Die Wette.

Humoreske von Freiherr v. Schlicht
(nicht identisch mit der Erzählung „Die Wette”)
in: „Deutsches Volksblatt” vom 4.Jan. 1913


Leutnant von Brinken, ein großer, schlanker, hübscher Offizier von etwa siebenundzwanzig Jahren, ging mit großen, erregten Schritten in seinem Zimmer auf und ab und zermarterte sich sein Gehirn, ob es wirklich keinen anderen Ausweg gäbe, jetzt noch im letzten Augenblicke seine Wette zu gewinnen, die er am vorigen Silvesterabend im Kasino in übermütiger Sektstimmung mit den Kameraden abgeschlossen hatte und bei der es sich darum handelte, daß er bis heute abends um 12 Uhr, ehe die Glocken das alte Jahr zu Grabe läuteten, nicht nur mit der schönen Ellen, der Tochter des schwerreichen Kommerzienrates, verlobt sein wolle, sondern daß er vor allen Dingen das allen unglaublich erscheinende Kunststück fertiggebracht habe, den Kommerzienrat zu bewegen, zu dieser Verlobung seines einzigen Kindes seine Einwilligung zu geben.

Gewiß, an und für sich hatte der Kommerzienrat gegen die Offiziere nicht das geringste einzuwenden, er begegnete ihnen stets mit der größten Liebenswürdigkeit, ein- oder zweimal im Winter lud er sie auch zu sich in das Haus, aber trotzdem bestand da eine Schranke, die nicht zu überschreiten war, und ehe der Kommerzienrat seine Tochter einem Leutnant zur Frau gab, eher geschah sonst was. Das wußte Leutnant von Brinken am allerbesten und wenn es ihm auch im Laufe des letzten Jahres gelungen war, Schön-Ellens Liebe zu gewinnen, die Einwilligung des Vaters fehlte noch und selbst Ellen, die sich nichts sehnlicher wünschte, als daß ihre heimliche Verlobung bald eine offizielle sei, sah keine Möglichkeit, den Vater umzustimmen. Ja, sie wagte es sogar nicht einmal, mit dem Vater auch nur ganz im allgemeinen darüber zu sprechen, was dann geschehen würde, wenn sie sich doch einmal in einen Leutnant verlieben sollte.

Aber so verzagt Schön-Ellen auch oft war, wenn sie mit dem Geliebten zusammentraf, Leutnant von Brinken gab trotzdem die Hoffnung noch nicht auf. Wenn es gar nicht anders ging, mußte die List, die er sich ausgedacht hatte, zum Ziele führen, denn daß er seine Wette verlor und zu dem Schaden in Gestalt zahlloser Sektflaschen, die er dann zu bezahlen hatte, auch noch den Spott der Kameraden über sich ergehen lassen sollte, nein, da wagte er lieber alles. Und es mußte gewagt sein, heute noch, obgleich er nicht einmal zu dem glänzenden Feste eingeladen war, das der Kommerzienrat heute als Silvesterfeier den zahlreichen Freunden seines Hauses gab. Es war ein kühner Plan, den er sich ausgeheckt hatte, niemand wußte darum, selbst Ellen nicht, der er lediglich erklärt hatte, daß sich heute abends ihr und sein Geschick entscheiden würde.

Und so betrat er denn am Abend die Villa des Kommerzienrates, um sich bei diesem durch eine Karte anmelden zu lassen, in der er den Herrn Kommerzienrat in einer dringenden, persönlichen Angelegenheit um eine kurze Unterredung bat.

Der Diener ging, um den Gast anzumelden, und voller Ungeduld wartete Leutnant von Brinken auf dessen Rückkehr. Gott sei Dank, der Kommerzienrat war bereit, ihn zu empfangen, und so standen sich denn die beiden Herren wenig später in dem großen Arbeitszimmer des Hausherrn gegenüber. Der Kommerzienrat war ein hoher, eleganter Fünfziger, dem niemand den Bankier ansah. Mit vollendeter Liebenswürdigkeit hieß er den jungen Offizier willkommen, ohne auch nur sein Erstaunen über den um diese späte Abendstunde doch etwas ungewöhnlichen Besuch zu verraten. Die Aufklärung hierüber überließ er seinem Gaste und der sagte denn jetzt sofort:

„Ich habe um Verzeihung zu bitten, Herr Kommerzienrat, daß ich Sie heute abend störe, noch dazu, wo Sie Gäste bei sich sehen. Aber die Angelegenheit, die mich zu Ihnen führt, ist so unendlich wichtig für mich, daß sie keinen Aufschub duldet. Ehe das alte Jahr zu Ende geht, muß die Sache geregelt sein, wenn ich nicht vielleicht schon morgen — — — Und nicht wahr, Herr Kommerzienrat, das werden Sie doch nicht wollen, daß ich morgen — — — Nun, auch ohne daß ich zu Ende spreche, werden Sie mich verstehen.”

Diese Worte waren ein Trick, auf den der Kommerzienrat hineinfallen sollte. Er selbst hatte mit keiner Silbe vom Totschießen gesprochen, das konnte er später mit gutem Gewissen beschwören, und wenn der andere seine Worte falsch auslegte, dann war das dessen eigene Schuld.

Und der Trick gelang wirklich, denn der Kommerzienrat machte ein ganz entsetztes Gesicht: „Um Gotteswillen, Herr Leutnant, reden Sie nicht von solchen Dingen, wer wird denn alles gleich immer so tragisch nehmen! Sicher sehen Sie viel zu schwarz. Um was handelt es sich denn überhaupt?”

Der Leutnant schwieg eine ganze Weile, um die Wirkung seiner Worte zu erhöhen, dann sagte er endlich: „Ich brauche heute abends noch hundertausend Mark.”

Der Kommerzienrat glaubte nicht recht gehört zu haben: „Hundert — — hunderttausend Mark? Und da kommen Sie zu mir? Die soll ich Ihnen geben? So viel Schulden haben Sie?”

Der Leutnant sah dem Kommerzienrat offen und frei in die Augen: „Ich habe keine Schulden, Herr Kommerzienrat, nicht einmal die üblichen Kleiderschulden. Ich lebe in vollständig geordneten Verhältnissen, sonst hätte ich es doch gar nicht erst gewagt, zu Ihnen zu kommen.”

Der Kommerzienrat hörte aus jedem Worte seines Besuchers heraus, daß dieser die Wahrheit sprach, und so sagte er denn jetzt: „Ich glaube Ihnen selbstverständlich, Herr Leutnant, aber wenn Sie keine Schulden haben, verstehe ich nicht, wofür Sie eine so hohe Summe gebrauchen.”

Wieder sah der junge Leutnant den Hausherrn offen und frei an, dann sagte er: „Ich bedaure, darüber keine Auskunft geben zu dürfen, denn ich bin durch mein Ehrenwort zur strengsten Diskretion verpflichtet, wenigstens so lange, bis ich von Ihnen das Geld erhalten habe.”

Daß er dieses Ehrenwort lediglich sich selbst gegeben hatte, brauchte der andere ja noch nicht zu wissen.

Der Kommerzienrat saß einen Augenblick ganz fassungslos da, dann fragte er endlich: „Sie glauben also wirklich, Herr Leutnant, daß ich Ihnen das Geld gebe? Hunderttausend Mark? Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es gar nicht, denn ich habe doch natürlich eine solche Summe nicht zu Hause.”

„Das habe ich selbstverständlich auch nicht erwartet, Herr Kommerzienrat,” lautete die Antwort, „es würde mir vollständig genügen, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, mir einen Scheck über hunderttausend Mark auf Ihre Bank zu geben, den ich mir an einem der nächsten Tage einlösen könnte.”

Unwillkürlich mußte der Kommerzienrat lachen: „Das glaube ich Ihnen gern, Herr Leutnant, daß Sie auch mit einem solchen Scheck zufrieden wären, aber nun wollen wir einmal ganz ernsthaft reden. Und da möchte ich Sie fragen: Glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen das Geld gebe? Haben Sie das auch nur eine Sekunde für möglich gehalten Auf nichts und wieder nichts kann ich doch nicht eine soche Summe verleihen, denn so weit ich über Ihre Verhältnisse unterrichtet bin, sind Sie doch nicht in der Lage, mir auch nur die gerigste Sicherheit für dieses Darlehen zu geben.”

„Zu meiner Freude kann ich Ihnen da sagen, Herr Kommerzienrat, daß Sie sich sehr irren,” gab der Leutnant mit fester Stimme zur Antwort, „ich kann Ihnen sogar vollständige Sicherheit bieten. Ich stehe im Begriffe, mich zu verloben, und ich verbürge mich mit meinem Ehrenworte dafür, daß ich am Tage meiner Verheiratung von der sehr reichen Mitgift meiner späteren Frau die geliehene Summe auf Heller und Pfennig nebst den üblichen Zinsen zurückzahlen werde.”

„Das wäre allerdings etwas anderes,” meinte der Kommerzienrat nach kurzem Besinnen, „vorausgesetzt natürlich, daß Ihr zukünftiger Schwiegervater auch wirklich so reich ist, wie Sie anzunehmen scheinen.”

„Er ist leider Gottes noch viel reicher,” erwiderte der Leutnant, „er ist sogar so reich, daß ich zuweilen fürchte, meine zukünftige Frau möchte manchmal auf den Gedanken kommen, ich hätte mich in erster Linie ihres Geldes in sie verliebt. Daß das aber nicht der Fall ist, brauche ich Ihnen, Herr Kommerzienrat, wohl nicht zu sagen.”

Der wehrte ab: „Das sind Privatangelegenheiten, Herr Leutnant, die ich nicht zu beurteilen vermag, und die Sie mit Ihrem eigenen Herzen und Gewissen abmachen müssen. Aber darum handelt es sich jetzt ja auch nicht, sondern lediglich um das Geld, und da muß ich offen sagen, ich bin eigentlich zum erstenmal in meinem Leben unschlüssig, was ich tun soll. Wenn sich alles so verhält, wie Sie sagen — —”

„Mein Wort darauf, Herr Kommerzienrat,” fiel der Leutnant rasch ein, „und um Ihre letzten Bedenken zu zerstören, will ich Ihnen gestehen, daß ich bereits heimlich verlobt bin.”

Aber selbst das vermochte den Kommerzienrat noch nicht gefügig zu machen, und so fragte er denn jetzt: „Natürlich verlange ich noch keinen Namen, wenn Sie den noch nicht nennen dürfen, aber eine Frage: Kenne ich Ihren zukünftigen Schwiegervater?”

„Sogar sehr gut, Herr Kommerzienrat,” lautete die Antwort, „der Herr geht sehr viel in diesem Hause ein und aus, ich weiß, daß Sie in sehr reger Geschäftsverbindung mit ihm stehen, er hat sein sehr großes Vermögen auf Ihrer Bank liegen, mehr darf ich allerdings nicht verraten.”

„Das genügt mir denn auch vollständig,” erwiderte der Kommerzienrat nach kurzem Besinnen. nachdem er sich im stillen überlegt hatte, wer von seinen vielen reichen Kunden wohl der Schwiegervater seines Besuchers sein möge, dann sagte er endlich: „Schön, unter diesen Umständen will ich Ihnen den Betrag auf meine Bank anweisen, ich habe Ihr Ehrenwort der pünktlichen Zurückzahlung.”

Wenig später hielt der Leutnant einen Scheck über hunderttausend Mark in Händen und er mußte mit aller Gewalt an sich halten, um sich nicht zu verraten, als er nun sagte: „Ich bin Ihnen zu einem viel größeren Danke verpflichtet, Herr Kommerzienrat, als Sie glauben. Nur noch eins: Ich kann mich nicht darauf verlassen, daß dieser Scheck auch wirklich von Ihrer Bank eingelöst wird, daß Sie den nicht etwa wieder sperren lassen, wie man das wohl nennt, und daß Sie mir die Anweisung nur gaben, um mich, auf gut deutsch zu reden, endlich los zu werden?”

Der Kommerzienrat lachte hell auf: „Sie sind ein vorsichtiger Mensch, das muß ich Ihnen lasen. Aber seien Sie ganz unbesorgt, ich schrieb den Scheck nicht nur zum Scheine, und damit Sie ganz beruhigt sind, gebe ich Ihnen hiemit mein Ehrenwort, daß der Scheck unter allen Umständen eingelöst wird, sobald Sie den bei meiner Bank präsentieren.”

Und der Kommerzienrat gab dem Leutnant die Hand darauf.

Abermals bedankte sich der Leutnant mit warmen Worten, aber der Kommerzienrat wehrte ab: „Es handelt sich doch nur um ein kurzes Darlehen, Herr Leutnant, denn wenn Sie bereits heimlich verlobt sind, dürfte die Heirat doch auch wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.”

Dem Leutnant schlug das Herz bis zum Halse hinauf, trotzdem aber sagte er jetzt mit fester Stimme: „Das hängt einzig und allein von Ihnen ab, Herr Kommerzienrat.”

Der starrte seinen Besuch ganz erstaunt an, bis er dann endlich sagte:

„Von mir?” Um dann fortzufahren: „Ach so, ich verstehe. Sie spielen darauf an, daß ich für Ihren Herrn Schwiegervater erst die Gelder flüssig machen soll, die er seiner Tochter als Mitgift geben will.”

„Doch nicht ganz, Herr Kommerzienrat,” lautete die Antwort, „ich meinte meine Worte etwas anders, denn, um es offen zu gestehen, Sie sind mein zukünftiger Schwiegervater.”

Der Kommerzienrat, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte, um seinen Gast zur Tür zu geleiten, ließ sich plötzlich wieder in seinen Stuhl fallen und starrte den Leutnant ganz fassungslos an, bis er dann endlich sagte: „Ich bin Ihr zukünftiger Schwiegervater? Da irren Sie sich aber ganz gewaltig, und vor allen Dingen, ich verstehe das alles gar nicht.” — Bis er dann plötzlich aufsprang und sich dicht vor seinen Gast hinstellte: „Ach so, so war das gemeint? Das haben Sie sich ja sehr schlau ausgedacht, Herr Leutnant, erst pumpen Sie mich an und dann meinen Sie, um wieder zu meinem Gelde zu kommen, solle ich Ihnen jetzt meinen Segen geben? Da irren Sie sich aber gewaltig, und unter diesen Umständen wird der Scheck natürlich nicht eingelöst weren.”

Aber der Leutnant ließ sich nicht beirren: „Ich habe Ihr Ehrenwort, Herr Kommerzienrat, daß der Scheck unter allen Umständen eingelöst wird, und ein Finanzmann Ihrer Stellung und Ihres Namens wird sein Ehrenwort nicht brechen.”

Der Kommerzienrat faßte sich an die Stirn. Da hatte er sich ja schön überrumpeln lassen, er, einer der gewiegtesten Geschäftsleute, von einem jungen Leutnant!

Aber wie es kam, wußte er selbst nicht, der Offizier, der so fest und entschlossen vor ihm stand, imponierte ihm ebenso wie der Mut, mit dem dieser ihn aufgesucht und in die Falle gelockt hatte. Aber trotzdem, ehe er dem sein einziges Kind gab, lieber verzichtete er auf die Rückzahlung der hunderttausend Mark und schrieb diesen Betrag auf das Verlustkonto.

Das wollte er auch dem Leutnant sagen, aber da öffnete sich plötzlich die Tür, und Ellen, ein junges, bildhübsches Mädchen von zwanzig Jahren, stürmte in das Zimmer. „Vater, ich kann es vor Ungeduld nicht mehr aushalten. Der Diener sagte mir, Kurt, ich meine natürlich Herrn von Brinken, sei immer noch bei dir, Vater, kannst du denn wirklich nicht deine Einwilligung geben, ich habe ihn doch so schrecklich lieb, und das sage ich dir, Vater, wenn ich Kurt nicht heiraten darf, dann heirate ich überhaupt nicht. Vater, kannst du denn wirklich nicht „ja” sagen?”

„Ich muß es sogar,” knurrte der endlich vor sich hin. Der Geschäftsmann war wieder in ihm erwacht. Ehe er die hunderttausend Mark als verloren in seine Bücher schrieb, eher gab er doch lieber dem Leutnant sein Kind. Mochte sie mit ihm glücklich werden, wenigstens bekam sie einen Mann, der es in Geldgeschäften sogar mit einem Bankier aufnahm.

Mit einem Jubelschrei flog Ellen auf den Geliebten zu, und während der Kommerzienrat seinen Gästen wenig später die ganz plötzliche Verlobung seiner Tochter mit dem Herr Leutnant von Brinken verkündete, saßen die Kameraden im Kasino und warteten auf Brinken, daß der endlich kommen sollte, um die verlorene Silvesterwette zu bezahlen.

Aber Brinken kam nicht. Der hielt seine Braut in den Armen, und als die Mitternachtsstunde herankam, als die Glocken das neue Jahr einläuteten, standen sie Hand in Hand am Fenster und schauten hinab auf die Straße, auf der sich alle Leute ein „Prosit Neujahr!” zuriefen.

Leise und verstohlen drückten sie sich die Hand, denn das Glück, das die anderen sich für das neue Jahr wünschten, das hatten sie im alten Jahr schon gefunden!


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© Karlheinz Everts