Das Geburtstagsmahl.

Humoreske von Freiherrn von Schlicht (Dresden).
in: „Kieler Zeitung” vom 3.10.1900,
in: „Mährisches Tagblatt” vom 4.10.1900,
in: „Hamburger Nachrichten” vom 5.10.1900,
in: „Leipziger Tageblatt” vom 8.10.1900,
in: „Neues Wiener Journal” vom 9.10.1900
in: „Prager Tagblatt” vom 28.10.1900 und
in: „Vielliebchen”


Lieutenant von Schnarrwitz feierte seinen Geburtstag, ausgerechnet seinen dreißigsten. Am frühen Morgen hatten ihm auf Veranlassung des Feldwebels die vier Spielleute der Compagnie schon ein Ständchen gebracht, und auf den beiden Pfeifen und den beiden Trommeln hatten sie ihm das schöne Lied „Schier dreißig Jahre bist Du alt” vorgespielt.

Seinem Geschick entgeht unter Umständen der Eine oder der Andere; dem Lied aber entgeht an seinem dreißigsten Geburtstag niemand. So hatte denn auch Schnarrwitz sich mit Anstand in das Unvermeidliche gefügt — er hatte, obgleich er noch im Bette lag und noch schlafen wollte, nicht nur nicht geflucht sondern „dem Federvieh” sogar durch seinen Burschen einen harten Thaler hinausgesandt.

Dem Ständchen folget zur Feier des Tages eine Felddienst­übung, die sehr lang, sehr heiß, aber trotzdem keineswegs genußreich war. Nur ein Lichtpunkt war an dem Vormittag zu verzeichnen. Der commandierende General, der Erbprinz von M., der in der Garnison sein Palais hatte und jeden Morgen mit seinem Adjutanten in das Gelände ritt, hatte die Gnade, dem Geburtstagskinde zu gratuliren. Aber der Erbprinz beschränkte sich nicht nur auf einen Händedruck, sondern er sprach längere Zeit mit dem jungen Officier, so daß diesem das Herz vor Glück und Freude schwoll.

Als Schnarrwitz am Mittag endlich nach Haus kam, erwartete ihn dort die Geburtstagskiste, die seine in einer anderen Stadt wohnenden Eltern an ihn abgesandt hatten. Mit seinem Taschenmesser öffnete er den Deckel und nahm dann die mannigfachen Liebesgaben heraus: eine Cigarrenspitze(1), einen Cigarrenabschneider, einen Aschenbecher, hundert Cigaretten . . .

„Mein Gott,” dachte das Geburtstagskind, „wollen die Eltern denn, daß ich meinen Abschied einreiche und ein Cigarrengeschäft eröffne, das ist ja furchtbar! Was gibt es denn noch?”

Als nächstes holte er einen Tabaksbeutel heraus, dann zwei Pfund Tabak und schließlich eine Manöverpfeife.

Die Kiste war leer, aber trotzdem fehlte nach seiner Meinung noch etwas — er suchte in dem Papier, er suchte in jeder Ecke; er suchte überall: in dem Tabaksbeutel und in der Pfeife, in der Cigarrentasche und(2) in der Cigarrenspitze, aber es war alles vergebens.

„Na, vielleicht in dem Brief,” dachte er.

Er öffnete das Couvert, entfaltete den Bogen und las: „Mein lieber, guter Sohn! Ich hoffe, die beifolgenden Gaben, die Dir während des bevorstehenden Manövers von großem Nutzen sein werden, erfreuen Dich. Geld kann ich Dir leider nicht schicken —”

Also wirklich und wahrhaftig kein Geld, ausgerechnet(2a) nicht einen Groschen.

Mit einem etwas ärgerlichen Gesicht besah der junge Offizier die vor ihm stehende Tabaksaussteuer. „Die Sache ist ja großartig gedacht,” sprach er vor sich hin, „und meinem guten Vater, der sich ein Leben ohne Tabak überhaupt nicht vorstellen kann, sieht es ähnlich, daß er mir nichts anderes schenkt. Lieber aber wäre es mir gewesen, er hätte mir einen Theil dieser Gaben in baribus(2b) gegeben.”

Er griff in die Tasche und holte sein Portemonnaie hervor: „Wahrhaftig,” stöhnte er, „leer gebrannt ist die Stätte! Wenn ich nur wenigstens nicht im Vertrauen auf die Geburtstagskiste die Spielleute belohnt hätte, als wäre ich Rothschild, Krupp und der Schah von Persien in einer Person. Was mache ich nun? Der Zahlmeister ist für mich nicht zu sprechen, der hört gar nicht mehr zu, wenn ich ihn um einen Vorschuß bitte. Ob ich mich an einen Kameraden wende? Wer hat heute, am Siebenundzwanzigsten, noch Geld? Es ist überhaupt unerhört, daß der Monat so viele Tage hat, — hätte ich dem seligen Gregor bei der Umänderung des Kalenders helfen können, das Ding wäre etwas anders aufgefallen(3) — da käme spätestens nach dem Fünften gleich der Letzte.”

Er kleidete sich um und ging in das nahe gelegene Casino, um dort mit den Cameraden zusammen zu frühstücken. „Vielleicht finde ich einen Dummen, der ein gutes Herz hat,” dachte er, aber der erste Blick, den er über die Anwesenden schweifen ließ, belehrte ihn, daß hier nichts zu holen war.

„Na, denn nicht,” tröstete er sich, „das soll mir die gute Laune nicht trüben, man muß die Feste feiern, wie sie fallen.”

Wenig später saß er mit den Cameraden, die ihn schon lange ungeduldig erwartet hatten, bei der Sektflasche. Schnarrwitz erfreute sich großer Beliebtheit, und dieser gab man dadurch Ausdruck, daß man für jede leere Flasche gleich zwei volle wieder bestellte.

Es ist ein alter Brauch in der Armee, daß die Geburtstage durch ein Liebesmahl im Casino gefeiert werden — mit Schnarrwitz' Ehrentag sollte keine Ausnahme gemacht werden, aber das Festmahl war auf den übernächsten Tag verschoben, da dann ein anderer Officier ebenfalls Geburtstag hatte und da man aus Sparsamkeits­rücksichten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte.

„Wie ist es,Schnarrwitz?” fragte der eine Camerad, „es bleibt doch dabei, daß wir heute Abend zum Essen zu Ihnen kommen?”

Das Geburtstagskind fiel vor Schrecken beinahe vom Stuhl, das hatte er ja ganz vergessen, daß er vor einigen Tagen die ihm besonders nahestehenden Cameraden gebeten hatte, bei ihm ein Butterbrot zu essen und ein Glas Bier zu trinken. Ein „Zurück” gab es unter keinen Umständen.

„Aber selbstverständlich, Herrschaften,” erwiderte er, „natürlich bleibt es bei der Verabredung — je mehr kommen, je eher Ihr erscheint und je länger Ihr bleibt, desto lieber ist es mir natürlich.”

„Geniren Sie sich nur nicht, machen Sie nur ordentlich Umstände,” rief man ihm zu, „Sie wissen ja: lieber einen Gast weniger, dafür einen Gang mehr. Was gibt's denn Schönes?”

„Abwarten, Thee trinken,” gab Schnarrwitz zur Antwort, „im Uebrigen hieße es die alten Traditionen der berühmten preußischen Einfachheit über den Haufen werfen, wenn ich Euch etwas Anderes als eine kalte Schüssel vorsetzen wollte — auf mehrere Gerichte ist meine Junggesellen­wirthschaft nicht eingerichtet,”

Damit war auch Jeder einverstanden, man hatte nichts Anderes erwartet, und als man sich endlich trennte, war es bis zum Abend gar nicht mehr so lange hin. Es wurde im Casino erst um sechs Uhr zu Mittag gegesen, und die Essensstunde war nicht mehr fern, als man aufbrach: zu Tisch hatten natürlich alle aus Sparsamkeitsrücksichten abgesagt, das thut man in solchem Falle immer.

Als Schnarrwitz zu Haus ankam, traf er mit seinem Burschen Vorbereitungen zum Empfang seiner Gäste. Sein Kasimir, ein edler Pollak, war ein mordsmäßig dummes Menschenkind, aber eine treue Seele, ehrlich und fleißig, und diesen Tugenden hatte er es allein zu verdanken, daß sein Lieutenant ihn trotz aller Drohungen bisher noch nicht ermordet hatte. Aus dem Casino hatte Schnarrwitz sich Tischzeug, Porzellan und Silber kommen lassen, und nun deckte er mit Kasimir die Tafel.

„Is sich richtig, daß sich jeder ißt mit zwei Gabbeln und sich schneidet mit zwei Messer?” fragte Kasimir. Das ging über seinen Horizont, obgleich er sich, seitdem er auf Befehl seines Herrn nicht nur eine Zahnbürste besaß, sondern diese täglich zweimal benutzen mußte, so leicht über nichts mehr wunderte.

Endlich war der Tisch fertig, die freundlichen Wirthsleute, bei denen Schnarrwitz zur Miethe wohnte, hatten sogar die Blumen ihres Gartens zur Verfügung gestellt, und mit seiner kleinen Hand (Handschuhnummer 12¼) hatte Kasimir gehörig unter den Kindern Floras gewüthet.

Alles war bereit, nur die Hauptsache fehlte, das Essen, und Schnarrwitz war sich völlig darüber im Unklaren, woher er die Speisen nehmen, aber nicht stehlen sollte.

Das Nächstliegende wäre natürlich gewesen, die Verproviantirung dem Casino zu überlassen, aber das ging nicht, es ging wahrhaftig nicht. Schnarrwitz' Casinorechnung für den verflossenen Monat ging ins Aschgraue, er mochte gar nicht an das große Minuszeichen denken, mit dem am nächsten Ersten sein Gehaltsbuch enden würde, und es war unmöglich, dieses Minuszeichen noch zu verlängern. Er persönlich hätte nichts dagegen gehabt, aber der Herr Oberst war, wie Gretchens Mutter, in vielen Dingen so akkurat — der sperrte erbarmungslos jeden Lieutenant drei Tage ein, dessen Casinorest eine bestimmte Höhe überschritt, na, und sich einsperren zu lassen, ist nicht nach Jedermanns Geschmack.

Schnarrwitz wenigstens konnte sich nicht dafür begeistern, und damit war der Gedanke an das Casino aufgegeben. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wem er den ehrenvollen Auftrag ertheilen könne, für das Essen zu sorgen, und wie immer fiel ihm das Nächstliegende zu allerletzt ein. Wozu waren die Offiziere denn Stammgäste in dem „Hotel zum Erbprinzen”? Er wußte, daß der Wirth bei den offiziellen Commiß–Pekkos auch außerhalb des Hauses an viele Familien lieferte, warum sollte er da nicht auch an Junggesellen liefern? Die Sache hatte außerdem den nicht zu verachtenden Vorzug, daß die Speisen nicht gleich bezahlt zu werden brauchten, und so bekam Kasimir denn den Befehl, zum „Erbprinzen” zu gehen und zwei große, kalte Schüsseln für zwölf Personen zu bestellen und gleich mitzubringen.

Es dauerte lange, bis Kasimir zurückkam, und als er endlich erschien, waren die Gäste bereits vollzählig versammelt und hatten schon an der Tafel Platz genommen, um gleich zulangen zu können.

Aber Kasimir kam mit leeren Händen. „Sie haben sich nix an kalten Schüsseln,” lautete seine Meldung, „haben nachgesehen, war aber nix da, gar nix, aber sie lassen sagen: warme Speisen seien da genug, und der Herr Lieutenant möchten doch kommen und die anderen Herren und essen da.”

Ein Lieutenant, der lieber kalt als warm ißt, soll noch erst geboren werden. So jubelten Alle Kasimirs Worten zu und beeilten sich, nach den gemüthlichen Räumen des „Erbprinzen” aufzubrechen: die Küche des Hotels war berühmt und die Getränke sehr gut.

Für einen Augenblick dachte Scharrwitz daran, seine Gäste zurückzuhalten, aber es ging ja nicht, irgend etwas vorsetzen mußte er ihnen, kalte Speisen gab es nicht, und ehe die warmen Gerichte von dem gut fünf Minuten entfernten Hotel in seine Wohnung gebracht würden, waren sie unterwegs sicher kalt geworden. Noch einen traurigen, wehmüthigen Blick warf er auf die mit so viel Liebe gedeckte Tafel und auf die beiden kleinen Fässer Bier, dann folgte er den anderen, aber schon auf der Treppe kehrte er noch einmal um und holte sich einen Kasten mit Cigarren und Cigaretten — das Geld wollte er wenigstens sparen und seinen Gästen seinen eigenen Tabak vorsetzen.

Daran, wieviel er für den bevorstehenden Abend im „Erbprinzen” schuldig bleiben würde, mochte er gar nicht denken. Er tröstete sich damit, daß bei dem allgemeinen Weltuntergange auch diese Sache aus der Welt geschafft werden würde.

Als die Herren das Restaurant betraten, eilte der Wirth und die Kellner ihnen diensteifrig entgegen, um nach ihren Wünschen und Befehlen zu fragen.

„Schnarrwitz bestellt und bezahlt Alles,” klang es im Chor, und das Geburtstagskind wandte sich an den Wirth: „Was haben Sie denn nun Schönes?”

In Erwartung eines guten Geschäftes erstarb der Wirth beinahe vor Liebenswürdigkeit: „Ich habe Alles, was verlangt wird. Wünschen die Herren warm zu speisen oder wünschen Sie einige kalte Schüsseln — gerade für die letzteren habe ich heute hervorragende Sachen.”

„Da hört sich denn doch aber Alles auf,” rief Schnarrwitz, „warum lassen Sie mir denn durch meinen Burschen sagen, Sie hätten nur warme Gerichte?”

Der Wirth machte ein Gesicht, das beim Militär vom Feldwebel abwärts mit dem Ausdruck „schafsdämlich” bezeichnet wird, dann sagte er: „Ich verstehe Sie nicht, Herr Lieutenant, Ihr Bursche war nicht hier, wenigstens nicht bei mir, ich will mich sofort erkundigen, mit wem er gesprochen hat.”

Da öffnete sich die Thür und auf der Schwelle erschien Major von Dingsda, der Adjutant des commandirenden Generals.

„Meine Herren, meine Herren, wo bleiben Sie denn nur,” rief er den Officieren zu, „Seine Königliche Hoheit der Erbprinz hat mich hierher geschickt, um Ihnen mitzutheilen, daß die Tafel gedeckt ist und daß Sie erwartet werden. Seine Königliche Hoheit freut sich sehr, daß Sie kommen und hofft, daß der Abend sehr lustig werden wird — Sie sollen sich in keiner Weise Zwang auferlegen.”

Eine Augenblick waren Alle starr, Niemand wußte, was der Adjutant wollte, als aber die Aufklärung kam, sank Schnarrwitz vernichtet auf einen Stuhl: sein Kasimir war nicht nach dem „Hotel zum Erbprinzen”, sondern zum wirklichen Erbprinzen gegangen! Der hohe Herr war in der Thür seines Palais zufällig mit Kasimir zusammengetroffen und hatte persönlich die Bestellung „auf zwei kalte Schüsseln” entgegengenommen.

„Meine Herren,” wiederholte der Adjutant, „Seine Königliche Hoheit erwartet Sie.”

Da half kein Sträuben und kein Zögern, die Herren mußten mit.

Wenig später erreichten sie das Palais und wurden sofort in den Empfangssalon geführt, wo der Prinz sie bereits erwartete. Für jeden hatte der hohe Herr, dem die Verwechslung großen Spaß bereitete, ein freundliches Wort, aber als er sich dem Geburtstagskinde näherte, machte er ein etwas erstauntes Gesicht. „Nanu, Schnarrwitz, was haben Sie denn da?” fragte er lachend.

Hätte die Disciplin es nicht verboten, so wäre Schnarrwitz sofort unter die Erde gesunken, denn unter seinem Arm hielt er noch — die Cigarrenkiste, mit der er seine Gäste im Erbprinzen zu bewirthen sich vorgenommen hatte . . .


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung und in der Fassung der „Kieler Zeitung” und des „Mährischen Tagblattes” heißt es hier: „eine Zigarrentasche, fünfzig Zigarren, eine Zigarrenspitze ...”. (zurück)

(2) In der Fassung der „Kieler Zeitung” fehlen die Worte: „in der Zigarrentasche und”. (zurück)

(2a) In der Fassung des „Mährischen Tagblattes” fehlt das Wort „ausgerechnet”. (zurück)

(2b) In der Fassung des „Mährischen Tagblattes” heißt es: „im Baaren”. (zurück)

(3) In der Buchfassung und in der Fassung der „Kieler Zeitung” und des „Mährischen Tagblattes” heißt es hier: „ausgefallen”. (zurück)


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