Der Dineradjutant.

Militärhumoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 2.7.1905 und
in: „Der Dichterleutnant”


Seine Hoheit Prinz Nikolaus hatte sich bei seinem Infanterieregiment, dessen Chef er war und das in seiner Residenz garnisonierte, zu Tisch angesagt. Das kam öfter vor, aber es war jedesmal eine große Auszeichnung für das Regiment, „dessen Offiziere sich dafür durch einen soliden Lebenswandel, dessen Mannschaften aber durch einen besonders guten Parademarsch sich würdig zu erweisen bemüht sein mußten,” wie es in schlechtem Deutsch in einem ein für allemal ausgegebenen Regimentsbefehl hieß. Der Besuch Seiner Hoheit war immer eine Ehre, heute ganz besonders, denn heute kam der Prinz nicht „nur mal so”, wie sonst, sondern heute hatte er extra sagen lassen, er käme in besonderer Veranlassung. Darüber, worin diese besondere Veranlassung bestand, hatte sich der hohe Herr allerdings ausgeschwiegen, aber das schadete nichts, der Herr Oberst durchschaute mit seinem Scharfblick sofort die Situation. Er wandte sich an seinen Adjutanten: „Es ist ganz klar, mein Lieber, Seine Hoheit will einen Abend mit uns verleben, weil ihn hierzu entweder eine traurige oder eine freudige Veranlassung treibt. Verstehen Sie mich recht, Seine Hoheit, der ja auch nicht mehr der Jüngste ist, fühlt sich heute einsam, entweder weil für ihn heute ein trauriger Gedenktag ist oder ein Freudentag. Auf jeden Fall aber ist der heutige Tag ein ganz besonderer Ehrentag in der Geschichte des Regiments, denn er beweist uns, wie nahe wir dem Herzen Seiner Hoheit stehen, wie wohl er sich bei uns fühlt, und wie es uns gelungen ist, durch einen streng sittlichen und militärisch einfachen und soliden Lebenswandel die wärmste Anerkennung Seiner Hoheit zu finden.”

Der Herr Oberst machte eine kurze Pause, er hatte sich selbst an seinen Worten berauscht und wollte sie nun in Ruhe auf seinen Adjutanten einwirken lassen; aber auf den machten diese Phrasen gar keinen Eindruck, er kannte seinen Oberst zur Genüge. Der geriet jedesmal in Ekstase, wenn sich nur der Leibdiener Seiner Hoheit zeigte. Und nun erst, wenn der hohe Herr selber kam! Dann war es einfach aus.

„Es ist ganz selbstverständlich,” fuhr der Oberst fort, „daß wir auf die Stimmung Seiner Hoheit heute noch mehr Rücksicht nehmen müssen als sonst; ist er traurig, dann müssen wir ihn aufheitern, ist er froh, dann müssen wir ihn noch froher zu stimmen versuchen. Ich glaube, dies geschieht am besten dadurch, daß wir für heute mittag ein ganz besonders schönes Diner im Kasino zusammenstellen lassen.”

„Verzeihung, Herr Oberst,” wendete der Adjutant ein, „im Interesse der Finanzen der andern Herren möchte ich den Herrn Oberst gehorsam darauf aufmerksam machen, daß die Kasinorechnungen sich ohnehin schon in diesem Monat sehr hoch belaufen werden, wir haben verschiedene Festlichkeiten gehabt.”

„Ich weiß, ich weiß,” unterbrach ihn unwillig der Herr Oberst. „Ich bin gewiß der Letzte, der nicht darauf hält, daß meine Offiziere äußerst sparsam leben, aber heute geht es nun einmal nicht anders, die Herren müssen sich eben anderweitig einschränken.”

Das ist immer die stehende Redensart: „Anderweitig einschränken,” aber über das Wann und das Wovon lassen sich die hohen Herren nie weiter aus, weil sie es elbst nicht wissen. Der Adjutant wußte, jeder weitere Widerspruch war vergebens, und so fügte er sich denn in das Unvermeidliche. Alles wurde für den Empfang Seiner Hoheit auf das glänzendste vorbereitet, und mit dem Glockenschlag sieben betrat der Prinz, gefolgt von seinem persönlichen Adjutanten, das Kasino: eine tiefe Verbeugung der Herren Offiziere, ein huldvolles Kopfnicken Seiner Hoheit, ein gnädiger Händedruck für den Herrn Oberst, dann ging man zu Tisch. Seine Hoheit sprach nie viel, aber heute sprach er noch weniger als sonst, er begnügte sich damit, sich das Diner gut schmecken zu lassen und eifrig die Offiziere zu mustern. Gar zu gern hätte der Herr Oberst, der neben dem erlauchten Gast saß, erfahren, welcher besondern Veranlassung er den Besuch Seiner Hoheit verdankte, aber der hohe Herr schwieg sich darüber aus, und der Herr Oberst hatte nicht den Mut, ihn danach zu fragen. So begnügte er sich denn damit, dasselbe zu tun wie Seine Hoheit, er sprach fleißig dem Essen zu und musterte seine Offiziere, ob die sich auch tadellos benähmen. Da fielen seine Blicke auf den Leutnant von Berndorf, und fast rührte ihn der Schlag. Der Herr Leutnant legte sich in diesem Augenblick auf seinen Teller eine Portion Hummer, die für drei Erwachsene auch gereicht hätte. „Um Gottes willen, hoffentlich hat Seine Hoheit das nicht gesehen,” dachte der Kommandeur, da tippte ihn auch schon Seine Hoheit auf den Arm und meinte lachend: „Sehen Sie sich mal den Berndorf an, dem schmeckts.”

Der Oberst hätte den Leutnant am liebsten erdrosselt, da aber Seine Hoheit lachte, mußte er auch lachen, und so sagte er denn scherzend: „Ja, ja, dem schmeckts.”

Hoheit lächelte noch eine ganze Zeit stillvergnügt vor sich hin, dann wandte er sich wieder an den Kommandeur: „Der Berndorf muß ja einen ganz famosen Magen haben.”

Der Oberst hatte von den Magenverhältnissen seines Leutnants keine blasse Ahnung, aber trotzdem sagte er jetzt: „Berndorfs Magen ist im ganzen Regiment berühmt, der kann Kieselsteine vertragen.”

„So, so, das freut mich,” meinte Seine Hoheit, und man merkte ihm an, daß er sich wirklich darüber freute.

Wäre der Oberst nicht ein viel zu loyaler Untertan gewesen, dann hätte er sich über die Freude Seiner Hoheit gewundert, aber so wunderte er sich nicht.

Seine Hoheit beobachtete den Leutnant beständig weiter: „Scheint mit überhaupt ein sehr wohlerzogener Herr zu sein, dieser Berndorf.”

Der Herr Oberst war über diesen Punkt ganz andrer Meinung, denn ein gesitteter Europäer nahm sich nach seiner Meinung nicht so viel Hummer auf einmal, aber wenn Seine Hoheit das nicht unschicklich fand, dann brauchte er es ja auch nicht unpassend zu finden, und so sagte er denn: „Er ist einer der wohlerzogensten Offiziere meines ganzen Regiments.”

„Das freut mich, das freut mich, das ist ja eigentlich auch selbstverständlich bei einem Abkömmling einer so tadellosen Familie. Familie ist doch tadellos?”

„Tadellos, Hoheit!”

„Tadellos,” meinte Hoheit erfreut; dann versank er in tiefes Schweigen, und der Herr Oberst zerbrach sich darüber den Kopf, warum der hohe Herr plötzlich ein solches Interesse an dem Leutnant von Berndorf nahm.

Endlich war das Diner beendet, und man erhob sich, um in den Nebenräumen den Kaffee zu trinken und die Zigarre zu rauchen. Gewöhnlich pflegte Seine Hoheit sich gleich mit den Stabsoffizieren in eine Ecke zu setzen und mit ihnen über militärische Dinge zu plaudern, heute aber hatte er anscheinend andre Wünsche, denn er schob den ihm angebotenen Stuhl beiseite. „Ich möchte Herrn Leutnant von Berndorf sprechen.”

Eine halbe Minute später war der zur Stelle. Seine Hoheit musterte ihn prüfenden Auges von oben bis unten, und alles, was er auf dem Herzen hatte, faßte er zusammen in die Worte: „Tadellos angezogen, ganz tadellos.”

„Hoheit sind sehr gnädig,” meinte Herr von Berndorf tief beglückt, ohne sich klarzumachen, daß diese Worte eigentlich nicht am Platze waren, denn anwesende Hoheiten sind offiziell immer gnädig, und was sie inoffiziell sind, sagt man ihnen nicht.

Aber Hoheit hatte auf die Worte gar nicht gehört. „Ich möchte Sie sprechen, Herr von Berndorf, wenn es geht, unter vier Augen.”

Das war ein zarter Wink für alle andern Herren, zu verschwinden. Und sie verschwanden, der Herr Oberst zuerst und der jüngste Fähnrich als letzter.

Eine ganze Weile musterte Hoheit noch den jungen Offizier, als er mit diesem allein war, dann fragte er ganz plötzlich und unvermittelt: „Sagen Sie mal, mein Lieber, hätten Sie Lust, mein persönlicher Adjutant zu werden?”

Berndorf wußte gar nicht, was er sagen sollte. „Hoheit, welche Gnade, welche Auszeichnung!” stotterte er endlich.

Hoheit ließ dem jungen Offizier einen Augenblick Zeit, sich zu sammeln, dann sagte er: „Sehen Sie, mein Lieber, ich brauche einen neuen Adjutanten, und nur um mir den auszusuchen, bin ich heute ins Kasino gekommen. Ich habe Sie essen sehen, ich habe mich nach Ihren Magenverhältnissen erkundigt, die tadellos sein sollen — sie sind doch tadellos?”

„Tadelos, Hoheit.”

„Tadellos,” meinte Hoheit erfreut; dann fuhr er fort: „Sie sind mein Mann.”

Trotz der ihm innewohnenden Disziplin und Subordination machte Berndorf ein etwas erstauntes Gesicht, er begriff Seine Hoheit nicht.

„Hören Sie mich an,” fuhr Hoheit fort; „in meiner Stellung habe ich, wie Sie wissen, zwei persönliche Adjutanten zu meiner Verfügung, der eine der Herren besorgt die dienstlichen Geschäfte, der andere Herr hat in erster Linie die Aufgabe, mich persönlich überallhin zu begleiten, auf alle Gesellschaften, auf alle Diners und auf alle andern Festlichkeiten. Sehr häufig bin ich auch verhindert, selbst zu gehen, dann muß mein persönlicher Adjutant mich vertreten, er muß allein zu den Diners gehen; und das kann der andre Herr, den ich habe, nicht mehr. Der hat sich in der Zeit, während er mein Dineradjutant war, total den Magen ruiniert, ich kann es nicht mehr verantworten, ihn auf die Diners zu schicken, er muß nach Karlsbad, um gesund zu werden. Ich muß ihn ablösen lassen, so leid es mir auch tut, er ist ein reizender Mensch, aber er kann seinen Dienst bei mir nicht mehr verrichten; und alle Diners, zu denen ich gebeten werde, persönlich zu essen, fühle ich mich einfach außerstande. Glauben Sie, daß Sie stark und kräftig genug sind, sein Nachfolger zu werden?”

„Zu Befehl, Hoheit,” klang es zuversichtlich zurück.

„Tadellos,” meinte Hoheit; „dann sind wir also einig. Was wir besprochen haben, bleibt natürlich unter uns, bis ich Ihre Ernennung zu meinem Adjutanten durchgesetzt habe.”

„Zu Befehl, Hoheit.”

„Tadellos. Dann rufen Sie jetzt, bitte, die anderen Herren zurück.”

Voller Neugierde traten die wieder ins Zimmer, aber erst nach drei Wochen, als Berndorfs Ernennung zum Adjutanten Seiner Hoheit erfolgte, errieten sie, was in jener feierlichen Stunde zwischen den beiden Herren besprochen worden war. Alle Welt war über diese Auszeichnung, die Berndorf zuteil wurde, überrascht; niemand wußte, welchem Umstand er diese zu verdanken hatte, aber alle waren davon überzeugt, daß Berndorf nicht allzulange in seiner Stellung bleiben würde; für einen persönlichen Adjutanten und für das Hofleben, wo man doch höhere und geistige Interessen besaß, war er nach Ansicht seiner Kameraden denn doch zu materiell veranlagt. Aber alle Befürchtungen erwiesen sich als grundlos. Der neue Adjutant füllte seinen Posten zur vollsten Zufriedenheit seines hohen Herrn aus, und als er endlich nach drei Jahren den bestehenden Bestimmungen gemäß abgelöst werden mußte, bekam er nicht, wie seine Vorgänger, einen Orden, der auf der Brust getragen wurde, sondern Seine Hoheit belohnte ihn mit einem hohen Orden zum Halse heraus und schenkte ihm außerdem eine echt silberne „Magenbinde”, wie die in der Armee seit kurzem eingeführte Leibbinde genannt wird. Und diese zarte Aufmerksamkeit Seiner Hoheit war wohlberechtigt, denn im Gegensatz zu dem andern Adjutanten hatte der Dineradjutant seinem Herrn die unschätzbaren Dienste nicht mit dem Kopf, sondern lediglich mit dem Halse und seinem Magen geleistet.


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