"Ein Erziehungsresultat.”

Von Graf Günther Rosenhagen.

aus: Deutsche Lesehalle, Nr. 17, 23. April 1893

Wir hatten uns wie jeden Abend um sechs Uhr an unserem kleinen Tisch am Fenster des Café Bauer versammelt. Unsere Erlebnisse und Abenteuer der letzten vierundzwanzig Stunden waren ausgetauscht, nun sahen wir hinaus auf die Linden. Aber es war ein wenig erfreulicher Anblick! In dichten Strömen fiel der Regen zur Erde nieder, mit hochgenommenen Röcken und aufgeschlagenen Beinkleidern, die Schultern in die Höhe gezogen und das Gesicht hinter dem Regenschirm versteckt, zogen die Spaziergänger vorüber. Die Droschken erster jagten wie toll einher, während selbst die Regenschauer die Droschken zweiter Güte zu keinem eiligeren Tempo zu bringen vermochten Wir wandten unseren Blick zurück von den Gummischuhen und Regenmänteln, setzten uns behaglich in unsere Stühle zurück, bestellten noch einen Kaffee schwarz und schauten sinnend den blauen Wolken unserer Cigarren nach, die in zierlichen Ringen in die Höhe stiegen.

„Ja, es ist sonderbar,” sagte endlich der alte Kratzwitz, ein pensionirter Major, und sprach aus unser aller Seele, „wie solch ein Mund voll Qualm dem Menschen genügt, um nie das Gefühl der Langenweile bei ihm aufkommen zu lassen. Tabak hilft über Alles hinweg und ersetzt dem Raucher die höchsten Güter der Welt. Will Ihnen mal eine Geschichte von der Macht des edlen Krautes erzählen. Bekommen Sie keinen Schrecken, aber sie hat drei Vorzüge vor vielen anderen ihrer Art, sie ist kurz, wahr und hat Pointe,”

„Na, denn mit Gott, Sie alter Geschichtenerzähler. Kellner, einen Cognac.”

„Vor langen Jahren, als ich noch als junger Lieutenant im bunten Rock das Entzücken aller kleinen Mädchen bildete, die mich, wäre ich ein simpler Civilist gewesen, natürlich nie auf ihrer Tanzkarte geduldet hätten, war ich eines Tages zu einem Verhör als militärischer Beisitzer kommandirt, d. h. ich mußte während einer voraussichtlich stundenlangen Untersuchung mit der glänzenden Schärpe um den hungernden Magen versuchen, mich wach zu halten, und darauf achten, daß der Auditeur auch wirklich das niederschrieb, was die Angeklagten aussagten. Wie Sie hieraus ersehen, eine ebenso interessante wie mühevolle Beschäftigung. Es handelte sich bei jener Untersuchung um Durchstechereien, die zwischen den Gefängnißinsassen und den Wach­mannschaften unseres Regiments vorgekommen waren. Die Arrestanten hatten aus ihren Fenstern Geldstücke hinausgeworfen, und die Posten hatten dafür, wenn sie das nächste Mal wieder aufzogen, Tabak und Cigarren mitgebracht. Durch einen Zufall war dieses die Grundvesten der Welt erschütternde Vergehen ans Tageslicht gekommen, es wurde die strengste Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen angeordnet und unser stellvertretender Auditeur, der Assessor Kremmann, mit der Angelegenheit betraut.

Alle Gefangenen mochten erleichtert aufatmen, als sie erfuhren, in wessen Händen ihre Sache ruhte, denn nie hat es auf der weiten Welt einen untüchtigeren Beamten gegeben, dessen einzige Größe darin bestand, jeden Morgen einen furchtbaren Kater zu besitzen, der ihm selbst die Erforschung der einfachsten Sachen zur Unmöglichkeit machte und ihn veranlaßte, stets wenigstens eine Stunde zu spät zu kommen. Mit der obligaten Verzögerung erreichten wir die wohl eine Meile von der Stadt entfernte Strafanstalt, vor der ein Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr ruhelos auf- und abwandelte. Wir schritten durch das Portal und über den von hohen Mauern umgebenen Hof in das Hauptgebäude, auf dessen Flur wohl etwa sechzehn Gefangene, von mehreren Wärtern bewacht, unser harrten. In dem Gerichtszimmer fanden wir auch schon unsere schuldigen Soldaten vor, behütet von drei riesigen Gefreiten, die, das geladene Gewehr zwischen den Knieen, behaglich in den bequemen Lehnstühlen des Herrn Direktors saßen.

Zunächst wurden sämmtliche Angeklagten vorgeführt und ihnen in längerer Rede auseinandergesetzt, daß sie sich vor Gericht befänden, daß jedes Wort, das sie sprächen, die lautere Wahrheit sein müßte, wenn sie nicht – – hier wurde die Stimme des Untersuchungsrichters undeutlicher und glich nur noch einem Gemurmel, denn bekanntlich können Lügen vor Gericht nicht bestraft werden, das brauchten die Sünder ja aber nicht zu erfahren. Ich besah mir inzwischen die Schuldigen, lauter Knaben und junge Männer zwischen 16 und 20 Jahren, die in ihren einfachen blauen Anzügen und dem um den Hals geschlungenen wollenen Tuch einen sehr netten, ordentlichen Eindruck machten, zumal es meistens offene und nach meiner Meinung ehrliche Gesichter waren, die mit großen Augen ruhig auf uns blickten.

Das Verhör begann. Einzeln wurden die Leute vernommen und ihre Aussagen zu Protokoll gebracht, und da lernte man die jungen Burschen näher kennen. Nichts als Falschheit, Bosheit und Lüge. Das Blaue vom Himmel logen sie herunter mit einer Unverfrorenheit und Frechheit, die jeder Beschreibung spottete. Der wollte überhaupt von der ganzen Sache nichts wissen, dieser wollte es von einem Andern gehört haben, daß Jener zu einem Vierten, der nun aber schon entlassen sei, einmal gesagt hätte, es sollten Durchstechereien vorgekommen sein. Es war gar nichts aus den Schlingeln herauszubekommen, mir schwindelte der Kopf. Ich saß nun schon seit vier Stunden auf demselben Stuhl und sah zu, wie der Assessor regelmäßig, wenn er eine neue Seite anfing, fünfundzwanzig Mal zurückschlug, um sich das letzte Wort wieder einzuprägen, und dann endlich etwas Neues schrieb, um es zwölf Mal wieder durchzustreichen.

„Geben Sie mir eine Viertelstunde Urlaub, Herr Assessor,” bat ich, „lassen Sie mich ein paar Mal draußen um den Rasenplatz laufen und mich an einer Cigarre erfreuen, ich halt's nicht mehr aus.”

Im Hof setzte ich mich auf eine Bank und zündete mir einen Tabak an, ein edles Kraut, das mir alle Sorgen verscheuchte und es mir sogar ermöglichte, über die Langweiligkeit der Verhandlungen zu lachen. Aber nein, ich wollte nicht leichtsinnig sein, getheilte Freude ist doppelte Freude, ich wollte jetzt nur eine halbe Cigarre rauchen, und nachher, wenn eine höhere Macht endlich das Ende des Verhörs herbeigeführt hätte, die andere Hälfte. Ich sah nach der Uhr, fast eine halbe Stunde hatte ich auf der Bank gelegen und Betrachtungen darüber angestellt, mit welch sehnsüchtigen Blicken die Gefangenen wohl manchmal über die Mauern hinaus in die schöne Welt blickten, die ihnen Alles zu bieten vermag, wonach das Herz sich sehnt: „Stellung, Verdienst und Liebe.”

Ich trat wieder ins Zimmer und legte meine angerauchte Cigarre auf die Fensterbank. Der Assessor, dem die Sache auch wohl zu langweilig geworden war und der einsehen mochte, daß er doch zu keinem Resultat kommen würde, hatte sich von seinem Platz erhoben und hielt eine donnernde Philippika:

„Nie und nimmer, das sage ich Euch, werdet Ihr wieder nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden, wenn Ihr Euch nicht das verderblichste aller Laster, das Tabakrauchen” – er selbst verqualmte täglich mindestens ein Dutzend Cigarren – „abgewöhnen werdet. Ihr wißt, daß es für Euch verboten ist, hier zu rauchen, statt dessen bestecht Ihr die Soldaten und laßt Euch heimlich Cigarren besorgen. Was ist die Folge? Eure Helfer werden hart bestraft, und Ihr werdet Jeder zwölf Tage hindurch Kostentziehung erdulden. Zwölf Tage werdet Ihr für Euren sündhaften Leib keine genügende Nahrung erhalten und hungern und dürsten müssen, bis Euch Eure verderblichen Neigungen und Gelüste ausgetrieben sind. Ihr sollt fasten, bis Euch die Einsicht kommt, daß Ihr unwerth seid der Gnade und Liebe, die man an Euch verschwendet, und daß Ihr Strafe verdient.”

Uns allen schauderte, so hatte er noch nie gesprochen, und den Gefangenen wurde bei dem Gedanken an die bevorstehende Hungerkur, die übliche Strafe, gar weich ums Herz. Mit vollständig zerknirschten Mienen standen sie vor uns, Einige weinten, Andere bissen die Zähne zusammen, um ihre Rührung zu verbergen, sie waren getroffen bis in ihr innerstes Herz.

„So, nun geht, aber versprecht mir vorher, daß Ihr nie wieder rauchen wollt.”

Sie gelobten es mit feierlichem Versprechen und gingen dann einzeln hinaus.

Erschöpft war der Assessor auf seinen Stuhl zurückgesunken: „Habe ich das nicht fein gemacht? Ich habe zwar nicht viel erreicht, aber das schadet nichts, das Bewußtsein, sie vor dem verderblichen Einfluß des Tabaks gerettet zu haben, entschädigt mich für den anscheinenden Mißerfolg.” Er packte seine Akten zusammen: „Glauben Sie mir, die rauchen in ihrem ganzen Leben nicht wieder! Es kommt nur darauf an, daß man es versteht, Menschen zu erziehen; ein paar einleuchtende, wirkungsvolle Worte haben schon Manchen zur Umkehr gebracht.”

Ich hatte inzwischen Mantel und Helm ergriffen und näherte mich der Fensterbank. Einen Augenblick war ich sprachlos, dann gingen wir heimwärts.”

Der Major hatte sich erhoben und rüstete sich zum Aufbruch. Erstaunt sahen wir ihn an.

„Aber, Herr Major, die Pointe?”

„Ach so, ja, die hätte ich beinahe vergessen.”

„Nun, wo ist die Pointe?”

„Elende, das fragt Ihr noch? Da, wo meine gesuchte Cigarre war!”

„Und wo war die?”

„Weg, gestohlen. Das Erziehungsresultat einer fünfstündigen Untersuchung.”


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© Karlheinz Everts