Exzellenz.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Indiana TribŁne” vom 30.1.1906,
in: „Das Manöverpferd”,
in: „Der schwerfällige Major” und
in: „Aus Heer und Marine”


Es ist im Manöver, noch dazu an einem der letzten Tage. Die Korpsmanöver sind im vollen Gange und das ganze Armeekorps kämpft gegen einen markierten Feind — der älteste Divisions­kommandeur führt heute. Seine Exzellenz der kommandierende General schwebt als kritisierender Engel über dem Ganzen — allen Beteiligten wäre es lieber, wenn er in jenen lichten Höhen schwebte, wo es selbst für einen Kommandierenden nichts mehr zu kritisieren gibt.

Auf einer Anhöhe hält Seine Exzellenz der Herr Divisions­kommandeur und schaut hinab auf das Getümmel zu seinen Füßen. Das Gefecht ist im vollen Gange, und wenn er Glück hat und wenn er stärker ist als der Feind und wenn sein Angriffsbefehl richtig ist und wenn seine Unterführer keine Dummheiten machen, und überhaupt, wenn es kein „Wenn” gäbe, müßte er nach seiner Meinung den Sieg davontragen. Und er wird siegen, eine innere Stimme sagt es ihm, vorausgesetzt, daß kein Mensch eine Dummheit macht. Er selbst wird wohl in Gegenwart des Kommandierenden keine machen.

„Jetzt können wir wohl einen Augenblick absitzen?” meint Exzellenz zu seinem Adjutanten gewendet, „wir wollen hier die Entscheidung abwarten, hier haben wir die beste Übersicht und hier sind wir auch für die Meldereiter am leichtesten zu finden.”

Der Vorschlag, abzusteigen und sich die Beine etwas zu „vertreten”, findet allgemeinen Beifall und man läßt dem Vorschlag Seiner Exzellenz die Tat folgen.

Mit seinem Fernrohr sucht Exzellenz das ganze Gelände ab und plötzlich scheint ihm etwas Besonderes aufzufallen.

Er faßt das Glas mit beiden Händen, um es ruhiger halten und besser sehen zu können, dann sagt er: „Meine Herren, bitte, sehen Sie einmal nach der Ostecke dieses kleinen Gehölzes — das scheint mir da eine Kompagnie zu sein, die die Gewehre zusammengesetzt hat.”

Diese Beobachtung entspricht der Wirklichkeit und zeugt somit in gleichem Maße von der Schärfe des Verstandes Seiner Exzellenz wie von der Schärfe seines Glases.

Wenn der Exzellenz etwas auffällt, müssen die Adjutanten reiten, das ist eine alte Geschichte — so heucheln die Begleiter Seiner Exzellenz denn größte Teilnahmslosigkeit. Eben vom Pferd herunter, verspüren sie nicht die geringste Neigung, wieder in den Sattel zu steigen.

„Welche Kompagnie meinen Exzellenz? Ach die da, na, das wird schon nichts auf sich haben.”

„Nein, Exzellenz,” pflichtete der zweite bei, „das hat nichts auf sich.”

„Ich erkenne deutlich den Hauptmann Aberg,” sagt der erste wie der dritte, „da können Exzellenz ganz ruhig sein, der macht keine Dummheiten, der wird schon seinen guten Grund haben, so zu handeln, das ist ein durch und durch tüchtiger Offizier.”

Das Wort hätte nicht fallen dürfen.

„Gerade weil er ein durchaus tüchtiger Offizier ist, möchte ich gerne wissen, was er da macht. Ich bitte einen der Herren, einmal hinzureiten und sich zu erkundigen.”

Das kommt davon!

Die Adjutanten sehen sich gegenseitig an; laut sagt es keiner, aber in Gedanken sagt es der eine zu dem anderen: „Reite du!”

Aber weder der eine noch der andere hat Lust und das ist dasselbe, als wenn beide keine Lust hätten.

„Nun, meine Herren?” fragt seine Exzellenz, „wer von Ihnen reitet?”

Hinter dem Rücken Seiner Exzellenz holt der eine Adjutant ein Geldstück aus der Tasche und hält es hoch. Der andere weiß, was das bedeutet, sie wollen ausraten, wer reiten soll — schnell hebt er drei Finger der rechten Hand in die Höhe, damit andeutend, daß nach seiner Meinung die auf der Münze eingeprägte Zahl ungerade ist — sein Kamerad, der natürlich das Geldstück nicht angesehen hat, hebt vier Finger hoch.

Ungerade verliert, er winkt den Burschen herbei und galoppiert gleich darauf davon.

Nach ungefähr fünf Minuten hat er die Kompagnie erreicht; der Hauptmann kommt ihm entgegen: „Was bringen Sie mir?”

„Wie gewöhnlich, Unsinn. Exzellenz läßt fragen, warum Sie hier halten und die Gewehre zusammengesetzt haben?”

„Der Major Cedorf hat's befohlen.”

Na, dann ist ja alles in Ordnung. Dann kann ich ja wieder nach Haus reiten. Morgen, Herr Hauptmann.”

„Kognak gefällig?”

„Rotwein wäre mir lieber.”

„Können Sie alles haben. Mei—er!”

„Herr Hauptmann.”

Der Gefreite Meier, der als persönliche Ordonnanz des Herrn Hauptmann statt des Gepäcks in seinem Tornister diverse Rotweinflaschen spazieren trägt, erscheint und bietet dem Adjutanten die Flasche an.

„Prosit, meine Herren.”

Die Leutnants der Kompagnie sterben beinahe vor Wonne, als der Generalstabs­offizier ihnen zutrinkt — es gibt Leute, die sich glücklich schätzen, wenn die Vorgesetzten ihnen den letzten Tropfen vor der Nase austrinken, ja, sie murren sogar nicht, wenn sie infolgedessen selbst beinahe verdursten.

Solche Leute nennt man „hervorragende Untergebene” und nur „hervorragende Untergebene” machen Karriere.

Endlich hat der Adjutant die Rotweinflasche leer getrunken — da er sich schämt, alles ausgetrunken zu haben, schüttelt er allen, sogar dem Fähnrich die Hand, und der Fähnrich denkt: „Nun kann es dir nicht fehlen, jetzt wirst du sicher General.”

Wenig später hält der Adjutant wieder neben Seiner Exzellenz. „Befehl ausgeführt.”

„Nun?”

„Die Kompagnie handelt gemäß dem direkten Befehl des Herrn Major Cedorf.”

„Schön, sehr schön,” sagt Exzellenz, „dann ist ja alles in bester Ordnung.”

Der Adjutant schwingt sich aus dem Sattel, und da es augenblicklich gar nichts zu tun gibt, fühlt er sich verpflichtet, Seiner Exzellenz einen Manöverwitz zu erzählen: „Wissen Euer Exzellenz, warum es heutzutage nicht mehr staubt, wenn unsere Granaten in den Erdboden einschlagen?”

„Nun?”

„Weil wir heute nur noch mit ,Sprenggranaten' schießen.”

Exzellenz krümmt sich vor Schmerzen bei diesem oberfaulen Witz, den man nur im Freien erzählen kann, und sieht den Adjutanten strafend an. Der will, angefeuert durch den Erfolg und durch die Flasche sauren Rotweins, die er „intus” hat — sauer macht lustig! — noch einen zweiten Witz zum besten geben, aber Exzellenz winkt ab, ihn beschäftigen andere, wichtigere Gedanken.

Sinnend blickt Exzellenz vor sich hin.

Leise ziehen die Adjutanten sich zurück, ihnen schwant nichts Gutes.

„Sonderbar,” spricht Exzellenz, „der Major von Cedorf ist doch sonst ein ganz verständiger Offizier, ich begreife gar nicht, wie er dazu kommt, dem Hauptmann Aberg einen solchen mir vollständig unverständlichen Befehl zu geben. Er muß sich doch irgend etwas dabei gedacht haben?”

Die Adjutanten ziehen sich noch weiter zurück, ihnen schwant Unheil.

Exzellenz sieht sich um, und sofort treten die Adjutanten, wenn auch nur zögernd, wieder einen Schritt vor, und dann noch einen.

„Meine Herren,” sagt Seine Exzellenz, „ich möchte einen von Ihnen bitten, einmal zu Herrn Major von Cedorf zu reiten und ihn zu fragen, aus welchem Grunde er der Kompagnie befohlen hat, zu halten und die Gewehre zusammenzusetzen.”

Schnell bückt sich der eine Adjutant und pflückt zwei Grashalme: „Lang verliert, kurz bezahlt, welchen wollen Sie haben?”

„Kurz,” lautet die Antwort.

„Na, dann reiten Sie mit Gott, verlieren mußten Sie immer; daß Sie darauf aber auch noch hineinfallen!”

Der hineingefallene Adjutant reitet von dannen und bringt bald darauf die Meldung zurück, der Herr Oberst hätte dem Herrn Major befohlen, der Kompagnie zu befehlen, daß sie halten bliebe und die Gewehre zusammensetzte.

„Schön, sehr schön,” sagt Exzellenz, „dann ist ja alles in bester Ordnung.”

„Das will mir auch so scheinen,” denkt der Adjutant. „Hoffentlich beruhigt sich nun dein Gemüt, zweimal habe ich nun schon wegen nichts und wieder nichts reiten müssen. Offen und ehrlich gestanden habe ich nun keine Lust mehr.”

Aber auf die Lust, die die Untergebenen haben oder, richtiger gesagt, nie haben, kommt es beim Militär nicht an. Es handelt sich stets nur um das, was die Vorgesetzten wollen, und das ist ja eben das Unglück — für die Untergebenen. Den meisten Soldaten wäre wohler, wenn sie als Vorgesetzte geboren wären — am wohlsten wäre ihnen, wenn sie überhaupt nicht geboren wären.

Exzellenz betrachtet sinnend das Kampffeld. Die Entscheidung mußte jeden Augenblick erfolgen. Die Infanterie gibt schon seit einigen Minuten ihr Schnellfeuer ab, die Kanonen donnern lauter und lebhafter denn je, man hört das Hurra der attackierenden Kavallerie und das Zusammenbrechen einer von den Pionieren erbauten Brücke. Die Schlacht nähert sich ihrem Ende — und immer noch liegt die Kompagnie am Waldrand im tiefsten Frieden! Man hört es nicht, aber man sieht es fast, wie die Leute schnarchen — der Anblick macht Seine Exzellenz nervös, vollständig nervös.

„Ich verstehe es nicht, ich verstehe es absolut nicht, meine Herren,” spricht er zu seinen Adjutanten, „wie der Herr Oberst dazu kommt, der Kompagnie einen derartigen mir völlig unverständlichen Befehl zukommen zu lassen! Er muß doch irgendeinen Grund hierfür haben? Ich bitte einen der Herren, einmal zu dem Herrn Oberst hinzureiten und ihn zu fragen, wie er zu einem derartigen Befehl käme. Sagen Sie dem Herrn Oberst, daß ich sehr ungehalten wäre, betonen Sie ihm gegenüber, bitte, das Wort ,sehr'!”

Ein flehender Blick des Adjutanten, der schon zweimal geritten ist, bewegt seinen Kameraden. Er steigt freiwillig zu Pferde und kehrt bald darauf mit der Meldung zurück, daß der Herr Brigade­kommandeur dem Herrn Oberst befohlen habe, eine Kompagnie dort am Waldrand zurückzulassen. „Schön, schön,” spricht Exzellenz, dann ist ja alles in bester Ordnung — aber nein,” braust er plötzlich auf, „es ist nicht alles in bester Ordnung, das ist ja eine tolle Wirtschaft! Wie kann der Herr General den ganzen Vormittag eine ganze Kompagnie so untätig am(1) Gehölz liegen lassen, das ist ja unerhört! Was denkt er sich denn dabei? Bitte, reiten Sie einmal zu dem Herrn General hin und fragen Sie ihn, wie er zu solchem Befehl käme. Sie aber,” wendet er sich an seinen zweiten Adjutanten, „reiten Sie in Karriere zu der Kompagnie am Waldrand und überbringen Sie ihr meinen strikten Befehl, unverweilt in den Gang des Gefechts einzugreifen.”

Die Adjutanten jagen davon, bald kommt der eine, der der Kompagnie den Befehl überbracht hat, zurück, der andere läßt durch einen Meldereiter sagen, er habe den Herrn Brigade­kommandeur noch nicht gefunden, aber er werde ihn weiter suchen.

Und dann auf einmal, unvermutet und unerwartet, das Signal „Halt”.

Das Gefecht ist zu Ende.

„Die Herren mit dem langen Säbel.”„

Es wird zur Kritik geblasen.

Um seine Exzellenz den kommandierenden General, der mit seinem Stabe auf einem Hünengrabe hält, versammeln sich alle berittenen Offiziere. Sogar ein Sanitätsoffizier, der bei der Kritik absolut nichts zu suchen hat, sprengt, großes Interesse heuchelnd, heran, aber Exzellenz bittet ihn, wieder zu verschwinden.

„Besten Dank, Herr Stabsarzt, noch brauchen wir Ihre Hilfe nicht.”

„Und wenn wir abgeschlachtet sind, kann sie uns nichts mehr nützen,” denkt so mancher.

Etwas verlegen reitet der Stabsarzt auf seinem „Medizinpferd” wieder von dannen, und der Kommandierende ergreift das Wort: „Meine Herren, bevor ich auf den Verlauf des heutigen Gefechts eingehe, möchte ich einen Punkt berühren, der mich in das höchste Erstaunen gesetzt und zum Abbruch(2) des Gefechts verleitet hat. Herr Hauptmann Aberg!”

„Euer Exzellenz?”

„Aha,” denkt der Divisionskommandeur, „nun wird es Tag. Jetzt wird Exzellenz den Hauptmann fragen, wer ihm den geradezu blödsinnigen Befehl gegeben hat, den ganzen Vormittag dort am Waldesrand zu faullenzen, und dann wird der Briagde­kommandeur gehörig etwas auf den Kopf bekommen. Dieser törichte Befehl bestärkt mich von neuem in meiner Ansicht, daß der General keine Division bekommen kann, es fehlt ihm an den nötigen geistigen Fähigkeiten und ohne die geht es nun einmal nicht.”

„Herr Hauptmann,” fährt der Kommandierende fort, „wie kommen Sie dazu, den Platz am Waldessaum, den ich Ihnen angewiesen habe, zu verlassen, ohne meinen Willen und ohne mein Wissen?”

„Um Gottes — willen!”

Der Divisionskommandeur hält die Hand vor den Mund, aber es ist zu spät, die Worte sind ihm entschlüpft. Er wünscht sich weit, weit fort.

Verwundert sieht der Kommandierende auf: „Wollen Exzellenz mir diesen Ausruf nicht etwas näher erklären?”

„Gewiß, gewiß, Euer Exzellenz,” stottert der Divisionär. „Ich bitte Eure Exzellenz um Verzeihung, ich selbst gab dem Herrn Hauptmann den Befehl, in das Gefecht einzugreifen, ich wußte nicht, daß Eure Exzellenz —”

„Wie, das wußten Sie gar nicht, Exzellenz, daß ich mir die Kompagnie zu meiner Verfügung hatte reservieren lassen? Ich sandte Ihnen zweimal eine diesbezügliche Meldung.”

„Ich habe keine erhalten, Euer Exzellenz.”

„Das ist ja unerhört,” donnert der Kommandierende, „da scheint mir denn aber doch das Meldewesen in Ihrer Division sehr mangelhaft zu sein, Euer Exzellenz, und ich muß sehr bitten, diesem äußerst wichtigen Dienstzweig in Zukunft, solange Euer Exzellenz noch die Ehre haben, die Division zu führen, die allergrößte Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn schon im Manöver das Meldewesen nicht funktioniert, möchte ich nur wissen, wie das im Kriege werden soll. Wollen Euer Exzellenz mir vielleicht sagen, wie Sie sich das im Ernstfalle denken?”

Einen Augenblick denkt der Divisionskommandeur nach, dann sagt er: „Ich denke —”

„Das ist's ja eben,” braust der Kommandierende auf, „da wird immer gedacht und gedacht, aber das, was die Herren sich ausgedacht haben, wird nicht in die Tat umgewandelt! Weniger Theorie, meine Herren, mehr Praxis, das ist die ganze Sache.”

Wohl noch eine halbe Stunde kritisiert der Kommandierende das Verhalten Seiner Exzellenz — aber der hört gar nicht mehr zu. Die Augen des Herrn Divisions­kommandeurs starren auf die Erde vor den Hufen seines Pferdes, und plötzlich ist ihm, als ob(3) die Erde sich öffnete, er sieht ein frisch geschaufeltes Grab und daneben steht als Totengräber, mit dem Spaten in der Hand, der Kommandierende.

Arme Exzellenz, du tust mir leid, du bist verhältnismäßig noch jung, und ich ließe dich gerne noch am Leben, aber es geht nicht, „im Interesse des königlichen Dienstes erscheint es wünschenswert”, daß du hineinsteigst in das Grab, das man dir gegraben. So zieh den bunten Rock aus und hänge ihn in den Schrank — vergiß aber nicht, Kampfer in die Rocktaschen zu stecken, damit die Motten nicht hineinkommen — und dann ruhe aus von deinen Heldentaten. Auch als Zivilist lebt es sich ganz gut, besonders wenn man, wie du, nichts zu tun hat und eine große Pension bezieht.


Fußnoten:

(1) In der Fassung des Bandes „Das Manöverpferd” heißt es: „dort am Gehölz”. (zurück)

(2) In der Fassung des Bandes „Das Manöverpferd” heißt es: „zum plötzlichen Abbruch”. (zurück)

(3) In der Fassung des Bandes „Das Manöverpferd” heißt es: „als wenn”. (zurück)


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© Karlheinz Everts