Freundesrat.

Von Freiherr von Schlicht.
in: „Schöne Frauen” Bibliothek pikanter Erzählungen und Gedichte, Band 4, Seite 58, und
in: „Treulose Frauen”


Baron von Scholder ging mit grossen, erregten Schritten in seinem mit fast orientalischer Pracht eingerichteten Junggesellenheim auf und ab. Ruhelos wanderte er durch die Flucht der nebeneinander liegenden Zimmer, die in hellstem Kerzenschein erstrahlten, und seine Ungeduld erreichte jedes Mal ihren Höhepunkt, wenn er das Esszimmer betrat, in dem zwei Couverts auf der reich mit Silber und frischen Blumen geschmückten Tafel lagen.

Wo Lolla(1) nur blieb?

Wohl zum hundertsten Mal holte er aus der Innentasche seines Smokings ihr Billet hervor und las von neuem: „Spätestens um ein halb zehn Uhr bin ich bei Ihnen.”

Vor einer Viertelstunde hatte es bereits zehn Uhr geschlagen, und Lolla war immer noch nicht da. Und je länger er wartete, je mehr die Zeit dahin strich, desto mehr drängte sich ihm die Ueberzeugung auf: Lolla hat(2) nie daran gedacht, zu kommen, sie hat Dich nur necken und anführen wollen.

Wie hatte er aber auch so thöricht sein können, zu glauben, dass es ihm, gerade ihm gelingen würde, die schöne Frau Lolla, die einem on dit zufolge mit ihrem Gatten in der denkbar glücklichsten Ehe leben sollte, zu erobern? Er hatte ihr den Hof gemacht wie alle anderen es auch thaten, vielleicht war er etwas kühner und leidenschaftlicher gewesen als die übrigen; sie hatte seine Huldigungen erduldet(3), und einmal glaubte er zu bemerken, dass sie die stumme und doch so beredte Sprache seiner Augen erwiderte, ja, es war ihm sogar gewesen, als hätte bei Tisch ihr kleiner Fuss absichtlich den seinen berührt. Da hatte er am nächsten Morgen seine ganze, nicht unbedeutende Keckheit zusammengenommen und sie unter dem Vorwand, ihr seine Schätze zu zeigen, die er von seinen letzten Reisen mitgebracht hatte, zu einem Souper in seine Wohnung eingeladen.

Ihre Zusage hielt er in Händen, aber sie selbst kam immer noch nicht, obgleich es bereits einhalb elf Uhr war. Sobald ein Wagen sich näherte, hielt er den Atem an und lauschte, aber das Gefährt rollte vorüber. — Lolla kam nicht.

Missmutig warf er sich in ein Fauteuil und zündete sich eine Zigarette an(4). Wie schon so oft begann er im Stillen über die Eigenschaften der Frauen im allgemeinen und über ihre Unzuverlässigkeit im besonderen zu philosophieren.

Da öffnete sich plötzlich die Thür, und herein trat eine dicht verschleierte Dame.

Er sprang in die Höhe und eilte ihr entgegen: „Gnädigste — Lolla — endlich. Dass Sie kommen würden, habe ich nicht eine Sekunde bezweifelt, aber warum so spät?”

Er nahm ihr das Spitzentuch(5) ab, legte ihren Hut auf den Tisch, und war ihr behilflich, den Mantel abzulegen.

„Lolla, wie schön Sie sind.”

Aufrichtige Bewunderung klang aus seinen Worten, und Lolla, erfreut über das Lob, das ihr gespendet wurde, erduldete(6) es, dass er ihre Stirn, ihre Augen und ihren Mund mit flammenden Küssen bedeckte.

„Lolla, wie schön Sie sind.”

Er hatte sie zu sich hinabgezogen auf den(7) schwellenden Divan und flüsterte ihr heisse Liebesworte in das Ohr — da erst sah er den verstörten Ausdruck im Gesicht der jungen Frau.

„Aber, Lolla, was haben Sie denn nur?”

„Nichts, nichts,” gab sie ausweichend zur Antwort, aber als er in sie drang, ihm alles zu sagen, was ihr Herz bedrückte, als er ihr sagte, dass er nicht nur der beste Freund ihres Mannes, sondern auch ihr bester Freund sei, gab sie seinen Bitten nach: „Vielleicht glauben Sie es mir, vielleicht aber auch nicht,” sagte sie, „dass es mich grosse Ueberwindung gekostet hat, Ihre Einladung anzunehmen. Daran , dass ich es that, ist mein Mann schuld, der mich in einer Art und Weise vernachlässigt, die ich mir nicht länger gefallen lassen will. Und nun denken Sie sich: jeden Abend geht mein Mann, wie Ihnen ja bekannt ist, aus, in den Klub, zu seinen Freundinnen, was weiss ich — jeden Abend geht er fort und heute, gerade heute zum ersten Mal, wollte er zu Haus bleiben. Mein erster Gedanke war, er weiss etwas von unserer Verabredung, er will es hintertreiben, aber gleich darauf merkte ich, dass ich mich täuschte. Er wollte einfach mit mir zusammenbleiben, weil er in einer plötzlichen Laune Lust verspürte, mal einen Abend mit mir zusammen zu verbringen. Eine andere Frau hätte sich vielleicht darüber gefreut, sich selbst geriet darüber in Zorn. Dazu halte ich mich denn doch für zu gut, dass ich meinem Mann nur als Lückenbüsserin dienen soll. Ich wollte seine Gesellschaft nicht. Deshalb brach ich einen Streit vom Zaun, ein Wort gab das andere, ich gebe es gerne zu, ich war heftig und ungerecht, aber ich wollte und wollte fort. So sprang ich denn schliesslich auf und erklärte —”

Ein Glockenzeichen in der Etagenthür liess Frau Lolla erschreckend inne halte: „Um Gottes Willen — es kommt doch niemand,” flüsterte sie erschrocken, „wenn mich hier jemand sieht, bin ich verloren.”

„Beruhige Dich, Geliebte,” bat er, „in so später Stunde kommt kein Besuch mehr, vielleicht ein Telegramm —.”

In demselben Augenblick trat der Kammerdiener in das Zimmer und überreichte seinem Herrn eine Karte. Lolla war aufgesprungen und hatte sich an das Fenster gestellt; „haben Sie dem Herrn nicht gesagt —.”

„Das allerdings,” gab der Diener zur Antwort, „aber Herr von Bernek sagte, er müsse den Herrn unter allen Umständen einen Augenblick sprechen.”

„Es ist gut, führen Sie den Herrn in das Rauchzimmer und sagen Sie, ich käme sofort.”

Der Diener verschwand, und entsetzt eilte Lolla auf den Baron zu. „Um Gottes Willen — wir sind verloren — mein Mann ist hier —.”

„Immer ruhig Blut, Gnädigste,” bat er, „was Ihr Gatte von mir will, weiss ich auch nicht — schliessen Sie, wenn ich hinausgegangen bin, zu Ihrer Beruhigung die Thür hinter mir zu. Dass ich Ihre Anwesenheit Ihrem Gatten gegenüber verleugne, bedarf wohl nicht der besonderen Erwähnung. In wenigen Minuten bin ich wieder bei Ihnen.”

Er eilte hinaus und begrüsste Herrn von Bernek, der ihn schon voller Ungeduld erwartete.

„Sei nicht böse, Scholden(8),” bat er, „dass ich Dich noch so spät überfalle — ich höre ausserdem von Deinem Diener, dass Du Besuch erwartest, ich will mich also kurz fassen.”

„Für Dich habe ich immer Zeit,” gab Scholden zur Antwort, „aber bitte, nimm Platz. Willst Du eine Zigarette? Bitte, bediene Dich, und nun sag', was giebt es?”

„Ich bin zu Dir gekommen,” nahm Herr von Bernek nach einer kurzen Pause das Wort, „weil Du nach meiner Meinung der grösste Frauenkenner der vereinigten fünf Weltteile bist. Ich brauche Deinen Rat, Deine Hilfe — denke Dir, Lolla, meine Frau, will sich von mir scheiden lassen. Es hat heute Abend einen Streit gegeben wie noch nie in unserer Ehe, ohne jede Veranlassung, ohne jede Ursache &mdash, ich wenigstens bin mir keiner Schuld bewustt, im Gegenteil, ich wollte heute Abend mit Lolla so freundlich sein, wie ich es nur irgend kann, wollte ihr vorlesen, mit ihr plaudern, kurz und gut, einmal häuslich sein. Und da springt Lolla(9) auf und sagt mir Dinge, Dinge — die ich aus dem Munde meiner Frau nicht erwartet hatte.”

„Und wie endete der Streit?” fragte der Baron mit aufrichtiger Anteilnahme(10).

„Lolla(11) sprang auf und sagte: ,Ich lasse mir diese Behandlung nicht länger gefallen, ich habe das Leben an Deiner Seite satt. Ich lasse mich scheiden.' Und ohne auf meinen Widerspruch und meine Bitten zu achten, ging sie in ihr Zimmer, packte sich die nötigsten Toilettesachen zusammen, liess sich eine Droschke kommen und fuhr zu ihren Eltern.”

Der Baron atmete erleichtert auf, dann fragte er: „Und was thatest Du?”

„Ich rannte eine Stunde in meinem Zimmer hin und her und überlegte, was ich thun sollte. Meinen ersten Gedanken, ebenfalls nach Charlottenburg zu meinen Schwiegereltern zu fahren verwarf ich —.”

„Und da thatest Du recht daran,” unterbrach ihn der Baron(12), „je mehr die Frauen sehen, dass wir uns um ihre Gunst bewerben, desto kühler behandeln sie uns. Wenn ich Dir einen guten Rat geben darf, so ist es der: Thue vor morgen Mittag in der Angelegenheit gar nichts, ich bin fest davon überzeugt, sie wird sich die Sache heute Nacht in aller Ruhe überlegen und morgen reu- und wehmütig zu Dir zurückkehren. Nun aber, lieber Freund, lass mich bitte allein, morgen Nachmittag stehe ich Dir zur Verfügung, so lange Du meine Dienste wünschst — aber ich wette mit Dir, dass Du schon morgen Abend der glücklichste Mensch unter der Sonne bist.”

Und der Baron behielt recht. Am nächsten Tag erhielt er einen Rohrpostbrief von Herrn von Bernek: „Lieber Freund — es kam, wie Du sagtest. Lolla ist heute Morgen um zehn Uhr zurückgekehrt. Sie hat ihre Eltern zu Hause nicht angetroffen, sondern die ganze Nacht in einem Hotel schlaflos zugebracht. Sie liegt jetzt im Bett und schläft, ich begreife, dass die Arme müde ist, heute Abend aber essen wir um 7 Uhr im Monopol-Hotel. Wir beide erwarten Dich bestimmt, damit wir Dir danken können für das, was Du uns gethan — Dein Rat war der beste, wie immer.”


Fußnoten:

(1) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „Wo Gerda nur blieb?” (Diese Namensänderung gilt für die ganze Erzählung.) (zurück)

(2) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „hatte”. (zurück)

(3) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „geduldet”. (zurück)

(4) In der Fassung von „Treulose Frauen” fehlt das Textstück „und zündete sich eine Zigarette an”. (zurück)

(5) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „Er nahm ihr den Mantel ab”. (zurück)

(6) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „duldete”. (zurück)

(7) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „das schwellende Divan”. (zurück)

(8) In der ersten Zeile dieser Erzählung heisst der Baron „Scholder”. (zurück)

(9) In der Fassung von „Treulose Frauen” heisst die Ehefrau des Herrn von Bernek plötzlich nicht mehr „Gerda”, sondern „Lola”. (zurück)

(10) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „Teilnahme”. (zurück)

(11) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier noch einmal „Lola” statt „Gerda”. (zurück)

(12) In der Fassung von „Treulose Frauen” heißt es hier: „unterbrach ihn Bernek”. (zurück)


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