Faschingsurlaub.

Humoreske von Frhr. v. Schlicht
in: „Illustrierte Zeitung, Leipzig”, 128. Bd., Nr. 3319, vom 7.2.1907, S. 225,
in: „Die Fürstentreppe” und
in: „Arme Schlucker”


Zum erstenmal sollte der Faschingsball der Gesellschaft nicht wie sonst in der Stadt in der „Ressource”, sondern in den großen, schönen Räumen des Offiziers­kasinos stattfinden. Der neue Oberst hatte diese Parole ausgegeben, und nun arbeitete er mit seinem Adjutanten, dem Oberleutnant von Burgberg,(1) gewissenhaft das Festprogramm aus und bestimmte unter anderm auch eine hohe Strafe für diejenigen, die gleich zu Beginn des Festes erkannt würden.

„Da müssen wir doch aber auch eine Belohnung für diejenigen aussetzen, die bis zur Demaskierung unerkannt bleiben, deren Persönlichkeit selbst der schärfste Scharfblick nicht zu erkennen vermag.”

Der Oberst war Feuer und Flamme: „Natürlich, das machen wir! Damenpreis eine echt goldene Repetieruhr im Werte von fünf Mark — so heißt es ja wohl in den Ankündigungen für die öffentlichen Maskenbälle. Na, wegen des Damenpreises spreche ich noch mit meiner Frau. Aber was bekommen die Herren?”

„Wenn es einer unserer Gäste vom Zivil ist, einen Korb Sekt, und wenn es ein Kamerad ist, vierzehn Tage Urlaub.”

Der Oberst lachte lustig auf: „Der Gedanke ist nicht dumm! Aber das sage ich Ihnen gleich, Burgberg, wenn Sie glauben, auf diesem etwas ungewöhnlichen Wege den Urlaub zu bekommen, den ich Ihnen neulich aus dienstlichen Gründen abschlagen mußte, dann irren Sie sich.”

Der Adjutant biß sich ärgerlich auf seinen langen, blonden Schnurrbart, dann meinte er: „Ich persönlich habe schon lange jeden Urlaubsgedanken definitiv für jetzt aufgegeben, und ich hätte überhaupt nicht darum gebeten, wenn nicht Seine Exzellenz kürzlich das schöne Wort gesprochen hätte: »Ein Leutnant ist dienstlich immer abkömmlich!«”

„Aber ein Adjutant nicht, Burgberg,” widersprach der Oberst lebhaft. „Der Adjutant gehört zu seinem Kommandeur wie die Amme zum Kind oder die Stütze zur Hausfrau.” (2)

Als der Adjutant wenig später im Kasino beim Frühstück von dem als Preis ausgesetzten Urlaub erzählte, brach ein Sturm der Begeisterung los, und ein jeder schwur: er selbst und kein anderer würde den vorschriftsmäßigen Offizierskoffer packen und sich in die Eisenbahn setzen!

So kam der Faschingsball heran.

Für neun Uhr war geladen, aber schon lange vorher füllten sich die Säle, und im bunten Durcheinander wogten die Masken auf und ab.

Der Herr Oberst selbst war als türkischer Pascha erschienen, und vielleicht wäre er nicht so schnell erkannt worden, wenn sein Obristenbart nicht an jeder Seite handbreit unter der Maske hervorgesehen hätte. — Der Sekt und die Musik taten ihre Schuldigkeit. Zuerst langsam und zögernd, dann immer lustiger und fröhlicher entwickelte sich ein richtiger Maskenflirt. Aber je ungezwungener die Scherze wurden, um so leichter verrieten sich die Masken(3). Für einen Augenblick herrschte dann eine gewisse Enttäuschung, daß man den Preis nicht errungen; aber darauf tröstete man sich immer wieder schnell.

Mit großen Schritten ging der Herr Oberst in seiner Würde als Pascha in orientalischen Schnabelschuhen und weiten, seidenen Pumphosen durch den Saal und suchte seinen Adjutanten. Endlich glaubte er ihn gefunden zu haben und hielt ihn fest: „Sie, Burgberg, ich muß Sie mal sprechen — mir ist eben eingefallen, wir müssen morgen früh gleich an die Division schreiben —” Aber der andere schien dafür gar kein Interesse zu haben. Er holte aus seiner Tasche ein gedrucktes Plakat hervor und hielt es dem Kommandeur unter die Nase. Und auf dem stand zu lesen: „Ich bin für heute abend taubstumm, damit meine Stimme mich nicht verrät.”

Und ehe der Oberst ihn noch festhalten konnte, war ihm der andere entwischt.

Die Stunden gingen unter Lachen und Scherzen dahin.

Da ertönten plötzlich in die Klänge der „Blauen Donau” hinein die markerschütternden Töne eines Signalhorns, so grell, so gräßlich, so laut und so falsch, daß die Kapelle mit einem Male verstummte. Die Paare hörten auf zu tanzen, alles drängte nach der großen Mitteltür. Die war weit aufgerissen, und auf der Schwelle stand ein Spielmann in voller Uniform, den Helm auf dem Kopf, das Instrument an den Lippen, und blies mit der ganzen Kraft seiner Lungen. Einen Augenblick warean alle starr, dann durchhallte ein einziger Schrei den Saal: „Alarm!” Das Regiment wurde alarmiert, jetzt, heute, am Aschermittwoch, mitten aus dem Faschingstrubel heraus! Der Herr Oberst kam zuerst wieder zu sich. Und in dem Glauben, er wäre zu Hause, rief er mit Stentorstime: „Friedrich, meinen Helm! Sofort! Das Pferd satteln!”

Der Stille, die dem ersten Signal gefolgt war, folgte nun ein lautes Stimmengewirr. Alle redeten in- und durcheinander. Was war geschehen? Das wollte der Herr Oberst auch wissen, er mußte es sogar wissen. So bahnte er sich einen Weg und trat auf den Spielmann zu: „Warum wird alarmiert?”

Aber anstatt zu antworten, hob der Mann mit einer kurzen, vorschriftsmäßigen Bewegung das Instrument noch einmal an den Mund. Er blies das Alarmsignal, und die letzte Note, das C, blies er dem Kommandeur mit solcher Wucht ins Gesicht, daß dieser hintenüber taumelte. Und gleich darauf führte der Spielmann das Instrument zum drittenmal an den Mund.

„Ich sperre Sie sofort ein, wenn Sie noch einmal blasen!” tobte der Oberst. Aber der Hornist ließ sich nicht beirren, er blies, womöglich noch falscher, noch entsetzlicher als vorhin, und so laut, daß allen die Ohren gellten.

Der Oberst wußte nicht mehr, was er sagen sollte. Er winkte eine Ordonnanz herbei: „Holen Sie mir den Unteroffizier von der Wache!”

Dieser(4) stand zwei Minuten später seinem Vorgesetzten gegenüber.

„Warum ist Alarm geblasen worden?”

Verständnislos sah der den Vorgesetzten an: „Ich weiß es nicht, Herr Oberst.”

Der war zuerst sprachlos, dann aber fuhr er den Spielmann an: „Der Unteroffizier weiß nichts davon — und da blasen Sie infamer Himmelhund hier einfach auf eigene Rechnung und Gefahr Alarm? Sind Sie denn ganz verrückt geworden? — Unteroffizier, führen Sie mal den Mann ab. Das Weitere wird sich morgen finden.” Und sich zur Gesellschaft wendend, bat er mit einigen Worten für den ihm geradezu unerklärlichen Zwischenfall um Verzeihung und ließ die Musik wieder einsetzen.

Aber in demselben Augenblick schlug es zwölf — die Demaskierung erfolgte. Und nun zeigte sich, daß doch alle erkannt worden waren. Weder der Damen- noch der Herrenpreis war gewonnen worden.

Da stürzte, gefolgt von dem Unteroffizier, der Hornist wieder in den Saal, direkt auf die Frau Oberst zu, faßte sie um die Taille und stürmte mit ihr nach den Klängen der Musik dahin.

Die Kommandeuse fiel beinahe in Ohnmacht. Sie wäre sicher gefallen, wenn der Hornist nicht so himmlisch getanzt hätte. Der Herr Oberst aber rief mit Donnerstimme: „Man halte den Wahnsinnigen!”

Und man hielt ihn. Zwanzig Fäuste auf einmal packten seine Schultern und seine Arme, ja, selbst seine Beine. Aber als man ihm auch einige freundliche Rippenstöße gab, wurde er grob: „Herrschaften, das verbitte ich mir — außerdem bin ich entsetzlich kitzlich.” Und dann sagte er plötzlich mit ganz lauter Stimme: „Erkennt Ihr mich denn wirklich nicht — ich habe mir zwar den Bart abschneiden lassen, aber ich bin doch Burgberg, der Adjutant!”

Wer sind Sie?”

Der Oberst war hinzugetreten und sah ihn entsetzt an. „Sie sind —”

„— jawohl, ich bin, Herr Oberst. Niemand hat mich erkannt, selbst Sie nicht, Herr Oberst, und mit Ihrer gütigen Erlaubnis trete ich bereits morgen meinen Urlaub an.”

Einen Augenblick war der Oberst wirklich starr, dann aber faßte er sich schnell. Nie und nimmer durfte er es zugeben, daß der Adjutant ihn nun doch mit dem Urlaub hineingelegt hatte. So sagte er denn schnell: „Burgberg, glauben Sie wirklich, daß ich Sie nicht sofort erkannte? — Das tat ich schon, als Sie das erstemal bliesen, ich habe Ihnen nur den Spaß nicht verderben wollen.”

„Ist das wirklich wahr, Herr Oberst?” fragte da eine Stimme hinter dem Kommandeur. Wie konnte man es wagen, Zweifel in seine Worte zu setzen! Blitzschnell drehte er sich um, und ganz entsetzt sah er in das Gesicht seines Adjutanten, der sich übermütig den Schnurrbart strich.

Der Oberst glaubte ein Gespenst vor sich zu haben: „Um Gotteswillen, Burgberg, haben Sie sich denn verdoppelt?”

Der lachte übermütig auf: „Ich denke ja gar nicht daran, Herr Oberst. Ich bin ich. Und der Hornist ist ja gar nicht ich, sondern Kamerad Müller, der wirklich seinen Bart opferte, um den Preis zu gewinnen. Er wollte unbedingt auf Urlaub, und ich auch, da machten wir gemeinsame Sache und haben uns kameradschaftlich dahin geeinigt, daß wir uns den Urlaub teilen. Jeder reist acht Tage. Es ist Ihnen doch recht, Herr Oberst? Oder was sagen Sie dazu?”

Aber der sagte gar nichts. Er sah abwechselnd von dem einen zum andern: wer von den beiden war nun sein wirklicher Adjutant, Burgberg oder der andere? Er konnte sich darüber nicht einig werden. Denn so frech, wie Leutnant Müller die Sache angestellt hatte, pflegen für gewöhnlich nur Adjutanten zu sein.


Fußnoten:

(1) In der Fassung von „Arme Schlucker” heißt es hier zusätzlich: „. . . in den heiligen Hallen des Regimentsbureaus sehr gewissenhaft . . .”. (zurück)

(2) In der Fassung von „Arme Schlucker” heißt es hier zusätzlich: „. . . Einer kann ohne den anderen nicht auskommen. Na, nur gut, daß sie vorläufig sogar freiwillig bleiben — später können wir ja noch darüber reden.”. (zurück)

(3) In der Fassung von „Arme Schlucker” heißt es hier: „. . . verrieten die Masken sich dann doch.” (zurück)

(4) In der Fassung von „Arme Schlucker” heißt es hier: „Der ” (zurück)


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© Karlheinz Everts