Die Fürstengondel.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Berliner Tageblatt” vom 2.11.1908 und
in: „Die Fürstengondel”


Der lenkbare Luftballon ist erfunden. Graf Zeppelin ist der Beherrscher der Lüfte, und jeder, der ein Herz in der Brust hat, freut sich für ihn und mit ihm über das warme Interesse, das seinem genialen Werk nicht nur vom ganzen Volke, sondern auch von den höchsten und allerhöchsten Stellen entgegengebracht wird. Fast täglich können wir jetzt in den Zeitungen lesen, daß sich diese oder jene Fürstlichkeit für einen Aufstieg anmeldete, und die Gondel am Luftschiffe des Grafen Zeppelin hat allen Anspruch darauf, die Fürstengondel genannt zu werden.

Dieses Interesse aber, das die Fürsten dieser Welt an dem Werke Zeppelins nehmen, legt die Frage nahe, wie sich so manches gestalten wird, wenn erst jeder Fürst seine eigene Fürstengondel hat. Daß unser Kaiser den lebhaftesten Wunsch hat, im Ballon zu fahren, daß er mehr als einmal, wenn er in sein Auto stieg, zu seinem Oberstallmeister die Äußerung fallen ließ: „Na, Reischach, lange dauert's nun nicht mehr, dann fliegen wir Luft,” ist mir von einem Ohrenzeugen berichtet. Seine Majestät wird also wohl der erste sein, der sich seine eigene Gondel anschafft, die Vorliebe für das Automobil wird verschwinden und die Zahl der Pferde im Königlichen Marstall wird von neuem verringert werden. Bei seiner Begeisterung für den Sport wird der Kronprinz natürlich sehr bald dem Beispiel seines hohen Vaters folgen, die anderen Prinzen werden nicht zurückstehen wollen und so werden wir bald sieben wirkliche Fürstengondeln haben.

Und in den Zeitungen wird man dann lesen: Die Kaiserliche Familie unternahm heute morgen im Tiergarten eine Ballonfahrt und kehrte dann zur Frühstückstafel in das Schloß zurück.

Selbstverständlich müßte dann vom Polizeiamt eine Luftordnung ausgearbeitet werden, ebenso, wie es jetzt eine Straßenordnung gibt; denn die kaiserlichen und prinzlichen Gondeln blieben natürlich nicht die einzigen. Die Hofgesellschaft würde sich ebenfalls Gondeln anschaffen, schon damit ihnen, die es gewohnt sind, sich von der höchsten Gnadensonne bescheinen zu lassen, die Huld der Fürsten nicht davonfliegt. Auch die Großindustriellen sowie die großen Rennstall­besitzer hätten bald ihren eigenen Ballon und selbstverständlich dürften die alle da oben in dem Luftmeer nicht so einfach herumfliegen. Es muß Ordnung geschaffen werden und strengste Innehaltung der Luftordnung ist geboten.

Mit Ausnahme der kaiserlichen Gondel muß jede andere ihre Nummer haben, damit sie von der Polizei aufgeschrieben werden kann, wenn der Ballon entweder zu schnell fliegt oder durch zu langsames Fliegen eine Verkehrsstörung hervorruft.

Jeder Führer eines Ballons ist verpflichtet, rechtzeitig zu hupen, sobald sich ihm ein anderer Ballon nähert, um ein Zusammenstoßen zu vermeiden. Nur den kaiserlichen Ballons ist das Trompeten­signal gestattet.

Alle Ballon haben einander rechts auszuweichen.

Den Anordnungen des Polizeiballons ist unbedingt zu folgen, besonders wenn die Fürsten­gondeln sich nähern. Die anderen Ballons haben dann so lange zu halten, bis die Fürsten­gondeln vorüber sind, und dürfen ihre Fahrt erst fortsetzen, wenn der Schutzmann gepfiffen hat.

Bei besonders festlichen Veranlassungen wird die Luft für die höchsten Herrschaften reserviert.

Den gewöhnlichen Sterblichen ist es zwar auch an diesen Tagen erlaubt, die Luft einzuatmen, aber sonst ist sie für die große Menge gesperrt, namentlich, wenn es sich um den Besuch eines befreundeten Fürsten handelt, der von dem Kaiser in der Galagondel persönlich in das Schloß geleitet wird.

Eine völlige Absperrung der Luft findet bei den Monarchen­begegungen statt. Diese Zusammen­künfte erfolgen fortan in der Luft. Das hat schon deshalb sein Gutes, weil dann jede Gefahr eines Attentates ausgeschlossen ist. Es können keine Bomben geworfen und keine Schienen aufgerissen werden. Sobald die Ballons der beiden Herrscher sich einander nähern, werden die Flaggen hochgezogen und aus den Revolver­kanonen, die man an Bord hat, wird der Ehrensalut geschossen. Ebenso wie der Ballon des Grafen Zeppelin haben auch die fürstlichen Ballons zwei Gondeln, in der einen wird bei den Monarchen­begegnungen die Ehren­kompagnie mit der Fahne und der Regiments­musik aufgestellt.

Wenn die Ballons nebeneinander halten, wird von einer Gondel zur andern eine Laufbrücke gelegt, und der Monarch, der zu Besuch kommt, entsteigt leichten, elastischen Schrittes seiner eigenen Gondel, um an Bord der anderen feierlichst begrüßt zu werden. Die Musik spielt die Nationalhymne und die Front der Ehren­kompagnie wird abgeschritten.

Darauf ziehen sich die Monarchen in die vordere Gondel zurück.

Dann wird man doch endlich wirklich glauben, daß es sich bei den Gesprächen, die die Herrscher da miteinander führen, um völlig gleichgültige Dinge handelt, denen gar kein Wert beizumessen ist; denn die Wort da oben werden in des Wortes wahrster Bedeutung ja in die Luft gesprochen.

Das Galadiner findet naturgemäß auch oben in der Gondel statt. Das Diner wird in der kaiserlichen Küchengondel bereitet und von dort in die kaiserliche Gondel getragen.

Nach dem Diner findet dann, während man den Kaffee und die Zigarre zu sich nimmt, eine gemeinsame Spazierfahrt statt. Man fährt über die verschiedensten Städte hinweg und bei dieser Gelegenheit kann man dann seinem Gast gleich zeigen, wie groß das eigene Reich ist, noch viel größer, als es in dem kleinen Perthes aussieht. In jeder Stadt, die man passiert, läuten die Glocken, die Kanonen donnern, der mitten auf dem Rathausplatz in Frack und weißer Binde aufgebaute Bürgermeister macht im Namen der ganzen Stadt den höchsten Herrschaften seine tiefste Verbeugung, die im Paradeanzug aufgebauten Soldaten schreien Hurra und die Leute auf den Dächern schreien mit; denn jetzt bekommen auch sie endlich einmal etwas von einer Monarchen­zusammenkunft zu sehen und brauchen sich nicht mit den Berichten fremder Zeitungen zufrieden zu geben.

Ist die Zeit für die Monarchenbegegnung abgelaufen, dann fliegt jeder Monarch wieder zu seinem Schlosse zurück, und wenn er es unterwegs gerade mal nötig hat, dann spuckt er bei der Gelegenheit seinen getreuen Untertanen wirklich einmal auf den Kopf.

Und so ein ganz königstreue Bürger diese Spucke zufällig auffängt, hebt er sie bis an sein Lebensende in einer goldenen Kapsel auf, trägt sie an seiner Uhrkette und hinterläßt sie demjenigen seiner Söhne, der ihm dieses Erbes am würdigsten zu sein scheint.

Ich denke mir, daß sich dann fortan auch der Einzug einer prinzlichen Braut etwas anders gestalten wird. Man wird fortan nicht mehr durch das Brandenburger Tor, sondern über dasselbe hinweg seinen Einzug halten. Vor dem Schloß Bellevue besteigt die hohe Braut die Fürsten­gondel, der Chauffeur kurbelt an und der Ballon steigt in die Höhe.

Die Luft vom Schloß Bellevue bis zum Königlichen Schloß ist für jeden anderen Verkehr gesperrt, nur der Ballon der Stadt Berlin, in dessen vorderer Gondel die Vertreter der Stadt, in dessen hinterer Gondel die Ehrenjungfrauen sitzen, darf, nein muß sich da oben aufhalten.

Langsam nähert sich die Fürstengondel mit der Braut, hält für einen Augenblick über dem Pariser Platz, um die Rede des Oberbürger­meisters anzuhören und um für die Woche photographiert zu werden. Dann fliegt sie langsam weiter. Unter den Linden, die dann ja nicht mehr abgesperrt zu werden brauchen, hat sich noch viel mehr Volk als sonst ansammeln können, die besten Plätze sind natürlich für die Offiziere und ihre Damen reserviert; aber da man, um etwas zu sehen, nicht mehr übereinander weg, sondern nur in die Höhe zu blicken braucht, kommen alle auf ihre Kosten und kriegen die Genickstarre. Den ganzen Weg entlang, den der Ballon überfliegt, sind die Kapellen sämtlicher Berliner und Potsdamer Garderegimenter aufgestellt, die alle gleichzeitig ihre Weisen ertönen lassen. Auch das trägt nur dazu bei, die Feststimmung des Volkes zu erhöhen und die ihnen angeborene und angestammte Liebe zum Herrscherhaus ins Ungeheure wachsen zu lassen.

Und über den Köpfen der Leute hinweg fliegt die Fürstengondel langsam dem Königlichen Schlosse entgegen, ihr voran fliegt der Polizeipräsident, hinter ihr fliegt die Gondel mit den Hofdamen und einigen Kammerherren, bis die Braut, am Königlichen Schloß angelangt, der Gondel entsteigt, um in die geöffneten Arme des Heißgeliebten zu eilen.

Fortan trägt die Fürstengondel das neuvermählte Paar dann am Abend der Hochzeit nach Hubertusstock, und wenn der Besuch dort seinen Zweck erfüllt hat und wenn nach neun Monaten ein kräftiger Prinz geboren wird, dann schenkt man dem nicht mehr, wie jetzt üblich, lange bevor er reiten kann, einen Ponny, sondern man schenkt ihm einen kleinen Ballon, mit dem er im Garten auf und ab fliegen kann.

So ähnlich, wie ich es hier zu schildern versuchte, werden sich die Dinge vielleicht bald entwickeln, und wie lange wird es noch dauern, dann fliegen die Fürstenballons und die Fürstengondeln durch die Luft, wie jetzt die fürstlichen Automobile durch die Straßen.

Und wer weiß, vielleicht erleben wir es dann auch noch einmal, daß mit Rücksicht auf die Fürstengondeln jede Verunreinigung der Luft bestraft wird.


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