Wenn es Frühling wird . . .

von Freiherr von Schlicht

in: „Aber so was!”


In noch schlechterer Stimmung als sonst hatte der Hauptmann a. D. von Klinghammer, ein großer, schlanker, hübscher, eleganter Mensch Anfang der Vierzig, den Morgenstammtisch der alten Offiziere in der riesig gemütlichen Weinstube verlassen und ging nun langsamen Schrittes der vor einem Jahre von seinem verstorbenen Vater ererbten Villa entgegen; aber er beeilte seine Schritte selbst dann nicht, als er nun bei einem Blick auf eine Normaluhr sah, daß es heute doch wieder später geworden war, als er es geglaubt hatte. Er wußte, er brauchte sich nicht zu beeilen; die alte Lina, die schon seit seiner Kindheit bei seinen verstorbenen Eltern im Hause war und die er nun mit geerbt hatte, würde ihm das Mittagessen schon aufbewahren. Die alte Lina wartete, aber er wunderte sich doch, daß er so lange am Stammtisch gesessen hatte, bis es ihm nun wieder einfiel, warum er später aufbrach, als es von von Anfang an seine Absicht gewesen war. Er hatte anstandshalber sitzenbleiben müssen, um den übrigen Herren nicht zu zeigen, wie schwer es ihm wurde, seine schlechte Laune zu verheimlichen, und um den anderen Herren nicht zu verraten, wie kreuzunglücklich er war. Das heißt, kreuzunglücklich war ein bißchen viel gesagt, das gestand er sich selbst ein, aber glücklich war er heute ganz gewiß nicht, heute noch weniger als in der letzten Zeit, und daran hatte lediglich das schöne Frühlingswetter schuld. Ja ja, nun wollte es Frühling werden, und gerade diese Zeit war früher für ihn, der mit Leib und Seele Offizier gewesen war, immer die schönste im ganzen Jahr gewesen. Da hatte man die elende Rekruten­ausbildung nebst allem, was dazu gehörte, glücklich hinter sich, da zog man mit seiner Kompanie von dem engen Kasernenhof hinaus in das Gelände, übte dort Felddienst und ähnliche schöne Sachen und war vor allen Dingen wenigstens bis zu einem gewissen Grade sein eigener Herr und konnte seine Leute innerhalb der vorgeschriebenen Bestimmungen nach dem eigenen Kopfe ausbilden. Ja ja, für ihn persönlich war der Frühling dienstlich immer die schönste Zeit gewesen. Noch im vorigen Jahr hatte er sich ihrer erfreut, nun aber saß er als Hauptmann a. D. in Baden-Baden und frühschoppte sich dem vielleicht noch sehr fernen Ende seiner Tage entgegen. Ausgerechnet er, der die Kriegsakademie mit Erfolg besuchte, der im Generalstab gearbeitet hatte und der, ohne irgendwie ein Streber zu sein, den festen Willen besaß, wenigstens General, wenn nicht gar Exzellenz zu werden. Statt dessen war er Hauptmann a. D. in Baden-Baden, ausgerechnet in Baden-Baden mit seinen ungefähr fünfundz­wanzig­tausend Einwohnern. Gewiß, an und für sich war ja gerade Baden-Baden in jeder Hinsicht außerordentlich hübsch; aber trotzdem söhnte ihn das nicht damit aus, daß er den Rest seines Lebens als Hauptmann a. D. hier verbringen sollte. Daß er das nun tun mußte, war in erster Linie die Schuld seines verstorbenen Vaters, oder wenigstens teilweise dessen Schuld, aber auch seine eigene, denn wenn er damals bei der Kritik den Mund gehalten hätte, oder wenn der Musketier Meier keine Zahnschmerzen gehabt, und wenn Seiner Exzellenz von Streitwolf, dem Herrn Divisions­kommandeur, nicht am Tage der Besichtigung ein großes Stück des am Abend vorher zu reichlich genossenen Hummers noch unverdaut in seinem Magen gelegen, und wenn der Adjutant Seiner Exzellenz ihm das vorher statt hinterher gesagt hätte, und wenn sein Vater nicht so plötzlich einem Herzschlag erlegen und seiner ihm vor Jahren bereits in den Tod voraus­gegangenen Frau nicht gefolgt wäre, dann — ja dann, wenn es kein „wenn” gäbe, wäre vielleicht, nein sicher, alles anders gekommen. Aber damit, daß sein Vater, als dessen Herzleiden ihn zwang, den Abschied zu nehmen, sich in Baden-Baden ankaufte, fing die Sache für ihn an. Er selbst hatte es nie begriffen, warum sein Vater sich gerade hier niederließ, und er hatte es für seine Person für ganz selbstverständlich angenommen, daß sein alter Herr die Zinsen seines großen Vermögens und seine ansehnliche Pension bis an sein Lebensende in Berlin verzehren würde, das schon mit Rücksicht auf ihn, seinen Sohn, damit er wenigstens in Zukunft möglichst viel von seinen Urlaubsreisen habe, die er bei seinem Vater verbrachte. Doch der Vater hatte nicht auf ihn gehört, sondern war seinem eigenen Kopfe gefolgt. Aber wenn der Vater auch nicht daran dachte, seine hiesige Besitzung jemals wieder zu verkaufen, um so mehr dachte er als einziges Kind daran, das ihm später einmal zufallende Erbe zu veräußern, sobald sein Vater für immer die Augen geschlossen haben sollte. Aber als es dann soweit war, viel eher als er, der mit großer Liebe an seinem Vater hing, es für möglich gehalten hätte, da verkaufte er das Haus doch nicht, denn sein Vater hatte in seinem Testament den Wunsch geäußert, er, der Sohn, möchte die hübsche Villa nicht verkaufen, sondern sie höchstens bis zu dem Tage vermieten, an dem er selbst außer Dienst sein würde. Der Wunsch seines Vaters war ihm heilig gewesen, aber er war nicht einmal dazu gekommen, das Haus zu vermieten, denn kaum hatte er das Erbe angetreten, da war die Besichtigung gekommen, bei der Seine Exzellenz, der Herr Divisions­kommandeur von Streitwolf, den, mit Respekt zu denken, der Satan hoffentlich selbst bald einmal holte, ihm das Genick brach, oder bei der er, noch richtiger gesagt, seinen Hals selbst dadurch in die militärische Todesschlinge legte, daß er nach der Kritik auf die rhetorische Frage Seiner Exzellenz: „Hat einer der Herren noch etwas zu bemerken?” seinerseits den Mund öffnete und, durch die mehr als ironische, spöttische und unglaublich ungerechte Kritik Seiner Exzellenz auf das Blut gereizt, dem hohen Herrn ein paar Grobheiten an den Kopf warf, die eigentlich eine kriegsgerichtliche Untersuchung gegen ihn hätten zur Folge haben müssen. Er hatte die auch erwartet und allem Kommenden ruhig entgegengesehen. Statt dessen legte man ihm nur nahe, sofort seinen Abschied einzureichen, und da in einem solchen Falle ein derartiger guter Rat einem Befehl gleichkommt, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Ja, er konnte froh sein, daß man ihm bei der Verabschiedung, als erfolge die wirklich nur wegen seiner angegriffenen Gesundheit, noch einen Orden mit auf den Weg gab und ihm auch die Erlaubnis zum Tragen der Uniform seines alten Regiments erteilte.

Seinen Gedanken, die alltäglich dieselben waren, und die er trotzdem nicht zu verjagen vermochte, nachhängend, war er nun in die Lichtentaler Allee eingebogen. Er machte damit einen Umweg; aber ob das Essen nun zehn Minuten länger auf ihn wartete oder nicht, das war auch noch so, er hatte ohnehin nicht viel Appetit. So schritt er denn nun durch die weltberühmte Allee, um sich an dem Anblick der im ersten Frühlingsgrün prangenden Bäume zu erfreuen, denn es wollte nun nach einem langen, langen Winter wirklich endlich Frühling werden. Und wie die Natur den kommenden Frühlig ankündete, so taten das erst recht die Vorbereitungen, die man überall zu dem bevorstehenden Empfang der ersten Frühlingsgäste traf. Das galt in erster Linie von den großen, schönen Hotels, die sich in der Allee befanden. Einige hatten auch bereits in den Zeitungen das Eintreffen ihrer ersten Gäste gemeldet, und zu den Fremden gehörte auch sicher das Paar, das er nun in einiger Entfernung vor sich her gehen sah, ohne zu wissen, ob es plötzlich aus einem Hause auf die Straße getreten war, oder ob es schon lange vor ihm her ging, ohne daß er es bisher bemerkt hatte. Es waren beide zwei hochgewachsene, schöne Gestalten. Der Herr verriet in seinem Gang und in seiner Haltung sofort den alten früheren Offizier, während die junge Dame an seiner Seite, deren dunkelbraunes Haar in einem dichten Knoten unter dem hohen modernen Hut hervorsah, sicher seine Tochter, oder sonst eine junge Verwandte, auf jeden Fall ein junges Mädchen sein mußte. Das erkannte er sofort an ihrem leichten Gang, an der lebhaften Art, in der sie sich alle Augenblicke ihrem Begleiter zuwandte, und als sie das nun wieder tat, da sah er, wenn auch nur mit einem flüchtigen schnellen Blick, in ein entzückendes Gesicht, dessen Einzelheiten sich ihm so schnell nicht einprägten, das aber in seiner Gesamtheit außerordentlich reizend und verführerisch erschien. Wirklich, die junge Dame gefiel ihm, und als ihr leises, frohes Lachen, zu dem eine Äußerung des alten Herrn sie veranlaßt haben mußte, nun, da er sich ihnen bis auf wenige Schritte genähert hatte, an sein Ohr klang, da war ihm, als hätte er noch nie ein anderes junges Mädchen so hell und so fröhlich lachen hören. Und auch ihr Begleiter schien daran Gefallen zu finden, aber das nicht allein, den steckte ihre Heiterkeit an, der lachte plötzlich so hellauf, daß er einen kleinen Hustenanfall bekam und daß er durch den eine Zeitung, die er in der linken Hand trug, fallen ließ. Gleich darauf wollte er sich bücken, um die aufzuheben, aber das junge Mädchen hielt ihn zurück: „Nein, Vater, das dulde ich unter gar keinen Umständen,” während sie sich zugleich anschickte, sich zu bücken. Aber das gab der Vater nicht zu, denn sie zurückhaltend meinte er: „Das dulde ich aber erst recht unter gar keinen Umständen, Kitty,” und schon, um das zu verhindern, wollte er sich nun doch selbst die Zeitung wieder aufheben, aber das ließ das mit „Kitty” angeredete junge Mädchen auch diesmal nicht zu, und so hätten sich die beiden halb lachend, halb ernsthaft wohl noch ewig und drei Stunden über diesen Punkt herumgestritten, wenn nicht Hauptmann von Klinghammer, im Begriff, von hinten an Vater und Tochter vorüberzugehen, sich nun seinerseits rasch gebückt, die Zeitung aufgehoben und diese, seinen Hut lüftend, dem alten Herrn mit den Worten überreicht hätte: „Ich bitte, mir gütigst gestatten zu wollen, daß ich den kleinen Streit, der zwischen den sehr verehrten Herrschaften ausbrach und dessen unfreiwilliger Zeuge ich war — gewiß, ich bin kein Alexander der Große” — unterbrach er sich plötzlich, um sich und seine Einmischung zu entschuldigen, als er die Augen des jungen Mädchens nun auf sich gerichtet fühlte, und als er in die wunderbar schönen, hellbraunen Rehaugen hineinsah, die ihn so verwirrt machten, daß er plötzlich nicht mehr wußte, was er sagen wollte, so daß er nun noch einmal anfing: „Ich bin gewiß kein Alexander der Große, aber nach dem Beispiel, das dieser uns gab, sind auch für unsereins die Knoten dazu da, um mit dem Schwert oder dem Spazierstock oder sonst irgendwie durchhauen zu werden. Und darum und deshalb erlaubte ich mir gehorsamst —” aber weiter kam er wieder nicht, plötzlich saß er fest wie ein Schüler, der bei einer Feier ein Gedicht aufsagen soll und den mit einemmal seine Kenntnisse verlassen. Er saß fest wie ein Schüler, und dabei hatte er auf der Kriegsakademie und im Generalstab glänzende Vorträge gehalten. Aber trotzdem brachte er diesen einfachen Satz nicht zu Ende, sondern stand dem wirklich auffallend hübschen Mädchen gegenüber wie ein Quartaner seiner ersten Tanzstundenliebe, die er in Gedanken schon so oft geküßt hat und die er um den ersten Kuß zu bitten doch nicht wagt. Steckenbleiben aber durfte er um seiner selbst willen nicht, er mußte erst seinen Satz vollenden, ehe er seinen Weg weiter fortsetzte. Doch er kam nicht dazu, denn nun seinerseits seinen Hut lüftend und ihm die Zeitung abnehmend, meinte Kittys Vater: „Sie sind außerordentlich liebenswürdig, mein Herr, und ich danke Ihnen aufrichtig,” um dann nach einer kleinen Pause mit einem Seufzer, aber doch mit dem Versuch zu scherzen, lächelnd hinzusetzte: „Ja, ja, wenn es Frühling wird.”

Nach einem nochmaligen Wort des Dankes setzte Fräulein Kittys Vater mit seiner Tochter seinen Weg fort, und dasselbe tat auch der Herr Hauptmann, nur daß dieser auf die andere Seite der Allee hinüberging, weil es ihn verlegen gemacht hätte, vor den beiden herzugehen und diesen dadurch vielleicht Veranlassung zu geben, über ihn und über seine Erscheinung zu sprechen. Er ging aber auch auf die andere Seite, um von dort durch einen wie zufälligen Seitenblick Fräulein Kitty noch einmal ansehen zu können, obgleich er das eigentlich wohl schon mehr als genug getan hatte. Ihrem Vater mußte das sogar aufgefallen sein, und der mußte auch bemerkt zu haben glauben, wie sehr ihm Fräulein Kittys Äußeres gefiel, denn anders waren dessen Worte „Ja, ja, wenn es Frühling wird” gar nicht zu erklären. Die hießen genauer ausgedrückt: „Ja, ja, wenn es Frühling wird, erwacht in jedem Menschen die Liebe, da sieht jeder Herr jede junge Dame mit ganz anderen Augen an, da erscheint sie ihm viel schöner und begehrenswerter als sonst. Ja, ja, wenn es Frühling wird!” So ähnlich mußte der alte Herr gedacht haben, als der bemerkte, wie er Fräulein Kitty betrachtete, wie er sich wegen der Kürze der Zeit an der nicht satt sehen konnte, an derem Haar, an den prachtvollen Augen, an dem frischen, rosigen Teint ihrer Wangen, an dem auffallend hübschen kleinen Mund, der, als er ihn wegen seiner Verwirrung ein ganz klein wenig anlächelte, zwei Reihen sehr schöner, gesunder Zähne zeigte. Zu verwundern war es wirklich nicht, daß Fräulein Kitty ihm gefiel; aber wenn er es sich nun richtig überlegte, war es doch von ihrem Vater zum mindesten etwas taktlos, ihm durch seine Bemerkung zu verstehen zu geben, daß er es bemerkte, wie Fräulein Kitty ihm gefiel. Das hörte sich ja beinahe, wenn auch nicht gerade wie eine Aufforderung zum Tanz, so doch wie eine Aufforderung zum Heiraten an; na, und daß er sich noch mit solchen Gedanken tragen sollte, war natürlich ausgeschlossen. Er war schon Anfang der Vierzig, Fräulein Kitty war höchstens, aber auch allerhöchstens — nein, so jung war sie vielleicht doch nicht mehr, die war nicht allerhöchstens, sondern die war schon! Aber älter als fünf- oder sechsundzwanzig war sie auf keinen Fall, und Geld schien sie auch nicht zu haben, denn wenn ein so auffallend hübsches Mädchen in dem Alter noch keinen Mann hat, dann ist das kein gutes Zeichen für das Bankkonto ihres Vaters. Na, dafür lebte er selbst finanziell in desto glänzenderen Verhältnissen; aber er hatte bisher noch nicht einmal ernstlich daran gedacht, sich eine Frau zu nehmen. Nicht, als ob er ein eingefleischter Junggeselle gewesen wäre, sondern weil ihm der Zufall bisher noch nicht die Richtige in den Weg führte. Na, und daß er sich nun plötzlich mit Heiratsgedanken tragen sollte, das geb es denn doch nicht. Er war doch schließlich kein Konfirmanden­jüngling mit einem Veilchengemüt, kein Kadett und kein junger Leutnant, in dem die Liebe erwacht, lediglich, weil es Frühling wurde. Und wie hätte er sich auch wohl schon jetzt in dieses Fräulein Kitty verlieben sollen; er wußte ja nicht einmal, wer und was sie war und wie sie hieß. Allerdings, das gestand er sich selbst ein, auf den Namen kam es gar nicht an, auf den am allerwenigsten; aber als er dann ein paar Tage später durch einen gemeinsamen Bekannten, einen in der Bäderstadt lebenden General a. D., Fräulein Kittys Vater, in dem dieser einen alten Regiments­kameraden begrüßte, und auch Fräulein Kitty selbst in einem Hotel kennengelernt hatte, als er dieses aufsuchte, um sich dort für einen seiner Bekannten, der ihn schriftlich darum bat, nach einem Zimmer umzusehen, da fuhr ihm gerade ihr Name derartig in die Glieder, daß er sich kaum zu rühren vermochte, denn sie hieß Kitty von Streitwolf, genau so wie sein letzter Divisions­kommandeur, der ihn abschlachtete, und wenn er den Namen nur hörte, dann war ihm immer so, als wäre er ein andalusischer Stier, dem man bei den Kämpfen nicht nur ein, sondern drei rote Tücher vor die Augen hielt, um seine Wut zu reizen. Nun fehlte nur noch, daß Fräulein Kitty von Streitwolf mit seiner früheren Exzellenz irgendwie verwandt oder verschwägert war, und sicher war das auch der Fall, aber das durfte es nicht sein, denn dann würde mit einemmal die ganze große Freude bei ihm verfliegen, die ihn erfüllte, als er Fräulein Kitty vorgestellt wurde. Und die Freude, die er darüber empfand, war wirklich groß und ehrlich. In dem duftigen Abendkleid, das sie heute trug, sah sie noch viel hübscher und entzückender aus als letzthin auf den Straße. Ihre Augen erschienen ihm noch verführerischer, ihr Lachen klang noch heller und natürlicher an sein Ohr als neulich, ihre weiche Stimme schmeichelte sich in sein Ohr, und als sie ihm nun erzählte, sie sei zum erstenmal mit ihrem Vater in Baden-Baden, und sie freue sich sehr darüber, hier zu sein, und sie erwarte nur die Ankunft einer Freundin, um mit dieser, die hier jeden Weg und Steg kenne, täglich weite Spaziergänge machen zu können, da hatte er nur den einen Wunsch, diese Freundin möge nie kommen, und es möge ihm gestattet sein, ihr Führer zu werden und sie auf ihren Wegen begleiten zu dürfen. Je länger er Fräulein Kitty ansah, desto reizender fand er sie, und auch sonst war der Maienabend so schön. Die in den letzten Tagen zahlreich eingetroffenen Gäste bewegten sich im lebhaften Durcheinander in der weiten Halle, die Musik spielte schwärmerische, aber auch übermütige Weisen, in den Gläsern funkelte der Wein, und plötzlich stand es für ihn fest, Fräulein Kitty durfte mit der Exzellenz von Streitwolf ganz einfach in keiner Weise verwandt sein, sie durfte es nicht sein, unter gar keinen Umständen. Aber gerade, als er sich zu diesem Entschlusse durchgerungen hatte, wandte sich Fräulein Kittys Vater, der Herr Oberst a. D., der sich bisher ausschließlich mit seinem alten Regiments­kameraden unterhalten hatte, mit der Bemerkung an ihn: „ich höre soeben, Herr Hauptmann, daß Sie zuletzt in der Division meines lieben Vetters Ferdinand von Streitwolf gedient haben. Ich möchte beinahe sagen, da freut es mich doppelt und dreifach, Sie kennenzulernen, schon um mit Ihnen über meinen lieben Vetter, der meinem Herzen besonders nahesteht, gelegentlich einmal plaudern zu können, denn nicht wahr, das ist ein ganz reizender Mensch?”

Der Satan soll den holen, fluchte Hauptmann von Klinghammer im stillen vor sich hin, und er mußte sich alle Mühe geben, um nicht laut zu fluchen; dann aber beeilte er sich, ganz gegen seine Überzeugung, dem Herrn Oberst a. D. beizustimmen. Aber mehr als die Worte „ein reizender Mensch” brachte er nicht über die Lippen.

„Und ein selten befähigter Offizier,” fuhr der alte Oberst lebhaft fort.

Über diesen Punkt waren die Ansichten in seiner Division sehr verschieden gewesen. Natürlich, für ein sogenanntes dummes Luder hielt selbst der frechste Leutnant Seine Exzellenz nicht, denn über einen ganz gehörigen Haufen positiver Kenntnisse muß heutzutage schon eine Exzellenz verfügen, um überhaupt eine solche zu werden. Aber trotzdem, ob Exzellenz wirklich das selten befähigte Kirchenlicht war, für das er sich selbst hielt und als welches er höheren Ortes angeschrieben war, darüber gingen die Ansichten seiner Untertanen auseinander, und viele von ihnen glaubten, er verdanke die glänzende Karriere, die er bisher machte, wenigstens bis zu einem sehr gewissen Grade, der Kunst, sich bei seinen Vorgesetzten beliebt zu machen.

„Ein selten befähigter Offizier,” erklang da abermals die Stimme des alten Obersten, der bisher, während der Herr Hauptmann seinen Gedanken nachhing, vergebens auf eine Antwort gewartet haben mußte, und wenn auch noch mehr gegen seine innerste Überzeugung als bisher, beeilte Herr von Klinghammer sich jetzt, Fräulein Kittys Vater, um diesen für das Warten zu entschädigen, nur um so lebhafter beizustimmen: „Gewiß, Herr Oberst, ein selten, ein ganz außerordentlich selten befähigter Offizier.”

„Und das nicht allein,” setzte der Herr Oberst a. D. ergänzend hinzu: „Mein lieber Vetter ist nicht nur ein in genialer Weise befähigter Soldat, er ist auch als Vorgesetzter der Inbegriff aller militärischen Tugenden. Wohlwollend gegen seine Untergebenen, äußerst gerecht in der Beurteilung ihrer Leistungen, frei von jeder Ranküne und Niedertracht, ein durch und durch vornehmer Charakter, der selbst als Vorgesetzter sich bemüht, in erster Linie stets ein guter und nachsichtiger Mensch zu sein.”

Mit immer größer werdendem Erstaunen und Entsetzen hatte Herr von Klinghammer dem alten Oberst zugehört. Du großer Gott, mit welcher Familien­blindheit mußte der geschlagen sein, um seinen lieben Vetter so einzuschätzen, oder wie wenig Gelegenheit mußte der gehabt haben, um seinen Vetter als Soldat und als Vorgesetzten persönlich kennenzulernen; denn daß der ein solches Urteil fällen konnte — na, aber das war ja schließlich dessen Sache, für ihn kam es nur darauf an, das Urteil, das der alte Oberst da eben fällte, durch seine eigene Äußerung und Zustimmung gewissermaßen zu ratifizieren, und das konnte er, wenigtens glaubte er, das zu können, denn er war doch ein freier, unabhängiger Mensch, der da nicht zu lügen brauchte, und jede Lüge war ihm von Kindheit an auf den Tod verhaßt gewesen. Aber hatte er nicht auch vorhin gelogen, als er so tat, als stimme er dem alten Oberst aus ehrlichster Überzeugung bei, und mußte er nicht, wenn er jetzt widersprach, sein abfälliges Urteil begründen, vielleicht sogar die Geschichte seiner eigenen Verabschiedung erzählen, und würde man ihm da ohne weiteres glauben? Würde man nicht vielmehr annehmen, er sei durch seine Verabschiedung verbittert, und sein klares, unparteiisches Urteil über Seine Exzellenz sei dadurch getrübt worden? Und warum den alten Herrn Oberst und dadurch auch sicher Fräulein Kitty erzürnen? So mußte er weiterlügen, aber leicht wurde es ihm nicht, der Schweiß trat ihm auf die Stirn und die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er wollte sprechen, aber er konnte es nicht, bis nun plötzlich die Stimme des alten Herrn Oberst erklang: „Wenn ich offen sein darf, Herr Hauptmann, es wundert mich sehr, daß Sie meinem Urteil, das ich eben über meinen lieben Vetter fällte und das ihn in kurzen Worten als vortrefflichen Vorgesetzten zu charakterisieren versuchte, noch nicht beistimmten. Ist das lediglich ein Zufall, oder sollten Sie vielleicht anderer Ansicht —”

„Wie können der Herr Oberst nur so etwas von mir glauben,” beeilte Herr von Klinghammer sich, den alten Herrn zu unterbrechen, um gleich darauf fortzufahren: „Wenn ich nicht sofort die Worte des Herrn Oberst durch meine eigenen unterstrich, geschah es nur, aber auch nur, weil es mir so vorkam, als hätten der Herr Oberst vielleicht mit Rücksicht auf die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen, um nicht in den Verdacht zu kommen, etwas zu sehr pro domo zu sprechen, mit der Anerkennung der Vorzüge Seiner Exzellenz etwas zurückgehalten und nicht alle Verdienste Seiner Exzellenz als die eines außerordentlich gerechten und wohlwollenden Vorgesetzten in das richtige Licht gesetzt. Wenn einer, so hatte gerade ich Gelegenheit, Seine Exzellenz in einer Art und Weise kennenzulernen, wie es nur selten einem Untergebenen einem Vorgesetzten gegenüber vergönnt ist.” Und um den alten Herrn Oberst ganz wieder zu versöhnen, aber auch, um Fräulein Kitty dadurch eine Freude zu machen, pries er nun die Vorzüge der ihm in den Tod verhaßten Exzellenz in einer Art und Weise, daß ihm dabei im Innern speiübel wurde und daß er sich am liebsten einen Kognak nach dem andern bestellt hätte. Er log darauf los, daß er sich selbst verachtete; aber der Lohn für seine Niedertracht blieb nicht aus. Der Herr Oberst a. D. saß mit einem ganz verklärten Gesicht da; Fräulein Kitty aber sah ihn mit glückselig lächelnden Augen an, die ihm dafür zu danken schienen, daß er an ihrem geliebten Onkel ein solches Wohlgefallen fand, und ihr Glück darüber mußte sehr, sehr groß sein, denn plötzlich lächelte sie nicht nur mit den Augen, sondern auch ihren Mund umspielte ein leises, frohes, glückliches Lachen. Ihm selbst aber war nicht zum Lächeln, geschweige denn zum Lachen zumute, als die Unterhaltung sich nun glücklicherweise bald wieder anderen Dingen zuwandte, so daß er immer stiller und schweigsamer wurde und froh war, als er endlich an den Aufbruch denken konnte. Sowohl der alte Oberst wie Fräulein Kitty reichten ihm zum Abschied die Hand und äußerten die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.

Aber wenn auch er diesem Wunsch Ausdruck gab, so gelobte er sich doch im stillen: „Wenn es nach mir geht, war es heute das letztemal, daß wir uns sahen oder uns wenigstens sprachen.” Und das wiederholte er sich auch fortwährend, als er den Weg zu seiner Villa einschlug, während er sich dabei immer wieder die Frage vorlegte: Wie kann ein in jeder Weise so entzückendes junges Mädchen einen solchen widerwärtigen Onkel haben? Dieser Onkel verdarb ihm die ganze Freude an der Bekanntschaft, die er geschlossen, aber das nicht allein. Als er sich schlafen gelegt hatte, verfolgte ihn ein fürchterlicher Traum. Lediglich, weil es Frühling geworden war, hatte er sich in Fräulein Kitty verliebt und sich mit der verlobt. Der Verlobung folgte blitzschnell die Hochzeit, und zu dieser erschienen Kittys sämtliche Verwandten, in erster Linie Seine Exzellenz, sein letzter Divisions­kommandeur, der bei dem Hochzeitsmahl das Hoch auf das junge Paar ausbrachte. Da aber sprach der in genau so spöttischer, ironischer Weise wie bei der letzten Kritik, und er, der junge Ehemann, mußte das nicht nur mit anhören, er mußte sich sogar für diese sogenannten freundlichen Worte bedanken. Das tat er denn auch; aber während er nun selber sprach, dachte er daran, wie gern er früher Soldat gewesen war, und da ging ihm plötzlich die Galle über. Er schilderte den entetzt zuhörenden Verwandten, wie er seine Exzellenz kenne, und sagte dem hohen Herrn alles, was er ihm damals so gern gesagt hätte. Da sagte er dem alles, alles, noch viel mehr als das Wenige, das ihm damals über die Lippen kam. Und der Erfolg seiner Rede blieb auch nicht aus: Seine Exzellenz forderte ihn auf Pistolen, die ganze Verwandtschaft fiel in Ohnmacht, Kittys Vater verfluchte ihn, und Kitty selbst beauftragte einen an dem Hochzeitsmahl teilnehmenden Vetter, der ein angesehener Rechtsanwalt war, sofort die Ehescheidung einzureichen. Und so deutlich war der Traum, daß er es gar nicht glauben konnte, das alles nur geträumt zu haben, als er gegen Morgen erwachte. Dann aber gelobte er sich, alles zu tun, was er nur könne, um es zu verhindern, daß dieser fürchterliche Traum eines Tages eine schreckliche Tatsache wurde. Er wollte und durfte sich nicht in Fräulein Kitty verlieben, unter gar keinen Umständen, und damit er das nicht vielleicht doch täte, durfte er sie gar nicht wiedersehen. Er mußte ihr aus dem Wege gehen, wo er nur konnte; aber ein unglücklicher Zufall führte ihn trotzdem schon an demselben Mittag wieder mit ihr zusammen, als er durch die Kuranlagen schritt. Mit einem höflichen Gruß wollte er an ihr vorübergehen; aber kam es ihm nur so vor, oder sah sie ihn wirklich so an, als wolle sie ihm etwas sagen? Da fiel es ihm plötzlich ein, daß es schon der Anstand erfordere, sich zu erkundigen, wie ihr der gestrige Abend bekommen sei. Das tat er denn auch, und plaudernd gingen sie gleich darauf auf und ab, bis sie ihm nun unvermittelt sagte: „Sie werden sich vielleicht entsinnen, Herr Hauptmann, ich erzählte Ihnen gestern, daß ich eine Freundin erwartete, die mir Baden-Badens Schönheiten auf nahen und weiten Spaziergängen zeigen wollte. Ich hatte mich so darauf gefreut, denn ein so rüstiger Fußgänger mein Vater im Sommer und im Herbst ist, ein ebenso schlechter ist er, wenn es Frühling wird. Da kommt sein altes Leiden, sein Rheumatismus, über ihn, den muß er sich hier erst wieder im ,Friedensbad' auskurieren; vorher geht es ihm meistens so schlecht, daß er sich nicht einmal bücken kann. Das haben Sie wohl selbst aus seinem Stoßseufzer gehört, als Sie ihm in liebenswürdiger Weise die Zeitung aufhoben und als er Ihnen zurief: ,Ja, ja, wenn es Frühling wird.' ”

„So also waren diese Worte gemeint,” entfuhr es dem Hauptmann unwillkürlich. „Ich dachte —”

Aber was er gedacht hatte, das sagte er nun doch nicht, er schämte sich dessen beinahe. Aber zugleich freute er sich, daß er die Äußerung falsch auslegte; denn es wäre doch immerhin möglich gewesen, daß Fräulein Kitty es auch bemerkt zu haben glaubte, wie sehr sie ihm gefiel, und daß die bei den Worten ihres Vaters von dem Frühling — aber nein, Fräulein Kitty hatte ihren Vater glücklicherweise gleich richtig verstanden. Das gab ihm nun seine Unbefangenheit wieder, ja, plötzlich lachte er sogar leise vor sich hin, so daß Fräulein Kitty nun fragte: „Ja, sagen Sie, bitte, Herr Hauptmann, was haben Sie denn nur und vor allen Dingen, wie haben Sie sich denn damals die Worte meines Vaters gedeutet?”

„Das kann ich Ihnen im Augenblick wirklich nicht erklären, gnädiges Fräulein,” gab er so unbefangen wie nur möglich zur Antwort, obgleich er deutlich fühlte, wie eine gewisse Befangenheit ihn ergriff, und schon, um diese zu verbergen, fuhr er fort: „Was ich Ihnen aber im Augenblick noch nicht sagen kann oder nicht darf oder nicht möchte, gnädiges Fräulein, das kann ich Ihnen hoffentlich bald erklären, wenn ich erst die große Freude gehabt habe, Sie näher kennenzulernen. Und diese Freude scheint mir bevorzustehen, vorausgesetzt, daß Sie mir erlauben, Ihnen als Führer durch Baden-Baden und dessen Umgebung zu dienen, denn nicht wahr, gnädiges Fräulein, die Freundin, die Sie erwarteten, kommt nicht, wenn ich Sie zu Beginn unseres heutigen Gespräches richtig verstand?”

„Ja, die kommt wirklich nicht, Herr Hauptmann,” stimmte Fräulein Kitty ihm bei, „und ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß ich über die plötzliche Absage, die meine Freundin mir heute morgen sandte, da ihre Mutter unerwartet, wenn auch nicht sehr ernstlich, erkrankt ist, aufrichtig betrübt bin.”

„Das fühle ich Ihnen vollständig nach, gnädiges Fräulein,” stimmte er ihr bei, um gleich darauf hinzuzusetzen: „Schon die Höflichkeit und die Ritterlichkeit gegen Sie, gnädiges Fräulein, machte es mir eigentlich zur Pflicht, mit Ihnen darüber traurig zu sein, daß Ihre Freundin nicht kommt, und ich gebe mir auch schon seit mindestens einer halben Minute die denkbar größte Mühe, mit Ihnen zusammen darüber betrübt zu sein; aber zu meiner Schande muß ich gestehen, das gelingt mir nicht. Im Gegenteil — das heißt,” verbesserte er sich schnell, „wenn ich eben sagte ,im Gegenteil', so war das selbstverständlich zuviel gesagt, und ob ich überhaupt Ursache habe, mich über die Absage der Freundin zu freuen, hängt ja auch noch ganz davon ab, ob Sie mich anstatt der Freundin als Führer an Ihrer Seite dulden wollen.”

Und zu seiner Freude zögerte Fräulein Kitty nicht lange, seinen Wunsch zu erfüllen, ohne daß er etwas davon ahnte, daß sie über die Absage der Freundin nicht annähernd so enttäuscht war, wie sie es zu sein behauptete. Ja, wenn sie ganz offen und ehrlich gegen sich sein wollte, freute sie sich sogar darüber, daß die Freundin nicht kam, denn ohne daß sie selbst recht wußte, woran das lag, hatte ihr der Hauptmann schon bei der allerersten Begegnung sehr gut gefallen, vielleicht nur deshalb, weil sie ihm anzumerken glaubte, wie sehr sie ihm gefiel. Und selbst wenn sie ihn als Führer hätte ablehnen wollen, sie hätte es nicht gedurft, dennn erstens mußte er ihr baldmöglichst gestehen, was er sich eigentlich bei den Worten ihres Vaters „Ja, ja, wenn es Frühling wird” gedacht hatte. Halb und halb konnte sie sich das allerdings selbst denken, denn sie hatte ja bemerkt, wie er vorhin verlegen wurde, um ihr den Sinn, den er dieser Äußerung beilegte, nicht schon heute verraten zu müssen. Dann aber wünschte sie, ihn auch noch aus einem andern Grunde näher kennenzulernen; aber den durfte sie ihm nicht verraten, denn was sollte er wohl von ihr denken, wenn sie ihm erzählte, daß sie ihn gestern abend, als er sich von ihnen verabschiedet hatte, und auch heute morgen im Hotel, als das Gespräch zufällig auf ihn kam, sehr energisch gegen ihren Vater in Schutz genommen hatte, der ihn als einen ganz ekelhaften und unausstehlichen Menschen bezeichnete. Sie glaubte, es sich, aber auch dem Hauptmann schuldig zu sein, daß sie ihrem Vater bewies, ein besserer Menschenkenner zu sein als er. So nahm sie denn nun nochmals das freundliche Anerbieten ihres Begleiters mit dem besten Dank an, und es beglückte sie, als sie ihm ansah, wie er sich darüber freute. Und der Herr Hauptmann frohlockte wirklich, bis er dann, als Fräulein Kitty sich nach Verlauf einer Stunde für heute von ihm verabschiedete, plötzlich einen mordsmäßigen Schreck bekam. Ihm fiel der Traum der letzten Nacht wieder ein und der feste Vorsatz, den er bei dem Erwachen faßte, Fräulein Kitty nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen. Und anstatt ihre Gesellschaft zu meiden, wollte er nun täglich eine oder gar mehrere Stunden mit ihr zusammen sein. Das ging selbstverständlich nicht, er mußte die Verabredung sofort unter irgendeinem Vorwand wieder rückgängig machen, und das einfachste war, er wurde krank und bekam auch Rheumatismus und mußte hier täglich die berühmten Bäder nehmen. Wozu wohnte er denn auch sonst in Baden-Baden, wenn er nicht krank sein sollte? Das würde Fräulein Kitty auch sofort einleuchten, aber trotzdem, ob sie wohl ernstlich an seine Krankheit glauben würde? Und außerdem widersprach es seiner Eitelkeit, sich in seinem Alter einem hübschen jungen Mädchen gegenüber freiwillig als halber Invalide hinzustellen. Damit nahm er sich ja auch die Möglichkeit, bei den bevorstehenden Reunions und bei den sonstigen Gelegenheiten mit ihr zu tanzen und ihr zu beweisen, daß er ein sehr guter Tänzer sei. Nein, mit dem Rheumatismus war es nichts; er mußte sich also schon etwas anderes ausdenken, um wieder absagen zu können; aber was denn nur? Darüber zerbrach er sich lange vergebens den Kopf, bis ihm plötzlich die Erleuchtung kam. Er brauchte sich überhaupt nichts auszudenken und konnte fortan unbesorgt täglich stundenlang mit Fräulein Kitty zusammen sein; denn vor der Gefahr, sich in die zu verlieben, schützte ihn schon ihr Onkel, seine letzte Exzellenz. An diesen, mit Respekt zu vermelden, ekelhaften Kerl, und daran, in welcher Gunst der bei Kittys Vater und bei Kitty selbst stand, brauchte er nur zu denken, wenn die Liebe wider alles Erwarten doch eines Tages über ihn kommen sollte. Da würde er sich sofort wieder auf sich selbst besinnen und allen Liebesgedanken den Abschied geben. Ein besseres Schutzmittel als diese Exzellenz gab es auf der ganzen Welt nicht für ihn, und so sah er dem für den nächsten Tag verabredeten Spaziergang voller Ungeduld, aber doch mit der größten Seelenruhe entgegen.

Aber es kam mit der Zeit auf den Spaziergängen, die sich von Tag zu Tag weiter ausdehnten, doch wesentlich anders, als er es sich gedacht hatte. Lag das wirlich nur daran, daß es Frühling geworden war, lag es daran, daß Fräulein Kitty fast täglich in einem andern Kleid erschien, gleichsam als wolle sie ihm zeigen, daß sie in einem ihrer Kleider immer noch hübscher und verführerischer aussähe als in dem andern, oder lag es schließlich daran, daß er eigentlich erst jetzt, als er an ihrer Seite dahinging, Baden-Badens Schönheiten in ihrer ganzen Pracht kennenlernte, daß er sich jetzt offen eingestand, bisher nicht nur achtlos, sondern mit einem erbitterten Gemüt und mit mehr als gleichgültigen Augen an alledem vorbeigegangen zu sein, so daß er seinem verstorbenen Vater nun täglich aufs neue dankte, sich damals gerade hier zur Ruhe gesetzt zu haben? Und so sehr lernte er plötzlich Baden-Baden lieben, daß er die Gewißheit hatte, es würde ihm auch dann hier dauernd über alles gefallen, wenn Fräulein Kitty erst mit ihrem Vater wieder abgereist sein sollte. Aber noch war der Tag der Abreise nicht da, und bis der herankam, würde hoffentlich noch viel Zeit vergehen; denn das wußte er schon heute, Fräulein Kitty würde ihm später außerordentlich fehlen, bis er sich plötzlich der Erkenntnis nicht mehr verschließen konnte, daß er sich trotz aller guten Vorsätze in sie verliebt habe. Er dachte fortwährend an sie, er trug beständig ihr Bild in seinem Herzen; aber das sollte und das durfte nicht sein, und deshalb fand er schließlich, daß es dagegen nur ein Mittel gäbe, er mußte, um Kittys Bild aus seinem Herzen zu verdrängen, das Bild seiner letzten Exzellenz in der Brusttasche seines Rockes auf dem Herzen tragen. Das würde ihn schützen und feien. An den zu denken, das allein half ihm nichts, er mußte jeden Morgen, ehe er mit Kitty zusammentraf, sich das Bild ihres Onkels ansehen. Er mußte die nächste Nähe dieses Onkels täglich, nein stündlich und minütlich fühlen; nur dadurch entrann er der Gefahr, diesen ihm mehr als verhaßten Menschen eines Tages vielleicht doch noch „Onkel” nennen und mit dem Brüderschaft trinken zu müssen. Und aus diesem Zusammenhang heraus bat er eines Morgens Kitty auf dem Spaziergang ganz plötzlich und unvermittelt, ob es ihr nicht möglich sein würde, ihm ein Bild ihres Onkels Ferdinand zu besorgen, möglichst Brustbild, da er zu Hause zufällig einen sehr schönen Rahmen für ein solches Bild gefunden habe und da bei der Gelegenheit zwar etwas plötzlich, aber dafür auch desto lebhafter der Wunsch in ihm wach geworden sei, ein Bild Seiner Exzellenz, seines letzten hochverehrten Herrn Divisions­kommandeurs, zu bekommen, an den er nicht zurückdenken könne, ohne — es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte er sich verplappert und nach dem Wort „ohne” einen mehr als gotteslästerlichen Fluch ausgestoßen. Aber er bezwang sich nicht nur, sondern er sang das Loblied Seiner Exzellenz in immer glühenderen Tönen, so daß er vor sich selbst jeden, aber auch den letzten Rest von Hochachtung verlor, die er sich sonst zu zollen pflegte, und daß er sich wie ein ganz gemeiner Kerl vorkam. Ja, wenn er noch wenigstens derartig gelogen hätte, um sich dadurch Fräulein Kittys Gunst zu erringen. Schön und ehrenhaft wäre sein Verhalten und sein Lügen ja auch dann nicht gewesen; aber daß er so lügen mußte, nur damit er sich nicht in Kitty verliebe, das war einfach ekelhaft. Aber das ließ sich leider nicht mehr ändern; deshalb log er nun weiter darauflos, daß seine Worte nach seiner Ansicht gen Himmel stinken mußten, und daß er sich gar nicht gewundert hätte, wenn Fräulein Kitty plötzlich ihr Taschentuch vor die Nase und vor den Mund gedrückt hätte und mit einem Schrei des Entsetzens davongeflohen wäre. Doch daran schien Fräulein Kitty nicht zu denken; die blieb ruhig neben ihm auf der Bank, auf der sie sich beide niedergelassen hatten, sitzen und hörte ihm zu. Aber es kam ihm so vor, als verändere sich der Ausdruck ihres hübschen Gesichtes immer mehr und mehr. Zuerst hatte sie bei seiner Bitte freundlich gelächelt; aber je länger er sprach, desto mehr verlor sich nicht nur ihr Lächeln, ja es kam ihm beinahe so vor, als bekämen ihre Augen einen Ausdruck der Angst und des Entsetzens, als mache sich um ihren Mund ein bitterer Zug der Enttäuschung bemerkbar, und jetzt sah er ganz deutlich, wie ihre Wangen sich plötzlich verfärbten, so daß er ihr mehr als erschrocken zurief: „Aber gnädiges Fräulein, was ist Ihnen nur? Fühlen Sie sich nicht wohl? Sind wir vorhin vielleicht zu weit gegangen und sind Sie übermüdet? Kann ich irgend etwas für Sie tun, soll ich versuchen, Ihnen eine Erfrischung oder wenigstens ein Glas Wasser zu besorgen?”

Aber mit einer leisen, müden Stimme wehrte Fräulein Kitty ab: „Nein, ich danke, Herr Hauptmann, bemühen Sie sich bitte meinetwegen nicht , der kleine Nervenanfall wird schon ebenso schnell wieder vorübergehen, wie er gekommen ist.” Bis sie nun nach einer kleinen Pause ganz unbewußt halblaut vor sich hin sagte: „Da hat der Vater also doch recht gehabt.” Aber kaum hatte sie das gesagt, da bekam sie es mit der Angst; ihre Wangen, die eben noch so blaß gewesen waren, färbten sich dunkelrot, und mit einer beinahe flehenden Stimme rief sie ihm zu: „Nicht wahr, Herr Hauptmann, Sie haben es nicht gehört, was ich eben ganz unbeabsichtigt sagte, und wenn doch, dann dürfen Sie es nicht gehört haben. Und wenn wir gute Freunde bleiben wollen, dürfen Sie mich erst recht nie danach fragen, was ich mit den Worten habe sagen wollen.”

„Verlangen Sie da nicht vielleicht mehr, gnädiges Fräulein, als ich zu halten in der Lage wäre?” gab er zurück, und anstatt ihre Bitte zu erfüllen, ergriff er nun plötzlich ihre Hand, die sie ihm, wenn auch mit einigem Zögern, überließ, und bat nun seinerseits: „Gnädiges Fräulein, wäre es nicht viel richtiger, wenn Sie mir offen und ehrlich erklärten, inwiefern Ihr Herr Vater doch recht hatte? Ich muß irgend etwas gesagt haben, das Sie verstimmte, mehr als das, etwas, das Ihnen weh tat, denn an einen Nervenanfall bei Ihnen glaube ich nicht recht. War der aber doch da, dann muß ich, ohne zu wissen weshalb, an ihm schuld sein, oder ich wohl weniger als meine letzte Exzellenz, von der ich Ihnen soviel erzählte, weil ich mit soviel Liebe und Dankbarkeit an die zurückdenken.” Und als er nun merkte, wie sie ihm ihre Hand entziehen wollte, fuhr er, ohne im Augenblick der Erregung, die ihn jählings ergriff, selbst zu wissen, was er sagte, rasch fort: „Aha, also doch. Da ist meine Vermutung richtig, die Exzellenz ist daran schuld, daß Sie mir zürnen, daß Sie mir Ihre Hand nicht lassen wollen und daß unsere bisherige gute Freundschaft einen Knacks bekommen zu haben scheint. Aber daraus wird nichts, gnädiges Fräulein,” rief er ihr jetzt lebhaft zu, „daraus wird nichts, er muß zwischen uns bleiben wie es war, und wenn Ihr Herr Onkel glaubt, daß ich durch seine Schuld nun auch noch Ihre Freundschaft verlieren will, da irrt er sich sehr. An dem, was er mir bisher angetan hat, habe ich ohnehin mehr als genug. Dem verdanke ich es, daß ich heute hier als Zivilist sitze, weil mein armer Musketier Meier, von einem blödsinnigen Zahngeschwür gequält, sich gleich zu Beginn der Besichtigung den Helm vom Kopf stieß, als er das Gewehr übernahm, und weil er dadurch das Mißfallen Seiner Exzellenz erregte. Und auch sonst klappte bei der Besichtigung nicht alles nach dem Wunsche des hohen Herrn; aber das war nicht die Schuld meiner Leute, sondern das lag daran, daß Seine Exzellenz am Abend vorher zuviel Hummer gegessen hatte und infolgedessen schon, als er auf dem Platz eintraf, in der denkbar schlechtesten Laune war. Das hat mir der Adjutant leider erst erzählt, als es zu spät war, als Seine Exzellenz mich durch seine niederträchtige, infame, von spöttischen Bosheiten triefende Kritik in eine solche Raserei versetzt hatte, daß ich meiner selbst nicht Herr war und daß ich nicht wußte, was ich ihm auf seine Kritik hin alles zur Antwort gab, ohne zu dieser Antwort auch nur das leisesten Recht zu haben. Selbst damals habe ich nicht den Mund gehalten, aber jetzt” — er wollte sagen, „jetzt tue ich das erst recht nicht” bis er plötzlich wie ein zusammengeklapptes Taschenmesser in sich zusammensank und mit fast tonloser Stimme fragte: „Aber jetzt hätte ich doch wohl lieber den Mund halten sollen?”

Aber Fräulein Kitty gab darauf nicht gleich Antwort, sondern lachte nur fröhlich vor sich hin, so hell und so fröhlich, wie er es selbst von ihr noch gar nicht gehört hatte. Ihre Wangen bekamen wieder ihre frische Farbe, ihre Augen leuchteten wieder hell auf, und eine so große Veränderung ging mit ihr vor, daß er sie ganz erstaunt betrachtete, bis er plötzlich zu erraten glaubte, was in ihr vorging: sie war froh, ihn, den Lügenpeter, an ihrer Seite, noch rechtzeitig durchschaut und erkannt zu haben. Vielleicht hatte sie an ihm etwas Gefallen gefunden, wie er sehr viel Gefallen an ihr, da war sie dem Himmel dankbar, daß er selbst ihr noch rechtzeitig die Augen über sich öffnete und daß er sie dadurch vor dem unüberlegten Schritt bewahrte, sich ihrerseits vielleicht in ihn zu verlieben. Und daß er ihr die Augen öffnete, war bis zu einem gewissen Grade sehr gut, einmal hätte es doch herauskommen müssen. Aber so froh er nun auch um seiner selbst willen darüber war, daß er nun wieder die Wahrheit gesprochen hatte und daß es mit dem Lügen für immer vorbei war, wirklich freuen tat er sich darüber doch nicht; denn daß es nun zwischen ihm und Fräulein Kitty für immer ganz und gar aus war, unterlag für ihn nicht dem leisesten Zweifel. Trotzdem wollte er aber den Versuch machen, sich von ihrer Freundschaft noch einen kleinen Rest zu retten; doch bevor er noch wußte, wie er das anfangen könnte, rief Kitty ihm freudestarhlend zu: „Also hat der Vater doch nicht recht gehabt!”

„Aber ich denke, Ihr Vater hat doch recht gehabt,” gab Herr von Klinghammer zurück, nachdem er sich von seiner ersten Verwunderung über ihren Zwischenruf erholt hatte.

„Gewiß hat er das auch gehabt, aber es kam mir wenigstens so vor,” stimmte Kitty ihm fröhlich und übermütig bei, „aber Sie kennen ja auch das alte Wort: ,Das Gehabte und das Gewesene gilt nichts mehr'. Das werde ich dem Vater nachher auch gleich auseinandersetzen, selbst auf die Gefahr hin, daß er sich darüber ärgert, daß ich recht behielt, denn nun kann ich es Ihnen ja eingestehen, Herr Hauptmann: als Sie uns neulich abend, nachdem wir uns in unserem Hotel kennenlernten, verlassen hatten, da stritten der Vater und ich uns darüber, ob Ihre Liebe und Ihre Begeisterung für Ihre letzte Exzellenz wohl ganz echt sei, so echt, daß die, ohne zu verblassen, jede chemische Reinigung bei Spindler aushalten würde. Der Vater sagte ,ja', der behauptete, er hätte Ihnen ganz deutlich angehört, wie Ihnen Ihre Worte von Herzen gekommen wären. Ich aber behauptete das Gegenteil, denn ich saß doch in Ihrer nächsten Nähe und sah oder glaubte es wenigstens deutlich zu sehen, wie schwer es Ihnen wurde, dem Urteil meines Vaters über seinen Vetter beizustimmen, den er ebenso, wie Sie es anscheinend tun, auf den Tod nicht riechen kann.”

Mit immer größer werdendem Erstaunen hatte Hauptmann von Klinghammer Fräulein Kitty zugehört. Einen Augenblick saß er nun noch regungslos da und starrte sie verständnislos an; dann aber sprang er plötzlich in die Höhe und breitete sehnsüchtig die Arme zum Himmel aus, während er ihr zurief: „Ach, warum bin ich nicht als Nachtigall auf die Welt gekommen, damit ich nun vor Freude schlagen könnte, oder warum bin ich nicht wenigstens als Tiroler mit einem Kropf geboren, um jodeln zu können. Irgendwie muß ich meiner grenzenlosen Freude Ausdruck geben, denn daß Ihr Herr Vater meine alte Exzellenz auch nicht riechen kann, das ist einfach wundervoll.” Und sich nun gewaltsam beherrschend und sich wieder an ihrer Seite niederlassend, bat er: „Aber wenn dem so ist, wie Sie sagen gnädiges Fräulein, warum hat Ihr Herr Vater denn derartig das Lob Seiner Exzellenz gesungen? Das müssen Sie mir erklären.”

„Können Sie sich das nicht selbst erklären?” neckte sie ihn, und als er, statt zu antworten, nur den Kopf schüttelte, setzte sie hinzu: „Ihnen die näheren Gründe auseinanderzusetzen, warum mein Vater gegen den Onkel Ferdinand eine unüberwindliche Abneigung hat, halte ich mich nicht für berechtigt, es sprechen da zu intime Familien­geschichten mit. Aber das nicht allein, mein Vater hat den Onkel auch als militärischen Vorgesetzten kennengelernt; der Onkel ist teilweise mit daran schuld, daß mein Vater so früh den Abschied nahm. Aber wenn er selbst auch auf den Onkel eine furchtbare Wut hat und an dem kein gutes Haar läßt, so duldet er es doch nicht, daß ein anderer sich in seiner Gegenwart im geringsten mißfällig über den äußert. Dazu hat der Vater einen viel zu ausgeprägten Familiensinn, ja, ich glaube, er wäre trotz allem imstande, mit der Waffe in der Hand für seinen Verwandten einzutreten, wenn jemand es wagen sollte, über den auch nur ein unfreundliches Wort zu äußern. Und damit das keiner in seiner Gegenwart tut, ruht er nicht eher, bis er sofort herausgebracht hat, ob die neue Bekanntschaft, die er schloß, irgendwie jemals mit seinem Vetter zusammentraf. Und sobald er das heraus hat, singt er des Vetters Lob in einer Art und Weise, die nicht den leisesten Widerspruch aufkommen läßt. Das hat er bei Ihnen auch so gemacht, Herr Hauptmann, als sein alter Regiments­kamerad ihm erzählte, wer Ihre letzte Exzellenz war. Na, und daß er da von Ihnen eine Zustimmung zu seinen Worten beinahe erzwang, das haben Sie gewiß selbst bemerkt? Offen gestanden, Sie taten mir an dem Abend schrecklich leid, weil Sie derartig lügen mußten, aber ich konnte nicht anders, ich hätte trotzdem über das Gesicht, das Sie dabei machten, am liebsten hell aufgelacht.”

„Und da Sie nicht lachen wollten und nicht konnten, gnädiges Fräulein, haben Sie damals wenigstens gelächelt,” warf er ein, „und ich Narr glaubte, Sie lächelten aus Freude darüber, weil Ihr Herr Onkel meinem Herzen so nahestände. Na, soviel weiß ich,” unterbrach er sich plötzlich, „wenn ich das alles schon an jenem Abend gewußt hätte —”

„Dann hätten Sie durch Ihre Offenherzigkeit vielleicht alles verdorben, ” fiel sie ihm schnell in das Wort, „denn der Vater hätte es Ihnen nie verziehen, wenn Sie in Gegenwart seines alten Freundes sich mißfällig über seinen Verwandten geäußert hätten.”

„Aber wird er es mir denn verzeihen, wenn er nun durch Sie erfährt, wie ich in Wahrheit über den denke?” fragte er etwas unsicher.

Fräulein Kitty lachte hell auf: „Verzeihen? Das ist gar nicht das richtige Wort dafür; er wird Ihnen dankbar sein, er wird alles zurücknehmen, was er gegen Sie dachte und gegen Sie äußerte, er wird Sie für den liebenswürdigsten Menschen erklären, den er jemals kennenlernte, er wird Sie bitten, ihm zuweilen im Hotel Gesellschaft zu leisten; nur dürften Sie dann niemals das Gespräch auf Ihre letzte Exzellenz bringen, Herr Hauptmann, weder im guten, noch im bösen Sinne. Dafür, daß der Vater dieses Thema nie wieder berühren wird, stehe ich ein, denn auch jetzt wird er nicht dulden, daß Sie schelten, aber er wird Sie selbstverständlich auch nicht zum zweitenmal zwingen, gegen Ihre Überzeugung zu sprechen.”

„Dann komme ich zu Ihrem Herrn Vater, so oft er meine Gesellschaft wünschen sollte,” stimmte Herr von Klinghammer ihr rasch bei, um nach einer kleinen Pause rasch hinzuzusetzen: „Und ich würde noch lieber kommen, als ich es ohnehin tue, wenn ich die Gewißheit hätte, gnädiges Fräulein, daß ich auch Sie bei meinen Besuchen anträfe, und nicht wahr, daß ich Sie da stets antreffe, das versprechen Sie mir?”

„Vielleicht,” gab sie nach einer kleinen Pause, die ihm wie eine Ewigkeit deuchte, verlegen und übermütig zugleich zur Antwort, und noch einmal wiederholte sie so leise, daß er es kaum verstand: „Vielleicht.”

Aber trotzdem wußte er, was dieses Wort und diese etwas zögernde Art ihrer Antwort zu bedeuten hatte, und im überströmenden Glücksgefühl haschte er nun abermals nach ihrer Hand, die sie ihm jetzt überließ und mit der sie sogar zart und leise seinen Händedruck erwiderte.

Wenige Tage später hatte Hauptmann von Klinghammer sich mit Fräulein Kitty verlobt, und als er das getan hatte, da geschah etwas für ihn völlig Unerwartetes. Er konnte an Seine Exzellenz zurückdenken, ohne wie bisher einen Wutanfall zu bekommen, ja noch mehr, er war dem sogar aufrichtig dankbar dafür, daß er ihm zu seinem Abschied verholfen hatte, denn sonst hätte er seine Kitty hier ja nie kennengelernt. Und wenn er nicht auf seinen Schwiegervater hätte Rücksicht nehmen müssen, dann hätte er sogar das Bild Seiner Exzellenz, des Begründers seines jetzigen Glückes, tatsächlich auf seinen Schreibtisch gestellt.


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© Karlheinz Everts