Die Besichtigung.

Militärhumoreske von Freiherr von Schlicht,
in: „Der nervöse Leutnant”


Der gefürchtete Tag der Kompagnievorstellung war da — wochenlang war auf dem großen Exerzierplatz gebimst und gebumsen worden, daß den Kerls und den Herren Kerls thatsächlich die Augen übergingen. Bis zur Bewußtlosigkeit war die Kompagnieschule im Stehen und in der Bewegung durchgenommen und die Gewehrgriffe und der Parademarsch waren immer von neuem wiederholt worden: wenn sie schlecht waren, damit sie besser würden, wenn sie gut waren, damit sie noch besser würden, und wenn sie tadellos waren, dann hatte es geheißen: „Bravo, noch einmal so!” Aber bei dem zweitenmal klappt bekanntlich nie etwas so gut wie beim erstenmal, und da die Griffe bei der Wiederholung nichts taugten, fing es wieder von vorn an.

Es war mächtig gebimst worden, es war schon keine reine Freude mehr gewesen, und selbst die Engel im Himmel hatten, wenn sie dem Exerzieren zusahen, mit der armen Soldateska Mitleid gehabt — nur die Vorgesetzten blieben unerbittlich, die bimsten immer weiter, immer weiter, denn für sie stand vieles, für manchen sogar alles auf dem Spiel.

Zu den letzteren, die um ihr militärisches Leben kämpfen mußten, gehörte der Hauptmann von Schauer, dem die königliche erste Kompagnie unterstellt war. Er war ein großer stattlicher Mann und hatte einen schönen Kopf, aber in dem Kopf selbst sah es traurig aus, es fehlte da an dem, was man lateinisch ingenium, auf gut deutsch: Verstand oder Grütze nennt. Er war dumm geboren und hatte nichts dazu gelernt, auch von keinem Verwandten, den er im Laufe der Zeit zu letzten Ruhe begleitete, Weisheit geerbt — woher sollten da die Kenntnisse kommen? Er war als Avantageur in die Armee eingetreten und sein damaliger Hauptmann hatte ihm prophezeit, er würde es in seinem ganzen Leben nicht bis zum Gefreiten bringen. Die alte Wahrheit, daß die meisten Weissagungen nicht in Erfüllung gehen, hatte sich auch hier wieder gezeigt: er wurde nicht nur Gefreiter, sondern im Laufe der Zeit sogar Hauptmann.

Damit war aber auch Schluß der Vorstellung — weiter ging's nicht mehr, das sagte er sich selbst. Nicht, daß er sich selbst etwa für dumm gehalten hätte, nein, das gab es nicht, aber er wußte, wie die Vorgesetzten über ihn dachten, und das betrübte ihn. Früher hatte er sich gesagt: wenn ich es nur bis zum Leutnant bringe, will ich ganz zufrieden sein, und jetzt wollte er sogar Stabsoffizier werden. Er hatte nicht die geringste Lust, sich jetzt schon abschlachten zu lassen, und daß seine erste Kompagnie­vorstellung auch zugleich seine letzte sein sollte, wollte ihm absolut nicht in seinen Schädel, in den sowieso nichts hineinging.

Aber er sollte sterben, darüber täuschte er sich nicht.

Gestern Abend waren die hohen und höchsten Vorgesetzten zur Besichtigung eingetroffen. In dem ersten Hotel der kleinen Stadt hatten die Excellenzen Wohnung genommen, und bald nach ihrer Ankunft hatten sich die Stabsoffiziere und Hauptleute des Regiments, wie ihnen befohlen war, in dem Hotel eingefunden, um den hohen Herren Gesellschaft zu leisten.

Man hatte gemeinsam Abendbrot gegessen, Bier getrunken und sich sehr lebhaft unterhalten, das heißt, die Untergebenen hatten aufmerksam zugehört, was die Vorgesetzten aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrungen zum besten gaben. Besonders Se. Excellenz, der kommandierende General, war sehr lebhaft gewesen und hatte für die Besichtigung am nächsten Morgen einige wichtige Direktiven gegeben. Mit dem Bleistift in der Hand hatten die Herren dagesessen und sich ihre Notizen gemacht, und als der Hauptmann von Schauer einmal etwas nicht aufgeschrieben hatte, bemerkte Se. Excellenz sehr mißfällig:

„Notieren Sie sich nur ganz ruhig alles, was ich sage, Herr Hauptmann, Sie ganz besonders, denn gerade Ihre Kompagnie werde ich mir morgen sehr genau ansehen.”

Dem Armen hatten unter dem Tisch die Kniee geschlottert und die Bleifeder in der rechten Hand gezittert.

Die Verzweiflung packte ihn, er sah das offene Grab vor sich, aber er wollte noch nicht sterben. — Er trank sich Mut, obgleich das Bier miserabel war: es war schal und abgestanden und schmeckte — — nein, es schmeckte überhaupt nicht.

Der Kommandierende mußte trotz seiner eminenten geistigen Fähigkeiten gar kein Bierverständnis besitzen oder er wollte den anderen mit gutem Beispiel vorangehen und sie abhalten, Wein zu trinken — eingedenk des Wortes: „Je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, desto mehr ist es die Pflicht der Offizierkorps, die alte, preußische Einfachheit aufrecht zu erhalten.” Genug, er trank sehr viel, und den anderen blieb nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen.

Es war beinahe zwölf Uhr, als der Kommandierende sich erhob, um sich zur Ruhe zu begeben, und die anderen Herren folgten so schnell wie möglich seinem Beispiel — — sie hätten sich gern schon viel früher schlafen gelegt, denn ein schwerer Tag stand ihnen morgen bevor.

Die Nacht war nur noch kurz; aber das nicht allein, sie war auch traurig — wenigstens für den Hauptmann v. Schauer. Das entsetzliche Bier war ihm gar nicht bekommen, er hatte grausame Magenschmerzen, und zur Verwunderung seiner Gattin sprang er während der Nacht ein paarmal mit einem ingrimmigen Fluch aus dem Bett und stürzte in ein anderes kleines und abseits gelegenes Zimmer.

Auch am nächsten Morgen ging es dem armen Hauptmann, trotz der Opiumtropfen, die er genommen hatte, gar nicht gut, und als er jetzt vor der Front stand und die Ankunft der berittenen Vorgesetzten abwartete, dachte er: Wenn du heute als Soldat nicht stirbst, lebst du ewig — mit den Magenschmerzen kann kein Gott, geschweige denn ein Mensch seine Kompagnie vorexerzieren.

„Geben Sie mir noch ein paar Tropfen Opium!” rief er dem Lazarettgehilfen zu, der sich heute, wie bei jeder Besichtigung, bei der Truppe befand, und kaum hatte er die bittere Medizin genommen, als der Kommandierende mit den anderen hohen Vorgesetzten, dem Adjutanten und General­stabs­offizieren erschien.

„Gott sei mir gnädig nach deiner Güte und nach deiner großen Barmherzigkeit,” dachte der Häuptling und faltete im Geiste die Hände, dann kommandierte er:

„Stillgestanden!”

Excellenz ritt mit seiner Suite die Front ab — — kam es dem Hauptmann nur so vor, oder sah der Kommandierende wirklich etwas blaß aus? Und das nicht allein, ihm schien, als machten auch der Herr Divisions­kommandeur und der Herr General ein etwas ernsteres Gesicht als sonst.

Allerdings, lachenden Mundes pflegt man ja nicht zu einer Beerdigung zu kommen, und eine Beerdigung sollte ja stattfinden, es handelte sich nur noch um Feststellung der Begräbnisklasse.

Die Besichtigung begann mit den Griffen — — schön waren dieselben nicht, aber das lag weniger an den Leuten als an dem Kommando.

„Warum kommandieren Sie denn so miserabel?” fragte Excellenz, den Häuptling verwundert ansehend. „Und warum stehen Sie denn in des Dreiteufelsnamen vor der Front nicht still? Warum wackeln Sie denn immer hin und her?”

„Weil es gleich ein Unglück giebt,” stöhnte der Hauptmann im stillen, „selbst die fünfzig Tropfen Opium, die ich wohl nun schon im ganzen einnahm, haben nichts geholfen.”

Aber das durfte er alles nicht sagen, er biß die Zähne aufeinander und stand still wie aus Erz gegossen: in seinem Magen aber tobte eine Schlacht.

„Die Wendungen,” befahl Excellenz und auch dieser Befehl wurde ausgeführt.

„Solange ich stillstehen kann, geht's noch zur Not,” dachte der Häuptling, „wie es aber werden soll, wenn ich nachher gehen oder mich gar aufs Pferd setzen muß, das weiß ich wahrhaftig nicht.”

Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, aber trotzdem kommandierte er mit wahrem Heldenmut weiter.

„Nur nicht daran denken,” sprach er zwischendurch sich selbst Mut zu, „nur nicht daran denken, dann geht es vielleicht noch.”

Aber lange ging es trotzdem nicht mehr — — das sah er selbst ein.

Da, in der höchsten Not kam ihm Hilfe. Er sah, wie der Kommandierende sich plötzlich an seinen Adjutanten wandte, wie dieser in die Tasche griff und seinem Vorgesetzten dann etwas in die Hand drückte.

Was es war, konnte der Häuptling nicht recht erkennen. Aber es schienen Papiere zu sein. Sollte der kommandierende General und Se. Excellenz bereits die Sterbepapiere des armen Häuptlings mitgenommen haben? Oder war es ein Terraincroquis, mittel welchem die Excellenz ein regelrechtes Manöver aufführen wollte, mit Sturmschritt und Laufschritt, obwohl die Zeit der taktischen Bewegungen im Terrain noch lange nicht gekommen war? Doch bei so einer Excellenz ist gar nichts unmöglich.

Nur das eine war mit Bestimmheit unmöglich — wenigstens für den Hauptmann von Schauer — einen solchen Sturm- und Laufschritt oder ein Sprengen im Galopp schadlos mitmachen zu können.

Kaum hatte Se. Excellenz die ominösen Briefschaften und geheimnisvollen Akten in Händen, als hochdieselbe, ihrem Pferde die Sporen gebend, im rasenden Galopp nach der Nordecke des Exerzierplatzes losstürmte, der an allen vier Seiten von einem hohen Wall umgeben war.

„Sollte auch der — —,” dachte der Häuptling verwundert, da hörte er, wie der Divisions­kommandeur ein lautes „Gottlob, endlich,” sagte. Auch der wandte sich an seinen Adjutanten und ließ sich von ihm etwas in die Hand drücken.

Kreudonnerwetter! der auch? Was wollten denn die alle mit den geheimnisvollen Aktenstücken? So viel Aktenstücke giebt's ja gar nicht, als heute sämtliche Adjutanten in der Kartentasche oder im Waffenrock bei sich hatten!

Und gleich darauf stürmte der Divisions­kommandeur, seinem Pferde die Sporen gebend, im rasenden Galopp nach der Ostecke des Exerzierplatzes.

„Nanu?” fragte verwundert der Brigadekommandeur, der die eigenen Magenschmerzen nach Möglichkeit zu verbergen suchte, „was soll denn das heißen? Sollte etwa Se. Excellenz dem kommandierenden General und dem Herrn Divisions­kommandeur unwohl geworden sein? Ich habe ja noch etwas Kognak bei mir. Und die hohen Herren blicken vielleicht milder auf die Jammerbrigade, wenn ich ihnen ein solch magenstärkendes Getränk reiche. Ich werde fragen, was los ist.”

Doch nur den letzten Satz hatte er laut geäußert; das andere hatte er sich blos gedacht.

Und gleich darauf stürmte der General, seinem Pferde die Sporen gebend, in rasendem Galopp nach der Westecke des Exerzierplatzes.

„Vater im Himmel, ich danke dir,” stöhnte der Hauptmann, es war aber auch wirklich die allerhöchste Zeit. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, und zwar längst nicht mehr von wegen der Besichtigung, sondern blos infolge inneren Stimme und eines Raisonnements, das sonst gewöhlich beim Militär sehr schlecht angebracht ist.

Und ohne sich weiter um die Kompagnie, um den Oberst, um den Major und die Zahl der Generalstabsoffiziere zu kümmern, steckte er das Schwert in die Scheide und lief, so schnell seine Füße ihn nur tragen konnten, nach der Südecke des Exerzierplatzes.

Und wenig später waren alle vier Herren hinter dem hohen Wall, der sie vor den Blicken der Neugierigen schützte, verschwunden.

Als der Kommandierende nach einer kleinen Viertelstunde zurückkehrte, machte er ein sehr erstauntes Gesicht, daß die anderen Herren während seiner Abwesenheit sich ebenfalls auf Reisen begeben hätten, dann aber fügte er sich stillschweigend in das Unvermeidliche und als nach weiteren fünf Minuten alle wieder vollzählig versammelt waren, befahl er, als ob gar nichts vorgefallen wäre: „Jetzt die Marsch­bewegungen, Herr Hauptmann.”

„Von mir aus Sturm- und Laufschritt und Galopp mit verhängten Zügeln,” dachte der seelisch sehr erleichterte Häuptling, dessen Mienen die friedliche Stille seiner hohen Vorgesetzten wiederstrahlten. „Wenn's nur nicht wiederkommt,” flehte er innerlich zu allen Göttern.

Die Besichtigung nahm ihren Fortgang. Schön war es ja nun gerade nicht, was der Häuptling mit seinen Leuten zum besten gab und dunkel erinnerten sich die Vorgesetzten, schon bessere Leistungen gesehen zu haben, aber schließlich: wie selbst die beste Sache noch besser, so kann auch die schlechteste Sache noch schlechter sein.

Die Magenschmerzen des hohen Herrn hatten nachgelassen, er war wenigstens vorübergehend zur Milde gestimmt und ebenso erging es den anderen beiden Herren Vorgesetzten. Alle drei waren froh und glücklich, daß der Himmel sie vor dem Schlimmsten behütet hatte und so fiel die Kritik denn sehr mild aus: „Hervorragend sei es ja gerade nicht gewesen, aber die Fehler, die gemacht würden, hätten ja das Gute, daß man von ihnen lernen könne und auch der Herr Hauptmann würde noch lernen, zumal er ja noch sehr jung sei und im nächsten Jahr — —”

Was die hohen Herren sonst noch sagten, interessierte den Häuptling gar nicht mehr. Die Vorgesetzten kapitulierten noch ein Jahr mit ihm, das war die Hauptsache — — wer konnte wissen, vielleicht erbarmte der Himmel sich seiner auch im nächsten Jahre wieder.

Vorläufig interessierte ihn nur die Gegenwart; das freudige Bewußtsein, heute noch nicht zum Abschied eingegeben zu werden, erfüllte seine vorschriftsmäßig auswattierte Heldenbrust und ließ ihn im Augenblick ganz die Schmerzen vergessen, die wieder anfingen, in seinem Magen lebendig zu werden.

Er dachte gar nicht mehr an das schlechte Bier, das er gestern abend getrunken hatte und als er daran dachte und von neuem, so schnell seine Füße ihn zu tragen vermochten, nach der Südecke des Exerzierplatzes lief, — leider hatte er noch keinen hilfreichen Adjutanten mit geheimnisvollen Aktenstücken in der Kartentasche, sondern nur einige Subalternoffiziere, die zu weit wegstanden und die zu befragen viel zu zeitraubend gewesen wäre — da war es zu spät. —


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