Die Fahnen senken sich!

Von Freiherr von Schlicht.
in: „Die Nation”, Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Literatur,
23.Jahrgg., Nr. 31, 5.5.1906, S. 494-495,
in: „Indiana TribŁne” vom 1.8.1906,
in: „Ihre Durchlaucht der Regimentschef” und
in: „Seine Hoheit;”


Der Oberst will General werden.

Du großer Gott, welcher Oberst will das schließlich nicht, denn man hat den bunten Rock doch nicht nur angezogen, um pensioniert zu werden. Man hat doch auch seinen militärischen Ehrgeiz, man will doch auch Karriere machen. Und der Herr Oberst will es ganz besonders: er ist nach seiner Meinung einer der befähigtsten Offiziere der Armee, und wenn es ihm noch nicht gelungen ist, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, wenn die noch nicht so recht an seine weisheit glauben, dann ist das nicht seine Schuld, sondern lediglich die der Vorgesetzten. Und mit dieser Vermutung hat der Herr Oberst nicht so ganz unrecht. Er ist wirklich ein tüchtiger Offizier, aber er hat einen Fehler: er zeigt das zu deutlich, er hängt nicht mit jener Unterwürfigkeit an den Lippen der Höheren, die diese zur Wahrung des Ansehens der eigenen Person erfordern müssen. Und das nimmt die Exzellenzen gegen ihn ein. Gewiß, sie wollen einen so befähigten Offizier der Armee erhalten, aber erst wollen sie ihm klar machen, daß er nicht nur aus eigener Kraft in die Höhe steigen kann, sondern daß er dazu auch des Wohlwollens(1) und der lautlobenden Anerkennung der Vorgesetzten bedarf. Und das wollen sie ihm heute zeigen, denn es ist der Tag der Regiments­besichtigung, seiner letzten, wenn er General wird, und erst recht seiner letzten, wenn er es nicht wird.

Und ob er es wird? Wer kann das wissen?

Das Regiment steht auf dem großen Exerzierplatz in Parade­aufstellung, und vor der Front hält der Herr Oberst neben seinem Adjutanten. Er weiß, was er selbst und was seine Leute leisten, so sieht er dem Kommenden mit der größten Seelenruhe entgegen, er ist lustig und guter Dinge und macht jetzt sogar einen Witz, den der Adjutant gebührend belacht, nicht nur weil der Witz aus dem Munde und aus dem Gehirn eines Vorgesetzten kommt, sondern weil er wirklich gut ist.

Vorgesetzte Witze(2) sind selten gut, weil die Vorgesetzten sich nie die Mühe geben, sich in dieser Hinsicht irgendwie geistig anzustrengen. Sie sagen sich, ob gut oder schlecht, der Untergebene lacht ja doch.

Da zeigt sich in weiter Ferne eine Staubwolke. Nur eine Staubwolke, aber sie kann Unheil und Verderben bringen, und wenn auch nicht das ganze Regiment, so doch verschiedene Offiziere spurlos von der Erde verschwinden lassen. Denn die Staubwolke enthält die ganzen hohen Vorgesetzten. Die Staubwolke kommt näher und näher: „Oculi, da kommen sie!” sagt der Herr Oberst, der damit beweisen will, daß er nicht nur ein ausgezeichneter Soldat, sondern auch ein brillanter Jäger ist. Dann gibt er die Kommandos, die Musik spielt, die Truppe präsentiert und die Fahnen senken sich.

Das sieht nicht nur sehr hübsch, sondern feierlich ergreifend aus, wenn die in ruhmreichen Kriegen zerschossenen und zerfetzten Fahnen sich neigen. Und der Herr Oberst gelobt sich, heute mehr als je seinen Verstand leuchten zu lassen, er will nicht nur General, er will Exzellenz werden, auch vor ihm sollen sich, wenn er später eine Besichtigung abhält, einmal die Fahnen senken.

Die Paradeaufstellung ist glänzend, der Parademarsch tadellos, das Exerzieren hervorragend.

Dann kommt das Gefecht. Seine Exzellenz hat sich zu Hause einen sehr schwierigen Auftrag ausgedacht, einmal, um durch diesen seine eigene hohe, geistige Begabung zu beweisen, dann aber auch, um dadurch zu zeigen, für wie befähigt er den Herrn Oberst hält, daß er ihm einen solchen Auftrag stellt. Er bietet ihm dadurch Gelegenheit, zu zeigen, was er kann.

Oder aber auch, was er nicht kann.

Wer kann's wissen?

Während die Exzellenzen den ersten Teil der Besichtigung einer Kritik unterziehen, marschiert der markierte Feind unter der Führung eines hohen Adjutanten seinem Ziele entgegen. Die Sache geht nur langsam vorwärts, denn der markierte Feind besteht aus den Krummen und Lahmen des Regiments, die man teils im eigenen Interesse, teils, um den Augen der Exzellenzen einen solchen Anblick zu ersparen, nicht hat eintreten lassen. Auf ihren Schultern tragen die Kerls viereckige Rahmenflaggen, die, je nachdem sie rot, weiß oder gelb sind, Infanterie, Kavallerie oder Artillerie bedeuten. Die Flaggen sind gefürchtet, an und für sich sind sie ja ganz harmlos, aber sie werden niederträchtig, sobald sie aufgebaut sind und angegriffen werden. Man kann gegen solche Flaggen vorgehen, wie man will, es wird nie so, wie es soll. An ihnen hat sich schon das Geschick vieler Offiziere entschieden, und sobald die Leute davonziehen, um die Flaggen aufzustellen, dann sagt sich mancher Vorgesetzte: da ziehen sie hin, um meinen Galgen aufzubauen!

Aber der Oberst sagt sich das nicht. Er klemmt sich sein Monocle ein und sieht den krummen Gestalten mit überlegener Geringschätzung nach. Die können die Flaggen hinstellen, wo sie wollen, er wird schon mit ihnen fertig werden.

Exzellenz teilt den Gefechtsauftrag mit. Allen, die ihn hören, wird dabei ganz dumm im Kopf, so geistreich ist die Sache.

„Haben Sie noch eine Frage, Herr Oberst?”

Der hält es unter seiner Würde, etwas darauf zu antworten; er sieht Seine Exzellenz nur an. Aber dieser Blick sagt: ich bin doch nicht du!

Und diesen Blick nimmt Seine Exzellenz übel.

Und der kommandierende General nimmt ihn auch übel.

„Wenn Sie alles verstanden haben, umso besser — — wir werden ja sehen.”

Das klingt aus dem Munde Sr. Exzellenz leicht ironisch, aber der Herr Oberst hat als einzige Entgegnung hierauf auch nur wieder einen Blick, sogar einen Blick durch das Monocle, und dieses Glasauge hat die Exzellenzen schon oft geärgert, trotzdem sie genau wissen, daß er es nicht aus Eitelkeit trägt, sondern lediglich, weil er es wirklich braucht.

„Dann lassen Sie bitte jetzt antreten.”

Der Oberst sieht nach der Uhr: „Es fehlen noch zehn Minuten an der mir von Ew. Exzellenz bestimmten Zeit — ich werde also noch warten.”

Exzellenz beißt sich ärgerlich auf die Schnurrbartspitze und beißt sich ein paar Haare ab. Sehr stark ist sein Bart sowieso nicht, und was nützt alle Pflege bei seinem Friseur, wenn er selbst wieder vernichtet und zerstört, was der liebe Herrgott im Verein mit der Bartpomade wachsen läßt.

Exzellenz fängt an, schlechter Laune zu werden.

Der kommandierende General ist es schon lange.

Er zerbricht sich den Kopf darüber, ob ein Untergebener sich für das Avancement zum General oder zur Exzellenz eignet, nach dessen Anschauungen es gar keine Exzellenzen zu geben scheint. Da würde er gewissermaßen in eine Stellung aufrücken, die höchstens in seiner Phantasie besteht, das würde seinem Ehrgeiz noch nicht genügen, und wie kann jemand ein Amt ausfüllen, über das er sich selbst lächerlich macht, bevor er es noch bekleidet.

Der kommandierende General denkt nach.

Aeußerlich merkt man ihm das nicht an, aber er denkt trotzdem.

Er denkt sogar sehr.

Es wird schon etwas dabei herauskommen.

Da läßt sein Pferd einen Apfel fallen.

Aber das hat mit den Gedanken Seiner Exzellenz natürlich nichts zu tun, denn „Mist” denken nur die Untergebenen.

Die Vorgesetzten denken Weisheit.

Das Gefecht beginnt. Der Herr Oberst hat den Auftrag wirklich begriffen und greift die feindlichen Flaggen genau so an, wie Seine Exzellenz sich das als richtig gedacht hatte.

Das ärgert Seine Exzellenz, einmal, weil es ihm beweist, daß der Auftrag für den Herrn Oberst denn doch viel zu leicht war, dann aber auch, weil es ihm zeigt, daß der Herr Oberst wie eine Exzellenz denkt, obgleich er noch nicht einmal General ist. Da wird er später als Exzellenz wie ein Kommandierender denken, und als solcher wie ein Armeeinspekteur. Und das geht nicht. Wo bleibt da der Ranges- und der Weisheits­unterschied — —

Seine Exzellenz ärgert sich, aber mit einemmal wird er ganz glücklich, er hat sich zu der Ueberzeugung durchgerungen, daß der Angriff, den er sich gestern am grünen Tisch ausdachte, in der Praxis doch falsch ist. Das Gelände macht einige große Abweichungen von dem ursprünglichen Plan nötig. Exzellenz sieht das gleich. Der Herr Oberst sieht das aber nicht.

„Das ist sein Glück!” denkt Exzellenz.

„Nein, das ist sein Unglück,” denkt Exzellenz plötzlich, „denn wie soll ich ihn loben, wenn er den Angriff total falsch ansetzt und dementsprechend auch durchführt? Gewiß, der Oberst ist ein befähigter Offizier, aber zum General fehlt ihm noch viel, und dabei bildet er sich ein, jetzt schon klug wie eine Exzellenz zu sein. Wie sagt doch das alte Wort: ,Weise ist nur der, der da weiß, daß er nichts weiß.' Der Oberst weiß das nicht, folglich —”

„Marsch — marsch — hurra!”

Exzellenz fährt aus seinem Sinnen empor. Mit einem Sturmangriff hat der Oberst die feindliche Stellung genommen. Das Signal „Halt!” ertönt, das Gefecht ist zu Ende und die feindlichen Flaggen werden niedergelegt.

„Die Fahnen senken sich vor dem Sieger,” denkt der Oberst.

„Die Fahnen senken sich vor der Majestät des Todes,” denkt Exzellenz.

Und nicht nur die Exzellenzen, sondern auch ihre Gedanken behalten meistens recht. —

Dresden.       Freiherr von Schlicht.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „das Wohlwollen und die laut lobende Anerkennung der Vorgesetzten bedarf”. (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es hier: „Vorgesetztenwitze”. (zurück)


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