Frauen auf Reisen.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Rigalsche Zeitung” vom 2.6.1909,
in: „Het Nieuws van den Dag voor Nederlandsch-Indië” vom 11.Dez. 1909
in: „Suriname” koloniaal nieuws- en advertentieblad vom 4.März.1910,
unter dem Titel „De Sleutel” und
in: „Die Frau und meine Frau”


Meine Frau war verreist, ins Bad, zu ihrer Erholung.

Männer verreisen oft geschäftlich, noch öfter zum Vergnügen — Frauen tun das nie, sie reisen stets nur zu ihrer Erholung. Selbst wenn eine Dame aus Köln bei achtzehn Grad Kälte im Winter nach Danzig fährt, um dort eine Hochzeit oder sonst ein Fest mitzumachen, dann ist das für sie keine Anstrengung, keine Strapaze, sondern lediglich eine Erholung — sie kommt auf ein paar Tage aus dem gesellschaftlichen Trubel zu Hause heraus.

Für einen Herrn ist es eine Erholung, einmal ein paar Tage nicht tanzen zu müssen. Eine Frau erholt sich am leichtesten, wenn sie einmal wo anders tanzen kann, als immer nur auf denselben Gesellschaften.

Eine Frau unternimmt im Laufe des Jahres soviel zu ihrer Erholung, daß sie natürlich davon krank wird und zu Beginn des Sommers in ein Bad muß, um sich wirklich zu erholen.

Meine Frau badete Moor und ich saß allein zu Haus.

Das hatte ich in meinem reisebewegten Leben schon oft getan, so oft, daß meine Frau mir am Tage der Hochzeit schwur: „Jetzt wirst du nie wieder allein sein, keinen Tag, keine Minute, keine Sekunde.”

Jetzt war sie schon drei Wochen fort.

Wenn jede Frau, die falsch schwört, deswegen bestraft würde, beständen die Städte nur noch aus Gefängnissen und Zuchthäusern.

Es ist von der Natur sehr weise eingerichtet, daß sie eine ihrer schönsten Gaben gerade zu jener Zeit wachsen und gedeihen lässt, in der die Frauen anfangen, ins Bad zu reisen.

Der Spargel ist der dem Strohwitwer vom Himmel gesandte Trost.

Auch mir war er ein Tröster und da geschah es eines Tages, daß die Sauciere umfiel und daß die ausgelassene Butter sich über das ganze reine soeben aufgelegte Tischtuch ergoß.

Das Mädchen wollte über die beschmutzte Stelle eine Serviette legen, aber ich widersprach. Was für die Kleidung eines Herrn ein Serviteur und lose Manschetten sind, das ist für einen anständigen Tisch die „darüber gedeckte Serviette”.

Ein neues Tischtuch wurde geholt, „das letzte, die gnädige Frau hat nicht mehr herausgegeben, sie meinte, die Wäsche würde rechtzeitig genug zurückkommen.”

Aber die Wäsche kam nicht. In solchen Fällen um beschleunigte Rückgabe zu bitten, habe ich längst aufgegeben, denn dann dauert es nur noch länger, wird dann aber doch, „weil eilig bestellt”, mit erhöhten Preisen in Rechnung gesetzt.

Auf Befragen erfuhr ich, daß meine Frau den Schlüssel zum Wäscheschrank mitgenommen habe.

Was macht eine Frau im Moorbad mit dem Schlüssel zum Wäscheschrank? Das weiß nur eine Frau.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als meiner Frau zu schreiben: „Du hast wohl nur versehentlich den Schlüssel mitgenommen, ich brauche ihn dringend, bitte, schicke ihn zurück.”

Zwei Tage später bekam ich Antwort: „Du irrst, ich habe den Schlüssel absichtlich mitgenommen, das tue ich immer, denn meine Schlüssel gebe ich unter keinen Umständen aus der Hand und ehe ich ihn den Mädchen schicke und denen anvertraue — nein, Du darfst auch nichts Unmögliches von mir verlangen.”

Ich schrieb zurück: „Ich bin doch keins der Mädchen, sondern dein so genannter Herr und Gebieter, mir wirst du den Schlüssel doch wohl anvertrauen können.”

Sie antwortete: „Sie wolle es sich überlegen.”

Als ich sie fragte, ob sie mich heiraten wolle, sagte sie sofort ja — na, das hatte sie sich vielleicht vorher schon reichlich überlegt, aber trotzdem

Eine Frau vertraut ihrem Mann mit der Hochzeit alles an: sich selbst, ihre ganze Persönlichkeit, alles was sie ist und was sie hat. Aber den Schlüssel zum Wäscheschrank? Das muß sie sich erst überlegen.

Ich schrieb: „Das verstehe ich nicht.”

Die Antwort lautete: „Ich verstehe nicht, daß Du mich nicht verstehst.”

In einem längeren Schreiben setzte ich ihr auseinander, daß der Mann, der eine Frau verständigt, noch geboren werden müsse. Und darum und deshalb — ich hätte gestern abend stundenlang darüber nachgedacht, aber verstanden hätte ich es trotzdem nicht, warum sie den Schlüssel nicht schickte.

Meine Frau schrieb gleich wieder: „Für alles, was Ihr tut, sollen wir Frauen sofort Verständnis haben, für alles, selbst für das Schlimmste. Sogar einen Ehebruch sollen wir von Eurem Standpunkt aus sofort begreifen, ihn ganz selbstverständlich finden und ihn auf der Stelle verzeihen. Aber daß Ihr Euch die Mühe gebt, Euch in die Seele einer Frau hineinzudenken, das ist natürlich zu viel verlangt.”

Was hat die Seele einer Frau mit ihrem Schlüssel zum Wäscheschrank zu tun?

Auch darauf fand ich trotz allen Grübelns keine Antwort.

Ich schrieb: „Wir wollen der Sache ein Ende machen, das Herumstreiten um den Schlüssel ist lächerlich und erwachsener Menschen unwürdig. Wenn Du Dich nicht von ihm trennen kannst, behalte ihn in Gottes Namen, ich werde dann einfach in die Leipziger Straße fahren und neues Tischzeug kaufen, um so mehr, als ich in den nächsten Tagen Gäste erwarte.”

Am nächsten Tage kam ein Telegramm: „Warum gleich so heftig? Deine Gäste kommen doch nicht morgen oder übermorgen und bis dahin werde ich den Schlüssel schon noch schicken. Vermeide auf alle Fälle Neuanschaffungen.”

Also ich sollte heftig gewesen sein?! Ich glaubte es mir schuldig zu sein, mich gegen diesen ungerechten Vorwurf zu verteidigen, aber ich dachte zur rechten Zeit an das Wort: qui s'excuse, s'accuse. Und vielleicht würde ich in dem Verteidigungs­schreiben wirklich heftig werden. So nahm ich den Vorwurf denn ruhig hin und antwortete gar nicht darauf.

Und ich wurde dafür belohnt. In dem nächsten Brief hieß es: „Sehr habe ich mich darüber gefreut, daß Du es wenigstens einsiehst, wie heftig Du warst, und daß Du Dich dessen so schämtest, daß Du mit keinem Wort auf meinen Vorwurf zurückkamst. Das beweist mir von neuem Dein gutes Herz und ich weiß ja auch, daß Du Dir nichts Böses dabei gedacht hast. Morgen schicke ich den Schlüssel an Dich ab, aber Du mußt ihn mir dann sofort zurückschicken, sofort, nur unter der Bedingung gebe ich ihn überhaupt aus den Händen. Übermorgen mit der ersten Post hast Du ihn.”

Aber als es übermorgen geworden war, brachte die erste Post ihn nicht, auch nicht die zweite.

Endlich kam die dritte Post, es klingelte draußen an der Etagentür. Für gewöhnlich werden die Briefe nur in den Kasten geworfen, aber der Schlüssel kam natürlich „eingeschrieben”.

Ich öffnete selbst die Entreetür, aber anstatt des Postboten stand da draußen meine Frau.

Fassungslos sah ich sie an: „Du?”

Auf alles war ich vorbereitet gewesen, darauf nicht, aber die Frau ist und bleibt ja nun einmal die geborene Überraschung.

Lachend und weinend zugleich fiel mir meine Frau um den Hals. „Sei mir nicht böse, aber ich konnte den Schlüssel nicht aus der Hand geben, nächtelang habe ich vor Aufregung nicht geschlafen. Morgen früh mit dem ersten Zug muß ich wieder fort, ich habe mir das Moorbad ausnahmsweise für den Nachmittag bestellt, unter keinen Umständen darf ich das versäumen, aber diese Korrespondenz hat mich so erregt, daß ich endlich wieder in Ruhe kommen muß.”

„Aber Kind, wie ist es denn nur möglich, daß diese völlig harmlose und absolut gleichgültige Sache dich auch nur für eine Sekunde erregen konnte!”

Meine Frau tat, als hätte sie meine Fragen gar nicht gehört. Sie ging mit mir in mein Zimmer und dann stellte sie tausend Fragen: Wie es mir ginge? Ob die Mädchen gut für mich sorgten? Ob die Köchin gut koche? Und ob das Zimmermädchen den Staub wische? Ob ich in jeder Hinsicht meine Bequemlichkeit hätte, ob ich zuweilen an sie dächte? Und wie oft? Immer? Oder nur zuweilen?

Nicht nur Kinder auch, auch Frauen können mehr fragen, als ein Mann an einem Tage zu beantworten vermag.

Endlich gegen Abend war es soweit, daß ich anfangen konnte, ihre tausend Fragen zu beantworten: „Ja, es war alles da, was ich brauchte und, natürlich von ihr selbst abgesehen, hätte mir nichts gefehlt, nur der Schlüssel, aber der wäre nun ja auch da.”

Meine Frau sah mich ganz erschrocken an: „Der ist da? Ich habe ihn dir doch nicht geschickt, hast du ihn dir heimlich hinter meinem Rücken von meiner Zofe schicken lassen?”

„Aber Kind, davon ist doch gar nicht die Rede,” versuchte ich sie zu beruhigen.

Meine Frau sah mich völlig verständnislos an. „Aber wie kommst du dann zu dem Schlüssel?”

„Du hast mich vorhin ganz falsch verstanden,” beruhigte ich sie von neuem. „Wenn ich eben sagte, der Schlüssel wäre jetzt auch da, so wollte ich damit natürlich doch nur sagen, er ist jetzt da, weil du ihn mitgebracht hast.”

„Aber ich habe ihn doch gar nicht mit,” rief meine Frau mir zu.

Ich wusste nicht was ich sagen sollte: „Du — du — hast ihn nicht mit? Ja, aber warum bist du dann gekommen?”

Und dann kann es heraus: Meine Frau hatte die Reise nur gemacht, um sich durch eigenen Augenschein davon zu überzeugen, ob es wirklich nötig sein, daß sie an einem der nächsten Tage den Schlüssel schicke.


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© Karlheinz Everts