"Ein Fahnenflüchtiger."

Skizze aus dem Militär-Gerichtsleben von Freiherr von Schlicht.

aus: „Deutsche Lesehalle”, Nr. 2, 14.Jan. 1894, Seite 9.
(Sonntags-Beilage zum Berliner Tageblatt.)

Stanislaus Szafranek war ein unglaublich dummer Mensch. In dem kleinen polnischen Dorf, in dem er geboren, hatte er bis zu seinem vierzehnten Jahre ohne irgend welchen Erfolg die Schulbank gedrückt und an den freien Nachmittagen Gänse gehütet. Als er gefirmelt war, wurde er Stalljunge, dann Arbeiter. Er war ein großer, strammer, breitschultriger Mensch mit treuen, blauen Augen und einem offenen, ehrlichen Gesichtsausdruck. Er galt als tüchtiger Arbeiter, aber seine Dummheit nahm in demselben Maße zu wie seine Körperkraft. So kam der Tag heran, an dem sich Stanislaus Szafranek zur Musterung stellen mußte. Mit Wohlgefallen ruhten die Augen des gestrengen Oberstabsarztes auf der kräftigen Gestalt: famose Figur, breite Brust, gerade Beine, gesunde Zähne, brillanter Infanterist. Der Mensch sieht nur, was vor Augen ist; so blieb seine Dummheit unentdeckt, aber selbst wenn sie an jenem Tage schon zum Vorschein gekommen wäre, hätte es ihm nichts genützt, denn in der Reihe derjenigen Gebrechen, die vor dem Militärdienst schützen, ist die Dummheit nicht mit angeführt.

Ein Vierteljahr später stand er in dem großen Haufen der neu eingestellten Rekruten auf dem Kasernenhof und schaute neugierig und ängstlich auf die ihm fremde und ungewohnte Umgebung. Hohe Mauern umschlossen den Hof, auf dem Offiziere und Unteroffiziere geschäftig hin und her eilten; lautes Sprechen, Schelten und Kommandorufe ertönten überall, der Posten vor dem Arresthause, das sich in unmittelbarer Nähe der Kaserne befand, schritt mit dem Gewehr unter dem Arm auf und ab, und geringschätzig lachend blickten die älteren Mannschaften auf die „dummen” Rekruten.

Er war so in Gedanken versunken, daß er den Namensaufruf überhörte. „Szafranek – Szafranek.”

Der Regimentsschreiber, der schon an vierhundert Namen laut aufgerufen hatte, strengte seine überschrieene, heisere Stimme bis zum Äußersten an. Nun wachte er auf aus seinen Träumereien und ergriff den kleinen Handkoffer, den er vor sich auf die Erde gestellt hatte. „Hier.”

„Kannst Du dummer Kerl denn nicht hören?”

Die kräftige Faust eines Gefreiten ergriff ihn am Arm, und einen Augenblick später war er der siebenten Kompanie zugetheilt, und wieder kurze Zeit später befand er sich mit seinen Kameraden auf der Kammer, wo äußerlich der Soldat aus ihm gemacht wurde. Aber auch hier ging es nicht ohne Rippenstöße für den Armen ab. Ungeduldig wühlte der Kammerunteroffizier in dem großen Haufen der vor ihm liegenden Röcke.

Da trat Szafranek heran.

„Wie groß?” fragte ihn der Unteroffizier.

Der aber schwieg, woher sollte er auch seine Größe wissen? Und in aufflammender Wuth donnerte der Korporal auf den Rekruten ein, der nicht ein Viertel von dem verstand, was ihm Alles angedroht und Schreckliches versprochen wurde. Denn er war des Deutschen nur in geringem Grade mächtig; zwar war es seine Unterrichtssprache gewesen, aber daheim hatten die Eltern immer polnisch gesprochen, und auch später, als er in die Fremde gegangen war, hatte er sich fast immer in seiner Muttersprache unterhalten. So stand er denn nun da, blickte den Vorgesetzten an und wußte nicht, wie er sich dessen Worte deuten sollte.

Am nächsten Tage erfolgte die Verlesung der Kriegsartikel. Mit offenem Munde hörte er auf die Worte, die an sein Ohr schlugen, Arrest, Gefängniß, Festung, Zuchthaus, Todesstrafe, Alles wechselte in bunter Reihenfolge mit einander ab. Dann kamen die vielen Vergehen, deren Namen er bisher nie vernommen, und deren Sinn und Bedeutung ihm vollständig fremd waren, er begriff von alledem nichts und schwor den Fahneneid, ohne zu wissen, was er beschwor.

Dann begann der Dienst. In der Instruktionsstunde bildete Szafranek den Schrecken seines Offiziers, der trotz aller Mühe keine Antwort von ihm erhalten konnte, bei dem Exerziren brachte er seinen Unteroffizier zur Verzweiflung. So gern hätte er geleistet und gethan, was von ihm verlangt wurde, aber er konnte es nicht. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, das, was ihm gesagt und gezeigt wurde, zu fassen und zu begreifen, es ging nicht.

„Der Kerl ist zu dumm.” Verzweiflungsvoll rief es der Gefreite, der Unteroffizier sprach es ihm nach, der Offizier ermahnte ihn, sich mehr anzustrengen, der Hauptmann, auf ihn als den dümmsten Rekruten aufmerksam gemacht, hielt ihm eine lange Rede, von der er nichts verstand, und der Major ließ ihn sich sogar eines Tages auf dem Kasernenhof zeigen. In seiner Angst und Noth weinte der arme Szafranek heimlich gar manche bittere Thräne; wohin er kam und wo er sich zeigte, wurde er wegen seiner Dummheit verlacht und verspottet, geneckt und gefoppt. Wenn er nicht solch ein gutmüthiger Mensch gewesen wäre, hätte er vielleicht die frechsten Schreier unter seinen Kameraden bei dem Kragen genommen und sie mit ihren Köpfen an einander gestoßen, so aber nahm er sich die Sache zu Herzen, wurde trauriger und immer trauriger, aß und trank nichts mehr, saß immer allein in seiner Ecke, den Kopf auf die Hand gestützt, und grübelte und sann.

Und eines Morgens war er verschwunden. Die Rekruten hatten ihren selbstgeschriebenen Lebenslauf einreichen sollen. Mit seinen dicken, steifen Fingern, die seit Jahr und Tag keine Feder geführt, hatte er nach stundenlanger Arbeit wenige Zeilen abgeliefert. Wüthend über das Geschmiere hatte der Unteroffizier ihm den Lappen zerrissen vor die Füße geworfen und ihn gefragt, ob er glaube, daß man ein solches „Gesaue” dem Hauptmann vorlegen dürfe. Die Thränen waren Szafranek die Wangen heruntergerollt.

„Nun seht Euch mal diesen Menschen an,” hatte der Unteroffizier gerufen, „Kerl, ich sage Dir, wenn Du bis morgen früh nicht einen vernünftigen Lebenslauf geschrieben hast, passirt etwas.”

Als die anderen Kameraden zu Bett gegangen waren, hatte Szafranek noch bei der Lampe gesessen und versucht, seine Aufgabe zu erfüllen; beständig liefen ihm die Thränen in den Bart, aber seine Arbeit kam nicht von der Stelle, es ging über seine Kräfte. Da stand er leise auf, nahm seine Mütze und ging zur Stube hinaus. Er wollte weg, wohin, das war ihm einerlei. Nur fort! Er wußte, daß das, was er zu thun beabsichtigte, verboten war, aber er hatte keinen Begriff von der Schwere seines Vergehens. Was er mit diesem Schritt beabsichtigte, hätte er selbst nicht anzugeben vermocht, er war so niedergedrückt und eingeschüchtert, daß er gar nicht wußte, was er that. Es gelang ihm unbemerkt aus dem noch offenen Kasernenthor zu kommen; wäre die Thür schon zugeschlossen gewesen, er wäre wieder umgekehrt, schon aus dem Grunde, weil die Thür zu war, aber da er sie offen fand, ging er fort, als wenn es so sein müßte. Ihm fehlte jegliche Überlegung, er ging immer ohne Besinnen geradeaus und sah sich plötzlich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Da kam ihm plötzlich der Gedanke, wie wäre es, wenn du nach Haus zu deinen Eltern führest? Geld genug hatte er bei sich, er war ein nüchterner, ordentlicher Mensch und hatte sich einen hübschen Zehrpfennig zurückgelegt. Er erkundigte sich nach einem Zuge, zufällig ging der nächste Zug in einer Viertelstunde. Er begab sich in das Wartezimmer und aß dort ein Butterbrod; er dachte gar nicht daran, daß man ihn suchen und hier finden könnte, und wenn man ihn gefunden hätte, wäre er ruhig wieder zurückgekehrt. Ihm lag die Absicht einer jeglichen Flucht vollständig fern, er wollte nur fort, irgendwohin, wo er es besser hätte.

Als er nach langer Eisenbahnfahrt endlich sein Heimathsdorf erreichte, nahm ihn schon auf dem Bahnhof der Gendarm in Empfang. Der Telegraph hatte seine Schuldigkeit gethan, und Szafranek wurde noch an demselben Tage in seine Garnison zurückbefördert. Er wurde in Untersuchungshaft abgeführt, und am nächsten Tage begann das Verhör.

Der Adjutant des Bataillons, ein noch jugendlicher Herr, hatte die vorläufige Untersuchung zu führen.

„Ich mache Sie darauf aufmerksam,” begann er, „daß Sie sich hier vor Gericht befinden, und daß ein Lügen und Leugnen für Sie eine Verschärfung Ihrer Strafe zur Folge haben würde. Erzählen Sie mir nun, was Sie veranlaßt hat, sich heimlich von der Truppe zu entfernen.”

Szafranek schwieg und sah vor sich hin.

„Ich frage Sie, wie Sie dazu gekommen sind, Ihren Truppenteil zu verlassen. Haben Sie mich verstanden?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Nun, so erzählen Sie, aber schnell, ich habe noch mehr zu thun.”

Wieder schwieg Szafranek, was gab es da viel zu erzählen?

Ungeduldig trommelte der Offizier mit den Fingern auf dem Tisch: „Nun, wird es bald? Sie scheinen mir übrigens ein ziemlich dickfelliger Patron zu sein.”

Szafraneks Augen füllten sich mit Thränen, aber zornig fuhr ihn der Offizier an: „Lassen Sie das Weinen nur sein, das kenne ich schon, erst werden die größten Dummheiten begangen, und hinterher wird geheult, das ist immer die alte Geschichte. Nun aber los, warum sind Sie fortgelaufen?”

„Weil ich so dumm bin, Herr Lieutenant.” Das klang so rührend und hilflos und doch wieder so komisch, daß der Offizier laut auflachte.

„Das glaube ich Dir so, mein Sohn, daß Du ein dummer Kerl bist, außerdem ist es in Deinem Nationale besonders angegeben. Also weil Du so dumm bist, bist Du fortgelaufen?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Aber deswegen läuft man doch nicht fort? Das ist ja ein Unsinn, das glauben Sie doch selbst nicht, und mir trauen Sie wirklich zu, daß ich Ihnen das glauben soll?”

Rathlos blickte Szafranek auf den Adjutanten und auf den als Beisitzer kommandirten Offizier, der am Fenster saß und auf die Straße hinabblickte.

„Ich verstehe nicht, Herr Lieutenant.”

„Thun Sie mir den einzigen Gefallen,” unterbrach ihn der Adjutant barsch, „und stellen Sie sich nur nicht an, als wenn Sie mich nicht verständen. Sie verstehen sehr gut, mein Freund, Sie wollen nur nicht verstehen, weil Sie glauben, daß Sie sich dadurch frei machen können. Wollen Sie mir nun antworten oder nicht? Sonst lasse ich Sie wieder in Arrest abführen, und Sie können da sitzen, bis Sie alt und grau geworden sind. Wollen Sie mir nun den wahren Grund angeben, Ja oder Nein? Ich frage Sie zum letzten Male.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Nun also?”

„Ich hab' das nicht begreifen können.”

„Was haben Sie nicht begreifen können?”

„Alles nicht, Herr Lieutenant.”

„Aber Menschenkind, das ist doch kein Grund, durchzubrennen, das ist ja Unsinn! Sie müssen doch eine Ursache gehabt haben, die Sie veranlaßte, nach Hause zu fahren.”

„Herr Lieutenant, es wurde mir so schwer beim Militär.”

Der arme Szafranek litt Todesangst, er wußte nicht, was er sagen und angeben sollte. Die im Arrest, hinter Schloß und Riegel verlebte Nacht hatte ihm den letzten Rest seiner klaren Überlegung genommen, und Alles, was er der Wahrheit gemäß angab, wurde ihm nicht geglaubt.

Über das Gesicht des Adjutanten flog ein freudiges Lächeln: „Aha, mein Sohn, das klingt schon anders. Also der Dienst war Ihnen zu schwer, und da dachten Sie: „Ach was, ich habe keine Lust mehr, ich gehe einfach fort.” Ist das so richtig?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.” Es war ja ganz einerlei, was er sagte, wenn er nur erst bald wieder aus dem Arrest heraus wäre.

„Und haben Sie sich denn das gar nicht überlegt? Vor acht Tagen erst haben Sie den Fahneneid geschworen, und vorgestern laufen Sie schon davon? Sind Ihnen die Kriegsartikel nicht vorgelesen und erklärt worden?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Nun, und was haben Sie sich dabei gedacht, als Sie aus Ihrer Stube fortgingen? Wissen Sie, was Sie gethan haben? Ihren Eid haben Sie gebrochen, und wer seinen Eid bricht, der ist ehrlos. Das ist meine Ansicht und die Ihrer Vorgesetzten.”

Jede Farbe war aus Szafraneks Gesicht gewichen, nicht Alles, was der Offizier zu ihm sprach, verstand er, aber das Wort „ehrlos” klang an sein Ohr, und er wußte, was dies Wort bedeutete. Der Adjutant hatte die Feder ergriffen und schickte sich an, zu schreiben.

„Haben Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung anzugeben? Bleiben Sie mir aber mit Ihrer Dummheit fort. Haben Sie sonst irgend etwas anzugeben? Sind Sie mißhandelt worden?”

„Nein, Herr Lieutenant.”

„Ist Ihnen Ihrer Löhnung, Ihr Brod vorenthalten worden?”

„Nein, Herr Lieutenant.”

„Und Sie bekennen sich schuldig, sich von Ihrer Truppe entfernt zu haben, um sich Ihrer Dienstpflicht zu entziehen?”

Hilfesuchend blickte Szafranek den Beisitzer an; der aber hatte seine Uhr gezogen und studirte mit der größten Aufmerksamkeit das Zifferblatt.

„Ich versteh' nicht, Herr Lieutenant.”

„Zum Donnerwetter, sperren Sie Ihre Ohren auf! Ich frage: Als Sie an dem fraglichen Abend die Kaserne verließen, haben Sie da die Absicht gehabt, von Ihrer Kompagnie fortzugehen?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Und wären Sie freiwillig wieder zurückgekommen, wenn wir Sie nicht gleich abgefaßt hätten?”

Das war die Frage, um die sich Alles drehte; antwortete er „Ja”, so lag nur unerlaubte Entfernung vor, und er kam mit wenigen Tagen Arrest davon, antwortete er „Nein”, so war sein Schicksal besiegelt. Aber von alledem wußte und ahnte Szafranek nichts, er begriff gar nicht, warum der Adjutant ihn so viel fragte, und auf gut Glück antwortete er – „Nein”.

Der Lieutenant zog die Augenbrauen in die Höhe und sah ihn scharf an. „Also solch Bruder sind Sie? Das ist ja eine höchst angenehme Entdeckung. Nun, dann wollen wir uns nicht mehr lange mit Ihnen aufhalten. Dann können andere Leute sich mit Ihnen beschäftigen.”

Mit rascher Hand schrieb er die wenigen Aussagen nieder und reichte sie, nachdem er sie vorgelesen hatte, dem Angeschuldigten zur Unterschrift. Das Protokoll enthielt das Geständniß, daß der Musketier Stanislaus Szafranek sich heimlich aus der Kaserne entfernt habe mit der festen Absicht, sich dauernd seiner Verpflichtung zum Dienst zu entziehen.

Noch an demselben Tage gingen die Akten an die Division. Die Gerichtsbarkeit des Regiments, die nur bis sechs Wochen mittleren Arrests verfügen kann, erwies sich bei der Schwere des vorliegenden Falles als unzulänglich.

Wenige Tage darauf wurde Szafranek aus dem Arrest entlassen, nicht aber, wie er glaubte, um die Freiheit zu erlangen und wieder in seine Kompagnie eingestellt zu werden, sondern um in Begleitung eines Unteroffiziers und Gefreiten, die, das geladene Gewehr auf der Schulter, ihn zwischen sich nahmen, dem Divisionsgericht überliefert zu werden. Er begriff auch hiervon nichts; war denn sein Vergehen so groß, daß man ihn wie einen Verbrecher behandelte?

Die sofort weitergeführte Untersuchung brachte nur wenig Neues an das Licht, viele Zeugen waren nicht zu vernehmen. Sein Korporalschaftsführer und seine Stubenkameraden, die auf Veranlassung der Division zum Theil eidlich vernommen wurden, wußten nichts anzugeben. Nur darin stimmten ihre Aussagen überein, daß Szafranek zwar ein dummer Mensch, aber keineswegs so dumm sei, daß er nicht gewußt hätte, was er that; ferner bekundeten sie, daß der Angeklagte in der letzten Zeit stiller und verschlossener als sonst gewesen sei und dumpf vor sich hingebrütet habe; sie hätten die Überzeugung, daß er sich schon lange mit Fluchtgedanken getragen und die Flucht vorbereitet habe. Der Umstand, daß Szafranek kurz vor Abgang des Zuges den Bahnhof erreicht, ferner der Umstand, daß er, dem bestehenden Verbot entgegen, mehr als zehn Mark baar Geld bei sich gehabt habe, lasse ihre Annahme fast als feststehende Thatsache erscheinen.

Dann wurde der Gendarm, ein früherer Unteroffizier, vernommen. Er sagte unter seinem Diensteid aus, Szafranek hätte bei seiner Verhaftung auf Befragen geantwortet, er wolle nicht wieder zu seinem Truppentheil zurückkehren.

Der Auditeur, ein alter, wohlwollender Herr, blätterte verwzeifelt in den Akten: „Ich möchte Ihnen so gern helfen, Sie thun mir leid, aber ich kann nicht, es wäre gegen das Gesetz.”

Auch in dem Schlußverhör suchte er den Angeschuldigten noch zu retten: „Denken Sie einmal genau nach, ob Sie nicht irgend etwas zu Ihrer Entschuldigung anführen können, irgend etwas wird Ihnen doch einfallen.”

Aber Szafranek wußte nichts, er war fortgegangen, weil das Thor zufällig offen gewesen und war nach Hause gefahren, weil zufällig ein Zug nach seiner Heimath fuhr. Das war Alles, mochte man ihm nun glauben oder nicht.

„Wollen Sie sich irgendwie vertheidigen?” fragte der Auditeur weiter. „Sie können sich entweder schriftlich vertheidigen oder einen Offizier bitten, daß er Ihre Vertheidgung übernimmt. Wollen Sie eine Schrift aufsetzen?”

„Ich kann nicht schreiben.” Er dachte mit Schrecken an seinen Lebenslauf, deshalb war er gerade fortgegangen.

„Haben Sie in Ihrem Regiment einen Offizier, zu dem Sie besonderes Vertrauen haben, und von dem Sie wünschen, daß er sich Ihrer annimmt?”

Er kannte keinen, und die wenigen, die er kannte, hatten sich stets über ihn lustig gemacht, was sollten die ihm nützen?

Dann trat das Kriegsgericht zusammen: Ein Major, zwei Hauptleute, zwei Lieutenants, drei Unteroffiziere und ebenso viele Gemeine. Nachdem die Richter vereidigt waren, wurden dem Angeschuldigten noch einmal die ganzen Akten vorgelesen und dann die Frage an ihn gerichtet, ob er nun noch irgend etwas Neues zur Person oder zur Sache anzugeben habe. Er antwortete „Nein” und wurde dann wieder in Arrest abgeführt.

Nun begann der Auditeur seinen Vortrag. Er rekapitulirte kurz den Inhalt der Akten, aus denen klar hervorging, daß Szafranek die Absicht gehabt habe, sich dauernd seiner Dienstpflicht zu entziehen. Es war dies bewiesen durch die eigene Aussage des Angeschuldigten und die eidliche Vernehmung des Gendarmen. Zur Entschuldigung habe der Ageklagte weiter nichts als seine Dummheit anzugeben vermocht, die aber nach Aussage der Kameraden keineswegs so groß sein sollte, wie der Angeklagte selbst sie zu schildern versuche. Szafranek wäre ein beschränkter Mensch, wie dies aus Allem hervorginge, und er beantrage daher, mildernde Umstände anzunehmen. An dem Vergehen selbst werde dadurch aber nichts geändert, und dies müsse geahndet werden nach dem § 69 und 70 des Militärstrafgesetzbuches:

„Wer sich einer unerlaubten Entfernung in der Absicht, sich seiner gesetzlichen oder von ihm übernommenen Verpflichtung zum Dienst dauernd zu entziehen, schuldig macht, ist wegen Fahnenflucht zu bestrafen.

Die Fahnenflucht wird mit Gefängniß von sechs Monaten bis zu zwei Jahren bestraft. Neben dem wegen Fahnenflucht verwirkten Gefängniß ist auf Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes zu erkennen.

Er beantrage, den Angeschuldigten mit der geringsten Strafe, sechs Monaten Gefängniß und zweiter Klasse, zu belegen.”

Es folgte die klassenweise Berathung der Richter, und es entstand ein heftiger Streit und Meinungsaustausch. Das Gefühl, das Alle bewegte, war tiefes Mitgefühl für den Angeschuldigten, der durch sein offenes, ehrliches Wesen auf Alle einen äußerst günstigen Eindruck gemacht hatte. Wie kam der Mensch nur zu solcher furchtbaren Dummheit? War es nicht doch noch möglich, daß man sein Vergehen als „eigenmächtige Entfernung” deuten konnte? Aber der Auditeur verwies auf das Gesetz und den Schwur, zu richten ohne Ansehen der Person.

So wurde Szafranek dem Antrage gemäß verurtheilt.

Als der Auditeur nach Beendigung des Kriegsgerichts nach Hause ging, sagte er zu dem ihn begleitenden Major: „Die ganze Angelegenheit hätte im Sande verlaufen können. Viel hat der untersuchungführende Offizier versehen, er hätte die Sache mit Leichtigkeit so drehen können, daß der Angeschuldigte mit einigen Tagen Arrest davonkam. Oft fehlt es den jungen Herren an Erfahrung und Menschenkenntniß, durch übertriebene Strenge glauben sie zu nützen. Und doch bin ich fest davon überzeugt, daß der Offizier das Protokoll nach seiner gewissenhaftesten Überzeugung aufgenommen hat.”

Eine Woche später kam die Bestätigung des Erkenntnisses. Als es Szafranek bekannt gegeben wurde, taumelte er fast gegen die Wand. Sechs Monate Gefängniß, die er außer seinen zwei Jahren noch nachdienen mußte! Die Entehrung durch die Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes begriff er erst, als der Arrestaufseher ihm die Kokarde von der Mütze riß und ihm die Kopfbedeckung dann verächtlich vor die Füße warf.

Am nächsten Morgen fand ihn der Unteroffizier todt in seiner Zelle vor; aus seinem Betttuch hatte sich Szafranek einen Strick gefertigt und sich am Fensterkreuz erhängt.

Als die Kunde hiervon zu dem Regiment kam, wurde die Gelegenheit benutzt, die Soldaten über das Schimpfliche des Selbstmordes zu instruiren, damit war die Angelegenheit erledigt.


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© Karlheinz Everts