpacken zu lassen. Mein Magen ist ja Gottseidank zwar sehr in Ordnung, aber trotzdem, die Besichtigungen sind doch sehr angreifend, jeden Tag eine andere Küche, jeden Tag andere Weine und andere Zigarren — — wieviel Diners sind das bis jetzt, die Sie mir da vorgelesen haben?”

„Fünf, Hoheit.”

„Na, das geht ja noch. Ist es damit zu Ende?”

Aber der Major schüttelte den Kopf: „Hoheit, die Besichtigungen dauern bis Mitte Juli und Hoheit müssen bis dahin jeden Tag ein Regiment besichtigen, manchmal auch zwei.”

„Ich kann aber doch nicht zweimal an einem Tag Mittag essen!”

„Nein, Hoheit müssen dann eben bei dem einen Regiment frühstücken und bei dem anderen dinieren.”

Hoheit wurde nachdenklich: „Das ginge,” meinte er endlich. „Bitte, lesen Sie weiter.”

Der Adjutant gehorchte, und endlich war das Programm verlesen.

„Wissen Sie, mein lieber Herr Major,” nahm Hoheit das Wort, „dieses Programm ist ja soweit sehr schön und sehr gut, und die allerhöchsten Vorgesetzten meinen es mit der Armee gewiß auch ausgezeichnet, aber es hat einen Fehler: es ist sehr anstrengend.”

„Gewiß, Hoheit. Vom frühen Morgen bis zum später(2) Mittag im Sattel zu sitzen, ist keine Kleinigkeit.”

„Aber, mein lieber Herr Major, Sie verstehen mich nicht.” Er schlug sich mit einer sehr dezenten Handbewegung auf seine Sitzgelegenheit, dann fuhr er fort: „Der da hält's aus — aber der da!” Und gleichzeitig deutete er auf seinen Schädel.

„Aber, Hoheit, der doch erst recht,” meinte der Adjutant, wenn auch etwas gegen seine Überzeugung.

Hoheit dachte einen Augenblick nach: „Natürlich halte ich's aus, aber verflucht anstrengend ist es doch. Wissen Sie, so Wochen hindurch jeden Tag kritisieren — jeden Tag etwas Neues über dieselbe Sache sagen — das kann man doch nicht. Und immer dasselbe sagen, kann man doch erst recht nicht, sonst denken die anderen, man könnte nichts anderes. Und so dürfen die nicht denken, die dürfen überhaupt nicht denken, es ist mehr als genug, wenn ich das tue, meinen Sie nicht auch?”

„Gewiß, Hoheit.”

„Na, sehen Sie. Aber da habe ich eben einen wirklich guten Gedanken. Wissen Sie: ich sage bei den Besichtigungen gar nichts.”

„Nanu?” entfuhr es dem major unwillkürlich.

Hoheit machte ein freudestrahlendes Gesicht: „Daß selbst Sie mich im Augenblick nicht verstehen, beweist mir, wie gut mein Gedanke ist. Wie gesagt: ich sage gar nichts. ich komme, ich sehe und esse. Und alles, was ich zu sagen habe, sage ich dann später, nachher, wenn wir wieder zu Hause sind. Dann arbeite ich in aller Ruhe ein Rundschreiben an alle mir unterstellten Regimenter aus und führe in dem alle Monita auf. Und um mir die Sache etwas zu erleichtern, machen wir das in der Art, daß Sie sich stets das notieren, was mir auffällt.”

„Das werden Hoheit mir dann immer zuflüstern.”

Hoheit blickte ganz überrascht auf: „Warum soll ich denn flüstern? Was ich zu sagen habe, kann ich doch auch laut sagen, wenn ich es sagen will. Aber ich will doch eben gar nichts sagen. Verstehen Sie das denn nicht? Sie sind nun schon so lange mein Adjutant, ich meine, da können Sie ganz von selbst wissen, was mir auffällt, ohne daß ich Sie erst darauf aufmerksam zu machen brauche.”

„Gewiß, Hoheit, ich verstehe.”

Und der Major verstand wirklich. Aber zum ersten Mal verstand er Seine Hoheit nicht. Entsprang der Gedanke, den dieser eben äußerte und der wirklich sehr schlau war, seiner Klugheit oder seiner Dummheit?

Der Adjutant wußte es nicht, und Seine Hoheit wußte es schon deshalb nicht, weil er so klug war, daß er gar nicht wußte, was eine Dummheit sei.

Oder umgekehrt.


Fußnoten:

(1) Im Jahre 1897 fiel der 6. Juni auf einen Sonntag. D.Hrsgb. (Zurück)

(2) In der Fassung von „Seine Hoheit” heißt es hier: „späten”. (Zurück)


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