Der kleine Fähnrich.

Erzählung von Freiherr von Schlicht.
in: „Provinciale en Nijmeegsche courant” vom 24.9.1914 und
in: „Unsere Feldgrauen”


Warum das ganze Offizierkorps, vom Herrn Oberst angefangen, bis herab zum jüngsten Leutnant, ihn nur immer den „kleinen Fähnrich” nannte. Das klang doch beinahe beleidigend und verletzend, und wenn er es nicht gewußt hätte, daß sie es alle von ganzem Herzen gut mit ihm meinten, schon weil er so klein war und noch so kindlich und unschuldig in seiner ganzen Erscheinung und wenn sie es nicht auch schon deshalb so gut mit ihm gemeint hätten, weil sein inzwischen verstorbener Vater bei dem Feldzug 70 als Oberleutnant seinem jetzigen Regiment angehört und Gelegenheit gefunden hatte, sich vor dem Feind das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse zu holen — wenn er eben nicht schon als Sohn seines Vaters sich überall der größten Sympathie erfreute, und wenn er das nicht gewußt hätte, dann hätte er sich auf die Dauer selbstverständlich die Bemerkung „kleiner Fähnrich” unmöglich gefallen lassen dürfen. Gewiß, er war ja nur klein, er besaß kaum das Militärmaß, und wenn er sich nicht nach besten Kräften gestreckt und gedehnt hätte, um zu wachsen, während der Oberstabsarzt ihn maß, und wenn er nicht ein Auge zugedrückt und heimlich einen halben Zentimeter zugelegt hätte, weil in den Augen des jungen Menschen mit flammender Schrift geschrieben stand: ich will Offizier werden wie mein Vater und alle meine Verwandten, ich will, ich muß. Für mich traurig genug, daß meine Mutter sich nicht entschließen konnte, mich, ihren einzigen Sohn, in das Kadettenkorps zu geben, weil sie mich so lange wie nur möglich bei sich behalten wollte. Aber nun ist es damit vorbei, die verdammte Schule habe ich glücklich hinter mir, jetzt muß ich Soldat werden, wenn dieses Leben noch weiterhin einen moralischen und sittlichen Wert für mich haben soll. Wenn der Oberstabsarzt es nicht verstanden hätte, in diesen Augen zu lesen, dann wäre es trotz alller sehnlichsten Wünschen mit der Soldaten­herrlichkeit nichts geworden.

Nun aber war er Soldat, und schon lange, genau drei Monate. Und älter war er inzwischen auch geworden. Im Kasino hatte man seinen neunzehnten Geburtstag gefeiert. Der Herr Oberst und alle verheirateten Offiziere waren erschienen, ihm zu Ehren hatte ein richtiges Liebesmahl stattgefunden, die Regimentsmusik spielte bei Tisch, und während es sonst bei einer Geburtstagsfeier nur eine große Torte gibt, die für die Tischgesellschaft reichen muß, hatte es bei seinem Geburtstag zwei Torten gegeben, und die eine hatte er sich in seine Wohnung schicken lassen dürfen. Es war zu nett gewesen. Und der Herr Oberst hatte selbst — „höchst eigenhändig”, wie ein frecher Leutnant es nannte, das Hoch auf ihn ausgebracht und der Erwartung und Überzeugung Ausdruck gegeben, daß aus dem kleinen Fähnrich mit der Zeit ein ganzer Mann werden würde, der dem Regiment alle Ehre machte, im Frieden und wenn es sein müsse, auch im Kriege, wie sein verstorbener Vater.

Das mit dem Krieg aber war natürlich nur eine allgemeine Redensart gewesen, ebenso wie man doch nur der Form halber zu dem Fahneneid schwört, seinem Kaiser und König in Kriegs- und Friedenszeiten zu Wasser und zu Lande und wo es sonst auch immer sei treu zu dienen. Woher sollte wohl ein Krieg kommen? Das hatten die Herren Leutnants, bei denen er sich im weiteren Verlaufe des Liebesmahles erkundigte, auch nicht gewußt, sogar nicht einmal sein Hauptmann, an den er sich schließlich wandte, und der war doch so klug. Der war mit Auszeichnung zum Generalstabe kommandiert gewesen, und alle wußten, daß der bald für immer in den Generalstab zurückkommen würde. Nein selbst sein Hauptmann hatte ihm keine Auskunft zu geben vermocht und ihm schließlich zugerufen: „Ob und wann der Krieg kommt, weiß ich wirklich nicht, darauf möchte ich aber mit Ihnen wetten, ehe er kommt, sind Sie längst Hauptmann, wenn nicht gar Major, denn wer sollte es wohl heutzutage wagen, die Kriegsfackel zu entflammen.”

Da war der kleine Fähnrich ganz traurig in sich zusammengeknickt, denn wenn er das damals gewußt hätte, als er sich zum Diensteintritt meldete, wäre er vielleicht gar nicht erst Soldat geworden, denn der Gedanke, ewig als Friedensleutnant über die Exerzierplätze einherzustürmen, hatte natürlich für ihn wenig Verlockendes. Bis dann plötzlich, wohl weil es sein Geburtstag war, das Bild seiner Mutter vor ihm auftauchte, die ihr Lebens als Generalswitwe allein von ihrer Pension fristete und deren gütige Augen ihm zu sagen schienen: Mein lieber Junge, was sollte wohl aus mir werden, wenn es wirklich einmal zu einem schrecklichen Krieg käme und wenn ich dann dich in das Feld ziehen lassen müßte?

Da hatte er der Mutter zuliebe jede Hoffnung, daß es bald Krieg geben möchte, aufgegeben und es sich geschworen, gewissenhaft durch treueste Pflichterfüllung ebenso wie sein Kaiser alles zu tun, was in seinen Kräften stände, damit dem Lande der Friede erhalten bliebe. Die sicherste Gewähr für den Frieden war unsere Armee, je vollkommener die war, um so weniger würde jemand es wagen, uns anzugreifen, und er wollte daran mitarbeiten, daß unsere Armee immer vollkommener wurde und damit es Frieden bliebe, schon um seiner Mutter willen.

Bis dann doch eines Morgens nach atemloser Spannung der Krieg, nein, der Weltkrieg, entflammt war. Was das bedeutete, was das hieß, wurde dem kleinen Fähnrich eigentlich erst klar, als am Mittag der Herr Oberst seine Offiziere, zu denen auch er sich gesellen mußte, um sich versammelte, um sie alle auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen und der felsenfesten Erwartung Ausdruck zu geben, daß ein jeder von ihnen in dem bevorstehenden Riesenkampfe zu kämpfen und zu sterben wisse wie ein Held. Und dann war der Herr Oberst plötzlich auf ihn, den kleinen Fähnrich, zugetreten, hatte ihm die Hand auf sein dichtes, blondes Haar gelegt, und es war dem kleinen Fähnrich so vorgekommen, als hätte die sonst so strenge Stimme des Vorgesetzten ganz weich und zärtlich geklungen, als er ihn nun fragte:

„Na und Sie, kleiner Fähnrich, werden auch Sie mit Ihren neunzehn Jahren für das Vaterland zu sterben wissen, wenn es sein muß?”

Wenn der Herr Oberst sonst eine väterlich wohlwollende Frage an ihn richtete, pflegten die herumstehenden Offiziere sonst immer leise zu lächeln und neugierig auf die Antwort zu warten, die er, der Fähnrich, gab, weil sie es als selbstverständlich voraussahen, daß er eine Dummheit sagen würde. Aber diesesmal lächelte keiner, der kleine Fähnrich sah es ganz genau, ja er bemerkte sogar, daß aller Augen ernst und feierlich auf ihn gerichtet waren, gewiß, weil sie alle neugierig sind, was ich antworten werde, hatte er gedacht, und so rief er denn so hell und freudig, wie er es mit seiner Jünglingsstimme vermochte: „Zu Befehl, Herr Oberst, auch ich werde zu sterben wissen!”

Da sah der Kommandeur ihn an mit Augen, die so weich und gütig waren wie nie zuvor. Ja noch mehr, er streichelte ihm sogar die Wangen, um dann nach einer kleinen Pause zu sagen: „Wenn Sie wirklich fallen sollten, kleiner Fähnrich, dann würden wir Sie niemals vergessen und Ihnen stets ein treues Gedenken bewahren, vorausgesetzt natürlich, daß wir selber wieder nach Hause kommen.”

*         *         *

Dann kamen Tage der größten Unruhe, die Mobilmachung brachte für jeden einzelnen unendlich viel Arbeit, auch für ihn, denn er war, weil es in den Krieg ging, Gefreiter und Korporalschaftsführer geworden, da hatte er nicht nur für sich, sondern auch für seine Leute die Sachen zu empfangen und zu verpassen. Er wußte kaum, wo ihm der Kopf stand, und er fand nicht einmal Zeit, seiner Mutter eine Nachricht zu geben. Erst als die ihm einen langen Brief geschrieben hatte, sandte er ihr ein paar Zeilen: „Meine liebe Mutter, ich habe Deinen Brief erhalten, aber ihn noch nicht gelesen und werde es auch jetzt nicht tun. Ich weiß ja ohnehin, was er enthält, die Klagen und den Jammer Deines Mutterherzens und zahlreiche gute Wünsche, daß ich heil und gesund wiederkommen möge. Aber darfst Du das eigentlich wünschen, Mutter, wo ich doch schon in der Schule gelernt habe: nichts ist so süß, als für das Vaterland zu sterben? Und wenn ich Deinen Brief jetzt lese, Mutter, dann könnte der mich vielleicht weich stimmen, und vielleicht könnte ich dann mit Dir diesen unglückseligen Krieg, wie Du ihn sicher nennst, verwünschen. Ich könnte schwach werden wie Du, Mutter, denn ich bin doch noch jung, ich habe Dich doch über alles lieb, und mein Charakter und meine Ansichten sind doch noch nicht gefestigt, eben weil ich noch jung bin. Und ich freue mich doch so auf den Krieg, Mutter. Die Freude darfst Du mir nicht rauben, deshalb lese ich Deinen Brief jetzt nicht. Aber ich nehme ihn mit in den Krieg, ich werde mir eine kleine Tasche aus Wachstuch kaufen und ihn in der bei mir tragen, damit nicht etwa der Regen auf dem Marsch oder im Biwak die Schrift Deiner geliebten Hand verwischt. Und wenn wir dann unser erstes Gefecht hinter uns haben, Mutter, wenn wir als Sieger in das Feindesland eingedrungen sind, wenn ich erst die Freuden des Krieges in Wirklichkeit kennenlernte, wenn ich es erst gelernt habe, der feindlichen Kugeln zu lachen und zu spotten, wenn ich erst aus Erfahrung weiß, wie schön es ist, für das Vaterland zu kämpfen, dann, Mutter, will ich in der ersten freien Stunde Deinen Brief lesen, und ich will ihn dann noch oft lesen.”

Aber der kleine Fähnrich hat gar keine Zeit gefunden, den Brief auch nur ein einzigesmal zu lesen. Gleich zu Beginn der Kämpfe an der französischen Grenze wurde er mit einer Patrouille gegen den Feind vorgeschickt. Schon hatte er sich seines Auftrages erledigt und wollte sich mit seinen Leuten zurückziehen, als er sich von einer stärkeren feindlichen Abteilung umzingelt sah. Zweierlei gab es nur, entweder mußte er sich gefangennehmen lassen, oder — und während er noch einen Augenblick zögerte, ob er den aussichtslosen Kampf gegen die vielfache Übermacht, der ihm und seinen Leuten den sicheren Tod brachte, aufnehmen solle, da glaubte er ganz plötzlich die Stimme seines Kommandeurs zu hören, der ihn fragte: „Und Sie, kleiner Fähnrich, werden auch Sie für das Vaterland zu sterben wissen, wenn es sein muß?”

Da wußte er, was er zu tun hatte, ja, noch mehr, er schämte sich vor sich selbst und vor dem Regiment, dem er anzugehören die Ehre hatte. Wie hatte er auch nur den kleinen Bruchteil einer Sekunde zögern können, wie war es möglich gewesen, auch nur für einen kurzen Atemzug bei der Wahl zwischen Leben und Tod zu schwanken?

Das begriff er jetzt selbst nicht mehr, und so hell und freudig, so jauchzend und so jubelnd wie nie zuvor auf dem Exerzierplatz oder bei einer Felddienstübung gab er das Kommando zum Feuern.

Wenige Tage später stand auch sein Name auf der amtlichen Totenliste, aber keiner von denen, die es lasen, nicht einmal seine Mutter, ahnte, wie viele Kugeln ihn getroffen und verwundet hatte, bis er endlich mit einem stolzen und glücklichen Lächeln auf den Lippen sein junges Leben aushauchte.


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