Der Erlösungsschuß.

Von Freiherr v. Schlicht.
in: „Das kleine Journal” Nr. 260 vom 20.Sept. 1897 und
in: Seine Hoheit


Es giebt viele Dinge, mit denen es, obgleich sie Einem gar nicht gehören, eine „eigene” Sache ist. Das ist klarer als ein Topf voll dicker Ebsen, von denen ein richtiger Soldatenmagen pro Tag zwölfe zu sich nimmt, weil er bei einem Dutzend den dreizehnten frei hat. Doch nicht davon wollte ich sprechen, sondern ich wollte die Wahrheit der im ersten Satz aufgestellten Behauptung beweisen. Von den vielen Beweisen, die ich anführen könnte, nur einen: ich kenne eine junge Dame, die die Leidenschaft hat, sich zu schmücken, sie hat eine Vorliebe für exotische Thiere, mit denen sie ihre Hüte und Kleider „garnirt”. Eines Tages aber war ihr nichts mehr exotisch genug. Und was that sie da? Sie ging nach dem Zoologischen Garten, stahl den Hippopotamus, steckte ihn heimlich in eine eigens dazu mitgebrachte Tasche, nahm ihn mit nach Haus und trug ihn fortan an einem blauen Seidenband um den Hals.

Jeder wird mir zugeben, wenn er mir nicht widerspricht — und ich bitte ihn, dies nicht zu thun — daß dies entschieden eine „eigene Sache” war.

Eine „eigene Sache” ist auch der Erlösungsschuß.

Eine jede Schlacht, ganz egal, ob sie kurz oder lang, falsch oder richtig ist, besteht aus drei Theilen: der Einleitung, Durchführung und Verfolgung. Die Einleitung, das Aufklären des Geländes, das Aufsuchen des Feindes, ist Sache der Kavallerie — haben sie ihn,den bösen Feind, so kommen Infanterie, Kavallerie und Artillerie, um ihm was in die Jacke zu geben — und hat er was aufs Fell bekommen und läuft er weg, so wird er verfolgt. Haben wir aber die Keile bekommen, so verfolgt er uns. Verfolgt wird immer.

Wer zuerst kommt, ist, wie schon Alcibiades in einem Gespräch mit Rampsenit sehr richtig bemerkte, der Erste, und wer zuerst den Gegner gefunden hat, der schießt zuerst, damit er durch sein Feuer den Feind zum Halten und zur Entwicklung zwingt. Unangenehme Wesen muß man sich möglichst weit vom Leibe halten, sind diese Wesen vier- und mehrbeinig, so nützt zuweilen, leider aber auch nicht immer, Insektenpulver, sind die unangenehmen Wesen zweibeinig oder einbeinig, so bedient man sich im Felde — im Frieden ist es ja leider nicht erlaubt — zu ihrer Fernhaltung (man kann auch sagen „Abhaltung”) anderer Mittel. Ein solches Mittel, das allerdings nicht gerade zur Gesundheit und zum Wohlergehen der Empfänger beiträgt, ist das Artilleriefeuer.

Gegen feuerspeiende Batterien anzustürmen, ist ein Vergnügen, um das ich denjenigen beneide, der es entweder nicht nöthig oder es bereits genossen hat. Bei der Durchschlagkraft der modernen Geschosse muß man schon ein enormes Brett vor dem Kopf haben, um einen Granatsplitter abschütteln zu können — ob mein Brett genügend stark gearbeitet ist, wird, wenn Herr Mars es eines Tages bei dem Nachmittagskaffee so entscheidet, ja die Zukunft lehren.

Ich sehe im Geiste einige Leser ungeduldig werden, weil ich mit dem „Erlösungsschuß” so lange auf mich warten lasse, weil ich immer darum herumgehe wie die Katze um den Laternenpfahl. (Die Redensart „um den heißen Brei” ist zu abgedroschen.) Ungeduldige Gemüther bitte ich, sich zu beruhigen, es bleibt ihnen nichts Anderes übrig, sie müssen warten, auch wenn sie keine Wartefrauen sind, sie müssen warten, wie auch der Soldat auf den Erlösungsschuß warten muß.

Die Truppen haben die Nacht im Bivouak gelegen: die Zelte waren aufgeschlagen, die Bivouaksfeuer brannten, das Gebet und das demselben folgende Lied der Kapellen: „Wir beten an die Macht der Liebe”, war verklungen, Einer nach dem Anderen war in die „Baba” gekrochen, um zu schlafen — da hatten sich auf einmal die Schleusen des Himmels geöffnet. Meine Feder reicht, obgleich sie aus Aluminium und trotzdem sie eine Berlinerin ist, nicht aus, um die Regenmassen zu schildern, die zu Erde niederkamen.

Es regnet, regnet, regnet seinen Lauf, und da es noch nicht genug geregnet hat, so hört es auch noch nicht auf.

Morgens um sechs Uhr soll der Bivouaksplatz geräumt sein, da wäre es früh genug, wenn man um fünf Uhr mit dem Abräumen begönne. Feigheit ist für den Soldaten besonders schimpflich und erniedrigend, trotzdem giebt es aber unter den Vorgesetzten kolossal viel ängstliche Gemüther, und aus Angst, sie könnten nicht fertig werden, lassen sie schon um drei Unr die Zelte abreißen. Um drei Uhr dreißig ist die Toilette beendet — zu waschen braucht man sich ja nicht, da es die ganze Nacht regnete — fünf Minuten später hat man seinen sogenannten Kaffee getrunken und nun steht man stundenlang auf demselben Fleck Erde und wartet.

In den langschäftigen Stiefeln der Soldaten und Offizier–Soldaten steht das Wasser höher als im großen Ozean. Wie schön das ist — Du ahnst es nicht.

Endlich ist es sechs Uhr, die Spitze tritt an, die übrigen Truppen folgen mit dem nöthigen Abstand, man zieht dem Feinde entgegen. Zweierlei Hoffnung belebt die Gemüther: einmal die Aussicht, sich trotz des strömenden Regens trocken zu laufen, dann aber auch die Aussicht auf das neue Quartier. Statt „Aussicht” hätte ich lieber „Fernsicht” sagen sollen, das wäre in diesem Falle besser gewesen.

Zuerst auf der Chaussee, dann auf aufgeweichten Land- und Feldwegen zieht die Kolonne dahin, bis an die Waden sinkt man ein und hin und wieder zieht ein Soldat nicht den steckengebliebenen Stiefel aus dem Morast, sondern nur den Fuß aus dem Stiefel.

Und die mit großem Abstand nachfolgenden Truppen, die schon glaubten, falsch marschirt zu sein, freuen sich bei diesem Anblick: besser als jeder Wegweiser zeigt der aus dem Schmutz hervorstehende „Langschäftige”: hier marschirte preußische Infanterie.

Und weiter, immer weiter führt der Weg.

Die Kavallerie ist vorausgeritten, um den Feind zu suchen, aber auch sie kommt nur langsam vorwärts und spärlich laufen die Meldungen ein.

Stunde auf Stunde verrinnt.

Giebt es eine stumpfsinnigere Beschäftigung, als stundenlang einen Fuß vor den anderen zu setzen? Hat man den einen Fuß eben hochgehoben, muß man ihn schon wieder hinsetzen. Warum setzt man ihn denn überhaupt erst hin? Zu blödsinnig.

Es regnet weiter, man marschirt weiter, weiter, weiter, immer weiter.

Da — endlich kommt Leben in die Leute: Adjutanten reiten nach hinten, den Truppen zurufend: „Nun haben wir ihn bald.”

Die Artillerie wird vorgeholt: in Karriere saust sie bei der Infanterie vorbei, die Räder versinken im Koth, aber erbarmungslos gebrauchen die Fahrer die Peitsche, die Pferde müssen ziehen. Bleiben die Gäule todt, giebt es neue — also vorwärts.

Wieder vergeht eine halbe Stunde.

Und plötzlich geht es von Mund zu Mund und Einer sagt es dem Anderen: „Krüschan, hest Du hürt, sei hewwe schaten!” (Christian, hast Du gehört, sie haben geschossen.)

Der Erlösungsschuß ist gefallen.

Der erste Schuß, den die Artillerie auf den Feind abgiebt, erlöst die Truppen von ihrer Angst, daß der Manövertag gar kein Ende haben werde, giebt ihnen die Gewißheit, daß dem Marschiren nun bald ein Ende gemacht wird. Das Gefecht muß nun gleich beginnen und das Gefecht ist der Anfang vom Ende.

Nur wer selber einmal im Manöver auf den ersten Kanonenschuß gewartet hat, weiß, wie Alles erlöst aufathmet, wenn das erste Geschütz das Feuer eröffnet.

Und darum heißt in der ganzen Armee der erste am Tage fallende Kanonenschuß der Erlösungsschuß, um den die Artilleristen einander beneiden, wie die kleinen Mädchen sich um die neuen Hüte oder um die jetzt modernen grünen Knöpfstiefel, welch letztere ich übrigens sehr chic finde.

Wer zuerst kommt, ist nicht der Letzte, und derjenige Bombenschmeißer (alias Artilleriste genannt), der zuerst das Feuer eröffnet, hat nach dem Reglement die meiste Aussicht, den Feind niederzukämpfen. Bei der Kritik heißt es stets: Auf welcher Partei eröffnete die Artillerie zuerst das Feuer, und wenn ein Batteriechef jeden Tag das Pech hat, daß ihm sein Kollege von der anderen côté–Seite zuvorkommt, dann ist nicht nur im Staate Dänemark, sondern auch in seinem eigenen Staate etwas faul.

Im Manöver schießt die Artillerie bekanntlich weder mit Granaten, noch mit Shrapnels, noch mit Kartätschen, sondern nur mit Pulver.

So entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn die Bombe bei der Kritik erzählt, was sie Alles gethan hat: wie sie sich erst eingeschossen hat und dann mit Granaten, gegen die anreitende Kavallerie aber mit Kartätschen geschossen hat.

Und das Verhalten der Artillerie wird gelobt und für richtig befunden.

Können die beiden Artillerieführer sich aber gar nicht einigen, wer von ihnen am besten geschossen hat, dann nehmen sie den Knobelbecher und knobeln die Sache aus. Dann hat wenigstens die gewinnende liebe Seele Ruh'.

Der Erlösungsschuß ist aber auch in anderer Hinsicht manchmal ein Erlösungsschuß.

Es war einmal ein Gardehusar, der liebt' sein Mädchen treu und wahr — da dies ja aber öfter vorkommt, will ich von dem Gardehusaren ein ander Mal erzählen..

Es war einmal irgendwo ein Major, der ein Pionierbataillon kommandirte. Er war ein ganz tüchtiger Beamter in seinem Fach: die Brücken, die seine Unterthanen bauten, fielen nicht ein, die Schützengräben, die „ausgebuddelt” wurden, stürzten nicht in sich zusammen, und wenn er einmal den Auftrag bekam, etwas zu sprengen, so fiel das Ding, wenn er genug Dynamit nahm und wenn die Leitung nicht versagte, zur Freude aller Zuschauer auch wirklich um.

Aber von einem Major wird mehr verlangt und so erhielt er denn eines Tages im Manöver den Auftrag, die eine Partei zu führen. Vieles auf der Welt wäre ihm angenehmer gewesen, aber was half's? Gegen das, was befohlen wird, ist nichts zu machen.

Der Herr Major verbrachte, trotzdem er sich die nöthige Bettschwere angetrunken hatte, eine sehr unruhige Nacht, er stand so wie so nicht auf sehr festen Füßen; waren sie auch nicht aus Thon, so konnten sie ihm dennoch sehr leicht abgeschlagen werden. So fest steht Keiner, daß er nicht umfällt, wenn böse Buben ihm ein Bein stellen. Wollte man ihm ein Bein stellen, würde er als Sieger hervorgehen? Niemand wußte es, er am allerwenigsten, wer würde ihn aus seinen Zweifeln erlösen?

Tiefbetrübten Herzens erstieg er am nächsten Morgen sein Schlachtroß und ritt mit seinem Adjutanten zu dem Rendezvous–Platz, auf dem die Truppen, die er vorführen sollte, seiner harrten.

Und auch der Herr Divisions­kommandeur und der Herr Brigade­kommandeur harrten seiner, um die Befehle zu hören, die er an seine Unterführer geben würde.

Ein Befehl muß möglichst kurz und klar sein; die Befehle, die der Herr Major gab, waren sehr lang und unklar, obgleich er sie selbst ganz vorzüglich fand.

„Also auf diesem Wege wollen Sie gegen den Feind vorgehen?” fragte einmal der General.

„Zu Befehl, Euer Excellenz, er scheint mir von allen der kürzeste zu sein und ich glaube, daß ich auf diesem Wege direkt an die feindliche Stellung herankomme.”

„Gut, gut, ganz, wie Sie meinen,” lautete die Antwort, und der Herr Major befahl weiter und weiter.

„Darf ich die Kavallerie bitten, jetzt anzutreten?”

„Zu Befehl, Herr Major,” und „Trab,Trab” gingen die Rosse von dannen.

Die Infanterie folgte bedächtigen Schrittes und in sausendem Schritt fuhr die Artillerie in der Marschkolonne.

Ehe man den Feind angreift, muß man wissen, wo er steht, und dies in Erfahrung zu bringen, war dem Herrn Major nicht möglich. Eine Patrouille nach der anderen kam zurück, aber sie meldeten alle dasselbe: „Herr, nicht im Wald, noch auf der Flur fand ich vom Feinde eine Spur.”

Das war dem Herrn Major scheußlich und allmälig kam ihm nicht der Gedanke, der Fritz steht hinter dieser Planke, wohl aber siegte die Meinung, daß es vielleicht doch besser gewesen wäre, einen anderen Weg einzuschlagen. „Irren ist menschlich, aber im Irrthum zu verharren ist thöricht!” lautet ein bekanntes Wort; so machte der Herr Major denn mit seinem Detachement auf der Hinterhand „kurz Kehrt” und schlug einen anderen Weg ein. Aber auch auf diesem Pfade, den er nun wandelte, fand er nicht, was er suchte, und auf alle Fragen Sr. Excellenz: „Woran liegt das nur, daß Sie immer noch keine Nachrichten vom Feinde haben?” vermochte er beim besten Willen keine Antwort zu geben. Das machte auf die hohen Vorgesetzten einen schlechten Eindruck, denn der Soldat darf keine Antwort schuldig bleiben, er muß Alles wissen, was die Vorgesetzten von ihm wissen wollen, und weiß er es absolut nicht, so klappt er die Hacken zusammen und sagt: „Zu Befehl.” Das geht immer, auch wenn man gefragt wird, wann die ersten Kartoffeln, von denen die dümmsten Bauern bekanntlich die größten haben, in Europa eingeführt worden sind.

Der Herr Major sagte nicht einmal: „Zu Befehl”, der sagte gar nichts, nur im Stillen sprach er allerlei. Da sandte er ein Gebet zum Himmel, daß er erlöst werden möge aus seiner Angst und Pein. Er konnte vor lauter Unruhe schon gar nicht mehr still auf dem Gaul sitzen.

Lange hatte der Herr Major schon die Artillerie nach vorne genommen, damit er, wenn er den Feind endlich hätte, gleich das Feuer eröffnen könnte.

Aber er hatte den Feind immer noch nicht, am liebsten hätte er eine Annonce an die Litfaßsäulen kleben lassen: „Hundert Mark Belohnung Demjenigen, der mir sagt, wo der Feind steht.” Aber da der Herr Major wohl hundert Mark, aber unglücklicherweise zufällig keine Litfaßsäule bei sich hatte, gab er diesen Gedanken wieder auf.

Dafür schlug er zur Abwechslung wieder einmal einen anderen Weg ein, der mußte ihn sicher zum Feinde führen.

Und der Herr Major hatte einen kolossalen Dusel, diesmal hatte er den richtigen Weg erwischt, denn plötzlich tönte der Erlösungsschuß an sein Ohr — es klang ihm wie Himmelsmusik — soeben hatte er sich die Musik gedacht, die die Houris den Türken vorspielen, wenn diese sich im siebenten Himmel befinden.

Aber je größer die Freude, desto gew altiger manchmal die Enttäuschung, und der Herr Major wurde arg enttäuscht, denn nicht seine Batterien, sondern die des Feindes hatten den Erlösungsschuß abgegeben, und nicht gegen seine Front, sondern gegen seinen Rücken.

Er drehte dem Feinde, wie man zu sagen pflegt, seine schönere Seite, auch Chocoladenseite genannt zu.

Aber die Erlösung brachte ihm der Erlösungsschuß doch: nun war er erlöst von seinen Zweifeln, ob er die Sache richtig machen werde, nun wußte er ganz genau, daß er kolosalen Unfug gemacht hatte. Er hatte eine That vollbracht, deren Kritik da lautet: „Meine Herren, Sie wollen eine Kritik; die Sache verträgt keine Kritik!”

Oft hatte der Herr Major, der keine Stütze der Wissenschaft war, überlegt, ob er freiwillig gehen solle oder ob er warte, bis er gegangen würde — nun war auch diese Frage gelöst und auch von diesem Zweifel war er erlöst.

Ich sagte es ja, daß ein Erlösungsschuß ein ganz eigenes Ding sei, und so etwa Einer noch nicht überzeugt sein sollte, so bitte ich ihn, sich schnell bei Krupp eine 68 Centimeter–Ringkanone zu bestellen und diese auf mich abzufeuern, dann bin ich wenigstens erlöst.


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