Er litt.

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Stralsundische Zeitung” vom 23.2.1897 und
in: „Aus der Schule geplaudert”


Leiten und leiden — zwei ähnlich klingende Worte. Das eine hat aktive, das andere passive Bedeutung.

Von „leiden” heißt das Imperfektum „ich litt”.

Von „leiten” heißt dieselbe Form „ich leitete”

So steht es wenigstens in der Grammatik geschrieben, und was geschrieben und nun gar gedruckt ist, das pflegt ja wenigstens in den Augen der Menge unumstößliche Wahrheit zu sein.

Weit davon entfernt, eine neue Grammatik herausgeben zu wollen, behaupte ich: das Imperfektum von „ich leite” heißt nicht „ich leitete”, sondern „ich litt”.

Wenigstens ist das beim Militär so, und das Militär hat ja heutzutage die Oberhand, die müssen es ja alle wissen.

Exempla rem illustrant: Beispiele sind nicht immer geeignet, eine aufgestellte Behauptung zu beweisen, nicht immer, aber manchmal doch.

Man hat beim Militär zu unterscheiden zwischen dem Führenden und dem Leitenden, der eine ist der oberste (aber — nicht immer ein Oberst), der andere der alleroberste.

Der Leitende entwirft die Idee und teilt den Führern ihre Aufgabe mit.

Kaiser Wilhelm I. und Moltke waren im letzten Kriege die Leiter, Steinmetz, Prinz Friedrich Karl, der Kronprinz und andere Helden die Führer.

Wie die Leitung, so ist die Führung; taugt die eine nichts, taugt die andere natürlich auch nichts.

Aus nichts kann der Mensch nichts machen, und die beste Schneiderin kann aus nichts keine alle Rivalinnen mit blassem Neid erfüllende Balltoilette machen, wenngleich diese ja, um fin de siècle zu sein, ein berauschendes „Nichts” sein muß.

Aber gehen wir von dem Ballsaal, in dem Amor mit Pfeil und Bogen klaffende Wunden hervorruft, in das „Gelände”, wo der Soldat, mit dem Infanterie­gewehr M 88 bewaffnet, an den Feind zu kommen versucht, an jenen Feind, der die Feindschaft nur „markiert”, denn es ist kein Krieg, sondern nur ein Krieg im Frieden, eine große Übung.

Von höherer Stelle ist befohlen worden: „An dem und dem Tage findet unter Leitung des Herrn Oberstleutnant eine Garnisonübung statt.”

Dem Herrn Oberstleutnant ist die Sache sehr, sehr unangenehm, aber was hilft's, er muß in den sauren Apfel beißen; er ist sehr gern Soldat, aber an diesem Tage wäre er lieber Gott weiß was.

Das Gelände, in dem die Übung stattfinden soll, zu bestimmen, sowie die Idee auszugeben, die der Übung zugrundegelegt wird, ist seine Sache.

Während die Kameraden im Kasino oder in der Kneipe sich amüsieren, sitzt er zu Hause auf die Karte gebückt zur Seite des kalten Ofens — es ist Sommer — und denkt nach.

Zuerst über das Gelände.

Legt er die Übung weit weg von der Garnison, so riskiert er, daß ihm bei der Kritik gesagt wird: „Aber Herr Oberstleutnant, warum sind Sie denn mit den Truppen so weit in die Welt marschiert, das hätten wir auch näher haben können,” und bleibt er in der Nähe der Garnison, so könnte man ihm sagen: „Aber Herr Oberstleutnant, warum sind Sie denn so an der Scholle haften geblieben, unser schönes Vaterland ist so groß, warum sollen wir bei einer solchen Gelegenheit nicht einmal in eine uns unbekannte Gegend ziehen.”

So könnte man sprechen, und alle Eventualitäten müssen erwogen werden.

Am besten bleibt er also in der Mitte, aber das Gelände, wie der Soldat die Natur nennt, ist dort absolut nicht zum Gefecht geeignet.

Nichts auf der Welt ist so, wie wir es uns wünschen — etwas mehr Rücksicht hätte der liebe Gott bei Erschaffung der Welt auch auf den armen Oberstleutnant nehmen können.

Nach mehreren Stunden, während der er mit Zirkel und Lineal fleißig gemessen hat, ist er sich endlich einig: „Hier wird gekämpft, hier und nirgends anders.”

Nun kommt die Ausarbeitung der Idee: nimmt er nun ein Nordkorps und ein Südkorps, oder eine Ostpartei und eine Westpartei?

Das kann er machen wie der Pfarrer Aßmann seligen Angedenkens, und der machte es bekanntlich immer so, wie er wollte.

Zur Stärkung und Erleuchtung trinkt der Herr Etatsmäßige ein Nordlicht und entscheidet sich dann für ein Nordkorps und ein Südkorps.

So weit wären wir nun, gelobt sei Allah! Aber das schlimmste steht noch bevor: die Idee.

Der gewöhnlich Sterbliche hat sehr oft keine Ahnung. . . . Ahnungen hat der Soldat immer — aber selten eine Idee; das ist ein verzweifelter Unterschied.

Die Idee ist der jedem Gefecht zugrunde liegende Gedanke.

Das Nordkorps ist im Vormarsch nach Süden. Mit seiner Avantgarde in Adorf angekommen, erfährt der Führer, daß Cdorf vom Feinde besetzt ist, und beschließt, diesen Ort anzugreifen.

Das Südkorps ist im Vormarsch nach Norden. Mit seiner Spitze in Cdorf angekommen, erfährt der Führer, daß ein Nordkorps gegen ihn im Anmarsch ist. Er beschließt, nicht weiter vorzugehen, sondern in Cdorf eine Verteidigungs­stellung zu nehmen.

Hurra, es lebe Nebukadnezar — nun ist die Sache im Gange. Jetzt arbeitet der Leitende jede Idee bis auf das kleinste aus, verteilt die ihm zur Verfügung stehenden Truppen auf die einzelnen Unterführer, und nach einer am Schreibtisch durchwachten Nacht ist die Sache fertig.

Fertig? Ach nein, sie fängt erst mit der Praxis an.

Zur befohlenen Stunde stehen am befohlenen Tage die befohlenen Truppen unter den befohlenen Führern.

Die Südpartei ist schon in aller Herrgottsfrühe, als noch kein Hahn an das Krähen dachte, abmarschiert: sie muß erst nach Süden marschieren, muß Kehrt machen — das tut sie gern — und muß dann dem von Norden kommenden feindlichen Freund oder freundlichen Feind, was dasselbe ist, wieder entgegenmarschieren.

Infolgedessen flucht die Südpartei natürlich „Krummer Hund”.

Da es aber keine krummen Hunde, sondern höchstens krumme Kerls gibt, hat dieser Fluch ebensowenig etwas zu sagen und zu bedeuten, wie irgendein anderer beim Militär losgelassener Fluch.

Einige Stunden später setzt sich auch die Nordpartei in Bewegung — sie hat es bedeutend leichter und bequemer als der Gegner, aber zufrieden ist sie deshalb doch nicht, und bei jedem Schritt denkt sie: „Kommt der Kerl immer noch nicht?”

Aber er kommt nicht, er kommt immer noch nicht — das ist aber doch ganz unbegreiflich.

Der Führer der Nordpartei holt seinen „Auftrag” aus der Tasche und liest die „Kriegslage” noch einmal genau durch, dann holt er die Karte hervor, nein, nein, er kann sich nicht irren, das Dorf da, kaum noch dreihundert Meter von ihm, ist Cdorf — oder sollte es doch nicht Cdorf sein? Vorsichtshalber erkundigt er sich bei einem des Weges kommenden Bauern, der seine Vermutung bestätigt — aber Cdorf soll doch vom Feinde besetzt sein — hier steht es ja schwarz auf weiß — aber es ist kein Feind da.

Wenn aber kein Feind da ist, kann auch der mutigste Soldat sich nicht schlagen, — es müßte denn schon sein, daß der tapfere Krieger mit sich selbst unzufrieden, sich selbst die Jacke vollschlägt, und das kommt doch wohl sehr selten vor.

So macht der Führer des Nordkorps denn in Cdorf Halt und richtet sich dort zur Verteidigung ein — weiter vorgehen soll er nicht.

In seinem Auftrage steht: Cdorf dem Feinde entreißen und sich dort festsetzen.

Drinnen sitzt er nun, dafür, daß er nicht wieder herausgeworfen wird, will er schon aufpassen.

Eigentlich ist das Kriegführen doch riesig einfach.

Aus seinen Träumen reißt ihn die Stimme des Herrn Generals, der der Übung als Zuschauer beiwohnt.

„Herr Hauptmann — Herrr Hauptmann — Herrrr Hauptmann, wie kommen Sie hierher?”

Der Gefragte legt die Hand an den Helm und steht Rede und Antwort, und der Herr General muß seinem Untergebenen recht geben: er hat seine Sache richtig und gut gemacht.

Aber wo ist der Feind?

Er weiß es selbst nicht, er hat sich verlaufen, er sitzt mitten in einem großen, dichten Gehölz und weiß nicht ein noch aus.

Seine Schuld ist es nicht.

Der Leitende hat ihm für seinen Vormarsch den Weg vorgeschrieben, er hat geglaubt, das Gehölz wäre für größere Truppenmassen zu passieren, die Karte hat nicht gestimmt, wo früher Wege waren, sind nun Schonungen, die nicht betreten werden dürfen, und die Wege, die neu angelegt worden sind, führen überall hin, nur nicht nach Cdorf.

Die Fortsverwaltung hätte das aber auch dem Herrn Oberstleutnant mitteilen müssen, oder der Herr Oberstleutnant hätte vorher das Gelände rekognoszieren müssen oder einen Adjutanten damit beauftragen sollen.

Da ertönt aus der Richtung von Cdorf her ein Signal.

Alles spitzt die Ohren.

„Was ist das?” fragt der Führer der Südpartei seinen Adjutanten. Er selbst ist so unmusikalisch, daß er einen Walzer nicht von einem Trauermarsch unterscheiden kann. Auch der Adjutant ist kein musikalisches Genie, er kann eine Klarinette nicht von einer Zither unterscheiden.

„Ich glaube, man bläst, Herr Major.”

„Das weiß ich selbst, Herr Leutnant, aber was bläst man?”

„Das Ganze,” flüstert da ein Kamerad.

„Das Ganze, Herr Major,” wiederholt der Adjutant.

„Welches Ganze, Herr Leutnant?”

„Herr Major, soll ich nachblasen?”fragt ein Hornist, „es wird ,das Ganze sammeln' geblasen.”

„Was wird geblasen?” fragt der Major entsetzt.

„Das Ganze sammeln, und jetzt blasen sie Offiziersruf.”

„Nachblasen,” befiehlt der Führer, und, zu seinem Adjutanten gewendet, fügt er leise hinzu: „Kommen Sie — auf die Kritik bin ich neugierig; ich wasche meine Hände in Unschuld. Durch einen Urwald will ich mich hindurchfinden, aber nicht hier, wo alle drei Schritt steht: ,Verbotener Weg'.”

Auf einer Anhöhe bei Cdorf hält der Herr General mit allen Offizieren, die auf das Signal herbeigeeilt sind, nicht nur die berittenen, sondern auch die „Hurrakanaillen”, wie die unberittenen Leutnants sich selbst nennen; sie alle wollen hören, was bei der Kritik herauskommt.

Als der Führer der Südpartei sich mit seinen Häuptlingen der Gruppe nähert, bemerkt er eisiges Schweigen.

Der Herr Oberstleutnant gleicht einer mehrfach geknickten Lilie.

„Darf ich Sie bitten, Herr Oberstleutnant, die Übung zu besprechen?”

Der Herr General spricht's, und der Herr Oberstleutnant knickt noch einmal ein.

Dann aber faßt er Mut und liest zuerst die Idee vor und will sich dann daran machen, die Maßnahmen der Unterführer zu besprechen.

Aber der Herr General fällt ihm ins Wort: „Ich danke Ihnen sehr, Herr Oberstleutnant, nachdem ich Ihre Idee gehört, habe ich mehr als genug gehört — nun ist mir alles das klar, was mir vorhin unverständlich war, und ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Oberstleutnant, das war nicht wenig. Diese Übung hätten wir uns schenken können, meine Herren, wir haben nichts bei derselben gelernt, höchstens, wie wir es nicht zu machen haben,” und immer schärfer werdend, vernichtet die unbarmherzige Kritik alles, was der arme Oberstleutnant sich in ruhelosen Stunden zum Wohle der ihm unterstellten Menschheit ausgedacht hat.

Warum trankest du aber auch nicht zwei Nordlichter — vielleicht wäre die Erleuchtung dann größer gewesen —

Der Herr General schweigt, schweigend wendet er sein Roß und reitet den heimatlichen Gefilden entgegen.

In gebührender Entfernung folgt der Herr Oberst mit dem Herrn Oberstleutnant.

Auch der Herr Oberst schweigt.

Und der Herr Oberstleutnant?

Der sagte erst recht nichts — sein Tagewerk war getan — die Übung war beendet — er war der Leiter gewesen. Er litt.

Quod est demonstrandum, das heißt auf deutsch: „Habe ich recht oder unrecht mit meiner Behauptung?


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