Einquartierung.

Manöver-Novelette von Freiherrn von Schlicht.
in: „Leipziger Tageblatt” vom 1.9.1898,
in: „Stralsundische Zeitung”, Sonntagsbeilage vom 4.9.1898 und
in: „Einquartierung”


„Papa, wo bleibst Du denn nur, das Frühstück wartet schon eine Ewigkeit.”

Auf der großen Diele des alten Herrenschlosses erklangen diese Worte und gleich darauf wurde die schwere Eichenthür, die das Arbeitszimmer des Gutsherrn abschloß, geöffnet.

„Aber Papa, wo bleibst Du denn nur? Wir —” doch die weiteren Worte erstarben auf den Lippen der Sprecherin und ein jähes Roth der Verlegenheit bedeckte ihre Wangen, als sich bei ihrem Eintritt die schlanke, elegante Figur eines jungen Husarenofficiers von einem Stuhl erhob und sich höflich gegen sie verneigte.

Mit einem „Ich bitte um Verzeihung” wollte sie sich wieder entfernen, aber der Vater hielt sie lachend zurück: „Nur herein, Claire, gestatte, daß ich Dir unseren neuen Hausgenossen vorstelle, Lieutenant von Zastrow wird einige Tage bei uns wohnen.”

Sie reichte ihm freundlich die Hand. „Sie sind bei uns einquartiert?”

„Ja und nein,” gab er zur Antwort, „das heißt, ich habe mich, offen und ehrlich gestanden, hier selbst einquartiert. Gnädiges Fräulein sehen mich hier in meiner Eigenschaft als vielgeplagter Quartiermacher, der schon von vornherein weiß, daß er es Niemandem recht machen kann. Sich selbst darf der Fourier da einquartieren, wo es ihm am besten gefällt. Ich ritt von einem Gut zum anderen und habe glücklich mein ganzes Regiment untergebracht, auch Ihr Herr Vater kann sich nicht darüber beschweren, daß ich seiner nicht gedachte.”

„Das weiß Gott,” unterbrach ihn lachend der joviale Hausherr, Freiherr von Bereitz, „denk Dir mal, Claire, fünfzig Mann, sechs Unteroffiziere, ein Rittmeister und drei Lieutenants —”

„Aber das ist ja herrlich,” rief Claire erfreut, „da werden wir hoffentlich frohe Tage verleben. Und wie lange bleiben die Herren?”

„Leider nur zwei Tage,” antwortete Herr von Zastrow, „ich sage leider, denn ich glaube, es wird meinen Kameraden und den Leuten hier so gut gefallen, daß sie sich wünschen werden, sie könnten ewig hier bleiben.”

„Und woraus schließen Sie das?” fragte Claire neckisch.

Herr von Zastrow verbeugte sich galant: „Wo ein so liebenswürdiger Hausherr und eine so charmante Tochter die Gäste willkommen heißen, da muß es ja Allen gefallen!”

„Herr von Zastrow, im Namen meines Vaters und in dem meinigen danke ich Ihnen für dieses Compliment,” und mit einem tiefen Hofknix verbeugte sie sich vor dem jungen Officier, dann aber lachte sie laut auf: „Ich denke nach dieser feierlichen Begrüßung gehen wir frühstücken, nicht wahr, Papa, Mama wartet schon lange.”

„Herr von Zastrow, darf ich Sie bitten, meiner Tochter den Arm zu geben, ich bitte für einen Augenblick noch um Entschuldigung, ich komme sofort, ich will nur schnell Befehl geben, daß für Ihren Burschen und Ihre Pferde gesorgt wird und daß man Ihr Zimmer in Ordnung setzt.”

Der junge Officier bot der Tochter seinen Arm und während sie durch eine Flucht von Zimmern in das nach dem Garten zu gelegene Eßzimmer gingen, ruhten seine Augen auf seiner Begleiterin. Claire mochte neunzehn Jahre alt sein, sie war groß und schlank gewachsen, dichtes schwarzes Haar umrahmte das scharfgeschnittene vornehme Gesicht mit der aristokratischen Nase und den dunkelbraunen Augen, die mit mühsam verhaltener Lustigkeit und Schalkhaftigkeit gar fröhlich in die Welt blickten.

„Chic, sehr chic,” dachte Herr von Zastrow und pflichtete dann ihrer Frage, auf deren Sinn er gar nicht geachtet hatte, mit einem lauten: „Gewiß, meine Gnädigste, gewiß” bei.

Verwundert sah sie ihn an: „Na, Sie haben aber sonderbare Ansichten, oder sollten Sie etwa gar nicht wissen, was ich Sie fragte?”

„Offen und ehrlich gestanden: nein.”

„Und darf ich wissen, woran Sie dachten, während ich mich bemühte, geistreich zu sein?”

„Zum ersten Mal in diesem Manöver dachte ich daran, daß es doch schön sei, Quartiermacher zu sein und vor den Anderen die gastliche Schwelle zu überschreiten.”

Sie fühlte, daß diese Worte auf sie gemünzt seien, ein leichtes Roth färbte ihre Wangen und sie war froh, als ihr in diesem Augenblick auf der Schwelle des großen, hellen mit altdeutschen Möbeln eingerichteten Zimmers ihre Mutter entgegenkam. Frau von Bereitz war eine trotz ihrer vierzig Jahre noch immer fast jugendlich aussehende, stolze aristokratische Erscheinung, die in ihrem ganzen Wesen trotz ihrer Freundlichkeit etwas Hoheitsvolles hatte.

Herzlich hieß sie den Gast willkommen, gab dem Diener Befehl, ein Gedeck aufzulegen und da gleich darauf auch der Hausherr ins Zimmer trat, nahm man an der reichgedeckten Tafel Platz.

Das Gespräch drehte sich naturgemäß um das Manöver. „Vor morgen Nachmittag um zwei Uhr wird Ihre Einquartierung nicht eintreffen, gnädige Frau,” gab Herr von Zastrow auf eine Frage zur Antwort, „obgleich sich die Manöver fast vor Ihrer Hausthür abspielen werden.”

„Und ich kann nicht einmal hinreiten und mir das Manöver ansehen,” klagte Claire, und zu Zastrow gewendet, fügte sie hinzu: „Mein Beautiful, mein Leibpferd, ist lahm und Papa will mir nicht erlauben, daß ich sein Pferd reite, er behauptet, es wäre zu wild.”

Sie sah traurig vor sich hin und Zastrow beeilte ich zu erwidern: „Wenn Sie mir gestatten würden, Ihnen eins meiner Pferde zur Verfügung zu stellen, wäre ich glücklich, die Stute ist absolut sicher und häufig unter dem Damensattel gegangen. Ich übernehme jede Garantie.”

Mit fast kindlichem Uebermuth klatschte Claire vor Freude in die Hände, aber als sie den tadelnden Blick ihrer Mutter gewahrte, sagte sie: „Sie sind sehr liebenswürdig, Herr von Zastrow, und wenn meine Eltern gestatten, nehme ich mit großem Dank Ihr freundliches Anerbieten an.”

„Ich habe nichts dagegen,” sagte Herr von Bereitz, „im Gegentheil, ich freue mich sehr, daß Dir Gelegenheit geboten wird, Dir das Manöver anzusehen und ich glaube, auch Deine Mama wird nichts dagegen einzuwenden haben.”

Gnädig nickte auch die Hausfrau Gewährung und so eilten denn am nächsten Tag Lieutenant von Zastrow und Claire auf das Manövergelände. Es war noch früh, kaum fünf Uhr, als sie die Pferde bestiegen, der Tag erwachte zum neuen Leben: Knechte und Mägde eilten über den Hof, aus den geöffneten Ställen wurde das Vieh auf die Weide getrieben, schwere starke Pferde wurden vor die Leiterwagen gespannt, auf denen schon die Arbeiter Platz genommen hatten und vollbeladene Milchwagen standen zur Abfahrt nach der nahen Stadt bereit. Die Sonne sandte ihre ersten Strahlen zur Erde nieder, der frische Thau blinkte noch auf den Häusern und leise erklang der Morgengesang der Vögel.

In kurzem Trabe ritten die Beiden auf einem gut gehaltenen Landweg dahin: „Wird Ihnen der heutige Tag auch nicht zu lang werden, mein gnädiges Fräulein?” fragte Zastrow. „Amüsanter ist es ja, einem Manövertag von A bis Z beizuwohnen und zu sehen, wie die Sache sich entwickelt, aber ich fürchte, Sie werden müde werden. Sie sind gewiß nicht gewohnt, so früh aufzustehen?”

„Doch, doch,” antwortete sie lebhaft, „jeden Morgen stehe ich um diese Zeit auf und gehe hinunter in den Garten zu meinen Rosen. Das sind meine Lieblinge, die pflege ich ganz allein, und nie ist die Rose schöner, als wenn Thautropfen wie unzählige Diamanten auf den Blättern blitzen. Aber für so etwas haben Sie als mehr oder weniger materieller Großstädter natürlich wenig oder kein Interesse und ich möchte darauf schwören, daß Sie nie eher aufstehen, als Sie müssen.”

„Das hieße an Sonn- und Feiertagen also gar nicht,” lachte er, „nein, nein, so schlecht bin ich doch nicht, obgleich ich nicht leugnen will, daß ich gern lang schlafe. Alles auf Erden verliert seinen Reiz, wenn es einem „muß” entspringt, auch das Frühaufstehen.”

„Sind Sie nicht gern Officier?” fragte sie erstaunt.

„Sie meinen, weil ich eben über das „müssen” schalt, das in unserem Beruf eine so große Rolle spielt? Schelten thun wir ja Alle dann und wann, das schadet nichts. Ob ich meinen Beruf liebe? Giebt es etwas Schöneres als Soldat zu sein, seinem König und dem ganzen Vaterlande zu dienen, als frischer Reitersmann hinauszuziehen in die Welt, ein gutes Pferd unter sich? Da vergißt man so viele Widerwärtigkeiten und Kleinigkeiten der Welt, und alles Leid ist vergessen, wenn es heißt: „Zur Attacke marschirt auf, Escadron Galopp — marsch.”

Eine edle Begeisterung sprach aus seinen Zügen, hell leuchteten seine Augen, stolz auf richtete sich seine schlanke, elegante Gestalt.

„Wie schön er ist,” dachte sie, während ihre Blicke auf ihm ruhten, und mit Bewunderung sah sie, mit welcher Ruhe und doch mit welcher Kraft er sein Pferd zügelte, als es plötzlich vor einem jäh auffliegenden Vogel scheute.

Fast zwei Meilen eilten sie in fröhlichem Geplauder neben einander her.

„Nun wird's gefährlich, gnädiges Fräulein,” sagte er scherzend, „sehen Sie dort die beiden Infanteristen? Das ist ein Doppelposten, der jede feindliche Annäherung verhüten soll. Ich weiß nicht, ob er uns durchläßt. Wenn es Ihnen recht ist, machen wir querfeldein einen ordentlichen Galopp, nur nicht ängstlich sein, wenn ein Graben kommt. Ihre Stute springt wie eine Puppe.”

Sie nickte ihm zu und sie flogen dahin, beide Pferde Gurt an Gurt in wilder aufregender Jagd. Nun parirten sie zum Schritt: „Mein Compliment, mein gnädiges Fräulein; daß Sie eine gute Reiterin waren, sah ich auf den ersten Blick, aber daß Sie so gut ritten, glaubte ich doch nicht.”

Sie erröthete bei seinen Worten und ein Gefühl des Stolzes und der Freude durchdrang ihre Brust.

Bald nahm das Manöver ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch — In langer Marschcolonne zog das eine Detachement dem Feinde entgegen. Weit voraus die Cavallerie, in Patrouillen aufgelöst das Vorgelände absuchend, dann die Infanterie–Spitze, das Gewehr schußbereit unter dem Arm und dann in fast endloser Linie die Marschcolonne: zuerst wieder Cavallerie, dann Infanterie, Artillerie, Pioniere. Da gab es viel zu sehen, Zastrow wurde nicht müde, auf ihre Fragen zu antworten, und als sich dann bald darauf das Gefecht entwickelte, ritt er mit ihr von einem Punct zum anderen, ihr Alles zeigend und erklärend.

Fast gleichzeitig mit der Einquartierung trafen sie Mittags nach vielstündigem Ritt wieder auf dem Gutshof ein — schnell sprang er aus dem Sattel, um ihr behilflich zu sein. Für einen Augenblick hielt er ihre Gestalt in seinen Armen und ein Gefühl der Glückseligkeit und der leidenschaftliche Wunsch, sie an sich zu drücken und ihre rothen Lippen zu küssen, durchdrang ihn. An dem Ausdruck seines Gesichtes mochte sie merken, was in ihm vorging, denn sie rief ihm ein halblautes „Bitte” zu, und da erst ließ er sie zur Erde nieder.

Es war verabredet worden, daß die Herren, um nicht erst gezwungen zu sein, die Uniform zu wechseln, mit dem Hausherrn allein frühstücken sollten. So zog Claire sich denn, nachdem sie sich von ihrem Begleiter mit Worten aufrichtigen Dankes verabschiedet hatte, auf ihr Zimmer zurück, und erst Abends um sieben Uhr vereinigten sich alle Bewohner des Herrenhauses zum Diner.

Zastrow hatte dienstlich zu thun gehabt und gebeten, nicht auf ihn warten zu wollen, so fand er die Gesellschaft bereits bei Tisch, als er endlich das Eßzimmer betrat. Er küßte der Hausfrau, seine Entschuldigung vorbringend, die Hand und sah sich dann nach seinem Platz um.

Mit Freuden sah er, daß der Stuhl an Claire's linker Seite für ihn frei war.

„Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein,” sagte er, nachdem er Platz genommen, „daß Sie mir gerade diesen Platz reservirten, denn in der Annahme, daß ich diese Auszeichnung Ihnen verdanke, gehe ich wohl nicht fehl.”

„Ich sagte, Sie hätten mich bereits heute Vormittag zu Tisch engagirt,” flüsterte sie ihm zu, „zwar entsprach es ja nicht ganz der Wahrheit, aber wenn Ihnen meine Lüge nicht unangenehm ist, schadet sie hoffentlich weiter nicht.”

Er warf ihr einen dankbaren Blick zu und betheiligte sich dann an der allgemeinen Unterhaltung, da er glaubte, daß sie Beide von den Kameraden beobachtet würden. Küche und Keller hatten heute ihr Bestes gegeben und so herrschte an der Tafel bald eine fröhliche, fast ausgelassene Stimmung, um so mehr, als morgen Ruhetag war, für den man ein möglichst interessantes Programm zu entwerfen sich bemühte. Der(1) Abschluß des morgigen Tages sollte eine Tanzfestlichkeit bilden; Claire hatte bereits einige Freundinnen aus der Stadt und von den benachbarten Gütern eingeladen und Alle hatten ihr Erscheinen zugesagt.

Von allen Seiten wurde Claire um einen Tanz für den morgigen Abend bestürmt: „ich bitte um den ersten Walzer,”  „ich um den zweiten.”  „Wenn gnädiges Fräuleon mir den ersten Lancier gewähren wollten,” tönte es im bunten Durcheinander.

Claire nickte Allen Gewährung, dann fragte sie halblaut:

„Und Sie, Herr von Zastrow, tanzen Sie gar nicht?”

„Leidenschaftlich,” gab er zur Antwort, „und liebenswürdige Damen haben mir gesagt, ich tanzte nicht nur fleißig, sondern auch gut. Aber mich ruft die Pflicht, sagte ich es Ihnen nicht schon? Morgen früh schon muß ich dies gastliche Haus verlassen, ich muß weiter reiten, um wieder neue Quartiere für das Regiment zu machen.”

Sie sah ihn mit großen, erschrockenen Augen an:

„Morgen müssen Sie schon wieder fort?”

„Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, für das Mitleid, das Sie mit mir armen Reisenden haben. Das ist das Loos des Fouriers: er sorgt dafür, daß die Seinen es gut haben, er selbst irrt aber immer in der Welt umher, er hat nur Zeit an dem Freudenkelch zu nippen, austrinken thun ihn die Anderen.”

„Und ich hatte mich so gefreut, Sie morgen in meinem Ponywagen spazieren fahren zu können und mich dadurch zu revanchiren für Ihre große Liebenswürdigkeit von heute Morgen!”

„Thut es Ihnen nur deshalb leid, mein gnädiges Fräulein, daß ich gehe?”

Nur ihr verständlich flüsterte er diese Worte, er sah, wie sie erröthete und wie ein leichtes Zittern ihre Gestalt durchlief. Schnell aber faßte sie sich und mit schalkhaftem Lächeln sprach sie: „Natürlich nur deshalb, weshalb glaubten Sie sonst?”

Er that, als wenn er das Unrecht seiner Worte einsähe. „Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein, Sie haben Recht, weshalb sollte es Ihnen auch nicht ganz gleichgiltig sein, ob ich hier bin oder nicht? Sehen Sie dort den kleinen Waldow, der tanzt auch einen ausgezeichneten Walzer, und wenn Sie nicht mit mir in Ihrem Wagen fahren können, so fahren Sie mit einem Anderen. Auf Ihr Wohl, mein gnädiges Fräulein!”

Er erhob sein Glas, aber sie nahm den Sectkelch nicht in die Hand.

„Zürnen Sie mir?” fragte er mit weicher Stimme, und er hätte laut aufjubeln mögen vor Glückseligkeit, als er den traurigen Blick ihrer Augen auf sich ruhen fühlte.

Die Diener stellten die Leuchter auf den Tisch, Cigarren wurden herumgereicht und Frau von Bereitz erhob sich: „Ich bitte um Erlaubniß, mich mit meiner Tochter zurückziehen zu dürfen, die Herren bleiben hoffentlich noch recht lange vergnügt beisammen.”

Die Herren erhoben sich, um den Damen gesegnete Mahlzeit zu wünschen und dann ihre Plätze wieder einzunehmen, und Zastrow verabschiedete sich von der Hausfrau.

„Sie wollen uns morgen schon verlassen? Und so früh? Da werden wir uns wohl kaum noch sehen! Es thut mir aufrichtig leid, daß Sie schon weiter müssen. Hoffentlich führt Ihr Weg Sie recht bald einmal wieder zu uns.”

Sie reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen führte, dann ging sie in das Nebenzimmer, ihrer Tochter nickend, ihr zu folgen.

„Darf ich mich auch von Ihnen verabschieden, mein gnädiges Fräulein, oder darf ich hoffen, daß wir uns noch einmal sehen? Vielleicht morgen früh, bevor ich fortreite?”

„Wer weiß?” gab sie neckisch zur Antwort, „kann sein, kann auch nicht sein. Vielleicht, wenn ich die Zeit nicht verschlafe —”

Und ehe er Zeit zu einem weiteren Wort gefunden, hatte auch sie das Eßzimmer verlassen.

Das Herz voller Unruhe kehrte Zastrow zu den übrigen Gästen zurück und nahm seinen Platz wieder ein; aber die Unterhaltung der Kameraden, die jetzt immer freier und ungezwungener wurde, gefiel ihm heute weniger denn je. So erhob er sich denn bald und verabschiedete sich von dem Hausherrn und den Kameraden unter dem Vorwand, Vorkehrungen für seine Abreise treffen zu müssen. Lange, lange ging er noch in seinem Zimmer auf und ab; die Hoffnung, daß Claire ihn lieben möge, wie er sie, kämpfte mit der Furcht, daß er sich täuschte, daß er ihre Blicke falsch gedeutet habe. Noch nie, das fühlte er, hatte er so heiß, so aufrichtig geliebt, und es schien ihm das höchste Glück auf Erden, von ihr wiedergeliebt zu werden. „Werde ich Sie noch einmal sehen?” fragte er sich immer und immer wieder, „wird sie auch morgen früh, da sie weiß, daß ich sie dort erwarte, zu ihren Rosen gehen? Und wenn sie dort ist, habe ich ein Recht, es als ein Zeichen zu deuten, daß sie mich liebt?”

Spät erst suchte er sein Lager auf, aber der Schlaf floh ihn, immer gedachte er der Geliebten.

Und Claire? Bange Zweifel peinigten auch sie. Mit Freude und Glückseligkeit hatte sie bemerkt, daß sie ihm nicht gleichgiltig war, daß er um sie warb. Aber dennoch fragte sie sich immer wieder: „Ist seine Liebe so groß, daß er mich wirklich zu seinem Weibe machen will? Wird er nicht, wenn er mich verlassen, meiner bald gar nicht mehr gedenken? Deutete ich mir seine Worte recht, oder legte ich ihnen einen falschen Sinn bei?”

So ging auch ihr die Nacht ohne Schlummer dahin und früher noch als sonst erhob sie sich von ihrem Lager, um in den Garten hinabzugehen: „Vielleicht, daß ich ihn doch noch einmal sehe —”

Einquartierung.jpg Und da standen sie sich gegenüber, Beide verwirrt und verlegen, als schäme sich Einer vor dem Anderen, daß er ihm nachgegangen sei, und doch Beide glückselig, daß sie sich sahen, daß ihr Herz sie nicht betrogen.

„Ich wußte, daß Sie kommen würden,” sagte er endlich, „seit einer Stunde warte ich auf Sie und ich hätte noch länger gewartet, Stunde auf Stunde, denn ich konnte nicht fortgehen, ohne Sie noch einmal gesehen, ohne Sie noch einmal gesprochen zu haben.”

Verwirrt schlug sie den Blick zu Boden und sagte mit halblauter Stimme: „Haben Sie mir denn noch so Wichtiges mitzutheilen?”

Einen Augenblick schwieg er noch, dann sagte er: „Mein gnädiges Fräulein, wir kennen uns kaum achtundvierzig Stunden und fast vermessen ist es, um Sie zu werben. Ich thue es dennoch, weil ich Sie liebe und nicht von hier scheiden will, ohne zu wissen, ob ich hoffen darf, daß auch Sie dereinst mich lieben werden. Glauben Sie, daß Sie mich jemals werden lieben können?”

Da sah sie ihn an mit ihren großen braunen Augen, die von Glückseligkeit leuchteten und mit leiser Stimme sagte sie: „Ich liebe Dich ja schon.”

„Claire!” —

Mit einem Freudenschrei schloß er sie in seine Arme und glücklich lächelnd barg sie ihr Haupt an seiner Brust.


Fußnote:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „Den Abschluß”. (zurück)


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© Karlheinz Everts