Auf der Draisine.

Militärhumoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 26.6.1902,
in: „Der Lügenmajor” und
in: „Meiers Hose”


Unter den Offizieren und in den Familien des Infanterieregiments, das in der ganz, ganz kleinen Stadt in Garnison lag, herrschte eine nicht geringe Aufregung. Eine große Neuigkeit hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet: Fräulein Elsbeth von Rosenberg, die Tochter des neuen Kommandeurs, kam am Abend aus der Pension zurück. Seit einem Jahr, seit dem Tage, an dem der Herr Oberst die Führung des Regiments übernommen hatte, wartete man auch auf die Tochter, die nicht nur sehr jung — siebzehn Jahr — sondern auch sehr hübsch und lustig sein sollte. Vergebens hatten alle unverheirateten Leutnants ein ganzes Jahr nach ihr ausgesehen; sie war nicht gekommen, nicht einmal in den Weihnachtsferien, da in dieser Zeit die Influenza sie an das Bett fesselte. Heute abend kam sie nun endlich, und bei dem Mittagessen im Kasino wurde von nichts anderem als von Fräulein Elsbeth gesprochen, und die Frage, wie sie wohl aussehen möchte, wurde immer und immer wieder erörtert. Der eine hoffte, daß sie groß und schlank, der zweite, daß sie klein und zierlich, der dritte, daß sie blond, der vierte, daß sie schwarz, tiefschwarz wäre. So ging das weiter, jeder hatte sich in Gedanken schon viel mit der Tochter des Kommandeurs beschäftigt und sich ein Bild von ihr gemacht — nun sollte sie auch dem Bild entsprechen.

„Nun, wir werden ja sehen,” meinte der eine Kamerad, „selbstverständlich gehen wir heute abend um zehn Uhr alle zur Bahn.

„Selbstverständlich — selbstverständlich,” hallte es von allen Seiten wider.

Da aber mischte sich der Regimentsadjutant, Oberleutnant von Flotow, in die Unterhaltung: „Meine Herren, Ihr Vorschlag, heute abend in corpore zur Bahn zu gehen, dürfte doch wohl nicht gut ausführbar sein. Ich begreife es vollständig, namentlich von seiten der jüngeren Herren, daß sie bei dem hier herrschenden absoluten Mangel an jungen Damen begierig sind, Fräulein von Rosenberg kennen zu lernen, aber ich bitte Sie, sich in die Lage der jungen Dame zu versetzen. Was soll sie sagen, wenn sie sich mit einemmal dem versammelten Offizierkorps gegenüber sieht? Das geht nicht, das geht absolut nicht.”

Es entstand eine lange Pause. Wenn der Regimentsadjutant so sprach, dann mußte man den Gedanken wieder aufgeben — das war allen klar.

„Wir brauchen ja schließlich nicht auf den Perron zu gehen,” meinte der eine Kamerad, „wir könnten ja im Wartesaal bleiben und uns an die Fenster stellen.”

Das war ein Ausweg, dem alle freudig zustimmten, nur der Regimentsadjutant nicht.

„Auch daraus kann nichts werden, meine Herren, Sie müssen das selbst einsehen. In dieser kleinen Stadt, in der über alles geredet wird, muß es ja auffallen, wenn heute abend der gesamte Leutnant zur Bahn wandert, das darf unter keinen Umständen sein. Nur einer von uns geht hin, und das bin ich.”

König Ludwig von Frankreich kann sein berühmtes: „Der Staat bin Ich,” nicht mit mehr Stolz und Zuversicht gesprochen haben, als Herr von Flotow in diesem Augenblick die Worte: „Und das bin ich.”

„Wie kommen aber gerade Sie dazu?” fragte ein Kamerad, der als großer Damenfreund bekannt war und dem es absolut nicht in den Sinn wollte, daß ein anderer ihm bei Fräulein von Rosenberg zuvorkäme.

Herr von Flotow warf sich in die Brust: „Erstens bin ich, wie Ihnen nicht ganz unbekannt sein dürfte, Regiments­adjutant, somit also bei gewissen Gelegenheiten der offizielle Vertreter des Offizierkorps, zweitens aber hat der Herr Oberst mich direkt beauftragt, heute abend sein(1) Fräulein Tochter an der Bahn in Empfang zu nehmen. Frau von Rosenberg liegt mit starker Migräne im Bett, und der Herr Oberst hat, wie Sie alle wissen, sich eine Sehnenzerrung zugezogen, die ihn zwingt, einige Tage das Haus zu hüten. Als ich heute vormittag bei ihm war, bat er mich, nach dem Bahnhof zu gehen.”

Wieder blickten alle neidisch auf den Adjutanten, der aber fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Meine Herren, wenn es Ihnen somit auch nicht möglich ist, Fräulein von Rosenberg heute abend persönlich zu begrüßen, so sind Sie dennoch in der Lage, ihr einen Willkommengruß zu bereiten, über den sie sich sicher sehr freuen wird. Ich mache den Vorschlag, daß wir die Strafkasse zur Verfügung stellen und aus den vorhandenen Mitteln für Fräulein von Rosenberg ein schönes Bukett kaufen, das ich in Ihrer aller Namen überreichen werde; den ungeschriebenen Statuten gemäß soll das Geld ja eigentlich vertrunken werden, und wir haben das bisher ja auch stets sehr brav getan. Um so mehr aber denke ich, daß auch einmal eine Ausnahme zulässig ist.”

Und wenn auch keines es so recht dem Adjutanten gönnte, daß dieser die Blumen überreichen sollte, so stimmten sie doch alle dem Vorschlag zu.

„Kommt nicht auch der schöne Oskar, wie Weiden ja nun einmal heißt, heute abend von Urlaub zurück?” fragte da ein Kamerad. „Mir fällt es plötzlich ein, ich glaube, ich irre mich nicht.”

Der Regimentsadjutant wußte ganz genau, daß der Urlaub des Leutnants von Weiden heute abend abgelaufen war, trotzdem sagte er: „Sie irren sich — geben Sie sich nur keine Mühe, einen Vorwand zu finden, doch noch zur Bahn zu gehen. Der Kommandeur würde sehr wenig erfreut sein, wenn er das erführe.”

Unterdessen saßen Fräulein von Rosenberg und Leutnant von Weiden, ohne voneinander zu wissen, wer sie waren und wohin sie fuhren, sich in demselben Coupé gegenüber — Fräulein Elsbeth hatte Damencuopé, Weiden „Raucher” verlangt, aber der Zug war schon in Berlin, wo sie beide einstiegen, so überfüllt, daß sie in einer Nichtraucher­abteilung einsteigen mußten, nur um überhaupt noch mitzukommen. Er hatte Gelegenheit, ihr mit dem Abnehmen des Handgepäcks behilflich zu sein, sie dankte ihm, er versicherte, glücklich zu sein, ihr einen kleinen Dienst haben leisten zu können, und wenn auch zuerst stockend und zögernd, so kam doch nach und nach die Unterhaltung in Fluß. Und während sie miteinander plauderten, betrachteten sie sich gegenseitig, und je länger sie sich ansahen, desto mehr Gefallen fanden sie aneinander. Fräulein Elsbeth hatte eine mittelgroße, schlanke Figur, sehr schöne braune Augen, ein sehr fein geschnittenes Profil und einen entzückenden kleinen Mund mit blendend weißen Zähnen. Mit besonderer Genugtuung konstatierte Leutnant von Weiden, der sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten legte, daß die junge Dame sehr gut angezogen war. Und diselbe Entdeckung machte Fräulein Elsbeth bei ihrem Visavis. Sie sah ihm sofort den Offizier in Zivil an, aber er trug kein „Räuberzivil”, sondern war nach der neuesten Mode gekleidet, und seine frische, elegante Erscheinung kam zur vollsten Geltung.

Erst als der Schaffner auf einer der nächsten Stationen die Billetts kupierte und sie darauf aufmerksam machte, daß sie in Hamburg eine halbe Stunde Aufenthalt hätten, erfuhren sie, daß sie beide dasselbe Reiseziel hatten. Zuerst leuchteten seine Augen freudig auf, dann aber sah er sie ganz traurig an.

„Was haben Sie denn nur?” erkundigte sie sich, als sie seinen mit einemmal so ganz veränderten Gesichtsausdruck bemerkte.

„Sie tun mir entsetzlich leid, gnädiges Fräulein. Sie kennen die Stadt, die Sie aufsuchen wollen, noch nicht. Ich kann Ihnen nur raten: noch ist es Zeit, kehren Sie um. Es ist bei uns tödlich steif und entsetzlich langweilig — selbst die Auswanderung der Ratten und Mäuse nimmt bei uns von Jahr zu Jahr zu, selbst denen ist es bei uns zu stumpfsinnig. Fremde kommen nie zu uns. Einmal war ein Geschäftsreisender bei uns in der Stadt — nach vierundzwanzig Stunden wurde der Mann geisteskrank und floh unter Zurücklassung seiner Musterkoffer davon. Noch einmal rate ich Ihnen: kehren Sie um.”

Sie hatte ihm belustigt zugehört, nun sagte sie ganz ernst: „Ihre Schilderung, selbst wenn sie etwas übertrieben ist, stimmt mich traurig — ich hatte mich sehr auf die Stadt gefreut. Ich hatte auf viel Vergnügen, viele Feste, auf viele Amusements gehofft.”

„Da reisen Sie wohl zum Besuch einer Freundin nach Z.?” fragte er, „na, daß die Ihnen die Stadt in allen Regen­bogen­farben schilderte, nur um sie dahin zu locken, ist ja schließlich kein Wunder, gnädiges Fräulein; aber ich wette mit Ihnen, daß Sie den Koffer gar nicht erst auspacken, sondern gleich wieder abreisen.”

„Die Wette verlieren Sie ganz sicher,” widersprach sie; „drei Jahre bleibe ich sicher dort, vielleicht auch vier.”

„Ach, du barmherziger Himmel!” stöhnte er, „drei Jahre wenigstens? Da haben Sie sicher bei irgend einer Offiziers- oder höheren Beamtenfamilie eine Stellung als Erzieherin der Kinder angenommen und sich auf so lange Zeit kontraktlich binden müssen? Na, ich bin begierig, wie lange Sie es aushalten?”

Für einen Augenblick dachte sie daran, ihm den Irrtum, in dem er sich befand, zu nehmen, dann aber verwarf sie den Gedanken wieder.

„Sie leben doch auch dort?” sagte sie, „und wie es nach Ihren Schilderungen den Anschein hat, doch auch schon längere Zeit.”

„Allerdings!” stimmte er ihr bei, „ich bin dazu verurteilt, dort in Garnison zu stehen, ich bin Offizier — von Weiden ist mein Name. Aber Ihnen, gnädiges Fräulein, kann ich es ja sagen: die Tage des Unglücks sind für mich gezählt. Ich war auf Urlaub und habe die Zeit dazu benutzt, um mit einem entfernten Verwandten, der zum Militärkabinett kommandiert ist, unter vier Augen bei einer Flasche Sekt ein ernstes Wort zu reden. Der Mann sah schließlich ein, daß ich meiner geistigen und leiblichen Auflösung entgegengehe, wenn ich noch länger in Z. bleibe. Er hat für mich zu tun versprochen, was er nur irgend tun kann — ich denke, spätestens in sechs Wochen bin ich in einer großen Stadt. Na, die werden im Regiment Augen machen, wenn meine Versetzung herauskommt — vorher dürfen sie natürlich nichts davon erfahren, sonst sind sie imstande und vereiteln mir meinen Plan. Ganz besonders freue ich mich auf das Gesicht meines Oberst — ich glaube, der wird den Schmerz mich zu verlieren, gar nicht überwinden.”

„Sind Sie bei dem Herrn Oberst so gut angeschrieben?”

Er lachte laut auf: „Im Gegenteil, gnädiges Fräulein; er kann mich auf den Tod nicht leiden, ich bin ihm zu flott, zu lustig, nicht ernsthaft genug. Was weß ich alles. Aber kein Mensch kann sich doch anders machen, als er nun einmal ist, da stimmen Sie mir doch bei?”

Das tat sie, dann aber brachte sie das Gespräch etwas gewaltsam auf andere Dinge: sie durfte nach ihrer Meinung seine militärischen Herzensergüsse nicht länger anhören, ohne ihm zu sagen, wer sie sei, und das wollte sie nicht. In Hamburg trennten sich ihre Wege — zwar erlaubte sie ihm noch, ihr im Wartesaal Gesellschaft zu leisten, dann aber stieg sie, als der Zug gemeldet wurde, in ein Damencuopé, während er die Abteilung für Raucher aufsuchte. Trotzdem er sich nun dem Genuß der lang entbehrten Zigarre hingeben konnte, war er zuerst böse, daß er seiner schönen Reisebegleiterin nicht mehr gegenüber saß. Schließlich aber tröstete er sich doch — wenn sie zur Gesellschaft gehört hätte, wenn es möglich gewesen wäre, ihr wieder zu begegnen, dann hätte es einen Zweck gehabt, das Herz ganz an sie zu verlieren, denn hübsch war sie, sehr hübsch und nett und heiter und elegant außerdem. Lange hatte ihm kein junges Mädchen so gut gefallen.

„Schade, daß sie nur Gesellschafterin ist, sehr schade — da ist an ein Heiraten ja nicht zu denken. Na, ganz gut, daß ich nicht mehr in ihre schönen Augen sehe — es ist besser für beide Teile. In dem Nest wird so wie so genug geredet, und wenn ich auch bald fortgehe, — besser ist es auf alle Fälle so.”

Langsam fuhr der Bummelzug der nördlichen Garnison entgegen, und mit der üblichen Verspätung traf er endlich in Z. ein. Leutnant von Weiden kletterte schnell aus dem Coupé, sein Bursche erwartete ihn, und schon wollte er, um der jungen Dame nicht mehr zu begegnen, den leeren Bahnsteig verlassen, als der Regiments­adjutant mit einem großen Bukett ihm entgegeneilte. Ehe der wußte, wie ihm geschah, hatte Weiden ihm die Blumen abgenommen: „Sie sind wirklich zu liebenswürdig, lieber Flotow, auf einen so freundlichen Empfang hatte ich wirklich nicht gerechnet, wie soll ich Ihnen nur für die schönen Blumen danken.”

„Reden Sie keinen Unsinn und geben Sie mir vor allen Dingen mein Bukett wieder,” fuhr ihn der Adjutant an, „ich will Fräulein von Rosenberg, die Tochter des Kommandeurs, die heute in das Elternhaus zurückkehrt, in Empfang nehmen; sie muß mit diesem Zug gekommen sein, aber außer Ihnen ist niemand ausgestiegen. Haben Sie die junge Dame nicht in Hamburg oder sonst auf einer Station gesehen: mittelgroße, sehr schöne, braune Augen, ein sehr feingeschnittenes Profil —”

Weiden hörte gar nicht mehr zu, mit einemmal gingen ihm die Augen auf — nun wußte er, wem er gegenübergesessen und wem er sein Herz ausgeschüttet hatte. Wenn aber das junge Mädchen zu Haus etwas davon erzählte, daß er sich versetzen lassen wollte, dann würde sicher nichts daraus; der Oberst, mit dem er sehr schlecht stand, obgleich die Kommandeuse ihn sehr protegierte, würde ihm die Versetzung, die fast einer Belohnung gleichkam, nicht gönnen und sie verhindern.

Da kam ihm ein rettender Gedanke.

„Gehen Sie nur nach Haus, Flotow, und melden Sie dem Kommandeur, seine Tochter wäre nicht mitgekommen. Sie sehen ja, es ist niemand ausgestiegen, und da fährt der Zug ja auch schon wieder ab.”

Der Adjutant war sehr erschrocken: „Es wird der jungen Dame doch hoffentlich kein Unglück zugestoßen sein, ich will sofort zu dem Herrn Oberst — es muß gleich telegraphiert werden.”

Und fort war er, ohne auch nur daran zu denken, sich die Blumen, die Weiden immer noch in der Hand hielt, zurückgeben zu lassen. Kaum war er gegangen, da stürzte Weiden auf den Stationsvorsteher zu, dem er persönlich bekannt war: „Sie müssen sofort den Zug umkehren oder wenn das nicht möglich ist, auf der nächsten Station halten lassen. Besorgen Sie dann sofort eine Draisine, ich fahre hinterher — Fräulein von Rosenberg, die Tochter des Herrn Oberst befindet sich im Zug, sie sollte hier aussteigen, vielleicht hat sie geschlafen, vielleicht hat der Schaffner vergessen, die Coupétür zu öffnen, was weiß ich. Auf jeden Fall muß die junge Dame heute abend noch zu ihren Eltern gebracht werden. Geschieht das nicht, so müssen Sie die Folgen tragen. Sie kennen ja den Herrn Oberst.”

Und ob der noch jugendliche Stationsvorsteher den kannte. Im Frühjahr hatte er eine Landwehrübung in der Garnison gemacht und dabei den Herrn Oberst kennen gelernt — der verstand keinen Spaß. Und schließlich war der Herr Oberst doch auch die Hauptperson hier in der ganzen Stadt: dem zuliebe konnten die bestehenden Bestimmungen schon etwas milder gehandhabt werden.

Der Zug mußte halten — auf seiner Pfeife gab der Stationsvorsteher das Zeichen: ,Zug halt', aber es war zu spät, der Zug war bereits um die Ecke verschwunden, das Signal konnte nicht mehr gehört werden.

„Also telegraphieren Sie nach der nächsten Station und bestellen Sie sofort eine Draisine!”

Gehorsam kam der Stationschef dieser Aufforderung nach, und eine kleine Viertelstunde später fuhr die Draisine so schnell es nur irgend ging nach der nur wenige Kilometer entfernten Station, auf der der Zug hielt. Alle Reisenden waren in großer Aufregung, niemand wußte, um was es sich handelte — Fräulein Elsbeth aber schwamm in Tränen, sie hatte erfahren, daß Z. bereits passiert sei; und sie fürchtete sich, in einer ihr wildfremden Stadt aussteigen und dort die Nacht in einem Hotel verbringen zu müssen. Mit Schrecken hatte sie auch bemerkt, daß ihre Barmittel fast am Ende waren, was sollte nun werden?

Da erschien Leutnant von Weiden — wenige Worte genügten zur Aufklärung — und gleich darauf fuhren beide auf der Draisine nach Z. zurück. „Ach so, ja richtig, die Blumen hatte ich ja ganz vergessen,” sagte Herr von Weiden und überreichte Fräulein Elsbeth den Strauß, „zwar bin ich nicht beauftragt, Ihnen denselben zu überbringen, aber ich denke, Sie werden ihn nicht zurückweisen, weil er aus meinen Händen kommt. Aber Leute,” mahnte er die Arbeiter, „laßt euch doch Zeit, fahrt nicht so schnell, ein gutes Trinkgeld gibt es auch so.”

Und immer wieder mahnte er: „Fahrt doch langsam — fahrt doch langsam,” und sonderbarer­weise widersprach Fräulein Elsbeth nicht; sie fühlte sich an der Seite des schönen Offiziers so sicher, so ruhig, so glücklich, daß sie am liebsten stundenlang neben ihm gesessen und seinen Worten gelauscht hätte.

Was die beiden auf der Draisine miteinander sprachen, hörte niemand — was sie sich aber erzählt hatten, wurde allen klar, als sechs Wochen später Leutnant von Weiden seine Verlobung mit Fräulein von Rosenberg an demselben Tag veröffentlichte, an dem seine Versetzung in eine große Garnison bekannt gegeben wurde.

Trotz aller Kameradschaft gönnte niemand dem Leutnant von Weiden die schöne Braut — am meisten aber ärgerte sich die Tischgesellschaft darüber, daß sie aus der Strafkasse noch das Verlobungsbukett bezahlt hatte — denn heimlich verlobt hatten sich die beiden schon auf der Draisine.


Fußnoten:

(1) In der Fassung von „Meiers Hose” heißt es hier: „seine Fräulein Tochter” (Zurück)


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