Der Dichterleutnant.

Von Freiherrn von Schlicht.
in: „Simplicissimus”, IX.Jahrgg. Nr. 22, S. 212, 23.8.1904,
in: „Indiana TribŁne” vom 28.9.1904,
in: „Der Dichterleutnant” und
in: „Meiers Hose”


Leutnant von Berndorf war für einige Kameraden der Stolz, für andere der Schandfleck des Regiments: er dichtete nämlich. Manche fanden das sehr poetisch, andere aber meinten, Berndorf würde eines Tages mit der Poesie allein nicht zufrieden sein, sondern zur Prosa übergehen, sein Name fing ja auch mit einem verfluchten B an und der Buchstabe spielte in der Militärliteratur ja keine gute Rolle. Beyerlein, Bilse, Baudissin, in den B's hatte man ein Haar gefunden. Den anderen schien die Befürchtung, daß auch Berndorf eines Tages unter die Streiter gehen würde, grundlos, denn vorläufig wandelte er noch auf den unschuldigen Pfaden der Lyrik, er besang die Liebe, den Mond und die Sterne, und wenn er betrunken war, auch den Wein. Aber das gelang ihm dann nie; denn wenn er in der Weinlaune auf Wunsch der älteren Kameraden dichten sollte, streikte seine Kunst, die wollte sich nicht prostituieren, die war so vornehm, daß sie nicht einal für den Sekt käuflich war.

Schon im Kadettenkorps hatte Berndorf zu dichten angefangen, und kaum war er Leutnant, als er den Plan verwirklichte, den er seit langem in seinem keuschen Busen hegte, er dichtete eine drei Abende füllende Trilogie in 15 Akten „Der Untergang des letzten Hohenstaufen”. Den bestehenden Bestimmungen gemäß legte er das in schlaflosen Nächten vollendete Werk seinem Kommandeur vor und bat, es veröffentlichen zu dürfen. Nach einem halben Jahr hatte der Oberst die ersten zwölf Akte durchgelesen, und da sie zwar von Patriotismus strotzten, aber trotzdem derartig miserabel waren, daß nach der gewissenhaften Ueberzeugung des Kommandeurs kein Mensch jemals in die Versuchung kommen würde, sie zu drucken, so hatte er gegen eine Veröffentlichung nichts einzuwenden. Ein Jahr hindurch wanderte das Manuskript von einem Verleger zum andern, dann entschloß Berndorf sich endlich, das Werk zuerst auf einer großen Bühne aufführen zu lassen; war der Sensationserfolg, an dem er nicht zweifelte, erst da, dann würden dieselben Verleger, die ihn jetzt zurückwiesen, sich um ihn reißen. So sandte er denn sein Werk, fein säuberlich abgetippelt, in verschiedenen Exemplaren an die verschiedensten Bühnen, und dort schlief es seit Jahren den Schlaf des Gerechten. Zuerst ärgerte er sich, daß er gar keine Antwort erhielt, dann aber fand er das Gute der Sache heraus, denn er konnte mit gutem Gewissen jetzt sagen: „Mein Stück liegt bei zwölf großen Bühnen; da ich es nicht zurückerhielt, ist es stillschweigend angenommen und die Aufführung ist nur noch eine Frage der Zeit.” Das leuchtete allen ein, und so wuchs sein Ansehen ins ungeheuerliche, er war der Dichter, der demnächst an sämtlichen Hofbühnen zur Aufführung kam, selbstverständlich würde der Hof der Premiere beiwohnen, der König würde ihn zu sich in die Loge befehlen, ihm einen Orden an die Brust heften und zu ihm sagen: „Das haben Sie gut gemacht, mein Lieber.” Der Weg zu den höchsten Ehrenstellen stand ihm offen, er konnte ein zweiter Major Lauff werden, und allmählich verstummten die Gegner und er war nur noch der Stolz des Regiments. Er war und blieb der Dichter.

Da geschah es, daß der Tag herankam, an dem das neue Kasino eingeweiht werden sollte. Große Festlichkeiten standen bevor; die alten Herren wurden erwartet und man setzte es als selbstverständlich voraus, daß sie nicht mit leeren Händen kämen, sondern in jeder Hand wenigstens einen silbernen Becher oder Leuchter hielten. Auch die höheren Vorgesetzten hatten sich angemeldet, sogar Seine Exzellenz der kommandierende General hatte sein Erscheinen zugesagt. Natürlich sollte ein großes Festmahl stattfinden, vorher aber die feierliche Uebergabe des Kasinos mit dem obligaten Redeakt stattfinden und dieser sollte mit einem Prolog eröffnet werden. Diesen Prolog aber zu dichten war die Sache des Leutnants von Berndorf. Der Oberst hatte es beschlossen und alle Herren stimmten ihm ausnahmslos zu. Wozu hatte man denn einen Dichter im Regiment, wenn er nicht mal dichten sollte. Selbstverständlich erklärte Berndorf sich mit Freuden bereit, den ehrenvollen Auftrag zu übernehmen, die Sache schmeichelte ganz gewaltig seinem Stolz, er sah sich im Geiste vor der erlauchten Festversammlung stehen und mit schwungvollem Pathos seine Verse deklamieren. Er hörte das donnernde Beifallsrufen der Kameraden, die anerkennenden Worte der höheren Vorgesetzten, und seine Brust reckte und dehnte sich schon jetzt vor Glückseligkeit, daß der etwas enge Ueberrock beinahe in den Nähten platzte. Acht Tage lang hatte er noch Zeit, um den Prolog zu verfassen. „Wenn ich mich hinsetze und mich von der Muse auf die Stirn küssen lasse, kommt die Begeisterung über mich und in einer Stunde ist der Prolog dann fertig,” erzählte er stolz im Kasino. Und noch an demselben Abend setzte er sich zu Hause hin und wartete auf die Muse, aber sie kam nicht und küssen tat sie erst recht nicht; aber trotzdem fühlte er sich plötzlich geküßt und als er aufsprang, stand seine kleine Freundin Nelly vor ihm, sie war leise in sein Zimmer geschlichen und hielt ihn mit ihren weichen Armen umschlungen. Und an dem Abend wurde viel geküßt, aber gar nicht gedichtet, er hatte ja noch acht Tage Zeit. Am nächsten Abend kam Nelly wieder, sie hatte es sich schon lange gewünscht, einen Dichter mal bei der Arbeit zu sehen und auch da wurde aus der Arbeit wieder nichts. Am dritten Abend mußte Nelly zu Hause bleiben, er wollte unbedingt arbeiten, aber als sie nicht kam, fehlte sie ihm, und als er hinschickte, um sie holen zu lassen, war sie ausgegangen. Und anstatt zu dichten, ließ er sich von der Eifersucht quälen, daß Nelly ihm vielleicht nicht treu sei, und die Eifersucht verjagte alle anderen Gedanken. Am vierten Abend kam Nelly wieder, sie hatte am Tag vorher mit einem Kavalleristen zusammen soupiert, aber als er ihr sagte, er hätte sie im Verdacht der Untreue gehabt, fing sie derartig an zu weinen, daß er den ganzen Abend gebrauchte, um sie wieder zu beruhigen. Und als er sie endlich beruhigt hatte, dachte man an alles andere, nur nicht an das Dichten.

Und näher, näher rückte der Tag heran, alle Vorbereitungen waren fertig, nur der Prolog fehlte noch.

Den Dichterleutnant ergriff die Verzweiflung, wie konnte man aber auch von ihm verlangen, daß er auf Befehl dichten solle. Er hatte nun aber einmal ja gesagt, ein Zurück gab es nicht mehr. In seiner Not kam ihm ein rettender Gedanke, mit einem kühnen Griff ergriff er die gesammelten Werke seines Genossen Goethe, türmte diese um sich herum auf und begann Prologe zu suchen. Vielleicht hatte der sich einmal in einer ähnlichen Situation befunden und irgend etwas geschrieben, was er selbst, wenn auch etwas verändert, für seine Zwecke verwerten könnte. Er suchte emsiglich und plötzlich leuchteten seine Augen hell auf, er sprang empor, setzte sich an den Schreibtisch und dichtete noch, als seine Nelly kam. Eine Weile sah sie ihm schweigend zu, dann meinte sie: „Was machst du denn da? Du schreibst wohl ein Gedicht ab?” Er wurde etwas verlegen. „Doch nicht ganz,” meinte er ausweichend, „ich lasse mich nur von den Versen des seligen Goethe begeistern, aber Kind, das verstehst du ja doch nicht, steck dir eine Zigarette an. Ich bin gleich fertig.”

Und er hatte recht, das Dichten ging rasend schnell, in einer halben Stunde war alles erledigt und am nächsten Mittag erzählte er im Kasino ganz stolz von dem Dichterkuß, den die Muse ihm am Abend vorher gegeben habe. Leider aber hatte er eine kleine Bißwunde auf der linken Backe, und so wollte man nicht recht glauben, daß die Muse wirklich eine Muse gewesen sei. Na, die Hauptsache war ja, daß sie geküßt hatte, und daß der Prolog fertig war. Das Fest konnte losgehen.

Und zur befohlenen Stunde ging es auch los, mit allen Zeremonien, die bei solcher Gelegenheit üblich sind. Die höchsten Vorgesetzten erschienen, Vertreter der befreundeten Regimenter erschienen mit Geschenken, die Stadtvertretung und wohlwollende Gönner brachten reiche Gaben, die heimlich daraufhin untersucht wurden, ob sie echt Silber oder nur stark versilbert wären, und dann erfolgte die feierliche Uebergabe der neuen Räume. Die Musik spielte ein vom Kapellmeister komponiertes Stück „Zur Einweihung des Hauses”, das allen gewaltig bekannt vorkam, obgleich es doch heute zum allerersten Male gespielt wurde, und dann bestieg Berndorf die Rednertribüne. „Der Herr Leutnant wird einen selbstverfaßten Prolog vortragen,” flüsterte der Herr Oberst Seiner Exzellenz zu. „Ach ja, richtig, das ist ja Ihr Dichterleutnant,” meinte der hohe Herr, „ da bin ich aber begierig, kann er denn was?” Der Oberst hatte von allem, was Literatur hieß, keine Ahnung, trotzdem sagte er jetzt: „Ein starkes Talent.” Wieder nickte der hohe Herr, er selbst hatte von Literatur erst recht keine Ahnung, ins Theater ging er nur zum Veilchenfresser und von Drucksachen las er nur die Kreuzzeitung und das Militär­wochenblatt. Aber trotzdem sagte er jetzt, als handle es sich darum, später einen Frontalangriff zu kritisieren: „Na, wir werden ja sehen.” Er gab dem Leutnant ein Zeichen anzufangen, und mit schönem Pathos deklamierte dieser:

„Wenn man aus einem Hause sich entfernt,
In dem man eine lange Zeit gelebt,
An das Gefühl, Erinnerung
An frohe Tage fest uns bindet,
Dann reißt das Herz sich ungern los. Es fließen
Die Tränen unaufhaltsam. Doch gedoppelt
Ergreift uns dann die Freude, wenn wir je
In einem neuen Haus die Heimat wiederfinden.”

„Wirklich sehr hübsch,” meinte Exzellenz mit lauter Stimme, „das hat der Leutnant wirklich sehr gut gemacht.” Die Anerkennung färbte die Wangen des jungen Offiziers röter, je weiter er sprach, gesto mehr geriet er in Begeisterung und jubelnder Beifall erscholl, als er endlich endete. Alle waren begeistert, am meisten Exzellenz. Er reif den Dichterleutnant zu sich heran, de ihm mit glühenden Wangen gegenübertrat: „Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht, junger Freund, sehr gut! In Ihren Versen liegt ein ungewisses Etwas, kurz ich möchte sagen, sie sind so gut, daß sie von einem Goethe sein könnten.”

Fast wäre der Dichterleutnant hintenüber getaumelt. Wußte Exzellenz, daß er den Prolog gestohlen und nur ganz wenig geändert hatte? Zweifellos, wie kam er sonst auf die Bemerkung. Er sah sich auf frischer Tat ertappt, hatte er aber gesündigt, so wollte er sein Unrecht auch offen eingestehen und so sagte er denn: „Exzellenz haben ganz recht, die Verse sind auch von einem Goethe.”

Einen Augenblick sah Exzellenz den jungen Leutnant sprachlos an, dann klopfte er ihm wohlwollend auf die Schulter: „Mein junger Freund, ich kann es Ihnen ja nachfühlen, daß der Beifall und die Anerkennung, die Sie fanden, Sie stolz und glücklich machen, aber trotzdem, ein Goethe sind Sie noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, ich danke Ihnen, Herr Leutnant.”

Der Dichterleutnant schlich beschämt von dannen, er hatte die Wahrheit gesagt und man hatte ihm nicht geglaubt, so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als von den Kameraden die Anerkennung für die Goetheschen Verse einzustecken. Das tat er denn auch. Seine Exzellenz aber unterhielt sich mit dem Herrn Oberst: „Schade, wirklich sehr schade,” meinte der hohe Herr, „daß Ihr Leutnant so von sich eingenommen ist, sonst könnte vielleicht noch etwas aus seinem kleinen aber hübschen Talent werden. Aber wenn er heute schon glaubt, ein Goethe zu sein, für was wird er sich dann später halten? Sehr schade um ihn, es ist wirklich sehr schade!”

Und „schade, sehr schade,” sagte auch der Oberst, aber aus einem andern Grund. Er hatte das Geständnis des Leutnants richtig verstanden, aber da Exzellenz es nicht begriff, durfte er es bei dem bestehenden Rangunterschied natürlich erst recht nicht begreifen, wenigstens offiziell nicht. Und so konnte er denn den Dichterleutnant wegen seiner Unverfrorenheit, einen Prolog von Goethe für seinen eigenen auszugeben, nicht einsperren, ja er konnte ihm sogar nicht einmal grob werden. Und das war in seinen Augen wirklich sehr, sehr schade.


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© Karlheinz Everts