Der Geburtstag meiner Frau.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Die Ehestifterin”


Außer meinen vielen anderen Fehlern besitze ich leider eine sehr unliebenswürdige Eigenschaft: ich kann mir keinen Geburtstag merken. An und für sich ist meine Untugend ja nicht allzu groß, aber die meisten Menschen sind ja nun einmal aus mir vollständig unerklärlichen Gründen jedes Mal auf das Tödlichste beleidigt, wenn man ihren Geburtstag vergißt. So bekomme ich denn häufig sehr bitterböse Briefe, in denen man mir wegen meiner Vergeßlichkeit die bittersten Vorwürfe macht. Ich schwöre dann jedesmal aufs neue, mich zu bessern, aber auch dieser Schwur hat keinen Zweck, denn was der Mensch trotz des besten Willens nicht kann, das kann er nicht. Ich würde sogar meinen eigenen Geburtstag vergessen, wenn andere mich nicht immer daran erinnerten und sicher auch den Geburtstag meiner Frau, wenn sie mir nicht selbst hülfe, daran zu denken. Ich weiß nur, daß der große Tag an einem achten ist, aber ob am achten Januar, am achten Mai, oder sonst wann, das entfällt mir immer wieder aufs Neue. Aber meine Frau erinnert mich daran, wenn auch in anderer Weise, als die meisten Frauen das sonst ihren Männern gegenüber zu tun pflegen. Sie tat es auch gestern wieder in der ihr eigenen Art, denn als ich zu ihr in das Zimmer trat, fand ich sie in der denkbar schlechtesten Stimmung, die ich mir nicht zu erklären vermochte, bis mein Blick auf den großen Abreißkalender fiel. Da prangte die Zahl acht und da wußte ich: heute in vier Wochen hat meine Frau Geburtstag. Das verdarb ihr schon heute, wie alljährlich, vier Wochen vorher die Laune und sie würde erst wieder froh sein, wenn der Tag vorüber war.

Aber bis dahin war noch lange hin. Nicht nur meine Frau, sondern auch ich selbst würde unter deren Mißstimmung leiden und so versuchte ich denn, sie über die traurige Tatsache ihres bevorstehenden Geburtstages hinwegzutrösten, aber ich erreichte dadurch weiter nichts, als daß meine Frau, in Tränen ausbrechend, mich fragte: „Wozu ist man überhaupt geboren? Und vor allen Dingen, was hat man denn auf dieser Welt?”

„Erlaube mal,” widersprach ich, „du hast auf dieser Welt doch eine ganze Menge. Abgesehen von mir, deinem dir rechtmäßig angetrauten Ehegemahl, über denen du dich nicht mehr ärgerst, als es selbst in der besten Ehe notwendig ist, damit beide Teile nicht übermütig werden — — ich meine, abgesehen von mir, hast du mindestens vierzehn neue Sommerhüte. Du hast dir für die Reise, wie du mir selbst erzähltest, zwölf neue Kleider machen lassen, allerdings sagtest du ,nur zwölf'. Du hast die Schränke voller Wäsche, voller Stiefel, kurz, voll all jener Sachen, ohne die eine Frau selbst nach ihrem Tode nicht leben kann und da bin ich der Ansicht, daß du auf dieser Welt eigentlich alles hast.”

Meine Frau schluchzte vor sich hin, bis sie dann endlich meinte: „Aber was nützt das, wenn man trotzdem älter wird.”

Ganz erstaunt blickte ich auf: „Aber was redest du da denn nur? Du willst älter werden, aber wir haben uns doch schon vor Wochen darüber geeinigt, daß du zwei Jahre jünger würdest.”

„Sogar drei Jahre,” widersprach meine Frau, „meine Schneiderin hat es mir erst gestern wieder erklärt, jeder Mensch hielte mich mindestens für drei Jahre jünger, als ich es in Wirklichkeit bin. Da könnte ich eigentlich auch vier Jahre jünger werden, dann sehe ich nur um ein Jahr älter aus, als ich nach der Ansicht der Leute bin. Aber warum denen Sand in die Augen streuen, ich weiß ja doch, wie alt ich in Wirklichkeit werde.”

„Vergiß es, bitte,” bat ich, „denke nicht daran und ich meine es ganz ernsthaft, wer noch so jung ist, wie du, braucht sich seines Alters nicht zu schämen.”

Meine Frau weinte immer noch still vor sich hin, um dann plötzlich auszurufen: „Ach, warum bleibt man nicht ewig jung, oder warum wird man nicht wirklich an seinem Geburtstage immer jünger.”

„Das geht doch nicht,” widersprach ich, „denn sonst würde ein Mensch unter Umständen erst mit siebzig Jahren auf die Welt kommen und das wäre doch zuweilen mit Schwierigkeiten verbunden, besonders, wenn die Mutter des siebzigjährigen Säuglings schon vor vierzig Jahren gestorben ist. Es muß schon so bleiben, wie es ist, aber trotzdem, nimm einmal an, es ginge so, wie du es dir wünschtest, wie alt, ich meinte natürlich wie jung möchtest du denn heute in vier Wochen werden?”

Meine Frau trocknete schnell ihre Tränen und sah mich mit einem ganz verklärten Blick an: „Wie jung? Ach, ganz ganz jung, eine Frau kann nie jung genug sein.”

„Dann wollen wir annehmen, du würdest ein Jahr, das dürfte selbst dir jung genug sein, oder willst du noch jünger — — —”

„Du machst dich über mich lustig,” unterbrach mich meine Frau.

„Absolut nicht,” verteidigte ich mich, „aber wenn dir ein Jahr zu jung ist, können wir ja etwas dazulegen. Was meinst du, wenn du zehn Jahre würdest?”

„Und nochmals zur Schule müßte und nochmals all das viele Zeug lernen, das man doch nur wieder vergißt,” schalt meine Frau, „nein, die Zeit möchte ich nicht nochmals durchmachen.”

„Schön,” meinte ich, „dann wollen wir uns auf die zwanzig einigen.”

Aber auch das war nicht nach dem Sinn meiner Frau, die kategorisch erklärte: „Das ist ein gräßliches Alter, namentlich für ein junges Mädchen, denn mit zwanzig Jahren ist man ganz einfach nicht mehr jung, besonders dann nicht, wenn die Freundinnen schon verlobt, oder gar verheiratet sind. Für ein junges Mädchen sind zwanzig Jahre einen Grund, Selbstmord zu begehen, denn niemand sagt, die und die ist erst zwanzig, sondern jeder sagt, die ist schon zwanzig. Du als Mann kannst das gar nicht verstehen, welche Kränkung für das junge Mädchen in dem Wort ,schon' liegt — — sie selbst kann doch nichts dafür, daß sie noch keinen Mann hat, kann sie in den meisten Fällen doch auch nichts, denn wenn es nach den jungen Mädchen ginge, würde es auf der ganzen Welt nicht einen einzigen Junggesellen geben. Ach und es gibt doch so viele.”

„Na, weine nur nicht wieder,” bat ich, „und wenn dir das Alter von zwanzig Jahren nicht gefällt, dann kannst du ja dreißig werden.”

Meine Frau sah mich ganz entsetzt an: „Das ist doch wohl nicht dein Ernst, denn so viel müßtest du von den Frauen doch auch wissen, daß keine einzige jemals dreißig wird. Na, erlaube mal, darf ich ein.”

„Na, erlaube mal,” warf ich ein.

Aber meine Frau erlaubte gar nichts, sondern erklärte aufs neue: „Es ist, wie ich dir sage. Oder soll eine Frau etwa den dreißigsten Geburtstag dadurch feiern, daß sie sich an das Klavier setzt, während der Mann ihr das Lied vorsingt: ,Schier dreißig Jahre bist du alt, hast manchen Sturm erlebt.' Das paßt sich für euch Männer, aber nicht für uns Frauen und je mehr Geschmack eine Frau hat, um so mehr wird sie sich vor der Geschmacklosigkeit hüten, jemals dreißig Jahre alt zu werden.”

„Aber wenn sie die nun trotzdem wird?” fragte ich. „Wie alt wird sie dann, wenn sie dreißig wird?”

„Sie wird es eben gar nicht,” widersprach meine Frau, „sondern sie bleibt achtundzwanzig, allerhöchstens neunundzwanzig, aber auch das nur in den seltensten Fällen, denn das Schlimmste, was man einer Frau nachsagen kann ist, daß sie nächstens dreißig wird. Diese Beleidigung ist um so kränkender, je mehr sie der Wahrheit entspricht und deshalb werden die meisten Frauen auch gar nicht neunundzwanzig, sondern höchstens sechsundzwanzig.”

„Und wenn sie nun mit sechsundzwanzig Jahren eine zehnjährige Tochter hat?”

„Du irrst,” widersprach meine Frau, „die Tochter ist höchstens sieben, die sieht nur bedeutend älter aus. Kinder, die älter aussehen, als sie es in Wirklichkeit sind, werden bewundert, Frauen, die älter aussehen, als sie es sind, werden bemitleidet. Eine Frau aber will niemals bemitleidet werden und deshalb bleibt sie, wie gesagt, stets in der Mitte der Zwanzig, bis es eines Tages wirklich nicht mehr geht.”

„Dann werdet ihr also doch endlich einmal dreißig,” frohlockte ich.

Aber meine Frau schüttelte den Kopf: „Nein, da sind wir gleich zweiunddreißig. Dreißig zu werden, ist profan, Anfang der Dreißig zu sein, ist interessant. Ich erinnere dich an den berühmten Roman von Balzac „Die Frau von dreißig Jahren”, deren Heldin natürlich nicht dreißig ist, sondern in den dreißiger Jahren steht. Das ist wirklich ein interessantes Alter, es hat nur den Nachteil, daß alle Frauen sich dann noch selbst interessant vorkommen. Die meisten werden schon geistig, leben in der Hauptsache von ästhetischen Tees, schwärmen für die Kunst und namentlich für die Künstler und wünschen die Bekanntschaft eines Schriftstellers zu machen, der sie wie Balzac zur Heldin eines Romans macht. Das weiß ich von mir selber, das gestehe ich offen ein, während die anderen Frauen es natürlich leugnen werden, denn man gibt lieber eine Lüge zu, als die Wahrheit.”

„Da magst du recht haben,” warf ich ein, „aber wenn ich dich richtig verstehe, möchtest du heute in vier Wochen auch nicht Mitte der Dreißig werden, dann müssen wir also noch etwas weiter in die Höhe gehen, wie wäre es mit vierzig?”

Meine Frau sah mich abermals ganz entsetzt an, bis sie mich dann fragte: „So alt willst du mich machen? Fühlst du es nicht selbst, welche Demütigung für eine Frau darin liegt, vierzig zu werden? Und außerdem wird man ebenso wenig jemals verzig, wie dreißig, man bleibt eben Ende der Dreißig, den eine Frau ist entweder jung, oder sie ist alt, aber sie wird es nie. Wenn ein Mörder hört, daß er hingerichtet werden soll, kann ihm das nicht schmerzlicher sein, als wenn man von einer Frau sagt: die fängt jetzt an, alt zu werden. Alt zu sein, ist keine Schande, im Gegenteil, das verleiht uns etwas Ehrwürdiges und verschafft uns aufs neue die Achtung und die Verehrung der Männer, die uns in der Übergangszeit vernachlässigen. Alt zu sein, ist ein Ziel, daß wir alle erstreben, alt zu werden, ist die grausamste Kränkung, die der Himmel uns auferlegt hat und der wir nur dadurch entgehen können, daß wir uns selbst jung erhalten. Wenn die Natur gnädig wäre, müßte sie uns in den Jahren zwischen dreißig und vierzig in einen tiefen Schlaf versenken, da sie es nicht tut, müssen wir selbst diese Spanne Zeit aus unserem Leben streichen, in dem in wir so lange Ende der Dreißig bleiben, bis wir eines Tages fünfzig sind.”

„Kann sein, daß du recht hast, es kann aber auch ebensogut sein, daß du nicht recht hast,” warf ich ein, um dann zu fragen: „Wie wäre es denn, wenn du dich entschließen könntest jetzt fünfzig zu werden?”

Meine Frau glaubte nicht recht gehört zu haben und mehr als vorwurfsvoll rief sie mir zu: „Während ich mir die Jugend zurückwünsche, willst du mich noch viel älter machen, als ich es ohnehin schon bin? Ich soll mich selbst zu einer fünfzigjährigen Matrone stempeln und das jetzt schon? Da möchte ich nur wissen, wie alt ich da werden soll, wenn ich in Wirklichkeit jemals die Fünfzig erreiche? Willst du mir das bitte sagen?”

Aber ich sagte gar nichts und vor allen Dingen gab ich es auf, meiner Frau darüber zu beruhigen, daß sie bald ihren Geburtstag hatte, denn alles, was sie mir sagte, bewies mir, daß sie, wie jede Frau, an jedem Alter etwas auszusetzen hat. Jede Frau wünscht jünger zu sein, als sie es ist, aber keine einzige weiß, wie alt — pardon — — ich meine natürlich, wie jung sie sein möchte!


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© Karlheinz Everts