Die Fahnenkompagnie.

Militärhumoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Die Fahnenkompagnie” und
in: „Der Gefechtsesel”


Es war Bataillonsbesichtigung, und zur würdigen Feier dieses großen Ereignisses war in der kleinen Stadt, in der das Bataillon selbständig garnisonierte, der ganze militärische Vorgesetzte eingetroffen: Der Herr Oberst, der Herr Brigade­kommandeur, der Herr Divisions­kommandeur und Seine Exzellenz, der kommandierende General. Es war somit alles da, was gebraucht wurde, und nachdem noch am späten Abend, kurz nach der Ankunft der höchsten Exzellenz, die letzten Befehle ausgegeben worden waren, legten sich alle schlafen, denn am nächsten Morgen galt es zeitig aufzustehen. Am frühesten mußte der Hauptmann von Bebitz sich erheben, denn ihm war der ehrenvolle Auftrag zu teil geworden, mit seiner Kompagnie die Fahne abzuholen und sie nach dem großen Exerzierplatz zu bringen.

Das Abholen der Fahne hat seine Licht- und Schattenseiten. Die ersteren bestehen darin, unmittelbat hinter der Musik zu marschieren, die Schattenseiten aber darin, daß die Kompagnie regelmäßig etwas auf den Hut bekommt, denn das Abholen der Fahne klappt nie ganz: entweder wird nicht stramm genug eingeschwenkt, oder der Herr Hauptmann weiß nicht ganz genau, was er zu tun hat, oder die beiden jüngsten Leutnants bummeln, kurz und gut, irgend etwas ist immer in Unordnung. So hatte der Hauptmann von Bebitz sich seine Kompagnie sehr früh bestellt, er wollte auf dem Kasernenhof erst noch den Parademarsch und noch verschiedene andere schöne Dinge üben. Was ein Hauptmann sich vornimmt, tut er auch, wenn nicht ein Höherer seine Entschlüsse ändert, und so war denn der Herr Hauptmann morgens um fünf Uhr schon mit seiner Kompagnie tätig.

Eine Stunde später rückte die Kompagnie vom Kasernenhofe ab, und nach den Klängen der Spielleute und der kleinen Bataillonskapelle ging es durch die Straßen der Stadt nach der Wohnung des Herrn Majors. Dort stand die Fahne. Hoch und stolz aufgerichtet marschierten die Leute dahin, denn es ist eine Ehre, die Fahnen­kompagnie zu bilden, und alle wollten sich durch ihre Haltung dieser Ehre würdig zeigen. Selbst das Kompagnie­pferd schien zu wissen, um was es sich handelte, denn es ging so leicht, so flott und munter, als hätte es noch vier gesunde Beine und nicht vier Überbeine. Unbeweglich, starr wie aus Erz gegossen, saß der Häuptling auf seiner Rosinante, jetzt aber bekam er Leben, denn man näherte sich der Wohnung des Herrn Majors, und hell und scharf ertönten die Kommandos. Die Kompagnie schwenkte ein und richtete sich aus. Auf ein weiteres Kommando begab sich der jüngste Leutnant in die Wohnung des Herrn Majors, in der der Fahnenträger sich bereits aufhielt, während gleichzeitig der zweitjüngste Leutnant auf seinen Platz an den rechten Flügel eilte.

Mit „Gewehr über” stand die Kompagnie unbeweglich und wartete auf den großen Augneblick, in dem sich die Haustür öffnen und der Leutnant mit dem Fahnenträger und der Fahne erscheinen würde. Besonders der Häuptling starrte ein Loch in die Haustür, denn sobald nur die äußerste Spitze der Fahnenstange sichtbar wurde, mußte er präsentieren lassen.

Aber die Fahne erschien nicht.

Für gewöhnlich hat der Fahnenträger, wenn der Leutnant das Haus betritt, die Fahne bereits aus dem Zimmer des Vorgesetzten geholt und wartet in dem Hausflur, so daß also höchstens zwei Minuten vergehen, bis beide wieder auf die Straße treten.

Dieses Mal aber verging mehr als die doppelte Zeit.

„Mit den jungen Leutnants wird es heutzutage immer trauriger,” schalt der Haptmann vor sich hin, „sie können weiß Gott nicht einmal die Fahne auf die Straße bringen. Na, mein Leutnant kann sich freuen, wenn ich ihn endlich wieder habe, einige Liebenswürdigkeiten werde ich ihm schon sagen.”

Aber der Leutnant kam nicht, und die Fahne kam auch nicht.

Der Kompagnie fing die Sache an langweilig zu werden, vor allen Dingen konnte sie auch nicht mehr still stehen: die Leute schwankten hin und her, und die Gewehre lagen nicht mehr still und unbeweglich.

Der einzige, der still stand, war der Kompagniegaul, der war eingeschlafen.

Da öffnete sich endlich die Haustür, endlich, endlich — — — der Gaul bekam einen Sporenstich und schlug unwillig ein Auge auf, um zu sehen, was es denn gäbe. Dann aber öffnete er auch das andere und richtete sich stolz auf, der große Augenblick war da, der jüngste Leutnant trat auf die Straße.

„Achtung — — — präsentiert das Gewehr!” erscholl das Kommando. Die Gewehre flogen herunter, die Musik spielte den Präsentiermarsch, und im strammen Parademarsch marschierte der Leutnant auf die Straße; da er selbst die vier Stufen der steinernen Treppe im Parademarsch heruntergehen wollte, wäre er um ein Haar hingeschlagen.

Der jüngste Leutnant erschien und marschierte direkt auf seinen Hauptmann zu, aber die Fahne erschien nicht.

„Herr — — — ” fuhr ihn der Vorgesetzte an, „Herr, sind Sie über Nacht wahnsinnig geworden? Wo haben Sie die Fahne?!”

„Ich melde ganz gehorsamst, Herr Hauptmann, die Fahne ist nicht da.”

„Die — — — Fahne — — — ist — — — nicht — — — da?”

Unfähig, einen Gedanken zu fassen, starrte der Hauptmann seinen Leutnant an: „Die Fahne ist nicht da? Aber in des drei Teufels Namen, wo ist sie denn, wenn sie nicht da ist?”

Trotzdem es völlig unmilitärisch war, zuckte der Leutnant statt jeder Antwort nur mit der Achsel.

Und die Musik spielte immer noch den Präsentiermarsch, und die Kompagnie stand immer noch unter präsentiertem Gewehr.

Hauptmann von Bebitz saß einen Augenblick unbeweglich, starr und leblos, wie der selige Ritter Toggenburg, auf seinem Gaul, dann aber durchfuhr ihn der Gedanke: die Fahne mußte ja da sein. Und einem plötzlichen Impulse folgend, sprang er vom Pferde, warf die Zügel einem Musketier zu und eilte in das Haus. Aber die Fahne war nicht da. Hier, in diesem Zimmer, in dieser Ecke, in diesem Fahnenbrett hatte sie sonst gestanden, er selbst hatte sie vorgestern noch dort gesehen, als er in der Junggesellen­wohnung seines Vorgesetzten zu einem männer­mordenden Skat eingeladen worden war. Er erkannte die Ecke genau wieder, denn er hatte dorthin verschiedene Zigarrenstummel geworfen, und siehe, die lagen auch noch da. Die Zigarrenreste waren da, die Ecke war noch da, aber die Fahne war nicht mehr da. Der Hauptmann machte ein Gesicht, das ihm unfehlbar den Abschied eingetragen haben würde, falls ein höherer Vorgesetzter es gesehen hätte, dann wandte er sich an den Fahnenträger, der neben ihm stand — — — allzu geistreich sah auch der nicht aus.

Und draußen stand die Kompagnie immer noch unter präsentiertem Gewehr, und die Musik spielte immer noch den Parademarsch(1).

„Wir müssen dem Herrn Major sofort Meldung machen,” sagte der Hauptmann endlich, „rufen Sie den Burschen, er soll mich sofort bei dem Herrn Major melden.”

Den Gedanken hatte der Fahnenträger schon lange gehabt, aber der Herr Major war schon vor einer Stunde mit seinem Burschen fortgeritten, der Fahnenträger selbst hatte ihn bei der Kasernen vorbeireiten sehen.

Die Fahne war weg, und sie blieb weg. Mehr tot als lebendig stürzte der Hauptmann endlich auf die Straße, und dort stand die Kompagnie immer noch unter präsentiertem Gewehr, und die Musik spielte immer noch den Präsentiermarsch. Herr von Bebitz schwang sich in den Sattel, ließ „Gewehr über” nehmen und rückte mit seiner Kompagnie ab. Der Schlag der Kirchenuhr hatte ihn daran gemahnt, daß es die höchste Zeit sei, abzumarschieren, wenn er überhaupt noch pünktlich zum Beginn der Besichtigung erscheinen wollte.

Der Hauptmann saß auf seinem Pferd und zermarterte sich sein Gehirn: wo war die Fahne? Was würde geschehen, wenn er ohne das Feldzeichen ankam? Daß es ein Unglück gab, war ja ganz klar, ihn persönlich konnte kein Vorwurf treffen, das war wenigstens ein Trost, aber er dachte an seinen Major, der sich der größten Beliebtheit erfreute: der Mann war erledigt, dessen militärisches Leben war keinen Pfennig mehr wert. In dem letzten Feldzuge hatte die Armee nur eine einzige Fahne verloren, und unter einem Haufe von Leichen war sie später wiedergefunden worden, dem Major aber war die Fahne einfach aus seiner Wohnung gestohlen worden. Ob hier ein Racheakt oder was sonst vorlag, mußte später die Untersuchung ergeben, vorläufig war allein mit der nackten Tatsache zu rechnen. Es war mehr als ein Unglück — — — was würden die hohen Vorgesetzten sagen? Es war gar nicht auszudenken.

Derselben Ansicht mußte auch das Hauptmannspferd sein, denn plötzlich blieb es stehen und schüttelte seinen alten Leib, daß die Sattelgurten knackten, und daß sein Reiter beinahe in den Dreck geflogen wäre; dann setzte es seinen Marsch wieder fort.

Endlich, nach einer guten Stunde, erreichte der Hauptmann mit seiner Kompagnie den Exerzierplatz, und mit Schrecken sah er, daß er zu spät kam. Alle hohen Vorgesetzten waren schon versammelt; und daß man ihn mit Ungeduld erwartet hatte, wurde ihm sofort klar, als die höchste Exzellenz ihn mit den Worten begröüßte: „Es ist sehr freundlich von Ihnen, daß Sie überhaupt noch kommen.”

Der Herr Hauptmann legte die Hand an den Helm und warf seinem Major einen Blick zu, der da auf deutsch hieß: „Ich möchte Sie sehr gern einen Augenblick allein sprechen.”

Aber der Major merkte nichts; so drängte Herr von Bebitz jetzt denn sein Pferd an das seines Bataillons­kommandeurs heran und flüsterte ihm zu: „Herr Major, ich habe die Fahne nicht, sie ist gestohlen.”

Der Major saß da, als habe ihn der Schlag gerührt, jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen, mit stieren Augen blickte er seinen Hauptmann an: „Was ist gestohlen? Die Fahne?” fragte er endlich, und in seinem Entsetzen sprach er so laut, daß alle höheren Vorgesetzten es hörten. Und jetzt blieb nichts anderes übrig: nun mußte der Vorfall dienstlich gemeldet werden, und der Hauptmann meldete dem Herrn Major, daß er die Fahne habe abholen wollen, daß sie aber nicht dagewesen sei, und der Herr Major meldete dem Herrn Oberst, daß der Herr Hauptmann die Fahne habe abholen wollen, daß sie aber nicht dagewesen sei, und der Herr Oberst meldete dem Herrn General, daß ihm der Herr Major soeben gemeldet habe, daß der Herr Hauptmann die Fahne habe abholen wollen, daß sie aber nicht dagewesen sei, und der Herr General meldete dasselbe an Seine Exzellenz, den Herrn Divisions­kommandeur, und dieser meldete es an Seine Exzellenz, den kommandierenden Herrn General. Und da dieser in diesem Augenblick niemanden hatte, an den er die Meldung weiter geben konnte, tat er das Klügste, was es überhaupt gab: er behielt die Meldung für sich.

Es herrschte eine unheimliche Stille auf dem Exerzierplatz, selbst in der Natur war kein Laut zu vernehmen. Aber plötzlich erhoben sich zwei Krähen in der allernächsten Nähe und flogen mit lautem Gekrächze davon: es klang fast wie ein Angstschrei, und es schien, als flögen die Vögel, so schnell sie konnten, um dieser Unglücksstätte hier zu entgehen. „Das sind die militärischen Aasgeier, die sich nachher auf meine Leiche niederlassen,” dachte der Major und sah den Tieren sehnsuchtsvoll nach, er wäre lieber gern mit davongeflogen.

„Hm, hm,” machte Exzellenz — — — ihm mußten verschiedene Klöße, die er nicht hinunterbringen konnte, in der Kehle sitzen, und etwas sagen mußte er schließlich doch auch, und so sagte er noch einmal: „Hm — hm.” Es war wenig, aber es genügte vollkommen. Das Herz drohte allen stillzustehen, und der arme Major sah schon ganz gelb im Gesicht aus.

„Meine Herren, wenn Majestät das erfährt,” nahm jetzt der Kommandierende das Wort. „Meine Herren, dann ist nicht nur das Bataillon blamiert für alle Zeiten, sondern auch das Regiment, die Brigade, die Division und das Armeekorps. Die strengste Untersuchung wird sofort eingeleitet werden, die Schuldigen werden ihrer Strafe nicht entgehen, aber trotzdem durfte die Fahne nicht abhanden kommen. Wo ist sie?”

„Da!” rief mit einem Mal ein Adjutant. Und wirklich erschien in einer Entfernung von vielleicht hundert Metern ein Musketier, der das Heiligtum des Soldaten ganz gemütlich unter dem Arm trug und sich der Gruppe der hohen Vorgesetzten näherte.

War das Wirklichkeit oder optische Täuschung? Hauptmann von Bebitz rieb sich mit seinem Taschentuch die Augen und sah noch einmal hin, aber nein, er täuschte sich nicht, die Fahne kam näher und näher, und je näher sie kam, desto lebendiger wurde der Gesichtsausdruck des Herrn Majors, desto lebloser wurden die Züge des Herrn Hauptmanns. Er wußte es: nun traf die Schuld doch ihn. Vorläufig stand er, oder richtiger gesagt, vorläufig saß er noch vor einem Rätsel, denn noch hielt er sich im Sattel.

„Wer schickt Sie?” fragte die höchste Exzellenz, als der Musketier sich mit der Fahne zur Stelle gemeldet hatte.

„Der Wachthabende der Kasernenwache,” lautete die Antwort.

Und gleich darauf kam die Aufklärung: die Fahne hatte gar nicht in der Wohnung des Herrn Majors gestanden, sondern war bereits gestern abend durch eine Sektion auf die Kasernenwache gebracht worden. Wie es in dem Befehl, der leider in den weitesten Kreisen durch die Schuld des Adjutanten gänzlich unbekannt geblieben war, ausdrücklich geheißen hatte: „zur Erleichterung und zur Bequemlichkeit für die Fahnenkompagnie.”


Fußnote:

(1) In der Fassung von „Der Gefechtsesel” heißt es hier: „den Präsentiermarsch” (Zurück)


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