Ein Zufall ?

Skizze von Graf Günther Rosenhagen
in: „Die übersinnliche Welt”: Monatsschrift für wissenschaftliche Begründung des Okkultismus;
Vereinszeitschrift der Wissenschaftlichen Vereinigung Sphinx in Berlin,
Berliner Gesellschaft für Psychische Forschung,
Gesellschaft für Wissenschaftliche Psychologie in München und des Alten Ordens der Mystiker.
Berlin : Linser-Verl.
in: „Zur guten Stunde”, XII. Band (Quartals-Ausgabe),
Heft 26, Spalte 765-768, 30.8.1893,
in: „The Colac Herald” vom 13.9.1901,
in: „The Broadford Courier and Reedy Creel Times” vom 13.9.1901,
in: „West Gippsland Gazette” vom 24.9.1901,
in: „The Morning Bulletin” vom 9.10.1901 und
in: „Warwick Examiner and Times” vom 20.9.1902


Sie glauben nicht an Geister, überirdische und wunderbare Dinge, wollen vielmehr Alles auf eine ganz natürliche Ursache zurückführen? Oftmals mögen Sie mit Ihrer Behauptung Recht haben, aber zuweilen, fürchte ich, wird es schwer oder gar unmöglich sein, eine einfache Lösung des Räthsels herbeizuführen. Gestatten Sie mir, Ihnen eine ganz kurze, aber vollständig wahre Geschichte zu erzählen.

Es war am 24.Juni 1866, das Datum hat sich mir wegen der folgenden Thatsachen fest eingeprägt. Ich wohnte damals in S. und hatte an jenem Tage aus Anlaß der Taufe meines erstgeborenen Sohnes eine größere Gesellschaft eingeladen, — es mögen wohl vierzig bis fünfzig Personen gewesen sein. Nach Tisch waren wir in den Garten hinunter gegangen, hatten uns in eine schattige Laube gesetzt und tranken dort den Kaffee. Ich saß meiner Frau gegenüber, zu meinen Füßen ruhte eine mächtige Ulmer Dogge. Das Gespräch drehte sich um alles Mögliche, besonders viel sprachen wir von meinem Bruder, der als Rittmeister den Feldzug mitmachte und von dem am Vormittag für meine Frau ein Brief angekommen war. Mein Bruder liebte seine Schwägerin sehr — wäre es nicht mein Bruder gewesen, ich glaube, ich wäre manchmal eifersüchtig geworden — und bei seinem Abschied hatte er ihr gegenüber geäußert: „Du brauchst Dich meinetwegen nicht zu beunruhigen, sobald mir etwas Menschliches widerfährt, benachrichtige ich Dich oder erscheine Dir.”

„Aber bitte nur nicht als Geist,” hatte sie lachend erwidert. „Du weißt, daß ich mich für Spuk- und Gespenstergeschichten nicht begeistern kann.”

Ich hatte den Brief auf den Wunsch meiner Gäste aus der Tasche gezogen und war gerade im Begriff, ihn vorzulesen, als der Hund, das Eigenthum meines Bruders, wie toll sich zu gebärden begann. Er hatte sich erhoben, stieß ein fürchterliches Geheul aus und starrte beständig auf meine Frau, oder richtiger gesagt, gerade über den Kopf meiner Frau hinweg in die Luft. Ich versuchte das Thier zu beruhigen, vergebens, immer wüthender wurde das Geheul, immer ungeduldiger sein Benehmen. Wir glaubten, es sei ein Fremder in der Nähe oder ein Thier auf einem der Bäume. Einer von uns hielt das nur mit der größten Mühe zu bändigende Thier, wir Anderen durchsuchten den Garten, jegliches Gebüsch, zwei von uns erstiegen die hinter der Laube stehenden großen Kastanienbäume — nichts war zu entdecken, es war nichts zu finden. Mit einigen Schlägen verwies ich den Hund zur Ruhe, knurrend und mit den Zähnen fletschend legte er sich nieder, aber nur für wenige Minuten. Plötzlich sprang er wieder empor, legte seine beiden mächtigen Vordertatzen auf die Tischplatte, starrte wieder mit seinen großen, weitgeöffneten Augen über den Kopf meiner Frau hinweg in die Luft und stieß so fürchterliche Töne aus, daß wir Alle erschrocken in die Höhe fuhren. Nur mit der größten Anstrengung gelang es, den wie wahnsinnig tobenden Hund in die Hütte zu bringen.

Und wissen Sie, was das Sonderbare an der Sache ist? An demselben Tage, am 24.Juni 1866, in derselben Stunde, Abends um sechs Uhr, ist mein Bruder, der Herr des Hundes, in der Schlacht von Custozza gefallen.”

„Ein Zufall, weiter nichts.”

„Mag sein, gestatten Sie mir noch eine andere, nicht minder wahre Geschichte.

In der Zeit, da ich noch als aktiver Offizier in der Armee stand, hatte ich einen lieben Freund, einen Herrn von M., den ich aber nach meiner Verabschiedung aus dem Auge verlor. Ein Zufall führte uns einige Jahre später wieder zusammen. M. hatte inzwischen geheirathet und, wie man mir erzählte, eine Frau, die die Kunst des Hellsehens besaß. Sie lachen, auch ich lachte, als ich es hörte. Ich machte eines Tages meinen Besuch und wurde von Frau von M. angenommen, mein Freund war vor wenigen Minuten in den Dienst gegangen. Wir sprachen über Dies und Jenes, als ich plötzlich an ihr eine gewisse Unruhe bemerkte. Ich fragte besorgt, ob ihr etwas fehle, ob ich auch störe. Sie verneinte. „Aber,” setzte sie hinzu, „ich weiß nicht, was es mit meinem Mann ist. Er hat soeben auf der Straße Kehrt gemacht, ist einige Schritte gegangen und hat dann wieder die alte Richtung eingeschlagen.”

Ich sah mich um, wir saßen in der Mitte des Zimmers, vor den Fenstern hingen des blendenden Sonnenlichtes wegen dichte Jalousien, wie konnte sie das nur wissen? Sie bemerkte mein Erstaunen.

„Ueber so etwas dürfen Sie sich nicht wundern,” sprach sie zu mir, „ich weiß und sehe Alles, was mit den Menschen, die ich lieb habe, vorgeht.”

Jahre waren vergangen, ich hatte die kleine Episode, die sich thatsächlich so zugetragen hatte, wie Frau von M. mir sagte, längst vergessen, als ich durch ein späteres Ereigniß wieder daran erinnert wurde. Das Jahr 1870 brach heran und mein Freund von M. rückte als Kompagniechef in das Feld. Ich war inzwischen außer Dienst gegangen, stellte aber bei Ausbruch des Krieges ebenfalls meine schwachen Kräfte zur Verfügung und wurde zum Kommandanten des Lazareths in L. ernannt, zufällig derselben Stadt, in der Frau von M. wohnte. Natürlich kamen wir viel zusammen, und ich versuchte nach besten Kräften, ihr über die vielen Stunden der Einsamkeit hinweg zu helfen. Da kam eines Morgens die telegraphische Meldung: „Hauptmann von M. gestern hier in Z. im Lazareth gestorben.” Mir wurde der Auftrag, die Wittwe von dem Verlust ihres Gatten, meines Freundes, zu benachrichtigen. Frau von M. empfing mich, heiter und munter wie je zuvor.

„Sie haben keine Nachricht von Ihrem Herrn Gemahl?” begann ich.

„Nein,” entgegnete sie, „ ich habe seit etwa acht Tagen nichts von ihm gehört, wozu soll er auch schreiben, ich weiß bestimmt, daß er wohl und munter ist.”

Mir fiel ihre Kunst des Hellsehens wieder ein.

„Gnädige Frau, sind Sie nicht zu sicher? Täuschen Sie sich nicht vielleicht doch? Sollte nicht vielleicht doch eine andere Ursache dem Schweigen Ihres Herrn Gemahls zu Grunde liegen?”

„Nein, ich bin meiner Sache ganz sicher, mein Mann ist gesund.”

„Gnädige Frau, es thut mir unendlich leid, Ihren Glauben zerstören zu müssen, wir haben Nachricht, sichere Nachricht, daß Ihr Herr Gemahl verwundet, schwer verwundet ist und vielleicht jetzt schon nicht mehr unter den Lebenden weilt.”

Ungläubig schüttelte sie den Kopf: „Sie irren, mein Lieber, ganz bestimmt, Sie täuschen sich.”

Was blieb mir weiter übrig, als mich zu empfehlen. Schon am nächsten Tage mußte ich Frau von M. wieder aufsuchen; es war die Anfrage gekommen, ob die Wittwe in die Beerdigung ihres Gatten in Feindesland einwillige oder ob sie, wie es sich häufig bei den im Lazareth Verstorbenen ermöglichen ließ, eine Ueberführung der Leiche nach der Heimath wünsche. Ich trug ihr die Angelegenheit vor.

„Aber mein Lieber, ich begreife gar nicht, wie Sie mich immer mit einer Sache belästigen, die mich doch gar nichts angeht, mein Mann ist nicht todt.”

Die Zeit drängte, zum Disputiren war jetzt nicht der richtige Augenblick, denn die Antwort mußte umgehend abgesandt werden.

„Gnädige Frau, nehmen Sie einmal den Fall an, es sei Ihrem Herrn Gemahl etwas zugestoßen oder es würde ihm einmal etwas zustoßen, wäre Ihnen dann die Beerdigung Ihres Gatten in der Fremde oder in der Heimath lieber?”

Sie entschied sich für das Letztere und ich ging, um die Anordnungen zu treffen. Einige Tage später traf die Leiche ein, Alles war zu Beisetzung vorbereitet, als die Wittwe plötzlich auf die Oeffnung des Sarges bestand. Ihr Wunsch mußte erfüllt werden und als der Deckel sich hob —”

„Nun, und da?”

„Da sahen wir den Bruder meines Freundes, der in demselben Regiment als Hauptmann stand, vor uns liegen.

„Ich wußte es ja,” sprach Frau von M. zu mir, „mein Mann stirbt nicht, ohne daß ich es weiß.”

Wieder waren einige Tage verstrichen, als ich eines Morgens zu ihr ging, um mit ihr zu plaudern. Wir saßen am Frühstückstisch und unterhielten uns auf das lebhafteste. Plötzlich stieß Frau von M. einen Schrei aus, ließ ihre Tasse fallen und sank in den Stuhl zurück. Besorgt sprang ich empor.

„Um Gotteswillen, gnädige Frau, was ist Ihnen?”

Mühsam richtete sie sich empor, ihr Gesicht war bleich und aus ihren Augen sprach eine tödtliche Angst.

„Ich bitte Sie , lassen Sie mich allein, ich bedarf der Ruhe, mein Mann ist soeben gefallen.”

Ich starrte sie wie geistesabwesend an, sollten der Tod ihres Schwagers und die Aufregung der Beerdigung ihre Nerven überreizt haben? Leise ging ich fort, nicht ohne vorher zum Arzt geschickt zu haben. Ich schrieb mir Datum und Stunde auf, damit jeder Irrthum ausgeschlossen sei. Aber es war so, wie Frau von M. zu mir sagte.

„Am 10.Januar 1871, Mittags um 1 Uhr ist mein Freund bei Nogent le Rotrou gefallen. — Nennen Sie das auch einen ,Zufall'?”


Text der Meldung aus den oben genannten australischen Zeitungen der Jahre 1900-1902.

SECOND SIGHT CURIOUS INSTANCES.
Psychologists and others of that ilk will be interested in the curious case of clairvoyance which is reported in the German fortnightly magazine for psychological research, "Die Uebersinnliche Welt," by Count Günther Rosenhagen, under the title "A Coincidence."
A good many years ago the writer, on hearing of a military friend's marriage, was told "the lady is a clairvoyante," which fact he received with a smile of amusement. On calling on the lady he noticed that during the conversation she began suddenly to show signs of uneasiness, and on being asked whether she did not feel well, she explained, "No, but I don't know what is the matter with my husband. On coming home he suddenly turned back, walked some steps in the wrong direction, and is now again coming towards home." The shutters of the windows of the room where this conversation was held were closcd at the time on account of the heat. When the husband reached home it was found that what his wife had "seen" had literally taken place. But this was only the first experience which Count Rosenhagen had of the lady's extraordinary clairvoyance. Better was to come.

ANOTHER CASE.
Some years later the husband took part in the Franco-German war, and Count Rosenhagen was put in charge of a hospital in the same town where the wife of his friend was living. One day he received a wire that Captain v. M., his friend, had died of wounds, and he was asked to break the news to the widow. She received him cheerfully, and told him she knew her husband was perfectly well, though she had not heard from him for a week. "Are you sure?" asked Count R., remembering her claim to be clairvoyante. "Quite sure," was the answer, and though he told her what had been oommunicated to him, she shook her head and maintained she knew her husband was well. Next morning another wire made him go to the lady to ask would she like her husband's body to be brought home. "It is all nonsense," she said; "my husband is not dead." As, however, an answer had to be sent, she asked to have the body brought home. On its arrival she insisted upon the coffin being re-opened, and, lo and behold! the body was that of the husband's brother, who served in the same regiment.

COINCIDENCE.
Even this, however, was not all.- A few days later Count R. was lunching with the lady in question, when suddenly she uttered an exclamation of pain, dropped her fork, and rose from her chair with an ashen face. "Leave me alone," she said; "you can do nothing for me. My husband has just been killed on the battlefield." Count R., in going away, wrote down the date and hour. Next day the news came that Captain v. M. had been killed at the very time his clairvoyante wife had indicated. Was it coincidence?


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© Karlheinz Everts